Drachenläuferin

Was ich auf dem Weg zu meinem Drachen sah…

   Sep 19

Von Menschen und Größen

Die Mache ist viel zu eng. Ich drücke mit der rechten Nadel doller, bis sie in die Masche reinpasst und stricke. Die nächsten fünf Maschen scheinen, keine Probleme zu machen und fliegen schnell von links nach rechts. Der dunkelrote Knäuel auf dem Boden springt hin und her wie ein kleines gefangenes Tier, lässt mich von seinem Faden nehmen und wird immer magerer. Die Socke, die ich stricke, wird dagegen immer größer und sieht immer mehr wie eine Socke aus.
Man sagt, Stricken sei wie Yoga, weil es entspannt. Mag sein, aber meine Augen denken anders. Sie suchen die Weite, um ihren Fokus wieder zu finden, und ich muss stricken, ohne zu gucken. Mein Kopf arbeitet genau so schnell und fiebrig wie meine Hände: er berechnet ständig, wie viel von was gestrickt werden muss, um das richtige Muster hinzubekommen.
Ich höre für einen Augenblick auf und betrachte die noch nicht fertige Socke. Ich stelle mir die dicken, formlosen Füße meiner Oma in der Socke und muss lächeln. Sie wird sich so sehr freuen. Sie kann keine Socken finden, die ihr passen, weil ihre Füße seit Monaten angeschwollen sind. Sie kauft immer die größten und die breitesten, doch auch sie sind ihr zu eng und drücken ihre Füße. Sie beklagt sich, wie dick ihre Füße sind. Stricken kann sie selber nicht mehr. Ihre Hände zittern, ihre Augen funktionieren nicht mehr, sie muss auch tagsüber lange liegen. Als ich klein war, hat sie manchmal für mich gestrickt. Jetzt, wo ich groß bin, stricke ich zum ersten Mal etwas für sie. Ich frage mich, warum es keine Socken für sie gibt und muss an das Normale und Abnormale denken. Sind ihre Füße tatsächlich nicht normal? Sie werden nie wieder so dünn, wie sie früher waren. Aber ist sie die einzige mit nicht normalen Füßen? Ich glaube nicht. Aber es sind nicht die Konsumenten, die bestimmen, was normal ist und was nicht. Es sind die Hersteller. Ich denke an diese schrecklichen Momente, wenn ich eine Jeans anprobieren muss. Ich gucke mir die Größe an, als würde diese Zahl bestimmen, ob ich hübsch bin oder nicht. Ich habe nun mal dünne Taille und breite Hüfte. Warum können die Jeanshersteller nicht verstehen, dass ich meine weibliche Figur gerne habe? Aber sie verstehen das nicht. Dagegen muss ich verstehen, dass ich nicht in ihren Schönheitsstandard reinpasse. Ich fühle mich dadurch weniger hübsch. Deshalb vermeide ich es, Jeans zu kaufen. Aber Socken… Socken braucht man im Winter. Socken kann man einfach nicht vermeiden. Deshalb stricke ich. Dann bin ich die einzige, die bestimmt, ob die dicken Füße meiner Oma normal sind oder nicht. Und ja, normal sind sie. Deshalb vergebe ich den schon fertigen Socken keine Größe. Sie passen ihr schließlich.


   Mai 25

Träume, die bei Nacht entstehen und am Tag vergehen…

Als ich 12 war, hatte meine beste Freundin diese Idee: „Was, meinte sie, wenn man sich alleine sein Leben auswählen könnte, noch bevor man geboren wird. Man sitzt da und sagt: ich will das und das und das erleben… Und jetzt sind wir hier, wir erinnern uns nicht mehr daran und meckern die ganze Zeit, wie langweilig unser Leben sei, obwohl wir uns alles selbst ausgesucht haben“ Eine klassische Predigt, demütig zu sein. Fast ein Karma- Ansatz.
Heute, 10 Jahre später, lese ich auf der Webseite eines Business- Coachs: „If you have the life you have always dreamed of, how would know it?“. Ich bin überrascht. Ich dachte immer, zuerst kommen die Träume und dann ihre Erfüllung. Man träumt, hat ein Ziel, handelt und erreicht das Ziel. Was passiert aber wenn das Ziel schon erreicht ist, bevor man es bewusst als Ziel gesetzt hat? Man sollte eigentlich glücklich sein, oder? Ich meine, das Glück sollte ja darin bestehen, die Ziele zu erreichen. Aber ich kenne niemanden, der von sich behaupten würde, er habe sein Ziel erreicht, bevor das Ziel real war. Dann ist es eben kein Ziel, es ist Tatsache.
Warum brauche wir Ziele? Den Studienabschluss zu schaffen, 5 Kilo abzunehmen, soundsoviel Geld zu verdienen, mehr Kunden zu gewinnen, eine gute Note zu bekommen… Gibt es keine Bewegung ohne Ziele? Können wir uns nicht weiter entwickeln, ohne zu wissen wohin? Und wenn Ziele eigentlich nur Wegweiser sind, warum ist es so wichtig, sie auch zu erreichen? Ich meine, selbst wenn man scheitert, hat man sich ja bewegt. Und trotzdem will ich meinen Abschluss machen und einen tollen Job finden und eine Familie gründen und ein Buch schreiben. Es ist, als ob das Stationen in meinem Leben sind, die mich zu etwas Neuem machen. Es ist, als würde ich mich selber mehr respektieren, wenn ich sie erreiche. Aber was ist dann mit den ganzen anderen Stationen, die man erreicht, ohne es zu wollen? Warum verschwindet dann das Gefühl, sich zu bewegen? Ist es nur die bewusste und gezielte Bewegung, die zählt? Und hätte ich mir gewünscht, heute hier zu sein, auch wenn ich nicht zufällig hier gelangt wäre? Wie kann man wissen, was man will, wenn man nicht alle Möglichkeiten kennt?


   Jan 30

Zu Besuch im Krematorium

Ich habe vor einer Weile eine besondere Reise gemacht: in das modernste Krematorium Berlins. Es war merkwürdig.
Vor der Führung
Der Weg vom S-Bahnhof zum Krematorium führte zuerst an einen kleinen Markt vorbei, wo Obst und Gemüse, Weihnachtsartikel, Haushaltswaren und Ähnliches verkauft wurde. Gleich danach kam die Querstraße, die zum Krematorium führte. Allmählich verschwanden die Häuser und an beiden Seiten waren nur Wiesen und Bäume zu sehen. Die Straße war vermutlich knapp 1 Kilometer lang und auf beiden Seiten fielen nur Läden für Urnen und Grabsteine auf. Es fuhren trotzdem viele Autos und ab und zu mal ein Bus. Einzelne Radfahrer überholten uns und manchmal waren auch Kinder darauf zu sehen. Die Wiesen waren leer. Bald konnte man feststellen, dass sie ein Teil von einem großen Friedhof waren, der auf der linken Seite der Straße war. Es gab große leere Stellen darin (ohne Gräber) und gleichzeitig solche Teile, die mit Gräbern überfüllt waren. Die Grabsteine ähnelten erstarrten Soldaten: perfekt geordnet, schwarz, ernst. Es gab hier und da einen Grabstein unter einem Baum, aber abgesehen davon gab es keine alleinstehenden Grabsteine: alle gehörten einer „Gruppe“. Straßennummern waren seit langem nicht mehr zu sehen. Wir glaubten, uns zu verlaufen. Doch das Krematorium war nicht zu übersehen. Die hohe, massive Pforte auf der rechten Seite fiel auf, obwohl sie weit entfernt von der Straße war. Anders als vor den Urnenläden waren davor keine Menschen zu sehen. Der alte gelblich-graue Bau erinnerte mich an einen alten Dorfbahnhof. Etwa 50 Meter dahinter konnte man aber das moderne Krematoriumsgebäude sehen. „Genau wie im Regierungsviertel.“, bemerkte jemand. Es war ein Gebäude in Grau, Weiß und Grün aus Glas und Metall. Zum Eingang führte ein etwa 50 Meter langer Weg mit mehreren dünnen, fast trockenen Bäumchen, nicht mehr als 2-3 Meter hoch, ohne Blätter und fast ohne Äste. Ähnlich wie die Grabsteine im Friedhof waren sie in perfekter starrer Ordnung. Rechts und links im Friedhof waren weitere Grabsteine zu sehen. Wenn man die steinernen Treppen zur Krematoriumstür hinter sich hatte, war durch das riesige Fenster der Eingangssaal zu sehen. Doch wo ist die Tür? Zu meiner Überraschung war die Tür keine Fortsetzung der Treppe. Rechts und links, gab es zwei schwere Metalltüren, etwa 2×2 Meter groß, in einer blau-grünlichen Farbe. Sie hatten keine Klinke, sondern wie geschnitzt eine Lücke darin, damit man die Tür zur rechten Seite schieben kann. Die Tür öffnete sich schwer und langsam, genau wie sich in den Hollywood Filmen Türen zu Höhlen mit Schätzen oder Geheimnissen öffnen. Später dachte ich auch an das Alte Ägypten.
Der Eingangssaal war groß und etwas dunkel. Mehrere schwere Säulen, kleine Lücken an der Decke, woher durch das Glas das wenige Licht kam, an der Wand gab es seltsame runde Stehlampen, die ein phosphorfarbiges Licht produzierten. In der Mitte war ein Teich, ein Marmorei hing darüber. Die Wände waren gelblich-weiß und hier und da gab es auf dem Boden direkt an der Wand gut beleuchtete seltsame Löcher, voll mit etwas Weißem. Es erschien der Leiter, der die Führung machen sollte. Er war ein großer, schlanker Mann, der auf dem ersten Blick streng wirkte. Seine trockene Haut, sein längliches Gesicht, seine langen Finger erinnerten mich an einen Denker. Es gab aber etwas Ironisches in seinen Augen. Er trug schwarze Hose, schwarze Weste und weißes Hemd. Gleichzeitig hatte er aber auch ein glitzerndes Ohrring. Er wirkte ernst und offiziell, aber gleichzeitig gelassen. Wenn jemand Fragen stellte, wanderte sein Blick zuerst zum Fragenden, aber manchmal auch zum Boden. Dabei wurde sein Gesicht rötlicher.
Die Führung
Zuerst wurde uns die Geschichte des Krematoriums kurz geschildert. Er behandelte vor allem die Symbolik der ägyptischen Türen (, die mit Sandlöchern endeten) und des Teichs mit dem Ei. Er zeigte uns das Bild, von dem die Idee genommen wurde. Er sprach mit Zahlen und Fakten, als wollte er uns überzeugen. Er wirkte aber auch wie ein Herrscher in seinem Königreich: stolz, es zu verwalten. Das Gebäude bestand aus drei Teilen: administrativ, rituell und dem Teil, wo die Einäscherung stattfindet. Es verfügt über zwei kleinen und einem großen Saal, in denen Abschiedsnahmen stattfinden. Er betonte mehrmals, dass die Wahl ausschließlich die Trauenden haben und dass keiner der Säle teurer oder besser ausgestattet ist als die anderen. In den kleinen wie im großen Saal gab es mehrere graue Metallbänke, ein Bäumchen in Topf, einen Pult mit Mikrofon und ein weißes Kreuz. Es wurde uns auch berichtet, dass oft orthodoxe und tamilische Bestattungen stattfinden und dass das Kreuz weggenommen werden kann. Katholische und evangelische Bestattungen gebe es dagegen seltener, weil die meisten die Säle zu kalt fänden und zur naheliegenden Kapelle gingen. Uns wurde auch die große Stereoanlage gezeigt, die den Trauenden erlaubte jede Art von Musik vorzuspielen. Weiter hat er berichtet, dass verschiedene Gegenstände (Motorräder, Klaviere etc.), die wichtig für den Toten waren, auch mitgebracht werden dürfen, auf jeden Fall nach Absprache mit seinem Chef und, wie wir später in der Preisliste gesehen haben, nach zusätzlicher Bezahlung.
Der Weg zum „Produktionsabteilung“ führte über einige Zwischengeschosse tiefer, die nach Desinfektionsmitteln rochen und die mit mehreren Treppen verbunden wurden. Es gab mehrere geschlossene Türen, die, anders als die Eingangstüren, ganz normal eine Klinke hatte und relativ leicht öffneten. Bevor wir die Leichenkammer gesehen haben, mussten wir an den Pförtner vorbei, der für die Zustellung von Leichen verantwortlich ist. Es war ein älterer Mann, der in einem kleinen Raum vor einem Computer saß. Uns wurde erklärt, dass die Särge nicht zugeschlossen ankommen und von dem Pförtner auf einen großen Metallblech gelegt werden. Dabei bekamen sie einerseits ein Etikett mit dem Namen des Verstorbenen und Barcode, andererseits einen Stein mit der Nummer, der in den Sarg gelegt wird und die Leiche bis in die Urne begleitet. Dieser Stein brennt nicht und verrottet nicht. Deshalb ist es auch nach Jahren möglich festzustellen, wo wer bestattet wurde. Der Sarg wird von einer großen Maschine zusammen mit dem Blech in die Leichenkammer gebracht. Die Maschine wird von niemandem gefahren, sondern sie hat feste Bahnen, wo sie sich bewegt. Sie bekommt Befehle, was wohin zu bringen ist und erkennt die Särge nach dem Barcode wieder. Die Maschine ist etwa 2 Meter hoch und breit, ausschließlich aus Metall gemacht und sehr schwer. Auf dem Boden sind Spuren von den Rädern zu sehen. Wenn sie einen Befehl bekommt, geht ein rotes Licht an, ähnlich wie bei einem Krankenwagen und sie fängt an zu piepsen. Sie bewegt sich langsam und relativ laut. Mit einem Mechanismus wird der Blech von unten gestützt und gehoben. Danach geht es in die Leichenkammer. Darin ist etwa 5 Grad. Sie besteht aus mehreren hohen Regalen, wie in einem Lager. Die Särge sind geordnet mit dem Barcode nach vorne. Manche sind ganz einfach, aus hellen Holz, meistens Kiefer, andere sind aber schwer und teuer. Der eine hatte sogar goldige Ornamente darauf. Am linken Ende des Saals sind manche Särge vorbereitet für Abschiedsnahme. Dabei liegen auf den Blechen zusätzlich zum Etikett auch Zettel mit dem Namen und der Telefonnummer des Bestatters. Die Maschine bringt die Särge auch direkt zum Ofen. Dabei wird der Sarg auf eine Metallstütze gelegte, die ihn dann in den Ofen schiebt. Man kann das glühende Feuer im Ofen sehen, während sich die Tür schnell auf und zumacht. Ich denke an Steinofenpizza und frage mich, ob in anderen, weniger modernen Krematorien eine italienische Schaufel benutzt wird, um den Sarg in den Ofen zu schieben. Eine Etage tiefer kommen dann die Asche und der Rest der Knochen. Sie werden überprüft, ob Eisen darin ist und danach geht es zur Knochenmühle. Daraus kommt nur feiner Staub, der in die Urne gehört. Ich frage mich, was passiert, wenn jemand niest. Es gibt größere und kleinere Urnen.
Auf dem Weg nach oben laufen wir an eine Tiefkühlkammer vorbei, wo die übel riechenden Leichen bewahrt werden. Rein dürfen wir nicht. Der Leiter wird gefragt, wie er zu seinem Beruf gekommen ist. Er erzählt, dass er Ausbildung am Friedhof gemacht hat. Er berichtet, dass Leichen nur tote Materie für ihn sind. Er versucht, das zu betonen und seine Stimme schwankt. Er teilt uns mit, dass nur tote Kinder ihn berühren. Das alles kommt sehr professionell vor. Er sagt weiter, dass er nicht eingeäschert werden möchte, sondern am liebsten wie die alten Ägypter einbalsamiert. Dabei lacht er, weil es eher unwahrscheinlich ist. Ich muss plötzlich wieder an die Eingangstüren denken und an die ägyptischen Motive im Eingangssaal. Ich frage mich, ob die Organisationskultur und sein Berufsethos ihn so stark beeinflusst haben, dass er auf diese Weise an den Tod denkt, oder ob er schon früher eine solche Einstellung hatte und deshalb sich diesen Beruf ausgewählt hatte. Das Alte Ägypten ist schließlich ein Symbol des Todes, vor allem wegen der Pyramiden. Gleichzeitig ist es aber ein Symbol des Sieges über die Vergessenheit des Todes. Die Vorstellung ist völlig vom Lebendigen beeinflusst, der Tot ist im Alten Ägypten eine Abbildung des Lebens. Ist dann die Bestrebung nach dem Alten Ägypten nur ein Versuch, das Leben festzuhalten? Und nach dieser Logik die Einäscherung eine Art Akzeptanz des Todes, Vernichtung der Materie? Ich musste an eine deutsche Hindu Frau denken, die mir mal berichtet hatte, dass die Seele nach dem Tod nicht gleich weiß, dass das Leben zu Ende ist und immer wieder versucht, in den Körper reinzukommen. Deshalb sei die Verbrennung des Körpers ein Zeichen für sie, dass sie ihren Weg weiter gehen muss und das vergangene Leben hinter sich lassen. Inwieweit korrespondiert das mit der modernen Vorstellung der linearen Zeit? Und sind aus diesem Grund alle Leichen die ganze Zeit im Krematorium versteckt? Wo ist der Tod im leeren Krematorium anwesend? Wie wird der Tod im leeren Krematorium unterschiedlich als bei Bestattungen konstruiert? Und wie ist ein so komplexes Phänomen, das sowohl wirtschaftliche, als auch politische, religiöse und emotionelle Ausprägungen hat, methodologisch zu erfassen? Mein Fazit aus dem Krematoriumsbesuch war, dass die „reale“ Realität sehr schwierig zu erfassen ist, weil sich alle „Stoffe“ vermischen und zusammenhängen, aber man will trotzdem eine „reine Probe“ haben, mit der man arbeiten kann.


   Okt 14

Tochter des Kuckucks

Der Himmel war wolkenlos und hellblau, wie aus blauer Seide gemacht. Die Frühlingssonne leuchtete, weich und warm wie frisch gebackenes Brot gestrichen mit Honig. Die goldenen Strahlen streichelten die aufwachenden Bäume, ihre kleinen zarten Knospen, die neu gewachsenen grünen Gräschen und die schwarze Erde. Die Vögel zwitscherten fröhlich, als ob sie sich über den Frühling unterhielten. Sie machten ihre Nester ordentlich, entfernten den ganzen Dreck des Winters und setzten nach dem langen Schlaf der Natur alles wieder in Bewegung. Man sagt, nur der Kuckkuck macht kein Nest. Er fliegt frei und verantwortungslos rum und wenn er dann ein Baby kriegt, verlässt er das Kleine in einem fremden Nest und fliegt weg.
„Wie kann sie denn so was machen?“, frage ich mich und denke an das kleine Wesen unter meinem Herzen. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, wie ich es je alleine lassen werde. Meine Tochter wird so schön sein: sie wird bestimmt blaue Augen haben, nicht braun wie die meinen. Blond wird sie auch sein, genau wie ihr Papa. Ich schließe meine Augen und stelle mir vor, wie sie strahlend springt, ihre kleinen Füßchen bewegt und tanzt, wie sie lacht und ununterbrochen spricht. Glücklich, schön, einfach ein himmlisches Wesen. Ihre zarte weiße Haut wird in der Sonne leuchten und leicht rosa werden. Ich muss nur noch eine Woche warten und wir sehen uns, meine Kleine. Die mütterlichen Gefühle in meiner Brust lassen mich nicht mehr arbeiten. Mein Herz schlägt so schnell, dass es vor Aufregung bald rauszufliegen droht. Ich fühle Liebe und Stolz und etwas Unbestimmtes, sehr Süßliches, genau wie schmelzende Schokolade in meinem Herzen. Ich werde sie vor allem beschützen. Ich werde ihr echte Kindheit geben.
Meine Mutter hat mich verlassen, als ich noch ein Baby war. Ich kann mich nicht an sie erinnern. Aber ich bin sicher, dass ich genau ihre schwarzen Haare geerbt habe. Ich bin sicher, dass ein Teil von ihr in meinen dunklen Augen geblieben ist. Manchmal suche ich nach ihr in mir. Und manchmal hasse ich mein Gesicht, weil ich bestimmt wie sie aussehe. Ich weiß nicht warum sie mich nicht wollte. Vielleicht war sie zu arm, um eine Baby zu haben. Vielleicht war sie kluge und ehrgeizige Studentin, die mit einem Kind ihre Karriere nicht zerstören wollte. Ich kann sie nicht verstehen. Ich versuche es, aber etwas in mir lässt mich ihr nicht verzeihen. Kann es einen Grund geben, der alles entschuldigen könnte? Was gab es wichtiger als meine Sicherheit, als das Glück eines Kindes? Egal wie lange ich darüber nachdenke, kann ich an nichts denken, das meine traurigen, mit Angst vor der Dunkelheit erfüllten Nächte ersetzen könnte. Ich stellte mir immer vor, wie ein Monster aus dem Kleiderschrank herausspringt und mich frisst. Ich konnte seine kalten Pfoten schon auf meinem Bauch fühlen, seine spitzen Zähne in der Dunkelheit blitzen sehen. Ich hatte Angst. Ich wollte so sehr etwas Warmes! Warum hat sie nie daran gedacht, dass ich sie brauchen werde?
Nichts konnte meinen Neid schmelzen lassen, dass die anderen Kinder eine Mama haben und ich nicht. Nichts als Mutterliebe. Einmal saß ich alleine im Park. Neben mir diskutierten ein Mädchen und seine Mutter den Abiball. Sie machten Pläne und lachten, glücklich darüber, das wichtige Ereignis miteinander teilen zu können. Ich habe meinen Abiball alleine geplant. Ich habe das Kleid alleine gekauft und meine Haare auch alleine gemacht. Keiner hat mir geholfen. Keiner hat mich umarmt und mir viel Glück gewünscht. Ich bin alleine hingegangen und habe alleine um mein Glück gekämpft. Die Frau, die sich um mich gekümmert hat, hat mich zwar nie hungrig gelassen, aber sie war nie eine Mutter für mich. Sie hatte genug andere Kinder, um die sie sich kümmern sollte. Ich war wie das obdachlose Hündchen, das sie nicht rausschmeissen konnte.
Ich weiß, dass meine Tochter nie solches Leben führen durfte. Ich stelle mir vor, wie wir zu zweit einkaufen gehen und uns die schönsten Klamotten aussuchen würden. Ich träume davon, ihre glänzenden langen Haare zu kämmen und in goldene Zöpfe zu flechten. Ich träume davon, mit ihr zusammen Romane zu lesen und darüber zu diskutieren. Sie muss wissen, wie viel Leid es auf dieser Erde gibt, obwohl sie es selbst nie fühlen darf. Sie muss eine echte Familie haben.
Von meinem Papa hatte ich nie etwas gehört. Ob er reich war oder arm, ob er selbst etwas von mir wusste: das konnte mir keiner sagen. Ich habe mich immer gefragt, ob er irgendwo da auf der Welt lebt. Vielleicht sogar in meiner Stadt, vielleicht treffen wir uns manchmal auf der Straße und wir wissen nicht, dass wir Familie sind. Oder sind wir keine Familie, wenn wir uns nicht kennen? Vielleicht ist Familie eher ein Gefühl von Wärme, Sicherheit und Harmonie, das ich nie gehabt habe. Ich weiß es nicht. Ich habe mir immer gewünscht, ich hätte eine Familie, dehalb stellte ich mir vor, dass einer der alten Männer, die ich jeden Tag auf der Straße traf, mein Papa ist. Ich guckte lange in ihre Augen und fragte mich: kannst du mein Vater sein? Auf diese Weise gibt es so viele Menschen, die meine Familie sein können! Das macht mich manchmal glücklich.
Aber meine Tochter muss das nicht erleben. Sie wird nie nach der Familie suchen, weil die Familie immer da sein wird. Zu Hause. Wie eine Sonne, die nie untergeht, die immer scheint und wärmt, die den Tag immer schön hell und warm macht. Dann lächelt man die ganze Zeit.
Ein schönes Leben werden wir haben: ich, sie und Gabriel. Er wird der beste Papa der Welt sein. Ich freue mich schon darauf, wie er seine Tochter in seine Ärme nimmt, wie er ängstllich und unsicher sie futtert und dann wie er stundenlang ihren Schlaf beobachtet.
Gabriel war der perfekte Vater für sie. Und der perfekte Mann für mich. Hübsch, groß, blond, mit großen blauen Augen und große Hände, in denen meine kleinen dunklen Händchen verschwanden. Ich habe mich schon im ersten Augenblick verliebt, als er unser Restaurant betrat. Dann wurde er ein Stammkunde. Er kam immer wieder, um mit mir zu quatschen. Ich wuste, dass er etwas Faszinierendes an mir fand. Wie die meisten Männer konnte er mir nicht direkt in die Augen blicken, ob er an meinem Blick seine Augen verbrennen würde. Ich wusste, dass er meine Chance ist. Ich musste ihn für mich gewinnen. Wir waren glücklich zusammen. Wir waren das perfekte Paar. Ich, die kleine dunkle Frau, und er, der große helle Mann.
Und dann kam auch die Kleine. Es war an einem sonnigen Samstagmorgen in Juni. Ich wurde schnell ins Krankenhaus transportiert und zwei Stunden danach war auch meine Tochter da. Ich lag immer noch im Bett, als die Krankenschwester mir etwas sehr Kleines in die Hand druckte. Ach, sie war so lila! Ihr Gesicht war so hässlich und formlos, ihre Haare so schwarz und dünn, ihre Händchen so klein und dunkel mit roten Fingenägeln. Sie war einfach eklig! Und dann sind mir ihre großen schwarzen Augen aufgefallen. Genau wir die meinen. Und die meiner Mutter. Ich hatte das Gefühl, als wäre meine Mutter wiedergeboren und ich halte sie jetzt in den Ärmen. Nicht nur das: ich war diese, die sie erzeugt hatte! Mir wurde es schlecht. Ich konnte nicht mehr klar sehen und meine Augen fielen zu. Ich fühlte, wie jemand mir das Baby schnell von der Hand nahm.
Unser zweites Treffen war noch schrecklicher, denn Gabriel war dabei. Als er sie gesehen hat, hat er vor Glück geschrien. Er hielt sie fest, guckte sie an und lächelte. „Ach, sie ist so schön!“, sagte er. „Guck mal, sie hat genau wie deine Augen.“ Und er küsste ihre Augen.
Jetzt spielt er die ganze Zeit mit ihr. Als ob er mich ganz vergessen hat. Ich verstehe nicht: was habe ich gemacht? Warum ist er nicht mehr wie früher?
Und nun ist wieder Frühling. Die Vögel zwitschern und machen ihre Neste. Ich bin auf dem Spielplatz und freue mich über die Sonne. Plötzlich fällt mir etwas ein: ich muss ihn wieder gewinnen. Nur diesmal hindert sie mich nicht daran! Ich bin Tochter meiner Mutter und wenn sie Kuckuck war, bin ich es auch. Ich lasse den Korb mit dem Baby auf einer Bank und laufe weg. Ich bin befreit. Ich muss ihre dunklen Augen nicht mehr sehen, ihre schwarzen Haare nicht mehr kämmen, ihren kleinen dunklen Körper nicht mehr waschen. Sie beschränkt mich nicht mehr. Zu Hause bei Gabriel gibt es Platz nur für eine von uns. Und das bin ich. Vielleicht gibt dir jemand anders ein Zuhause, wo du gehörst. In meinem Nest kannst du nicht leben. Ich kann dich nicht mehr sehen. Du wirst mich eines Tages verstehen. Schließlich bist du ja auch ein Kuckuck mit stechendem schwarzem Blick. Deine Augen brechen mir das Herz. Das macht aber keiner mehr. Ich habe es mir schon als Kind versprochen.


   Okt 07

Der Himmel über dem Altersheim

Oft wenn ich mit der Bahn fahre, zieht dieser Plakat meine Aufmerksamkeit auf sich. Mehrere Fotos nebeneinander, sanft aprikosenfarbig umrahmt. Auf dem einen schwimmen einige alte Leute zusammen und spielen Wasserspiele. Die bunten Geräte des Spiels übernehmen die Hälfte des Fotos. Auf einem anderen spielen eine Oma und ein Opa Schach. Auf einem dritten steht nur ein Zettel: „Treffen im Schwimmbad“. Werbung für ein Altersheim. Fast zynisch klingt der Titel: „Berlins lebendige Seniorenresidenz“. Ja, sicher! Lebendig! Warum nicht?
Mit zwanzig den Kapitel „Rente und Altersheim“ zu öffnen, ist wahrscheinlich merkwürdig und sogar schon lächerlich. Und trotzdem habe ich Angst, eines Tages in einer solchen „Residenz“ zu gelangen. Warum aber? Das ist eine Einrichtung des modernen sozialen Staates, der niemanden einsam und ohne Pflege sterben lässt. Da gibt es bestimmt andere Leute wie ich, mit denen man sich nicht einsam fühlt. Und doch empfinde ich Mitleid zu den Leuten, die da leben und sterben müssen. Ein hochmütiges, beleidigendes Mitleid. Fast wie zu den Obdachlosen, die die Straßenzeitung in der Bahn verkaufen. Warum?
Ich habe nicht gehofft, die Antwort auf diese Frage zu finden, bevor ich selbst alt werde und real vor der Alternative stehe. Aber ich habe sie ganz zufällig gefunden. Mindestens für mich.
„Ich fliege bald nach Afrika und das für immer! Ich will nicht hier in einem Altersheim enden.“, hat er mir gesagt. Er war bei uns zu Besuch. Und er war älter als ich, aber nicht alt genug, um ins Altersheim zu müssen. Etwa 40 war er. Ich hatte ihn früher nicht gesehen, obwohl ich von ihm gehört hatte. Ich wusste, dass er wie mein Freund aus Guinea kommt und dass er lange mit der deutschen Bürokratie kämpfen musste. Ich wusste, dass er eine deutsche Frau hatte, die klein war wie ich. Nur älter, über 50 vielleicht. Ich wusste, dass sie gerne afrikanische Speisen aß. Und dass er oft illegal arbeiten muss, weil seine Ausbildung in Afrika hier nicht anerkannt wird. Das tat er auch, um Geld zu sparen. Was ich nicht wusste, war, dass er müde war. Nicht enttäuscht oder traurig wie ich erst mal von seinen Erzählungen schließen musste. Sondern müde und resigniert. Er wollte mit niemandem mehr kämpfen. Er sprach von Korruption in Afrika und Südamerika. Ich fragte ihn, ob es nicht damit zusammenhängt, dass da Familie wichtiger ist als hier. Seine Antwort war zynisch: „Ich geb dir die Droge und krieg die Kohle, so ist das. Was hat Familie hier zu tun? Alles im Leben ist Kohle.“ Ich wusste keine Antwort darauf, deshalb sprach er weiter. Bald werde er genug Geld haben, um nach Afrika für immer zu fliegen. Dann werde er nur einmal im Jahr zurückkehren, um Deutschland zu besuchen. In Afrika werde er nie alleine sein. Er werde die Freiheit haben, alles zu tun, was er wollte und sich nie einsam fühlen.
So, das ist meine Antwort. Die Freiheit werde ich vermissen. Und die Wärme der afrikanischen Sonne. Und eine andere Wärme, die aber mit nichts zu vergleichen ist, deshalb lasse ich sie einfach so fallen.


   Sep 17

Ask for more!

Schon als ich klein war, gab es diese seltsame Werbung „Ask for more“. Damals konnte ich sie nicht verstehen. Was heißt schon dieses: „Verlange mehr“? Von wem verlangen? Und was? Und warum würde ich mehr brauchen?
Heute sitze ich da und will tatsächlich immer mehr. Ich möchte mehr Aufmerksamkeit von meinem Freund, mehr Chancen, mehr Geld, mehr Entwicklungsmöglichkeiten, mehr Freizeit. Eine Schokolade reicht mir nie, ich will gleich eine zweite kaufen. Mein guter alter Job ist mir zu klein geworden. Ich möchte mehr Verantwortung tragen und etwas machen, das die Welt mehr bewegt. Ich möchte heute mehr sein als gestern. Und was noch schlimmer ist: morgen mehr als heute. Kein Wunder, wenn ich in einigen Jahren Superhero werden will.
All dies klingt so schwammig! Was ist eigentlich dieses „mehr“? Genau wieviel ist mehr? Es ist keine Menge. Es steht nur für den Vergleich. Vergleich zu der Vergangenheit, zu anderen Orten, zu anderen Menschen. Kinder wollen immer genau wie die anderen sein. Erwachsene- mehr als die anderen. Kinder wollen genau so viel Schokolade haben wie gestern und genau die gleichen Spielzeuge wie die anderen Kinder. Erwachsene wollen zweimal mehr Schokolade als gestern und schönere Sachen als die anderen. Kinder nennen es Gerechtigkeit, Erwachsene- Entwicklung. Und doch: diese Gedanken helfen mir nicht weiter. Ich möchte immerhin mehr. Ich möchte schließlich kein langweiliges stinknormales Leben führen!


   Aug 27

Rote Wärme

Die Wolken wurden durchsichtiger. Ich presste mein Gesicht ans Glas und guckte nach unten. Berlin sah wie ein Legospiel aus. Die Häuser waren klein, wie aus Plastik gemacht. Die Straßen waren dünn und fast unsichtbar. Der dunkelblaue Himmel drohte, auf die Erde zu fallen und dem Kinderspiel ein schnelles und tragisches Ende zu setzen. Wie klein und unbedeutend sieht die Stadt von oben aus! Nur die roten Lichter in den Häusern deuten Leben an. Wie kleine brennende Kerzen zittern sie unter den Dächern: warm und hell.
Ich schleppte meinen Koffer zur Bushaltestelle und genau da sah ich ihn zum ersten Mal. Der kalte Wind durchdrang alles. Die kleinen Regentropfen fielen auf die Erde und alles wurde nass, grau und kalt. Trotzdem ging er langsam und locker. Er lächelte ständig. Sein ganzes Gesicht spiegelte die Melodie seiner Geige wieder. Seine blauen Augen strahlten. Die schwarzen Haare fielen auf sein kleines dunkles Gesicht, aber das störte ihn nicht. Er spielte einfach weiter. Seinen kleinen Körper unter dem Gewicht der Geige leicht gebeugt, schritt er durch den Regen. Es war, als ob er die Welt um sich herum nicht sah. Dann hörte er auf zu spielen und zog seinen Kaffeebecher heraus. Er ging durch die Menge und bat um sein Gehalt. Die Leute zogen sich befremdet zurück und wandten ihre Blicke ab. Tapfer versuchte er weiter und bald war er vor mir. „Madame?“, fragte er mich, ob ich etwas für ihn hatte. Ich musste lächeln. Ich öffnete mein Portmonee und fand da nur einen Cent. Ich zeigte ihm die kleine rote Münze und lächelte. Er nahm sie in seine kleinen Händchen und betrachtete sie sehr aufmerksam. „Rot.“, sagte er. Ich musste wieder lächeln. Er guckte mich neugierig an, nickte ernst wie ein alter Mann und ging dann weiter, immer noch die glänzende Münze betrachtend.
Wir begegneten uns ständig. Er war überall mit seiner Geige. Bei schönem Wetter auf den Straßen, bei Regen in der U-Bahn. Er spielte immer dieselbe Melodie. Jedes Mal stand er da, mitten in der Menge, aber es schien immer, als ob er niemanden sehen könnte. Er spielte mit geschlossenen Augen in seiner Musik versunken, als ob er vor der Welt flüchten wollte und in einer anderen, schöneren Wirklichkeit leben würde, die er mit seiner Geige schuf. Die Leute eilten an ihn vorbei, meistens ohne ihn zu sehen. Manche Mutter ließ ihm bisschen Kleingeld, von seiner Kunst beeindrückt und ihn mit ihren Kindern vergleichend.
Ich halte nichts von Straßenmusikanten. Sie stinken und so gut sind sie ja nicht. Sonst würden sie nicht auf der Straße musiziern, sondern vor einem echten Publikum. Straßenkinder mag ich auch nicht. Ich gebe ihnen nie Geld. Sie wissen noch nicht, was sie mit Geld machen können. Sie ziehen manchmal an meinem Rock mit ihren schmutzigen Fingern. Aber er war ganz anders. Klein und zierlich für seine 12 oder 13 Jahre war er ganz sauber. Ich wusste nicht, wo er schlief und wer seine Eltern waren, aber er sah sehr glücklich aus. Genau wie die Vögel immer gepflegt aussehen, ohne je geduscht zu haben oder zum Friseur gegangen zu sein, war er auch immer sehr schön, rein und anständig. Er kam jedes Mal zu mir, wenn er mich sah und lächelte glücklich, immer wenn ich ihn grüßte. Ich musste auch, mit meinen 35 Jahren, wie ein Kind lächeln jedes Mal, wenn ich in seine schönen blauen Augen blickte. Wir sprachen nicht. Wir guckten uns nur an und dann sagte er immer „Rot.“. Ich suchte immer nach einer roten Münze, aber die einzigen, die wirklich rot sind, sind von 1 oder 2 Cent. So bekam er jedes Mal von mir eine kleine blanke Münze, die fast keinen Wert hatte. Aber er lächelte so glücklich, als ob er ein ganzes Vermögen in der Hand hatte.
Einmal traf ich ihn in einer kleinen Straße in der Nähe der Universität. Ich war müde und wollte gleich nach Hause gehen. Die Studenten hatten wie sturre Kinder mit mir gestritten und ich hatte mich verteidigen müssen. Doch der Tag wollte nicht so schnell enden. Ein großer Hund, der sich wahrscheinlich verlaufen hatte, kam zu mir. Ich habe Angst vor Hunden. Ich finde sie ecklig mit ihren feuchten Nasen und ihrer Gewohnheit, alles zu lecken. Als Kind hat mich einer angegriffen und ich musste fliehen. Seitdem gerate ich in Panik, wenn ein Hund bellt. Und jetzt war ein großer gelber Hund vor mir. Er hatte vielleicht Hunger. Mein Herz schlug schneller. Ich wollte irgendwie vermeiden, dass er mich berührt, doch das war unmöglich. Der Hund versuchte, mir den Weg abzuschneiden. Mein Atem wurde immer schneller. „Geh weg!“, sagte ich ihm und er bellte. Dann schrie ich. Er bellte immer lauter und meine Panik wurde immer größer. Und dann kam er. Er spielte wie gewöhnlich seine Geige, ohne der Welt Aufmerksamkeit zu schenken. Er kam immer näher: langsam und ruhig. Der Hund war verwirrt. Er hatte aufgehört zu bellen und beobachtete den seltsamen Jungen. Dann hörte er auf zu spielen. Er bemerkte den Hund und zog ein Brötchen aus seiner Tasche heraus. „Guter Hund“, sagte er und gab ihm das Brötchen, den Hund streichelnd. Ich war verwirrt. Ich hatte keine Kraft mehr und wollte nach Hause. Dann kam er mir näher und sagte wie immer: „Rot.“ Ich hatte ganz vergessen. Ich fand schnell eine 2 Cent Münze und gab sie ihm. Er nahm sie strahlend und entfernte sich. Ich wusste nicht mehr was ich denken sollte. Ich empfand Freude und Erleichterung, Liebe und Respekt vor diesem kleinen Mann, der mir auf so seltsame Weise das Leben gerettet hatte.
Von diesem Tag an fing ich an, öfter an ihn zu denken. Ich hatte mütterliche Gefühle zu ihm, wollte ihn in meine Arme nehmen und für immer da behalten. Doch ich fühlte mich auch sicher und geborgen bei ihm. Es war, als ob ich den noch nicht erwachsenen Mann in ihm sah, der mich beschützte. Manchmal lief ich länger auf der Straße mit der Hoffnung, ihn zu treffen. Aber er erschien immer, wenn ich ihn am wenigsten erwartete. Es war als ob er aus dem Nichts auf die Straße schlüpfte mit seiner Geige in der Hand. Jedes Mal dachte ich, er sieht mich nicht und genau im Moment, wenn ich das Gefühl hatte, er bemerkt mich nicht, stand er immer vor mir, um seine kleine rote Münze zu bekommen.
Das Jahr war bald zu Ende. Ich musste schon in meine Heimat fahren, um das neue Semester da anzufangen. An einem kalten regnerischen Herbstmorgen musste ich wieder zum Flughafen fahren, ohne zu hoffen, ihn wieder zu sehen. Doch er war da, wieder an der Bushaltestelle wie am ersten Tag, als ich ihn gesehen habe. Er stand mit seiner Geige und spielte eine neue traurige Melodie. Er war ganz nass: seine Hände waren fast blau, seine Haare klebten an der Stirn und von der Geige fielen kleine Tropfen. Er kam zu mir mit dem üblichen Gruß: „Rot.“ Ich öffnete meine Tasche. Doch dieses Mal hatte ich keine einzige Münze darin. Das einzige, was ich da sah, war die 20 Euro Banknote, mit der ich etwas vom Flugfafen kaufen wollte. Ich überlegte schnell. Ich wollte ihm etwas Großes geben, als Dank für alle schönen Tage, an denen ich ihn geshen hatte. Ich druckte ihm das Geld in die Hand. Er schaute mich überrascht an. „Rot.“, wiederholte er mit fragendem Blick. „Nein, mein Lieber, nimm das. Kauf dir etwas damit!“ Er war enttäuscht. Es schien, als ob er mit dem Geld nichts machen konnte. Die Banknote war schließlich nicht rot und glänzte nicht. Er versuchte, ein Papierflugzeug daraus zu falten und warf es in die Luft. Doch das dicke Papier wollte nicht fliegen und landete schnell in eine Pfütze. Er ging enttäuscht weiter und verlor sich zwischen den Leuten.
Ich sah meine kleinen Straßenmusikanten nie wieder, obwohl ich oft Berlin besuche. Aber ich halte in meiner Hosentasche immer rote Münzen für jeden Fall. Wenn mich die Leute fragen, warum ich immer so viel Kleingeld habe, antworte ich: „Ich habe den Wert des einzelnen Cents gelernt.“ Sie nicken ernst und denken an die Wirtschaftskrise. Ich nicke zurück und denke an die kleinen unbedeutenden Puppenstädte, die ich vom Flugzeug gesehen habe. Ich stelle mir vor, wie ich Geld von oben werfe und weiß: wenn ich eine Banknote von 20 Euro werfe, verliert sie sich schon in der Luft, weil sie nicht fliegen kann. Wenn ich aber eine 1-Cent- Münze werfe, fällt sie direkt nach unten, verschmilzt in den roten Lichtern, die unter den Dächern der Häuser leuchten, und nimmt ihre Wärme in sich auf.


   Jul 20

Liberté, Égalite, Fraternité

Der 14. Juli ist schon eine Woche her, aber ich habe heute eine neue Interpretation der französischen Devise gefunden. Es war am Wochenende um 3 Uhr morgens im U-Bahnhof. Die U- Bahn sollte in 15 Minuten kommen. Auf dem Sitz lag ein grünes Heft. Wir haben es aus Neugierde aufgemacht und konnten im ersten Moment nicht verstehen, was für ein Magazin das ist. Wir haben uns zuerst die Werbungen angeguckt: pornographische Filme und Literatur, KitKat Parties, nackte Fotos, erotische Clubs. Gleich daneben die Frauen- WM. Was ist das, wundern wir uns. Und dann lesen wir einen Artikel „Was heißt schon Freiheit“. Das Leben der lesbischen Frauen in Berlin. Achso. Eine Gay-Zeitschrift. Mein Freund schmeißt sie wieder auf den Sitz. Doch ich nehme sie. Ich bin gespannt. Ich hatte noch nie so was in der Hand.
Nach dem ersten Schock stellt sich heraus, dass die homosexuelle Perspektive tatsächlich im Mittelpunkt des Magazins steht und nicht die Pornographie. Ich lese darüber, wie die lesbischen Frauen das Wort „lesbisch“ hassen. Die männliche Perspektive ist nicht so dramatisch: „Boys just wanna have fun“, steht auf einer anderen Seite. Auf dem Foto eine Gruppe halbnackter Männer mit Flaschen in der Hand. Vielleicht der einzige angezogene Mann in dieser Zeitschrift ist ein Politiker, der sich zum Thema äußert. Warum? Was gibt es an der Homosexualität, das alle Hemmungen verschwinden lässt? Und was ist dann mit dem Normalitätsgefühl, das sie so dringens zu brauchen scheinen? Ich kann mich erinnern wie ein arabischer Freund gesagt hat: „Ich wusste nicht, dass es so was gibt, bis ich nach Deutschland gekommen bin.“ Vielleicht hat das mit der sexuellen Revolution zu tun, die genau wie die französische Revolution Freiheit proklamierte. Doch genau wie die französische Revolution ist sie schon ein Teil der Vergangenheit, oder? Revolutionen dauern schließlich immer einen Augenblick. Und warum sind es v.a. Männer, die damit paradieren? Wollen sie jetzt um ihre Rechte kämpfen?
Mein Freund hat auch seine Theorie. Er sagt, dass Frauen viel zu männlich und egoistisch sind. Deshalb werden Männer weicher und weiblicher. Und dann entdecken sie, dass eine gesunde Beziehung viel leichter mit einem Mann aufzubauen ist, als mit einer egoistischen Frau. Und dann kommt auch der Sex. Wie anders? Aber warum wird dann damit paradiert? Wenn ein heterosexuelles Paar zu sehr im Park knutscht, ist es sehr wahrscheinlich, dass eine besorgte Mutter dagegen protestiert. Doch wenn drei Schwüle Sex auf der Wiese machen, traut sich keiner, ihnen was zu sagen. Wieso? Ist es nur die Angst, für „untolerant“ gehalten zu werden oder gibt es auch was Anderes? Werden Schwüle auch von der Gesellschaft als sexuell aufgeschlossener akzeptiert? Und schließlich: ist es die so genannte sexuelle Revolution, die Homosexualität so definiert oder ist es Homosexualität, die immer Revolutionen auslösen will?


   Jul 19

Die Bälle der Frauen

Der Werbespot hat mich schon das erste Mal überrrascht. Fußballfeld. Alle rennen. Spannung. Emotionen und laute Musik. Und dann aufeinmal Ruhe. Es stellt sich heraus, dass die Spieler eigentlich Frauen sind. Auf einmal zieht jede Lippenstift, Taschenspiegel und Mascara und fängt an, sich zu schminken. „Die schönste WM“, heißt es weiter im Spot: die Frauen- WM.
„Ach, das gibt es auch?“, war meine erste Reaktion. Gut, dass ich selbst Frau bin, also kann mir keiner was vorwerfen. Aber wehe dem Mann, der den Frauenfußball kritisiert! Warum eigentlich? Ich habe nicht den Eindruck, dass Frauen besser spielen. Sie haben noch viel zu üben, bis sie das Niveau der Männer erreichen. Der Frauenfußball erscheint mir wie Frauenlaune. „Die Jungs dürfen spielen. Wir wollen auch!“ Warum auch nicht?
Ich gucke mir das erste Spiel an. Joaa, nicht übel. Schade nur, dass bei manchen nicht zu erkennen ist, dass sie wirklich Frauen sind. Männliche Gesichter sind auch sehr oft auf dem Fußballfeld zu sehen. Manche habe breite Schultern und schmale Becken. Soll ich auch so was anstreben? Die eine empfängt den Ball mit ihren Brüsten. Ui, das muss ihr weh getan haben! Oder wenn sie Brüste hätte, würde es ihr weh tun.
Die Fußballerinnen gelten als starke Frauen. Natürlich, sie betreiben so einen Männersport. Doch was ist das Männliche daran? Können Frauen nicht laufen? Nicht denken? Oder den Ball fangen? So weit ich weiß, wir können das. Und trotzdem gibt es kaum Männer in dieser WM. Es ist bestimmt peinlich, wenn ein Mann Schiedsrichter in der Frauen- WM ist. Ein ausschließlich Frauenwelt auf dem Fußballfeld. Haben wir in Europa auch Geschlechtertrennung wie in manchen islamischen Ländern?
Und dann fällt mir ein Pärchen im Publikum auf. Es war in der Halbfinale Schweden gegen Japan. Ein kleines zierliches japanisches Mädchen erklärt seinem nicht viel größeren Freund wie Fußball funktioniert. Süß! Und lächerlich. Ich dachte, Fußball ist Männersport. Er muss doch mehr verstehen als sie. Nicht in Japan. Wer hat schonmal was von japanischem Fußball gehört? Keiner. Und jetzt sind sie auf einmal Weltmeister. Die starken großen Europäerinnen sind weg. Die ausdauerlichen Amerikanerinnen mussten sich auch beugen. Wer hätte es gedacht?
In Europa mag Fußball ein Männersport sein. Es wird auch lange so bleiben. Doch in Japan ist er jetzt ein Frauensport. Und eines Tages wird das heute Geschaffte zu den Traditionen gehören.


   Jun 28

Ich brauche diese Schuhe!

Mein Korb ist viel zu schwer geworden. Ich möchte schon zur Kasse gehen und dann fällt mir ein, dass ich zu Hause weiter schreiben muss. Ich brauche Schokolade! Hm, habe ich genug Geld?
Warum gibt es so viele Sachen, die wir “brauchen”? Ich brauche ganz bestimmte Schuhe, die bunten Ohrringe, dieses Buch, ich brauche Schokolade und Gesichtskreme. Die Werbung im Fersehen sagt mir, dass ich die bunten Shampoos brauche, die Frauenzeitschrift sagt mir, dass ich viel Wasser brauche. Meine Mutter sagt mir, dass ich mindestens 8 Stunden Schlaf brauche. Woher wissen sie denn? Und warum brauche ich die 10 cm Hacken? Warum sagt mein Nachbar, dass er ein neues Auto braucht? Mein Körper hat mir noch nie gesagt, was er braucht… Ja, manchmal kriege ich Hunger, aber ich werde gleich satt, egal ob ich Brot oder Schokolade esse. Kalt wird es mir manchmal auch, aber es ist mir gleich warm egal ob ich mich mit der Decke wickle oder einen Mantel anziehe. Ich meine, wenn ich Klamotten brauchen würde, würden Babies angezogen zur Welt kommen und nicht nackt, blau und blutig.
Und trotzdem brauche ich die Schuhe! Mein Kumpel sagt, dass dadrin die Zehen zerquetscht werden. Ich frage ihn, ob er weiß, was für Tiere in seinen Sneakers leben (die sonst die Zehen nicht zerquetschen). Er antwortet, das sei natürlicher, als die Füße zu deformieren. Und da fällt das andere Wort: natürlich! Was ist denn natürlich? Ist es natürlich, 100 Euro für Paar Schuhe auszugeben? Und wenn wir das Natürliche suchen, warum laufen wir im Sommer nicht barfuß oder gar nackt? Ist doch natürlicher? Aber natürlich nicht! Deshalb brauche ich die Schuhe!
















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