Abstracts

Franz Becker, Spätbronzezeitliche Stirnbänder in Mitteleuropa – Eine weibliche Machtinsigne?

Es existiert ein unterschätzter Fundtypus im spätbronzezeitlichen Metallfundgut (BzD–HaB) in Mitteleuropa. Diese Objekte werden Stirnbänder, Stirnbleche oder einfach nur Diademe genannt. Sie sind schon seit der Kupferzeit und besonders seit der Frühbronzezeit bekannt. Da diese am Ende der Bronzezeit hauptsächlich in Horten vorkommen, sind zwei Entwicklungen zu beobachten. Erstens wird dieser Schmuckgegenstand nun als Blechgürtel interpretiert, da sie nicht mehr in Trachtlage vorkommen. Zweitens wurden diese „Gürtel‟ oft der männlichen Sphäre zugeordnet. Es ist gelungen auf der Grundlage von metrischen Abmessungen (Umfang und Breite) eine Reihe von Blecharbeiten von den Blechgürteln abzugrenzen. Bis zur Mittelbronzezeit sind diese Objekte vornehmlich aus Bestattungen mit weibleichen Individuen bekannt. Welche Hinweise gibt es, dass dies auch in der Spätbronzezeit der Fall war? Die Deutung als Herrschaftsinsigne ist eine von mehreren Interpretationen und fußt vornehmlich auf einigen frühen Schriften des 3. Jt. v. Chr. aus dem westasiatischen Raum. Welche sozialarchäologischen Implikationen zieht dies mit sich, gerade in der Interpretation jenseits von „Big-Men‟ Gesellschaften? Für den Aspekt des Schmückens des Hauptes können auch ethnografische Arbeiten als Vergleich herangezogen werden. Dort wird oft auf die physische Erhöhung des Individuums durch das Tragen von Kopfschmuck eingegangen. Welche sozialpsychologischen Aspekte werden kommuniziert, wenn man diese Erkenntnisse auf das Tragen von wertvollen Metallgegenständen aus Bronze und Gold überträgt, wenn diese wie in der Urnenfelderzeit zusätzlich mit religiösen Symbolen verziert sind? Hierbei wird sich öfters des Topos der „Priesterin‟ bedient. Frauen werden also oftmals mit Sonderrollen innerhalb einer gesellschaftlichen Oberschicht assoziiert. Eine letzter Aspekt ist, wie sich diese Entwicklung bis zum Beginn der frühen Eisenzeit gestaltet, dort ist eine starke Abnahme und ein Verschwinden dieses ohnehin seltenen Typs festzustellen. Welche gesellschaftliche Umwälzung kann damit in Zusammenhang gebracht werden? Liegt hier auch eine Veränderung des Frauenbildes zugrunde?

 

Matthias Jung, Was ist eine „Keltenfürstin“?

Die archäologische Forschung bietet auf die im Titel aufgeworfene Frage gegenwärtig drei Antworten an. Erstens könnte man sie lapidar so beantworten, dass eine „Keltenfürstin“ eine Frau ist, die in einem „Fürstengrab“ liegt, was nur scheinbar tautologisch ist, denn im Unterschied zu einem „Fürsten“ wird damit prätendiert, die im Grabzusammenhang zum Ausdruck kommende „Fürstlichkeit“ der Frau sei letztlich dem Status eines Mannes entlehnt. Zweitens wird vermutet, die reich bestatteten Frauen hätten innerhalb einer „fürstlichen“ Elite „einen Stand von eigenem Ansehen“ (R. Echt) gebildet, und drittens, eine Variante der zweiten Lesart, wird ein außeralltägliches Virtuosentum vorzugsweise religiöser Provenienz postuliert, mittels dessen sie eine hohe Statusposition einzunehmen vermochten, ohne aber in die von „Fürsten“ dominierte Hierarchie eingebunden gewesen zu sein. Ich werde in meinem Beitrag aufzuzeigen versuchen, dass diese drei auf Befunde des zeitgleichen mediterranen Raumes sich berufenden Alternativen in Anbetracht der zu unterstellenden traditionalen Gesellschaft zu kurz greifen, und die Schwierigkeiten diskutieren, die aus der Gleichsetzung von statistischer Verteilung mit normativer Ordnung resultieren.

 

Stefanos Gimatzidis, Big Women in the Gender Conflict: a view from Greece and its Northern Periphery

Early Greek literature is patriarchal in many aspects: big funerals are reserved for big men and big women appear rarely in social life mostly at roles confined in ritual and cult practice. This picture contrasts to the archaeological record, which reserves a prominent social rank for women in Greece as well as in its northern periphery. Some of the most lavishly equipped burials in these regions belonged indeed to women, who were however downgraded in archaeological debate and perceived as priestesses or princesses according to the literary evidence. This paper argues that this is a more or less biased view deriving from culture historical or more recent positivist approaches that measure the social rank exclusively by means of spatial and statistical analyses. Evidence from North Greece and the central Balkans demonstrates and exemplifies a more complex picture of the perception of social ranking in the past. Differentiation in the mortuary practice begins with the inclusion of certain members of the community in the archaeologically attested burial grounds. Other visible factors are the place of the grave in the cemetery, quality of burial gifts and grave. In certain regions of North Greece and the central Balkans with predominantly flat necropolis highly differentiated burials belong exclusively to women, while in regions with tumulus cemeteries women and men share high rank mortuary status according to the already named materialist statistical and spatial criteria. In certain cases the contrast between men and women burials is so large that the simplistic interpretation of those women as priestesses is rather insufficient. This paper wishes to view the issue beyond its ideological connotations and bring the social factor to the fore.

 

Anja Hellmuth Kramberger, Bewaffnete Frauen vs. geschmückte Männer“ – Zum Problem des Genderings von Grabbeigaben am Beispiel der frühskythischen Bestattungen am Mittleren Dnepr

Die Frage nach der Existenz bzw. der Nachweis bewaffneter Frauen, Kriegerinnen, und ihre womöglich herausragende soziale Stellung in vor- und frühgeschichtlichen Gesellschaften fasziniert die Forschung seit Jahrzehnten. Dabei bilden besonders die Amazonen, jene aus den griechischen Geschichtsquellen  bekannten legendären kriegerischen Frauen des Nordpontischen Steppenraums Gegenstand der Untersuchungen. Tausende von Grabhügeln der vor- und frühskythischen sowie der klassischen Skythenzeit liegen im Grasland- und Grassteppengebiet des Mittleren Dneprgebiets und erste Veröffentlichungen skythischer Denkmäler aus den Kurganen stammen bereits aus dem späten 19. Jh. und frühen 20. Jh. Besonders in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde zahlreiches Material aus den Grabhügeln des Mittleren Dneprgebiets aufgearbeitet und stellt noch immer eine wichtige Materialbasis dar. Seit alters her fielen jedoch die Kurgane Beraubungen zum Opfer und so sehen wir uns mit der bedauerlichen Situation konfrontiert, dass uns nur vergleichsweise wenige komplette Grabinventare überliefert sind. Bestimmungen des Geschlechts der Verstorbenen entsprechen oftmals keinen modernen anthropologischen Standards und häufig richten sich Angaben nach den Beigaben – eine weibliche Bestattung enthielt typisch „weibliche“ Beigaben wie Schmuck und Spiegel, eine Männerbestattung Waffen. Hinzu kommt eine Anzahl an Doppel- und Mehrfachbestattungen, die Personen unterschiedlichen Geschlechts enthielten. Das Gendering von Grabbeigaben  kann jedoch gerade im skythischen Kulturkreis zu Fehlinterpretationen führen. Wie Renate Rolle schon Anfang der 80er Jahre darauf aufmerksam machte, kommt Schmuck sowohl in Männer, als auch in Frauengräbern vor, wobei jedoch die Tragweise variiert.

In meinem Beitrag soll es unter anderem um die folgenden Fragen gehen: mit welcher Häufigkeit lassen sich unter den frühskythischen Grabfunden des Mittleren Dneprgebiets tatsächlich bewaffnete Frauen nachweisen? Inwieweit kann über das Gendering von Grabbeigaben bei fehlenden anthropologischen Bestimmungen als alleiniger Identifikationsmethode von männlichen und weiblichen Bestattungen überhaupt eine Einschätzung vorgenommen werden? Handelt es sich bei den sicher als Grablegen bewaffneter Frauen bestimmten Bestattungen um herausragende Gräber? Zeichnen sie sich beispielsweise durch einen besonderen Beigabenreichtum aus oder eine besondere Größe von Grabkammer und Grabhügel, und in welcher Relation stehen sie zu den Männerbestattungen?

 

Julia K. Koch, Weibliche Biographien und statistische Gruppen. Das Leben und Sterben der hallstattzeitlichen Frauen vom Magdalenenbergle

Seit den Ausgrabungen in den 1970er Jahren gelten die Bestattungen vom Magdalenenbergle bei Villingen aufgrund ihrer scheinbaren Vollständigkeit als Paradematerial für sozioarchäologische Studien, die sich den Gesellschaftsstrukturen der Späthallstattzeit widmen. Dabei wurden die Grabinventare und das Skelettmaterial mit unterschiedlichen statistischen Methoden, naturwissenschaftlichem Analysen und durchaus auch freie Intuitionen untersucht und interpretiert. Neben einer Darstellung des aktuellen Forschungsstandes wird in dem Vortrag diskutiert, wieweit biographische Rekonstruktionen möglich sind. Zudem wird die Frage gestellt, ob die Fokussierung auf statistische Sozialgruppen ohne Beachtung individueller Marker in den Grabinventaren nicht ein lückenhaftes Bild der späthallstattzeitlichen Gesellschaft entstehen lässt.

 

Hrvoje Potrebica, Burial Mound Ladies – Status and Women in the Kaptol Group

In the Kaptol Group the only known burial monument are tumuli. However, rather small number of these monuments compared to presumed size of population suggests that, in fact, burial mounds must be exceptions from more general methods of burial or body disposal. People buried under mounds are by their very nature perceived as exclusive group. Although in Hallstatt communities elite burial status was mostly applied to men; most studies of burial mounds have also found women included in a wide range of complex roles. The aim of this paper is to explore the inherent diversity of interpretative models surrounding the interment of women under burial mounds perhaps reflecting their status in both communities of the living and the dead.

 

Katharina Rebay-Salisbury, Big Mamas? Mutterschaft und sozialer Status im eisenzeitlichen Mitteleuropa.

Ansehen und sozialer Status von Frauen werden implizit und explizit häufig mit Mutterschaft in Verbindung gebracht. Dieser Beitrag beleuchtet die Grundlagen dieser Annahme. Ist es das reproduktive Potenzial, das in Gräbern jugendlicher und früh-adulter Frauen materiell zum Ausdruck gebracht wird, oder ist der soziale Status von Frauen unabhängig davon zu verstehen? Wird der Übergang zur Mutterschaft von sozialen Riten begleitet? Haben Frauen, die erfolgreich Kinder zur Welt gebracht haben, andere Rollen in Gesellschaft und Familie? Welchen Wert hatten „Stammmütter“, die Begründerinnen wichtiger eisenzeitlicher Familien, innerhalb der Gesellschaft?

Der Zusammenhang zwischen sozialem und reproduktivem Status eisenzeitlicher Frauen wird zunächst zur Diskussion gestellt. Dann wird die Forschungsstrategie des ERC Strating-Grant Projektes „The value of mothers to society: responses to motherhood and child rearing practices in prehistoric Europe“ vorgestellt. Unter Einbindung von paläopathologischen, histologischen, bio-chemischen und molekularbiologischen Methoden wird versucht, ein besseres Verständnis der Bedeutung von Mutterschaft im prähistorischen Europe zu erarbeiten.

 

Brigitte Röder / Robert Schumann, Von der „Frau an seiner Seite“ zur Stilikone und Trendsetterin: eine Neubewertung der Geschlechterhierarchie in der Oberschicht des Westhallstattkreises?

Sozialarchäologische Fragestellungen zählen in der Forschung zum Westhallstattkreis zu den präsentesten Themen der letzten Jahrzehnte. Im Fokus steht dabei die gesellschaftliche Stratifizierung, während geschlechtergeschichtliche Fragen bisher erst von wenigen ForscherInnen aufgeworfen werden. Obwohl die bereits vorliegenden geschlechtergeschichtlichen Studien zu differenzierteren Ergebnissen kommen, herrscht in der Forschung implizit Konsens darüber, dass es sich um patriarchale Gesellschaften handelte, in denen die politischen, sozioökonomischen und religiösen Führungspositionen von Männern besetzt gewesen seien.

In jüngster Zeit scheint sich – nicht zuletzt durch die „Keltenfürstin vom Bettelbühl“ – eine Neubewertung der Geschlechterhierarchie in der Oberschicht des Westhallstattkreises abzuzeichnen: Der ehemaligen „Frau an seiner Seite“ wird nun vermehrt eine eigenständige Rolle zugeschrieben. Wie kam es zu dieser „Emanzipation“ der Oberschichtsfrauen, und wie ist sie zu bewerten? Verändert sich auch das Gesellschaftsbild? Handelt es sich um eine aktualistische Projektion oder um neue Forschungsergebnisse?

Besonders deutlich zeigen sich herrschende Gesellschafts- und Geschlechterbilder bei der Interpretation von Prunkgräbern, die wir ins Zentrum des Vortrags stellen. Der Fokus wird dabei auf die Analyse bildlicher Darstellungen gerichtet, weil diese in ihrer Aussage hinsichtlich Geschlechterrollen und -hierarchie oftmals wesentlich klarer sind als Fachtexte. Ein besonderes Augenmerk wird auf Doppelbestattungen liegen, die klassischerweise als „Ehepaar“ interpretiert werden. Auf dieser Basis werden forschungsleitende Narrative herausgearbeitet. Ihre Identifikation erleichtert die Antwort auf die Frage, ob die aktuelle Verschiebung bei der Beurteilung der Geschlechterverhältnisse auf neue Narrative oder auf neue, faktenbasierte Erkenntnisse zurückgeht.

 

Caroline Trémeaud, Great Women? The emergence of female in elite’s graves in the Celtic World (Late Bronze Age – La Tene)

This presentation aims to present a part of my PhD results. My PhD inquires about male-female relationships within societies of the north Alpine world, during Bronze and Iron Ages. The reflection is based on a corpus of more than 1000 graves spread over north-eastern France, southern Germany, Switzerland, Austria and Bohemia.
In this presentation, I will focus on the elite’s graves that multiplied from Late Bronze Age to the middle of the Late Iron Age. Using traditional definition1 of elite, I constituted a corpus of 721 graves which characterize elites from Bronze D to La Tène B. In a first step, these graves were precisely inventoried in a database. This allows us to work, in a second step, on hierarchies and on gender in order to quantify male and female graves and to question the relationship between male and female.
First, I will detail in this presentation the results of these analyses, which enabled to highlight important periods of emergence of women, with a quantitative approach of elite in terms of wealth and gender.
Second, I will use these results in order to examine the male and female statuses expressed in graves and their differences. This qualitative approach of data will allow us to go further in the interpretation.
Using these quantitative and qualitative results, I will draw interpretative hypotheses on the social structures of the considered north Alpine societies and on the role of women in these societies.