Drachenläuferin

Was ich auf dem Weg zu meinem Drachen sah…

Rote Wärme


   Aug 27

Rote Wärme

Die Wolken wurden durchsichtiger. Ich presste mein Gesicht ans Glas und guckte nach unten. Berlin sah wie ein Legospiel aus. Die Häuser waren klein, wie aus Plastik gemacht. Die Straßen waren dünn und fast unsichtbar. Der dunkelblaue Himmel drohte, auf die Erde zu fallen und dem Kinderspiel ein schnelles und tragisches Ende zu setzen. Wie klein und unbedeutend sieht die Stadt von oben aus! Nur die roten Lichter in den Häusern deuten Leben an. Wie kleine brennende Kerzen zittern sie unter den Dächern: warm und hell.
Ich schleppte meinen Koffer zur Bushaltestelle und genau da sah ich ihn zum ersten Mal. Der kalte Wind durchdrang alles. Die kleinen Regentropfen fielen auf die Erde und alles wurde nass, grau und kalt. Trotzdem ging er langsam und locker. Er lächelte ständig. Sein ganzes Gesicht spiegelte die Melodie seiner Geige wieder. Seine blauen Augen strahlten. Die schwarzen Haare fielen auf sein kleines dunkles Gesicht, aber das störte ihn nicht. Er spielte einfach weiter. Seinen kleinen Körper unter dem Gewicht der Geige leicht gebeugt, schritt er durch den Regen. Es war, als ob er die Welt um sich herum nicht sah. Dann hörte er auf zu spielen und zog seinen Kaffeebecher heraus. Er ging durch die Menge und bat um sein Gehalt. Die Leute zogen sich befremdet zurück und wandten ihre Blicke ab. Tapfer versuchte er weiter und bald war er vor mir. „Madame?“, fragte er mich, ob ich etwas für ihn hatte. Ich musste lächeln. Ich öffnete mein Portmonee und fand da nur einen Cent. Ich zeigte ihm die kleine rote Münze und lächelte. Er nahm sie in seine kleinen Händchen und betrachtete sie sehr aufmerksam. „Rot.“, sagte er. Ich musste wieder lächeln. Er guckte mich neugierig an, nickte ernst wie ein alter Mann und ging dann weiter, immer noch die glänzende Münze betrachtend.
Wir begegneten uns ständig. Er war überall mit seiner Geige. Bei schönem Wetter auf den Straßen, bei Regen in der U-Bahn. Er spielte immer dieselbe Melodie. Jedes Mal stand er da, mitten in der Menge, aber es schien immer, als ob er niemanden sehen könnte. Er spielte mit geschlossenen Augen in seiner Musik versunken, als ob er vor der Welt flüchten wollte und in einer anderen, schöneren Wirklichkeit leben würde, die er mit seiner Geige schuf. Die Leute eilten an ihn vorbei, meistens ohne ihn zu sehen. Manche Mutter ließ ihm bisschen Kleingeld, von seiner Kunst beeindrückt und ihn mit ihren Kindern vergleichend.
Ich halte nichts von Straßenmusikanten. Sie stinken und so gut sind sie ja nicht. Sonst würden sie nicht auf der Straße musiziern, sondern vor einem echten Publikum. Straßenkinder mag ich auch nicht. Ich gebe ihnen nie Geld. Sie wissen noch nicht, was sie mit Geld machen können. Sie ziehen manchmal an meinem Rock mit ihren schmutzigen Fingern. Aber er war ganz anders. Klein und zierlich für seine 12 oder 13 Jahre war er ganz sauber. Ich wusste nicht, wo er schlief und wer seine Eltern waren, aber er sah sehr glücklich aus. Genau wie die Vögel immer gepflegt aussehen, ohne je geduscht zu haben oder zum Friseur gegangen zu sein, war er auch immer sehr schön, rein und anständig. Er kam jedes Mal zu mir, wenn er mich sah und lächelte glücklich, immer wenn ich ihn grüßte. Ich musste auch, mit meinen 35 Jahren, wie ein Kind lächeln jedes Mal, wenn ich in seine schönen blauen Augen blickte. Wir sprachen nicht. Wir guckten uns nur an und dann sagte er immer „Rot.“. Ich suchte immer nach einer roten Münze, aber die einzigen, die wirklich rot sind, sind von 1 oder 2 Cent. So bekam er jedes Mal von mir eine kleine blanke Münze, die fast keinen Wert hatte. Aber er lächelte so glücklich, als ob er ein ganzes Vermögen in der Hand hatte.
Einmal traf ich ihn in einer kleinen Straße in der Nähe der Universität. Ich war müde und wollte gleich nach Hause gehen. Die Studenten hatten wie sturre Kinder mit mir gestritten und ich hatte mich verteidigen müssen. Doch der Tag wollte nicht so schnell enden. Ein großer Hund, der sich wahrscheinlich verlaufen hatte, kam zu mir. Ich habe Angst vor Hunden. Ich finde sie ecklig mit ihren feuchten Nasen und ihrer Gewohnheit, alles zu lecken. Als Kind hat mich einer angegriffen und ich musste fliehen. Seitdem gerate ich in Panik, wenn ein Hund bellt. Und jetzt war ein großer gelber Hund vor mir. Er hatte vielleicht Hunger. Mein Herz schlug schneller. Ich wollte irgendwie vermeiden, dass er mich berührt, doch das war unmöglich. Der Hund versuchte, mir den Weg abzuschneiden. Mein Atem wurde immer schneller. „Geh weg!“, sagte ich ihm und er bellte. Dann schrie ich. Er bellte immer lauter und meine Panik wurde immer größer. Und dann kam er. Er spielte wie gewöhnlich seine Geige, ohne der Welt Aufmerksamkeit zu schenken. Er kam immer näher: langsam und ruhig. Der Hund war verwirrt. Er hatte aufgehört zu bellen und beobachtete den seltsamen Jungen. Dann hörte er auf zu spielen. Er bemerkte den Hund und zog ein Brötchen aus seiner Tasche heraus. „Guter Hund“, sagte er und gab ihm das Brötchen, den Hund streichelnd. Ich war verwirrt. Ich hatte keine Kraft mehr und wollte nach Hause. Dann kam er mir näher und sagte wie immer: „Rot.“ Ich hatte ganz vergessen. Ich fand schnell eine 2 Cent Münze und gab sie ihm. Er nahm sie strahlend und entfernte sich. Ich wusste nicht mehr was ich denken sollte. Ich empfand Freude und Erleichterung, Liebe und Respekt vor diesem kleinen Mann, der mir auf so seltsame Weise das Leben gerettet hatte.
Von diesem Tag an fing ich an, öfter an ihn zu denken. Ich hatte mütterliche Gefühle zu ihm, wollte ihn in meine Arme nehmen und für immer da behalten. Doch ich fühlte mich auch sicher und geborgen bei ihm. Es war, als ob ich den noch nicht erwachsenen Mann in ihm sah, der mich beschützte. Manchmal lief ich länger auf der Straße mit der Hoffnung, ihn zu treffen. Aber er erschien immer, wenn ich ihn am wenigsten erwartete. Es war als ob er aus dem Nichts auf die Straße schlüpfte mit seiner Geige in der Hand. Jedes Mal dachte ich, er sieht mich nicht und genau im Moment, wenn ich das Gefühl hatte, er bemerkt mich nicht, stand er immer vor mir, um seine kleine rote Münze zu bekommen.
Das Jahr war bald zu Ende. Ich musste schon in meine Heimat fahren, um das neue Semester da anzufangen. An einem kalten regnerischen Herbstmorgen musste ich wieder zum Flughafen fahren, ohne zu hoffen, ihn wieder zu sehen. Doch er war da, wieder an der Bushaltestelle wie am ersten Tag, als ich ihn gesehen habe. Er stand mit seiner Geige und spielte eine neue traurige Melodie. Er war ganz nass: seine Hände waren fast blau, seine Haare klebten an der Stirn und von der Geige fielen kleine Tropfen. Er kam zu mir mit dem üblichen Gruß: „Rot.“ Ich öffnete meine Tasche. Doch dieses Mal hatte ich keine einzige Münze darin. Das einzige, was ich da sah, war die 20 Euro Banknote, mit der ich etwas vom Flugfafen kaufen wollte. Ich überlegte schnell. Ich wollte ihm etwas Großes geben, als Dank für alle schönen Tage, an denen ich ihn geshen hatte. Ich druckte ihm das Geld in die Hand. Er schaute mich überrascht an. „Rot.“, wiederholte er mit fragendem Blick. „Nein, mein Lieber, nimm das. Kauf dir etwas damit!“ Er war enttäuscht. Es schien, als ob er mit dem Geld nichts machen konnte. Die Banknote war schließlich nicht rot und glänzte nicht. Er versuchte, ein Papierflugzeug daraus zu falten und warf es in die Luft. Doch das dicke Papier wollte nicht fliegen und landete schnell in eine Pfütze. Er ging enttäuscht weiter und verlor sich zwischen den Leuten.
Ich sah meine kleinen Straßenmusikanten nie wieder, obwohl ich oft Berlin besuche. Aber ich halte in meiner Hosentasche immer rote Münzen für jeden Fall. Wenn mich die Leute fragen, warum ich immer so viel Kleingeld habe, antworte ich: „Ich habe den Wert des einzelnen Cents gelernt.“ Sie nicken ernst und denken an die Wirtschaftskrise. Ich nicke zurück und denke an die kleinen unbedeutenden Puppenstädte, die ich vom Flugzeug gesehen habe. Ich stelle mir vor, wie ich Geld von oben werfe und weiß: wenn ich eine Banknote von 20 Euro werfe, verliert sie sich schon in der Luft, weil sie nicht fliegen kann. Wenn ich aber eine 1-Cent- Münze werfe, fällt sie direkt nach unten, verschmilzt in den roten Lichtern, die unter den Dächern der Häuser leuchten, und nimmt ihre Wärme in sich auf.

You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

One Comment

  1. Marian Dawidczak sagt:

    Schöner Text. Hat mich gut unterhalten!

Leave a Reply

Captcha
Refresh
Hilfe
Hinweis / Hint
Das Captcha kann Kleinbuchstaben, Ziffern und die Sonderzeichzeichen »?!#%&« enthalten.
The captcha could contain lower case, numeric characters and special characters as »!#%&«.
















Featuring WPMU Bloglist Widget by YD WordPress Developer