Ich habe vor einer Weile eine besondere Reise gemacht: in das modernste Krematorium Berlins. Es war merkwürdig.
Vor der Führung
Der Weg vom S-Bahnhof zum Krematorium führte zuerst an einen kleinen Markt vorbei, wo Obst und Gemüse, Weihnachtsartikel, Haushaltswaren und Ähnliches verkauft wurde. Gleich danach kam die Querstraße, die zum Krematorium führte. Allmählich verschwanden die Häuser und an beiden Seiten waren nur Wiesen und Bäume zu sehen. Die Straße war vermutlich knapp 1 Kilometer lang und auf beiden Seiten fielen nur Läden für Urnen und Grabsteine auf. Es fuhren trotzdem viele Autos und ab und zu mal ein Bus. Einzelne Radfahrer überholten uns und manchmal waren auch Kinder darauf zu sehen. Die Wiesen waren leer. Bald konnte man feststellen, dass sie ein Teil von einem großen Friedhof waren, der auf der linken Seite der Straße war. Es gab große leere Stellen darin (ohne Gräber) und gleichzeitig solche Teile, die mit Gräbern überfüllt waren. Die Grabsteine ähnelten erstarrten Soldaten: perfekt geordnet, schwarz, ernst. Es gab hier und da einen Grabstein unter einem Baum, aber abgesehen davon gab es keine alleinstehenden Grabsteine: alle gehörten einer „Gruppe“. Straßennummern waren seit langem nicht mehr zu sehen. Wir glaubten, uns zu verlaufen. Doch das Krematorium war nicht zu übersehen. Die hohe, massive Pforte auf der rechten Seite fiel auf, obwohl sie weit entfernt von der Straße war. Anders als vor den Urnenläden waren davor keine Menschen zu sehen. Der alte gelblich-graue Bau erinnerte mich an einen alten Dorfbahnhof. Etwa 50 Meter dahinter konnte man aber das moderne Krematoriumsgebäude sehen. „Genau wie im Regierungsviertel.“, bemerkte jemand. Es war ein Gebäude in Grau, Weiß und Grün aus Glas und Metall. Zum Eingang führte ein etwa 50 Meter langer Weg mit mehreren dünnen, fast trockenen Bäumchen, nicht mehr als 2-3 Meter hoch, ohne Blätter und fast ohne Äste. Ähnlich wie die Grabsteine im Friedhof waren sie in perfekter starrer Ordnung. Rechts und links im Friedhof waren weitere Grabsteine zu sehen. Wenn man die steinernen Treppen zur Krematoriumstür hinter sich hatte, war durch das riesige Fenster der Eingangssaal zu sehen. Doch wo ist die Tür? Zu meiner Überraschung war die Tür keine Fortsetzung der Treppe. Rechts und links, gab es zwei schwere Metalltüren, etwa 2×2 Meter groß, in einer blau-grünlichen Farbe. Sie hatten keine Klinke, sondern wie geschnitzt eine Lücke darin, damit man die Tür zur rechten Seite schieben kann. Die Tür öffnete sich schwer und langsam, genau wie sich in den Hollywood Filmen Türen zu Höhlen mit Schätzen oder Geheimnissen öffnen. Später dachte ich auch an das Alte Ägypten.
Der Eingangssaal war groß und etwas dunkel. Mehrere schwere Säulen, kleine Lücken an der Decke, woher durch das Glas das wenige Licht kam, an der Wand gab es seltsame runde Stehlampen, die ein phosphorfarbiges Licht produzierten. In der Mitte war ein Teich, ein Marmorei hing darüber. Die Wände waren gelblich-weiß und hier und da gab es auf dem Boden direkt an der Wand gut beleuchtete seltsame Löcher, voll mit etwas Weißem. Es erschien der Leiter, der die Führung machen sollte. Er war ein großer, schlanker Mann, der auf dem ersten Blick streng wirkte. Seine trockene Haut, sein längliches Gesicht, seine langen Finger erinnerten mich an einen Denker. Es gab aber etwas Ironisches in seinen Augen. Er trug schwarze Hose, schwarze Weste und weißes Hemd. Gleichzeitig hatte er aber auch ein glitzerndes Ohrring. Er wirkte ernst und offiziell, aber gleichzeitig gelassen. Wenn jemand Fragen stellte, wanderte sein Blick zuerst zum Fragenden, aber manchmal auch zum Boden. Dabei wurde sein Gesicht rötlicher.
Die Führung
Zuerst wurde uns die Geschichte des Krematoriums kurz geschildert. Er behandelte vor allem die Symbolik der ägyptischen Türen (, die mit Sandlöchern endeten) und des Teichs mit dem Ei. Er zeigte uns das Bild, von dem die Idee genommen wurde. Er sprach mit Zahlen und Fakten, als wollte er uns überzeugen. Er wirkte aber auch wie ein Herrscher in seinem Königreich: stolz, es zu verwalten. Das Gebäude bestand aus drei Teilen: administrativ, rituell und dem Teil, wo die Einäscherung stattfindet. Es verfügt über zwei kleinen und einem großen Saal, in denen Abschiedsnahmen stattfinden. Er betonte mehrmals, dass die Wahl ausschließlich die Trauenden haben und dass keiner der Säle teurer oder besser ausgestattet ist als die anderen. In den kleinen wie im großen Saal gab es mehrere graue Metallbänke, ein Bäumchen in Topf, einen Pult mit Mikrofon und ein weißes Kreuz. Es wurde uns auch berichtet, dass oft orthodoxe und tamilische Bestattungen stattfinden und dass das Kreuz weggenommen werden kann. Katholische und evangelische Bestattungen gebe es dagegen seltener, weil die meisten die Säle zu kalt fänden und zur naheliegenden Kapelle gingen. Uns wurde auch die große Stereoanlage gezeigt, die den Trauenden erlaubte jede Art von Musik vorzuspielen. Weiter hat er berichtet, dass verschiedene Gegenstände (Motorräder, Klaviere etc.), die wichtig für den Toten waren, auch mitgebracht werden dürfen, auf jeden Fall nach Absprache mit seinem Chef und, wie wir später in der Preisliste gesehen haben, nach zusätzlicher Bezahlung.
Der Weg zum „Produktionsabteilung“ führte über einige Zwischengeschosse tiefer, die nach Desinfektionsmitteln rochen und die mit mehreren Treppen verbunden wurden. Es gab mehrere geschlossene Türen, die, anders als die Eingangstüren, ganz normal eine Klinke hatte und relativ leicht öffneten. Bevor wir die Leichenkammer gesehen haben, mussten wir an den Pförtner vorbei, der für die Zustellung von Leichen verantwortlich ist. Es war ein älterer Mann, der in einem kleinen Raum vor einem Computer saß. Uns wurde erklärt, dass die Särge nicht zugeschlossen ankommen und von dem Pförtner auf einen großen Metallblech gelegt werden. Dabei bekamen sie einerseits ein Etikett mit dem Namen des Verstorbenen und Barcode, andererseits einen Stein mit der Nummer, der in den Sarg gelegt wird und die Leiche bis in die Urne begleitet. Dieser Stein brennt nicht und verrottet nicht. Deshalb ist es auch nach Jahren möglich festzustellen, wo wer bestattet wurde. Der Sarg wird von einer großen Maschine zusammen mit dem Blech in die Leichenkammer gebracht. Die Maschine wird von niemandem gefahren, sondern sie hat feste Bahnen, wo sie sich bewegt. Sie bekommt Befehle, was wohin zu bringen ist und erkennt die Särge nach dem Barcode wieder. Die Maschine ist etwa 2 Meter hoch und breit, ausschließlich aus Metall gemacht und sehr schwer. Auf dem Boden sind Spuren von den Rädern zu sehen. Wenn sie einen Befehl bekommt, geht ein rotes Licht an, ähnlich wie bei einem Krankenwagen und sie fängt an zu piepsen. Sie bewegt sich langsam und relativ laut. Mit einem Mechanismus wird der Blech von unten gestützt und gehoben. Danach geht es in die Leichenkammer. Darin ist etwa 5 Grad. Sie besteht aus mehreren hohen Regalen, wie in einem Lager. Die Särge sind geordnet mit dem Barcode nach vorne. Manche sind ganz einfach, aus hellen Holz, meistens Kiefer, andere sind aber schwer und teuer. Der eine hatte sogar goldige Ornamente darauf. Am linken Ende des Saals sind manche Särge vorbereitet für Abschiedsnahme. Dabei liegen auf den Blechen zusätzlich zum Etikett auch Zettel mit dem Namen und der Telefonnummer des Bestatters. Die Maschine bringt die Särge auch direkt zum Ofen. Dabei wird der Sarg auf eine Metallstütze gelegte, die ihn dann in den Ofen schiebt. Man kann das glühende Feuer im Ofen sehen, während sich die Tür schnell auf und zumacht. Ich denke an Steinofenpizza und frage mich, ob in anderen, weniger modernen Krematorien eine italienische Schaufel benutzt wird, um den Sarg in den Ofen zu schieben. Eine Etage tiefer kommen dann die Asche und der Rest der Knochen. Sie werden überprüft, ob Eisen darin ist und danach geht es zur Knochenmühle. Daraus kommt nur feiner Staub, der in die Urne gehört. Ich frage mich, was passiert, wenn jemand niest. Es gibt größere und kleinere Urnen.
Auf dem Weg nach oben laufen wir an eine Tiefkühlkammer vorbei, wo die übel riechenden Leichen bewahrt werden. Rein dürfen wir nicht. Der Leiter wird gefragt, wie er zu seinem Beruf gekommen ist. Er erzählt, dass er Ausbildung am Friedhof gemacht hat. Er berichtet, dass Leichen nur tote Materie für ihn sind. Er versucht, das zu betonen und seine Stimme schwankt. Er teilt uns mit, dass nur tote Kinder ihn berühren. Das alles kommt sehr professionell vor. Er sagt weiter, dass er nicht eingeäschert werden möchte, sondern am liebsten wie die alten Ägypter einbalsamiert. Dabei lacht er, weil es eher unwahrscheinlich ist. Ich muss plötzlich wieder an die Eingangstüren denken und an die ägyptischen Motive im Eingangssaal. Ich frage mich, ob die Organisationskultur und sein Berufsethos ihn so stark beeinflusst haben, dass er auf diese Weise an den Tod denkt, oder ob er schon früher eine solche Einstellung hatte und deshalb sich diesen Beruf ausgewählt hatte. Das Alte Ägypten ist schließlich ein Symbol des Todes, vor allem wegen der Pyramiden. Gleichzeitig ist es aber ein Symbol des Sieges über die Vergessenheit des Todes. Die Vorstellung ist völlig vom Lebendigen beeinflusst, der Tot ist im Alten Ägypten eine Abbildung des Lebens. Ist dann die Bestrebung nach dem Alten Ägypten nur ein Versuch, das Leben festzuhalten? Und nach dieser Logik die Einäscherung eine Art Akzeptanz des Todes, Vernichtung der Materie? Ich musste an eine deutsche Hindu Frau denken, die mir mal berichtet hatte, dass die Seele nach dem Tod nicht gleich weiß, dass das Leben zu Ende ist und immer wieder versucht, in den Körper reinzukommen. Deshalb sei die Verbrennung des Körpers ein Zeichen für sie, dass sie ihren Weg weiter gehen muss und das vergangene Leben hinter sich lassen. Inwieweit korrespondiert das mit der modernen Vorstellung der linearen Zeit? Und sind aus diesem Grund alle Leichen die ganze Zeit im Krematorium versteckt? Wo ist der Tod im leeren Krematorium anwesend? Wie wird der Tod im leeren Krematorium unterschiedlich als bei Bestattungen konstruiert? Und wie ist ein so komplexes Phänomen, das sowohl wirtschaftliche, als auch politische, religiöse und emotionelle Ausprägungen hat, methodologisch zu erfassen? Mein Fazit aus dem Krematoriumsbesuch war, dass die „reale“ Realität sehr schwierig zu erfassen ist, weil sich alle „Stoffe“ vermischen und zusammenhängen, aber man will trotzdem eine „reine Probe“ haben, mit der man arbeiten kann.