Tochter des Kuckucks
Der Himmel war wolkenlos und hellblau, wie aus blauer Seide gemacht. Die Frühlingssonne leuchtete, weich und warm wie frisch gebackenes Brot gestrichen mit Honig. Die goldenen Strahlen streichelten die aufwachenden Bäume, ihre kleinen zarten Knospen, die neu gewachsenen grünen Gräschen und die schwarze Erde. Die Vögel zwitscherten fröhlich, als ob sie sich über den Frühling unterhielten. Sie machten ihre Nester ordentlich, entfernten den ganzen Dreck des Winters und setzten nach dem langen Schlaf der Natur alles wieder in Bewegung. Man sagt, nur der Kuckkuck macht kein Nest. Er fliegt frei und verantwortungslos rum und wenn er dann ein Baby kriegt, verlässt er das Kleine in einem fremden Nest und fliegt weg.
„Wie kann sie denn so was machen?“, frage ich mich und denke an das kleine Wesen unter meinem Herzen. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, wie ich es je alleine lassen werde. Meine Tochter wird so schön sein: sie wird bestimmt blaue Augen haben, nicht braun wie die meinen. Blond wird sie auch sein, genau wie ihr Papa. Ich schließe meine Augen und stelle mir vor, wie sie strahlend springt, ihre kleinen Füßchen bewegt und tanzt, wie sie lacht und ununterbrochen spricht. Glücklich, schön, einfach ein himmlisches Wesen. Ihre zarte weiße Haut wird in der Sonne leuchten und leicht rosa werden. Ich muss nur noch eine Woche warten und wir sehen uns, meine Kleine. Die mütterlichen Gefühle in meiner Brust lassen mich nicht mehr arbeiten. Mein Herz schlägt so schnell, dass es vor Aufregung bald rauszufliegen droht. Ich fühle Liebe und Stolz und etwas Unbestimmtes, sehr Süßliches, genau wie schmelzende Schokolade in meinem Herzen. Ich werde sie vor allem beschützen. Ich werde ihr echte Kindheit geben.
Meine Mutter hat mich verlassen, als ich noch ein Baby war. Ich kann mich nicht an sie erinnern. Aber ich bin sicher, dass ich genau ihre schwarzen Haare geerbt habe. Ich bin sicher, dass ein Teil von ihr in meinen dunklen Augen geblieben ist. Manchmal suche ich nach ihr in mir. Und manchmal hasse ich mein Gesicht, weil ich bestimmt wie sie aussehe. Ich weiß nicht warum sie mich nicht wollte. Vielleicht war sie zu arm, um eine Baby zu haben. Vielleicht war sie kluge und ehrgeizige Studentin, die mit einem Kind ihre Karriere nicht zerstören wollte. Ich kann sie nicht verstehen. Ich versuche es, aber etwas in mir lässt mich ihr nicht verzeihen. Kann es einen Grund geben, der alles entschuldigen könnte? Was gab es wichtiger als meine Sicherheit, als das Glück eines Kindes? Egal wie lange ich darüber nachdenke, kann ich an nichts denken, das meine traurigen, mit Angst vor der Dunkelheit erfüllten Nächte ersetzen könnte. Ich stellte mir immer vor, wie ein Monster aus dem Kleiderschrank herausspringt und mich frisst. Ich konnte seine kalten Pfoten schon auf meinem Bauch fühlen, seine spitzen Zähne in der Dunkelheit blitzen sehen. Ich hatte Angst. Ich wollte so sehr etwas Warmes! Warum hat sie nie daran gedacht, dass ich sie brauchen werde?
Nichts konnte meinen Neid schmelzen lassen, dass die anderen Kinder eine Mama haben und ich nicht. Nichts als Mutterliebe. Einmal saß ich alleine im Park. Neben mir diskutierten ein Mädchen und seine Mutter den Abiball. Sie machten Pläne und lachten, glücklich darüber, das wichtige Ereignis miteinander teilen zu können. Ich habe meinen Abiball alleine geplant. Ich habe das Kleid alleine gekauft und meine Haare auch alleine gemacht. Keiner hat mir geholfen. Keiner hat mich umarmt und mir viel Glück gewünscht. Ich bin alleine hingegangen und habe alleine um mein Glück gekämpft. Die Frau, die sich um mich gekümmert hat, hat mich zwar nie hungrig gelassen, aber sie war nie eine Mutter für mich. Sie hatte genug andere Kinder, um die sie sich kümmern sollte. Ich war wie das obdachlose Hündchen, das sie nicht rausschmeissen konnte.
Ich weiß, dass meine Tochter nie solches Leben führen durfte. Ich stelle mir vor, wie wir zu zweit einkaufen gehen und uns die schönsten Klamotten aussuchen würden. Ich träume davon, ihre glänzenden langen Haare zu kämmen und in goldene Zöpfe zu flechten. Ich träume davon, mit ihr zusammen Romane zu lesen und darüber zu diskutieren. Sie muss wissen, wie viel Leid es auf dieser Erde gibt, obwohl sie es selbst nie fühlen darf. Sie muss eine echte Familie haben.
Von meinem Papa hatte ich nie etwas gehört. Ob er reich war oder arm, ob er selbst etwas von mir wusste: das konnte mir keiner sagen. Ich habe mich immer gefragt, ob er irgendwo da auf der Welt lebt. Vielleicht sogar in meiner Stadt, vielleicht treffen wir uns manchmal auf der Straße und wir wissen nicht, dass wir Familie sind. Oder sind wir keine Familie, wenn wir uns nicht kennen? Vielleicht ist Familie eher ein Gefühl von Wärme, Sicherheit und Harmonie, das ich nie gehabt habe. Ich weiß es nicht. Ich habe mir immer gewünscht, ich hätte eine Familie, dehalb stellte ich mir vor, dass einer der alten Männer, die ich jeden Tag auf der Straße traf, mein Papa ist. Ich guckte lange in ihre Augen und fragte mich: kannst du mein Vater sein? Auf diese Weise gibt es so viele Menschen, die meine Familie sein können! Das macht mich manchmal glücklich.
Aber meine Tochter muss das nicht erleben. Sie wird nie nach der Familie suchen, weil die Familie immer da sein wird. Zu Hause. Wie eine Sonne, die nie untergeht, die immer scheint und wärmt, die den Tag immer schön hell und warm macht. Dann lächelt man die ganze Zeit.
Ein schönes Leben werden wir haben: ich, sie und Gabriel. Er wird der beste Papa der Welt sein. Ich freue mich schon darauf, wie er seine Tochter in seine Ärme nimmt, wie er ängstllich und unsicher sie futtert und dann wie er stundenlang ihren Schlaf beobachtet.
Gabriel war der perfekte Vater für sie. Und der perfekte Mann für mich. Hübsch, groß, blond, mit großen blauen Augen und große Hände, in denen meine kleinen dunklen Händchen verschwanden. Ich habe mich schon im ersten Augenblick verliebt, als er unser Restaurant betrat. Dann wurde er ein Stammkunde. Er kam immer wieder, um mit mir zu quatschen. Ich wuste, dass er etwas Faszinierendes an mir fand. Wie die meisten Männer konnte er mir nicht direkt in die Augen blicken, ob er an meinem Blick seine Augen verbrennen würde. Ich wusste, dass er meine Chance ist. Ich musste ihn für mich gewinnen. Wir waren glücklich zusammen. Wir waren das perfekte Paar. Ich, die kleine dunkle Frau, und er, der große helle Mann.
Und dann kam auch die Kleine. Es war an einem sonnigen Samstagmorgen in Juni. Ich wurde schnell ins Krankenhaus transportiert und zwei Stunden danach war auch meine Tochter da. Ich lag immer noch im Bett, als die Krankenschwester mir etwas sehr Kleines in die Hand druckte. Ach, sie war so lila! Ihr Gesicht war so hässlich und formlos, ihre Haare so schwarz und dünn, ihre Händchen so klein und dunkel mit roten Fingenägeln. Sie war einfach eklig! Und dann sind mir ihre großen schwarzen Augen aufgefallen. Genau wir die meinen. Und die meiner Mutter. Ich hatte das Gefühl, als wäre meine Mutter wiedergeboren und ich halte sie jetzt in den Ärmen. Nicht nur das: ich war diese, die sie erzeugt hatte! Mir wurde es schlecht. Ich konnte nicht mehr klar sehen und meine Augen fielen zu. Ich fühlte, wie jemand mir das Baby schnell von der Hand nahm.
Unser zweites Treffen war noch schrecklicher, denn Gabriel war dabei. Als er sie gesehen hat, hat er vor Glück geschrien. Er hielt sie fest, guckte sie an und lächelte. „Ach, sie ist so schön!“, sagte er. „Guck mal, sie hat genau wie deine Augen.“ Und er küsste ihre Augen.
Jetzt spielt er die ganze Zeit mit ihr. Als ob er mich ganz vergessen hat. Ich verstehe nicht: was habe ich gemacht? Warum ist er nicht mehr wie früher?
Und nun ist wieder Frühling. Die Vögel zwitschern und machen ihre Neste. Ich bin auf dem Spielplatz und freue mich über die Sonne. Plötzlich fällt mir etwas ein: ich muss ihn wieder gewinnen. Nur diesmal hindert sie mich nicht daran! Ich bin Tochter meiner Mutter und wenn sie Kuckuck war, bin ich es auch. Ich lasse den Korb mit dem Baby auf einer Bank und laufe weg. Ich bin befreit. Ich muss ihre dunklen Augen nicht mehr sehen, ihre schwarzen Haare nicht mehr kämmen, ihren kleinen dunklen Körper nicht mehr waschen. Sie beschränkt mich nicht mehr. Zu Hause bei Gabriel gibt es Platz nur für eine von uns. Und das bin ich. Vielleicht gibt dir jemand anders ein Zuhause, wo du gehörst. In meinem Nest kannst du nicht leben. Ich kann dich nicht mehr sehen. Du wirst mich eines Tages verstehen. Schließlich bist du ja auch ein Kuckuck mit stechendem schwarzem Blick. Deine Augen brechen mir das Herz. Das macht aber keiner mehr. Ich habe es mir schon als Kind versprochen.
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