Drachenläuferin

Was ich auf dem Weg zu meinem Drachen sah…

Liberté, Égalite, Fraternité


   Jul 20

Liberté, Égalite, Fraternité

Der 14. Juli ist schon eine Woche her, aber ich habe heute eine neue Interpretation der französischen Devise gefunden. Es war am Wochenende um 3 Uhr morgens im U-Bahnhof. Die U- Bahn sollte in 15 Minuten kommen. Auf dem Sitz lag ein grünes Heft. Wir haben es aus Neugierde aufgemacht und konnten im ersten Moment nicht verstehen, was für ein Magazin das ist. Wir haben uns zuerst die Werbungen angeguckt: pornographische Filme und Literatur, KitKat Parties, nackte Fotos, erotische Clubs. Gleich daneben die Frauen- WM. Was ist das, wundern wir uns. Und dann lesen wir einen Artikel „Was heißt schon Freiheit“. Das Leben der lesbischen Frauen in Berlin. Achso. Eine Gay-Zeitschrift. Mein Freund schmeißt sie wieder auf den Sitz. Doch ich nehme sie. Ich bin gespannt. Ich hatte noch nie so was in der Hand.
Nach dem ersten Schock stellt sich heraus, dass die homosexuelle Perspektive tatsächlich im Mittelpunkt des Magazins steht und nicht die Pornographie. Ich lese darüber, wie die lesbischen Frauen das Wort „lesbisch“ hassen. Die männliche Perspektive ist nicht so dramatisch: „Boys just wanna have fun“, steht auf einer anderen Seite. Auf dem Foto eine Gruppe halbnackter Männer mit Flaschen in der Hand. Vielleicht der einzige angezogene Mann in dieser Zeitschrift ist ein Politiker, der sich zum Thema äußert. Warum? Was gibt es an der Homosexualität, das alle Hemmungen verschwinden lässt? Und was ist dann mit dem Normalitätsgefühl, das sie so dringens zu brauchen scheinen? Ich kann mich erinnern wie ein arabischer Freund gesagt hat: „Ich wusste nicht, dass es so was gibt, bis ich nach Deutschland gekommen bin.“ Vielleicht hat das mit der sexuellen Revolution zu tun, die genau wie die französische Revolution Freiheit proklamierte. Doch genau wie die französische Revolution ist sie schon ein Teil der Vergangenheit, oder? Revolutionen dauern schließlich immer einen Augenblick. Und warum sind es v.a. Männer, die damit paradieren? Wollen sie jetzt um ihre Rechte kämpfen?
Mein Freund hat auch seine Theorie. Er sagt, dass Frauen viel zu männlich und egoistisch sind. Deshalb werden Männer weicher und weiblicher. Und dann entdecken sie, dass eine gesunde Beziehung viel leichter mit einem Mann aufzubauen ist, als mit einer egoistischen Frau. Und dann kommt auch der Sex. Wie anders? Aber warum wird dann damit paradiert? Wenn ein heterosexuelles Paar zu sehr im Park knutscht, ist es sehr wahrscheinlich, dass eine besorgte Mutter dagegen protestiert. Doch wenn drei Schwüle Sex auf der Wiese machen, traut sich keiner, ihnen was zu sagen. Wieso? Ist es nur die Angst, für „untolerant“ gehalten zu werden oder gibt es auch was Anderes? Werden Schwüle auch von der Gesellschaft als sexuell aufgeschlossener akzeptiert? Und schließlich: ist es die so genannte sexuelle Revolution, die Homosexualität so definiert oder ist es Homosexualität, die immer Revolutionen auslösen will?

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