{"id":34,"date":"2025-09-10T17:26:58","date_gmt":"2025-09-10T15:26:58","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/?page_id=34"},"modified":"2025-10-25T16:26:17","modified_gmt":"2025-10-25T14:26:17","slug":"proteste-in-serbien","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/proteste-in-serbien\/","title":{"rendered":"Die Wahrnehmung Medialer Berichterstattung \u00fcber die Proteste in Serbien"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Line Lange und Alicia Reusche<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/files\/2025\/09\/stefan-kostic-NKmWr5Mx5bI-unsplash-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-456\" srcset=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/files\/2025\/09\/stefan-kostic-NKmWr5Mx5bI-unsplash-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/files\/2025\/09\/stefan-kostic-NKmWr5Mx5bI-unsplash-300x200.jpg 300w, https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/files\/2025\/09\/stefan-kostic-NKmWr5Mx5bI-unsplash-768x512.jpg 768w, https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/files\/2025\/09\/stefan-kostic-NKmWr5Mx5bI-unsplash-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/files\/2025\/09\/stefan-kostic-NKmWr5Mx5bI-unsplash-2048x1365.jpg 2048w, https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/files\/2025\/09\/stefan-kostic-NKmWr5Mx5bI-unsplash-648x432.jpg 648w, https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/files\/2025\/09\/stefan-kostic-NKmWr5Mx5bI-unsplash-288x192.jpg 288w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Symbolbild Proteste in Serbien; Foto: Stefan Kosti\u0107<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Einleitung<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>Am 1. November 2024 st\u00fcrzte das Vordach des erst k\u00fcrzlich renovierten Bahnhofs in Novi Sad, Serbien, ein. Dabei kamen 16 Menschen ums Leben, darunter auch Kinder und Jugendliche. W\u00e4hrend offizielle Stellen den Vorfall als tragischen Unfall einordnen, \u00e4u\u00dfern Teile der Bev\u00f6lkerung Kritik am Umgang der Regierung mit dem Ereignis und werfen ihr mangelnde Transparenz und Korruption vor.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In der Folge kam es zu landesweiten Protesten, die sich insbesondere gegen den Pr\u00e4sidenten Aleksandar Vu\u010di\u0107 richten und unter anderem eine Aufkl\u00e4rung des Vorfalls forderten. Im Januar 2025 f\u00fchrten die Proteste zum R\u00fccktritt des Premierministers und zum Sturz der Regierung. Dennoch beh\u00e4lt Pr\u00e4sident Vu\u010di\u0107 die Kontrolle, nachdem er das Land bereits 13 Jahre lang regiert und seinen Einfluss auf die Medien kontinuierlich gest\u00e4rkt hat.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Jahr belegt Serbien im Index von <em>Reporter ohne Grenzen<\/em> den 96. Platz von 180 L\u00e4ndern, somit der niedrigste Wert seit 23 Jahren. Die Organisation kritisiert prim\u00e4r die Angriffe auf Journalist*innen, die Nutzung von SLAPP-Klagen gegen unabh\u00e4ngige Medien sowie das Ausbleiben jeglicher Fortschritte in Bezug auf die Meinungsfreiheit im Vorjahr (Newman et al. 2025: 104).<\/p>\n\n\n\n<p>Diese qualitative Studie basiert auf leitfadengest\u00fctzten Interviews mit serbischen B\u00fcrger*innen im In- und Ausland sowie B\u00fcrger*innen mit einem starken Bezug zu Serbien. Darunter z\u00e4hlen unter anderem Journalist*innen, Studierende mit serbischem Migrationshintergrund und deutsche B\u00fcrger*innen mit starkem Interesse an der serbischen Gesellschaft und Politik. Ziel der Studie ist es, die Wahrnehmung der medialen Berichterstattung \u00fcber die Proteste im In- und Ausland zu untersuchen. Im Mittelpunkt steht dabei der Vergleich zwischen serbischen und internationalen Medien in Bezug auf ihre Darstellungsweisen und Schwerpunktsetzungen sowie die Rolle sozialer Medien als Instrument des Journalismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird angenommen, dass die Berichterstattung \u00fcber die Proteste sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene erhebliche Defizite aufweist und die Perspektiven der serbischen Bev\u00f6lkerung nur unzureichend widerspiegelt. Insbesondere in nationalen Medien ist von einer stark staatlich kontrollierten und propagandistisch gef\u00e4rbten Darstellung auszugehen. Gleichzeitig verfolgen auch internationale Medien prim\u00e4r eigene geopolitische Interessen, was sich in der Auswahl und Gewichtung der berichteten Inhalte niederschl\u00e4gt. Die Analyse dieser medialen Dynamiken erscheint nicht nur im Hinblick auf die Proteste in Serbien relevant, sondern kann auch Aufschluss \u00fcber strukturelle Muster in der internationalen Berichterstattung \u00fcber politische Krisen geben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Aus eben genannten Anlass stellt sich folgende Forschungsfrage:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wie nehmen serbische B\u00fcrger*innen die mediale Berichterstattung \u00fcber die Proteste wahr?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Zur Beantwortung der Forschungsfrage wird zun\u00e4chst auf das Propagandamodell von Herman und Chomsky eingegangen, das im Jahr 1988 entwickelt wurde. Anschlie\u00dfend erfolgt eine kurze Darstellung der serbischen Geschichte sowie ein \u00dcberblick \u00fcber die Struktur und Besonderheiten des serbischen Mediensystems. Angesichts der hohen Aktualit\u00e4t des Themas wurde zudem eine Timeline erstellt, die die zentralen Entwicklungen der Protestbewegungen von November 2024 bis August 2025 nachzeichnet. Daran anschlie\u00dfend folgt der empirische Teil der Arbeit, in dem sieben qualitative Interviews mit Hilfe einer qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet wurden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2. Theoretischer Rahmen und Hintergrund<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die vorliegende Forschungsarbeit wird Bezug auf das Propagandamodell von Herman und Chomsky genommen. In den 1980er Jahren haben die Autoren das Modell entwickelt \u2013 ein Analysewerkzeug, mit dem erkl\u00e4rt werden kann, wie US-Medien im Interesse m\u00e4chtiger gesellschaftlicher Gruppen arbeiten (Kr\u00fcger\/P\u00f6tzsch\/Zollmann 2023: 2). Anschlie\u00dfend erfolgt ein pr\u00e4gnanter \u00dcberblick \u00fcber die Geschichte Serbiens, das serbische Mediensystem und die Ereignisse in Serbien seit November 2024.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2.1 Das Propagandamodell nach Herman und Chomsky<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Grundgedanke hinter dem Propagandamodell von Herman und Chomsky ist, dass das Mediensystem in den USA von der freien Marktwirtschaft abh\u00e4ngig ist und daher auch nicht vollkommen unabh\u00e4ngig berichten kann. Zum Beispiel entsteht eine Verzerrung bei der Auswahl an Nachrichten oder auch bei der Auswahl der Journalist*innen, die die Nachrichten verbreiten. Viele Journalist*innen gehen davon aus, dass sie durch professionelle Nachrichtenfaktoren objektiv berichten. Die Autoren Herman und Chomsky nehmen jedoch an, dass daher auch eine Selbstzensur im System eine Rolle spielt, die den Journalist*innen nicht bewusst ist. In ihrem Buch \u201cManufacturing Consent. The Political Economy of the Mass Media\u201d fassen die Autoren zusammen, dass der Propaganda-Ansatz davon ausgeht, dass Nachrichten je nach Nutzen f\u00fcr zentrale inl\u00e4ndische Machtinteressen systematisch und politisch gef\u00e4rbt unterschiedlich dargestellt werden \u2013 je nachdem, ob sie in den Interessen m\u00e4chtiger Gruppen im eigenen Land helfen oder nicht (Mauch 2019: 255). Laut Herman und Chomsky beeinflussen auf einem kommerziellen Medienmarkt mit stark konzentriertem Eigentum f\u00fcnf zentrale Filter die Auswahl von Nachrichten. Durch diese Mechanismen k\u00f6nnen wirtschaftliche und politische Machtstrukturen gezielt bestimmen, welche Informationen als berichtenswert gelten und welche nicht (Kr\u00fcger\/P\u00f6tzsch\/Zollmann 2023: 3). Im Folgenden werden die Filter pr\u00e4gnant dargestellt:<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Filter <strong>\u201cOwnership<\/strong>\u201d bezieht sich auf die Interessen der Eigent\u00fcmer der Medienunternehmen. Dabei befinden sich h\u00e4ufig gro\u00dfe Teile der Unternehmen im Besitz einzelner wohlhabender Familien, manchmal jedoch auch im Besitz vieler verschiedener Investoren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite Filter <strong>\u201cAdvertising\u201c<\/strong> beschreibt den Einfluss der Werbung auf die Medienlandschaft. In einer Marktwirtschaft konkurrieren Zeitungen, Fernsehsender und andere Medien um Aufmerksamkeit. Medien, die sich neben dem Verkauf ihrer Produkte auch \u00fcber Werbeeinnahmen finanzieren, k\u00f6nnen ihre Angebote g\u00fcnstiger machen und dadurch ein gr\u00f6\u00dferes Publikum erreichen (Mauch 2019: 256).<\/p>\n\n\n\n<p>Der dritte Filter <strong>\u201cSourcing\u201c<\/strong> bezieht sich auf die Herkunft der Informationen in der Berichterstattung. Da t\u00e4gliche Nachrichten in einer gro\u00dfer Menge ben\u00f6tigt werden und eigene Recherchen viel Zeit und Geld kosten, greifen Journalist*innen oft auf Material von Nachrichtenagenturen sowie auf die Pressearbeit finanzstarker Institutionen zur\u00fcck. Ein Gro\u00dfteil dieser Inhalte stammt von Regierungsstellen oder Unternehmen. Dabei sind solche Akteur*innen h\u00e4ufig sogar die einzige Quelle, an die sich Medienschaffende wenden k\u00f6nnen (Mauch 2019: 256-257).<\/p>\n\n\n\n<p>Der vierte Filter, den Herman und Chomsky <strong>\u201cFlak\u201c <\/strong>nennen, bezeichnet die Reaktionen von Staat und Unternehmen auf f\u00fcr sie unangenehme Informationen oder Meinungen. Diese R\u00fcckmeldungen setzen Medienunternehmen unter Druck, da sie zus\u00e4tzlichen Aufwand und Kosten verursachen. Verschiedene Akteur*innen, die \u201cFlak\u201c erzeugen, verst\u00e4rken sich dabei gegenseitig in ihrer Kritik an der Berichterstattung (Mauch 2019: 257). Hier k\u00f6nnte \u201cFlak\u201c sinngem\u00e4\u00df etwa als gezielte Kritik oder Gegenreaktion verstanden werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der f\u00fcnfte Filter wird als <strong>\u201cAntikommunismus als Kontrollmechanismus\u201c<\/strong> bezeichnet. Diese Ideologie dient dazu, die Bev\u00f6lkerung gegen einen gemeinsamen Feind zu vereinen. Da der Begriff \u201cKommunismus\u201c allerdings nicht genau definiert ist, kann er auf jede Person angewendet werden, die Eigentumsinteressen gef\u00e4hrdet oder als sympathisierend mit Regierungsgegnern gilt. Dieser Filter f\u00fchrt dazu, dass Themen oft in einer klaren Gegens\u00e4tzlichkeit dargestellt werden, bei der die Welt in Freund*innen und Feind*innen aufgeteilt wird (Mauch 2019: 257).<\/p>\n\n\n\n<p>Der theoretische Ansatz von Herman und Chomsky l\u00e4sst sich auf die Medienlandschaft in Serbien \u00fcbertragen. Nach der Analyse der Interviews soll unter anderem ausgewertet werden, inwiefern serbische Medien im Interesse m\u00e4chtiger Gruppen arbeiten. Besonders der f\u00fcnfte Filter nach Herman und Chomsky soll dabei beachtet werden: Zun\u00e4chst wird davon ausgegangen, dass Gruppen in der serbischen Gesellschaft gegeneinander ausgespielt werden. Hierbei handelt es sich um Protestierende gegen die Regierung und deren Anh\u00e4nger*innen.<\/p>\n\n\n\n<p>Laut Herman und Chomsky sorgen die Filter daf\u00fcr, dass Inhalte im Sinne von Konzernen und Regierungen vorab ausgew\u00e4hlt werden. Zwar werden professionelle Standards wie Objektivit\u00e4t und Unparteilichkeit formal gewahrt, doch eine wirkliche Kontrolle und Kritik an den M\u00e4chtigen findet praktisch nicht statt. Diese propagandistische Wirkung entsteht dabei meist nicht durch direkte Eingriffe von F\u00fchrungskr\u00e4ften, sondern eher subtil durch die Auswahl des Personals und die \u00dcbernahme der vom Eigent\u00fcmer vorgegebenen redaktionellen Ausrichtung (Kr\u00fcger\/P\u00f6tzsch\/Zollmann 2023: 3).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2.2 Kurze Einf\u00fchrung in die Serbische Geschichte&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Milo\u0161evi\u0107 wurde 1989 Pr\u00e4sident Serbiens. Die 1990er Jahre waren gepr\u00e4gt von den Jugoslawienkriegen, internationalen Sanktionen, innenpolitischer Repression und wirtschaftlicher Isolation. Im Kosovo-Konflikt 1999 griff die NATO serbisches Territorium an, nachdem serbische Truppen mit Gewalt gegen die kosovarische Bev\u00f6lkerung vorgegangen waren. Unter dem Druck massiver Proteste und internationalen Drucks trat Milo\u0161evi\u0107 im Jahr 2000 zur\u00fcck (BBC News 2022).<\/p>\n\n\n\n<p>Die anschlie\u00dfende \u00dcbergangsphase war von Reformbestrebungen und einer schrittweisen Ann\u00e4herung an die Europ\u00e4ische Union gepr\u00e4gt. Zoran \u0110in\u0111i\u0107, der erste demokratisch gew\u00e4hlte Premierminister nach dem Sturz Milo\u0161evi\u0107s, setzte auf einen prowestlichen Kurs und unterst\u00fctzte die Auslieferung von Kriegsverbrechern an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Seine Ermordung 2003 war ein schwerer R\u00fcckschlag f\u00fcr die politische Stabilit\u00e4t und markierte einen Wendepunkt im Demokratisierungsprozess. Nach Darstellung der Ermittler war der Mord politisch motiviert: Die T\u00e4ter wollten seine Reformen und den Kampf gegen organisierte Kriminalit\u00e4t stoppen (BBC News 2022; Encyclopaedia Britannica, Inc. 2023; Reuters Staff 2007).<\/p>\n\n\n\n<p>Parallel dazu begann Serbien, ehemalige Staatsbetriebe zu privatisieren. Bis 2014 wechselten rund 3.000 Unternehmen den Besitzer. Dies f\u00fchrte in vielen F\u00e4llen zu einer neuen Form wirtschaftlicher Machtkonzentration, da gro\u00dfe Unternehmen an politisch verbundene Oligarchen gingen, was neue Korruptionsskandale ausl\u00f6ste (United Nations Office on Drugs and Crime 2013; Radelji\u0107\/\u0110or\u0111evi\u0107 2020; Milosavljevi\u0107 2025).<\/p>\n\n\n\n<p>Ein zentraler politischer Akteur der darauffolgenden Jahre ist Aleksandar Vu\u010di\u0107. Unter Milo\u0161evi\u0107 war er Informationsminister. Seit 2012 ist seine Serbische Fortschrittspartei (SNS) die dominierende Kraft in der serbischen Politik. Vu\u010di\u0107 wurde 2014 Premierminister und 2017 Pr\u00e4sident. Obwohl seine Regierung formell eine Ann\u00e4herung an die EU verfolgt, betonen politische Analysen eine zunehmende Zentralisierung von Macht und die Schw\u00e4chung unabh\u00e4ngiger Institutionen. Seit 2015 l\u00e4sst sich eine wachsende Kontrolle \u00fcber Justiz und Medien feststellen (Encyclopaedia Britannica, Inc. 2023; Vesna Pe\u0161i\u0107 2007).<\/p>\n\n\n\n<p>Einer der gr\u00f6\u00dften gesellschaftlichen Konflikte der letzten Jahre entstand rund um das geplante Lithiumabbauprojekt des britisch-australischen Konzerns Rio Tinto in der Region Jadar. Unter dem Motto \u201eNe damo Jadar\u201c (\u201eWir geben Jadar nicht her\u201c) gingen ab 2021 landesweit Menschen auf die Stra\u00dfe, aus Sorge vor Umweltzerst\u00f6rung, Intransparenz und drohenden Enteignungen. Zwar setzte die Regierung das Projekt 2022 offiziell aus, doch Recherchen von Umweltorganisationen zeigten, dass Genehmigungsverfahren im Hintergrund weiterliefen. Eine Umfrage von Vreme verdeutlichte die breite Ablehnung: Fast 60 % der serbischen B\u00fcrger*innen sprachen sich gegen den Lithiumabbau aus (D\u017eon Piplfoks, 2025). Dass die politischen Prozesse dennoch weitergef\u00fchrt wurden, werteten viele Gegner*innen als Beweis daf\u00fcr, dass Entscheidungen nicht im Interesse der Bev\u00f6lkerung getroffen werden. Auch das Verh\u00e4ltnis zur EU litt: Bereits 2020 hatte die Europ\u00e4ische Kommission Lithium als strategisch wichtig f\u00fcr den Green Deal eingestuft und Serbien aufgefordert, den Abbau zu erm\u00f6glichen. Dass 2023 hochrangige EU-Vertreter Rohstoffgespr\u00e4che in Belgrad f\u00fchrten, ohne betroffene Gemeinden einzubeziehen, verst\u00e4rkte bei vielen den Eindruck doppelter Standards: Rohstoffe schienen wichtiger als Menschenrechte (Dzihic\/Heinrich B\u00f6ll Stiftung 2024; Kinell 2025; M\u00fcller 2024).<\/p>\n\n\n\n<p>Zentrale Konfliktlinien bestehen weiterhin im Verh\u00e4ltnis zu Kosovo, zur Europ\u00e4ischen Union und zu Russland. W\u00e4hrend auf diplomatischer Ebene Fortschritte bei der EU-Ann\u00e4herung erzielt wurden, etwa durch das Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen (2008) und den Beginn der Beitrittsverhandlungen (2014), bleibt die Anerkennung der Unabh\u00e4ngigkeit Kosovos ein hochsensibles Thema im serbischen Diskurs. Gleichzeitig bestehen enge Verbindungen zu Russland, die als Gegengewicht zur EU-Integration gelten (BBC News 2022; Encyclopaedia Britannica, Inc. 2023).<\/p>\n\n\n\n<p>Vor diesem Hintergrund sind die aktuellen Proteste zu sehen. Sie richten sich gegen Vu\u010di\u0107 und die m\u00f6gliche Wiederaufnahme des Jadar-Projekts. Die EU reagierte bislang zur\u00fcckhaltend. Menschenrechtsorganisationen kritisieren ein stabilit\u00e4tsorientiertes Vorgehen der EU. Zwar forderten EU-Kommissare eine \u201crasche Aufkl\u00e4rung und unabh\u00e4ngige Justiz\u201c, doch konkrete politische Konsequenzen blieben bisher aus (Reuters Staff 2024a).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2.3 Das Serbische Mediensystem<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Um zu verstehen, wie die mediale Berichterstattung \u00fcber die Proteste in Serbien wahrgenommen wird, lohnt sich ein Blick auf Strukturen und Nutzungsgewohnheiten im serbischen Mediensystem.<\/p>\n\n\n\n<p>Serbien belegt im Pressefreiheitsranking von Reporter ohne Grenzen Platz 96 von 180, was auf strukturelle Defizite bei der Medienfreiheit hinweist (Reporters without Borders 2025). Auch der Freedom House Report (2025) beschreibt die journalistische Arbeit als stark eingeschr\u00e4nkt: Journalist*innen sind Einsch\u00fcchterungen, politischem Druck, wirtschaftlicher Abh\u00e4ngigkeit und \u00dcberwachung ausgesetzt. Zwar garantiert die Verfassung Meinungs- und Pressefreiheit, doch in der Praxis kommt es regelm\u00e4\u00dfig zu Angriffen und struktureller Einflussnahme.<\/p>\n\n\n\n<p>2024 wurden 166 Angriffe auf Journalist*innen registriert, darunter \u00dcbergriffe, Drohungen, Sachbesch\u00e4digungen und missbr\u00e4uchliche Klagen (Freedom House 2025). Reporter ohne Grenzen hebt hervor, dass politisch motivierte Angriffe regelm\u00e4\u00dfig von nationalen TV-Sendern wie Pink oder Happy verst\u00e4rkt werden, ohne Eingreifen der staatlichen Medienaufsichtsbeh\u00f6rde REM (Reporters without Borders 2025). REM agiert parteiisch: Nationale Frequenzen gehen bevorzugt an regierungsnahe Sender, was die begrenzte Medienpluralit\u00e4t weiter einschr\u00e4nkt. Auch wirtschaftliche Abh\u00e4ngigkeit spielt eine Rolle, da Medienunternehmen von intransparenten Subventionen und staatlich gelenkter Werbung profitieren (Reporters without Borders 2025; Kleut et al. 2022).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Auswirkungen auf Wahrnehmung und Meinungsbildung zeigt der Bericht \u201ePublic Opinion in Serbia and Media\u201c von BIRODI (2022). Viele B\u00fcrger*innen sehen Medien als Informationsquellen, nicht als kritische Instanzen. Das Vertrauen h\u00e4ngt stark von der politischen Ausrichtung ab. Die Medienlandschaft ist polarisiert: RTS, Pink, Prva und Happy berichten regierungsfreundlich, N1 und Nova S gelten als oppositionell (BIRODI 2022; Newman et al. 2025). Dies spiegelt sich in Wahlpr\u00e4ferenzen wider: 84,7 % der Pink-Zuschauer*innen w\u00fcrden die regierende SNS w\u00e4hlen, 37,9 % der Nova-S-Zuschauer*innen die Opposition. Auch internationale Konflikte wie die russische Invasion in der Ukraine werden entlang dieser Medienlinien bewertet (BIRODI 2022).<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr kritisch eingestellte B\u00fcrger*innen wird das Ausweichen auf alternative Kan\u00e4le zum politischen Akt. Soziale Netzwerke wie Facebook, YouTube oder diasporische Angebote spielen eine zentrale Rolle. Laut Reuters Digital News Report (Newman et al. 2025) nutzen 38 % Facebook, 29 % YouTube und 18 % Instagram w\u00f6chentlich f\u00fcr Nachrichten; TikTok erreicht 13 %, vor allem J\u00fcngere. Trotzdem bleibt Fernsehen die wichtigste Nachrichtenquelle (Newman et al. 2025).<\/p>\n\n\n\n<p>Das Vertrauen in Medien ist niedrig: Nur 27 % der Serb*innen vertrauen den meisten Nachrichten, einer der niedrigsten Werte in Europa (Newman et al. 2025). Gleichzeitig weist Serbien mit 46 % eine der h\u00f6chsten Raten selektiver Nachrichtenvermeidung auf, meist aus emotionaler Belastung und Ohnmachtsgef\u00fchlen (Newman et al. 2025). BIRODI-Daten deuten zudem auf ein gr\u00f6\u00dferes Muster hin: Autorit\u00e4t wird gesellschaftlich akzeptiert, politische Ohnmacht ist verbreitet. Das schwache Bed\u00fcrfnis nach Medienkritik verst\u00e4rkt die strukturelle Schw\u00e4che der vierten Gewalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Medienlandschaft Serbiens ist somit von politischer Einflussnahme, \u00f6konomischer Abh\u00e4ngigkeit, rechtlicher Schw\u00e4che und Polarisierung gepr\u00e4gt. Unabh\u00e4ngige Berichterstattung existiert, ist aber strukturell benachteiligt und unter erheblichem Druck.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2.4 Chronologie der Proteste<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Am 1.\u202fNovember 2024 ereignete sich in Novi Sad ein schweres Ungl\u00fcck: Um 11:52\u202fUhr kollabierte die Beton\u00fcberdachung des Bahnhofs, wobei 14 Personen sofort get\u00f6tet und drei schwer verletzt wurden; eine weitere Verletzte verstarb sp\u00e4ter, sodass sich die Zahl der Todesopfer auf 15 belief. Unmittelbar nach dem Einsturz wurden erste Gedenkaktionen abgehalten und Forderungen nach Aufkl\u00e4rung der Ursachen, insbesondere zu Korruption und Baum\u00e4ngeln, erhoben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2.-5. November 2024<\/strong><strong><br><\/strong>Drei Tage Staatstrauer wurden landesweit begangen. Es kam zu landesweiten Gedenakten: in Novi Sad, Belgrad und weiteren St\u00e4dten legten B\u00fcrger*innen Blumen nieder und entz\u00fcndeten Kerzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4. November 2024<\/strong><strong><br><\/strong>Der zust\u00e4ndige Bauminister Goran Vesi\u0107 k\u00fcndigte seinen R\u00fccktritt an, lehnte jedoch jegliche pers\u00f6nliche Verantwortung ab. Einen Tag sp\u00e4ter trat er schlie\u00dflich zur\u00fcck; zeitgleich begannen in Novi Sad Proteste mit mehreren Tausend Teilnehmenden, die vor dem Rathaus demonstrierten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>11. November 2024<\/strong><strong><br><\/strong>In Belgrad versammelten sich etwa 10.000 Menschen, um mit dem Symbol von roten Handabdr\u00fccken und dem Slogan \u201eA crime, not a tragedy\u201c gegen t\u00f6dliche Korruption zu protestieren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ab 15. November 2024<\/strong><strong><br><\/strong>Fortlaufend blockierten Demonstrierende jeden Freitag um 11:52\u202fUhr f\u00fcr 15 Minuten den Stra\u00dfenverkehr als stumme Mahnwache zur Ungl\u00fcckszeit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>21. November 2024<\/strong><strong><br><\/strong>Es wurden elf Personen, darunter Minister Vesi\u0107 und die Direktorin der serbischen Eisenbahnen, Jelena Tanaskovi\u0107, unter dem Verdacht Verbrechen gegen die \u00f6ffentliche Sicherheit begangen zu haben, festgenommen. Das Statement beinhaltete lediglich die Initialen der Festgenommen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>22. November 2024<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als die Spannungen zunahmen, versammelten sich am 22. November Studierende der Fakult\u00e4t f\u00fcr Dramaturgischen K\u00fcnste (FDU) in Belgrad, um der Opfer zu gedenken, sie wurden jedoch von einer organisierten Gruppe angegriffen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>25. November 2024&nbsp;&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als Reaktion auf den Angriff begann die erste Fakult\u00e4tsblockade an der Dramaturgischen Kunstschule in Belgrad. Die Studierenden \u00e4u\u00dferten klare Forderungen: Verhaftung der Personen, die Studierende und Professor*innen angegriffen haben, Transparenz der Regierung bez\u00fcglich der Bauprojekte, Fallenlassen der Anklagen gegen die festgenommenen Demonstrierenden, Strafverfolgung der Verantwortlichen f\u00fcr den Einsturz des Vordaches.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus Solidarit\u00e4t mit den angegriffenen Studierenden schlossen sich bis Ende des Monats \u00fcber 85 Fakult\u00e4ten, 55 Gymnasien sowie Protestgruppen in 138 von 145 Gemeinden an.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>27. November 2024<\/strong><strong><br><\/strong>Der Bauminister Vesi\u0107 wurde aus Untersuchungshaft entlassen, zehn weitere Beschuldigte verblieben in Haft oder unter Hausarrest.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>12. Dezember 2024<\/strong><strong><br><\/strong>Die Regierung ver\u00f6ffentlichte erstmals die Renovierungsunterlagen des Bahnhofs.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>22. Dezember 2024<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine Gro\u00dfdemo mit etwa 100.000 Personen fand auf dem Slavija-Platz in Belgrad statt. Auff\u00e4llig war, dass sich die Proteste aus der Mitte der Gesellschaft speisten: Lehrer*innen, Studierende, \u00c4rzt*innen, Kulturschaffende und viele weitere Berufsgruppen beteiligten sich. Besonders aktiv waren Studierende, die Besetzungen vor Regierungsgeb\u00e4uden und vor dem \u00f6ffentlich-rechtlichen Sender RTS organisierten. Dort forderten sie eine differenzierte, unabh\u00e4ngige Berichterstattung \u00fcber die Ereignisse. Kritisiert wurden die staatlichen Medien f\u00fcr ihre passive oder regierungsfreundliche Rahmung der Proteste, die vielfach als unpolitische oder gar ausl\u00e4ndisch gesteuerte Provokationen dargestellt wurden (The Guardian, 2025; DW, 2025).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>24. Januar 2025<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Generalstreik f\u00fchrte zu Schul- und Gesch\u00e4ftsschlie\u00dfungen. Es kam zu erneuten Verkehrsblockaden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>27. Januar 2025<\/strong><strong><br><\/strong>\u00dcber soziale Medien mobilisierten Studierende Tausende zu direkten Aktionen. Am 27. Januar blockierten sie den stark befahrenen Belgrader Verkehrsknoten Autokomanda f\u00fcr 24 Stunden. In Novi Sad wurden Aktivist*innen beim Anbringen von Proteststickern mit Baseballschl\u00e4gern angegriffen. Dieses Ereignis und die Emp\u00f6rung dar\u00fcber f\u00fchrten zum R\u00fccktritt von Premier Milo\u0161 Vu\u010devi\u0107 und Novi-Sad-B\u00fcrgermeister Milan \u0110uri\u0107.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1. Februar 2025&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zehntausende blockierten alle Hauptbr\u00fccken Novi Sads, Studierende aus Belgrad wanderten 100 km bis Novi Sad aus Solidarit\u00e4t.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>15. M\u00e4rz 2025<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bis zu 325.000 Menschen protestieren in Belgrad, die gr\u00f6\u00dfte Demo in Serbien seit 2000.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis Mitte M\u00e4rz hatten Proteste \u00fcber 400 Orte erreicht, mit landesweiten Aktionen von der gesamten Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1. Juni 2025<\/strong><strong><br><\/strong>Sieben Monate nach dem Ungl\u00fcck gingen erneut Tausende in rund 30 St\u00e4dten auf die Stra\u00dfe. Hauptforderungen blieben R\u00fccktritte, Neuwahlen und die Rechenschaftspflicht der politischen und baulichen Akteure.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Juli-August 2025<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es kommt zu verst\u00e4rkten Repression gegen zivile Proteste. Amnesty International berichtet von zahlreichen Festnahmen. Gewalt eskaliert und es kommt zu dutzenden Verletzten. Die Proteste erreichen eine neue Intensit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bis September 2025 ist keine endg\u00fcltige Verurteilung erfolgt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>(Al Jazeera, 2025; AP News, 2025; Euronews with AP, 2025; Kljajic, 2025; Reuters Staff, 2024a; Reuters Staff, 2024b; Reuters Staff, 2024c; Reuters Staff, 2025; Sexton, 2025).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>3. Methodisches Vorgehen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr diese Arbeit wurden insgesamt sieben Leitfadeninterviews durchgef\u00fchrt, davon zwei in schriftlicher Form. Aufgrund von Sprachbarrieren sowie begrenzter zeitlicher Verf\u00fcgbarkeit einer serbischen Journalistin entschieden wir uns, diese beiden Interviews schriftlich zu f\u00fchren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten Leitfadeninterviews werden in der Forschung pers\u00f6nlich gef\u00fchrt. Von schriftlichen Leitfadeninterviews wird eher abgeraten, da dieses Vorgehen viele der zentralen Vorteile der Methode einschr\u00e4nkt. Zu den Vorteilen z\u00e4hlen unter anderem die M\u00f6glichkeit des Nachfragens auf beiden Seiten oder die flexible Gespr\u00e4chsf\u00fchrung (Loosen 2016: 145).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl schriftliche Antworten im Vergleich zu pers\u00f6nlich gef\u00fchrten Interviews methodische Einschr\u00e4nkungen mit sich bringen, wurden sie in die Auswertung einbezogen. Den Interviewpartner*innen wurde im Vorfeld mitgeteilt, dass ausf\u00fchrliche Antworten ausdr\u00fccklich erw\u00fcnscht sind und jederzeit die M\u00f6glichkeit zum weiteren Austausch besteht. In der Folge entwickelte sich oftmals kein einmaliges schriftliches Interview, sondern ein \u00fcber mehrere Wochen fortgesetzter E-Mail-Kontakt. Dadurch konnten die Nachteile der schriftlichen Interviews teilweise reduziert und der Gefahr einer geringeren inhaltlichen Tiefe im Vergleich zu pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4chen etwas entgegengewirkt werden. Trotzdem k\u00f6nnen schriftliche Antworten den pers\u00f6nlichen Austausch nicht vollst\u00e4ndig ersetzen. Im Vergleich zu pers\u00f6nlich oder m\u00fcndlich gef\u00fchrten Interviews ist eine gewisse geringere inhaltliche Tiefe erkennbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Auswahl der Interviewpartner*innen erfolgte anhand zuvor festgelegter Kriterien. Urspr\u00fcnglich sollten alle Befragten entweder serbische Staatsb\u00fcrger*innen sein oder einen serbischen Migrationshintergrund haben. Da sich jedoch herausstellte, dass es kurzfristig schwierig war, gen\u00fcgend Personen zu finden, die diese Anforderungen erf\u00fcllen, wurden die Kriterien leicht erweitert: Die Interviewpartner*innen mussten schlussendlich einen starken Bezug zu Serbien haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Leitfadeninterview wird als eine Form des Interviews verstanden, wobei der Leitfaden als Instrument der Erhebung von verbalen Daten eine zentrale Rolle spielt (Loosen 2016: 141). Ein Interview erh\u00e4lt erst dann den Charakter einer wissenschaftlichen Methode, wenn es sich an die mit dem Forschungsprozess verkn\u00fcpften wissenschaftlichen und methodischen Vorgaben h\u00e4lt. Ziel ist es, durch eine regulierte, einseitig regelgeleitete Kommunikation reliable sowie valide Informationen \u00fcber den Untersuchungsgegenstand zu gewinnen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Qualitative Leitfadeninterviews sollen einer Gespr\u00e4chssituation, die wir auch in unserem Alltag erleben, m\u00f6glichst \u00e4hnlich sein, ohne jedoch den Fokus auf das Thema der Forschung zu verlieren&nbsp; (Loosen 2016: 142). Das Interview wird mehr oder weniger stark strukturiert, denn der Leitfaden legt die zentralen Themenbereiche sowie die dazugeh\u00f6rigen Fragen f\u00fcr das zu f\u00fchrende Interview im Vorhinein fest. Die Fragen lassen sich bereits in eine logische und sinnvolle Reihenfolge bringen, auch wenn das Interview nicht unbedingt diesem Ablauf folgen muss. Die Auswahl der Themen und Fragen orientiert sich an der Forschungsfrage und kann zus\u00e4tzlich durch theoretische \u00dcberlegungen beeinflusst werden. Ziel ist es, relevante Informationen oder Selbstausk\u00fcnfte der Befragten zu gewinnen, die zur Beantwortung der Forschungsfragen beitragen. Im Unterschied zum narrativen Interview werden die Gespr\u00e4chsinhalte somit im Vorfeld weitgehend bestimmt (Loosen 2016: 144). Durch einen Leitfaden soll auch sichergestellt werden, dass die unterschiedlichen Interviews miteinander verglichen werden k\u00f6nnen (Loosen 2016: 144-145).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Auswertung der Interviews wird erleichtert, wenn das Interview mithilfe eines Leitfadens durchgef\u00fchrt wurde. H\u00e4ufig wird f\u00fcr die Auswertung die Methode der qualitativen Inhaltsanalyse verwendet (Loosen 2016: 145). Daf\u00fcr werden im Nachhinein Themenschwerpunkte, zentrale Fragen, Kategorien und Dimensionen abgeleitet und festgelegt. Leitfadeninterviews lassen sich sowohl in rein monomethodischen Forschungsprojekten als eigenst\u00e4ndige Methoden nutzen, als auch in Mehrmethodendesigns (Loosen 2016: 146). In diesem Fall haben wir uns f\u00fcr die Auswertung mit Hilfe einer qualitativen Inhaltsanalyse entschieden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die am meisten zitierte und ausgearbeitete qualitative Inhaltsanalyse ist wohl die von Philipp Mayring (Christmann 2006: 277). Dabei liegt der Fokus auf einer Fallauswahl, und nicht auf der Repr\u00e4sentativit\u00e4t (Wagner\/Sch\u00f6nhagen 2020: 320).<\/p>\n\n\n\n<p>Bei dieser Methode werden auch interpretative Schritte beinhaltet; deshalb ist es notwendig, zus\u00e4tzliche Informationen \u00fcber den Text zu sammeln, wie zum Beispiel den Themenbereich, die Autor*innen, den soziokulturellen Hintergrund, die Zielgruppe und die Leser*innen (Wagner\/Sch\u00f6nhagen 2020: 496). Der Text wird also immer in seinem gesamten Kontext betrachtet und das Material kann auch auf seine Entstehung und Wirkung hin untersucht werden (Mayring 2015: 50).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Inhaltsanalyse allgemein ist der Begriff Kategoriegeleitetheit zentral. Das bedeutet, dass mit Kategorien oder einem Kategoriensystem gearbeitet wird. Diese Kategorien thematisieren unterschiedliche Aspekte, Themen, Eigenschaften oder auch Bereiche, die im Text untersucht werden sollen. Die qualitative Inhaltsanalyse arbeitet oftmals mit einer Kombination aus deduktiven und induktiven Kriterien (Wagner\/Sch\u00f6nhagen 2020: 319).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in dieser Arbeit wurden die Kategorien induktiv sowie deduktiv gebildet. Insgesamt handelt es sich um f\u00fcnf Hauptkategorien mit jeweils ein bis zwei Unterkategorien. Unter anderem bildet das Vertrauen in die Medien eine zentrale Analysekategorie der qualitativen Inhaltsanalyse. Dabei wird untersucht, welche Medien als glaubw\u00fcrdig wahrgenommen werden und inwiefern eine politische Ausrichtung vermutet wird. Diese Kategorie wurde basierend auf der Arbeit von Kohring und Matthes (2007) abgeleitet. Sie wird f\u00fcr die Analyse herangezogen, da Vertrauen ein zentraler Aspekt der Wahrnehmung und Bewertung von Medieninhalten ist. Die Skala von Kohring und Matthes (2007) identifiziert vier zentrale Dimensionen: Themenauswahl, Faktengenauigkeit, Darstellungsgenauigkeit und journalistische Bewertung, die es erm\u00f6glichen, das Vertrauen differenziert zu erfassen. Damit stellt sie ein fundiertes theoretisches Fundament f\u00fcr die Analyse dar.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso wichtig ist die Kategorie der Protestdarstellung: Hier stellt sich die Frage, ob die Berichterstattung objektiv und ausgewogen erfolgt oder ob sie Verzerrungen aufweist. Diese Kategorie wurde deduktiv auf Grundlage der Studie \u201eEffects of Mass Media Framing of Protest Movements\u201c abgeleitet. Die Analyse untersucht, wie Massenmedien Protestbewegungen darstellen und welche Wirkung dieses Framing auf die Wahrnehmung von Protesten hat. Sie zeigt, dass Medienberichte einen signifikanten Einfluss darauf aus\u00fcben, wie Proteste wahrgenommen werden (Teresa 2022).<\/p>\n\n\n\n<p>Eine weitere relevante Dimension betrifft das Medienformat. Untersucht wird, welche Unterschiede zwischen Fernseh- und Social-Media-Berichterstattung hinsichtlich Glaubw\u00fcrdigkeit, Wirkung und Zug\u00e4nglichkeit bestehen. Diese Kategorie wurde deduktiv abgeleitet: Im Reuters Institute Digital News Report aus dem Jahr 2025 wird nicht nur deutlich, dass Serbien die h\u00f6chste Nutzung sozialer Medien f\u00fcr Nachrichten in Europa hat, sondern auch, dass sie aktuell sehr bedeutend daf\u00fcr ist, unzensierte Nachrichten zu publizieren und Protestbewegungen zu organisieren. Dennoch wird ersichtlich, dass die serbischen Mainstream-Fernsehsender Vu\u010di\u0107s Agenda unterst\u00fctzen und verbreiten (Newman et al. 2025: 104).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Des Weiteren fokussiert sich die Analyse auf den Vergleich der nationalen und internationalen Berichterstattung. Dabei soll unter anderem herausgefunden werden, ob ausl\u00e4ndische Medien glaubw\u00fcrdiger wahrgenommen werden. Abschlie\u00dfend soll die Arbeitsweise und die Zukunft des Journalismus untersucht werden. Schon w\u00e4hrend der Interviews zeigte sich, dass die Grenzen zwischen Journalismus und Aktivismus in der Berichterstattung \u00fcber die Proteste in Serbien teilweise verschwimmen. Dar\u00fcber hinaus soll analysiert werden, wie sich der Journalismus zuk\u00fcnftig entwickeln k\u00f6nnte und welche Verbesserungen in diesem Berufsfeld m\u00f6glich w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4. Ergebnisse<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im folgenden Abschnitt werden die Ergebnisse der einzelnen Leitfadeninterviews f\u00fcr jede*n Interviewpartner*in dargestellt. Abschlie\u00dfend erfolgt eine zusammenfassende Auflistung der zentralen Ergebnisse.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Konstantin Had\u017ei-Vukovi\u0107:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Konstantin war bis 2020 serbischer Staatsb\u00fcrger, danach bekam er einen deutschen Pass. Als Journalist schreibt er \u00fcber Themen, die Serbien betreffen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Medienlandschaft<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Interview beschreibt Konstantin die serbische Medienlandschaft als stark polarisiert. Als glaubw\u00fcrdig empfindet er vor allem den Fernsehsender N1, den er als \u201cdie \u200b\u200bletzte Bastion der Medienfreiheit\u201c bezeichnet. Ohne diesen Sender g\u00e4be es ihm zufolge \u201eeine komplette Dunkelheit\u201c in Serbien. Zudem g\u00e4be es einige unabh\u00e4ngige Zeitungen wie Nedeljnik, Vreme oder Danas.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wahrnehmung der serbischen Studierendenproteste ist Konstantin zufolge stark durch die Polarisierung der Medienlandschaft gepr\u00e4gt. W\u00e4hrend regierungsnahe Sender wie RTS oder Pink eine propagandistische Sichtweise verbreiten, in der \u201cStudenten als ausl\u00e4ndische Agenten, als deutsche Agenten, als US-Agenten, als Landesverr\u00e4ter bezeichnet\u201c werden, \u00fcbernehmen oppositionelle Medien die Funktion einer kritischen Gegen\u00f6ffentlichkeit. Allerdings kritisiert Konstantin, dass auch oppositionelle Portale teilweise in \u201cClickbaiting\u201c verfallen und sich zu eindeutig mit den Protestierenden solidarisieren, anstatt journalistisch neutral zu berichten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Interview verweist Konstantin auf die gezielte Vergabe von Sendefrequenzen durch die Regulierungsbeh\u00f6rde REM: \u201cDie Regierung benutzt das immer sehr gut als Druckmittel. Zum Beispiel dieser Fernsehsender N1 hat keine nationale Frequenz\u201c. Auch die Arbeit in&nbsp; den Redaktionen der regierungsnahen Sendern beschreibt er als subtil gelenkt: \u201cEs gibt keine offene Zensur [\u2026], sondern jeder macht einen kleinen Teil, und am Ende wird das von den zwei, drei Redaktionschefs zusammengebaut. Und deswegen ist das dann komplett verzerrt\u201c. In diesen Redaktionen sollen viele Journalist*innen lediglich des Geldes wegen arbeiten: \u201cEtwa 60-70 % der Leute haben absolut entweder keine politische Meinung oder eine komplett andere politische Meinung. Und [\u2026] sie sagen: ich muss Geld machen, ich brauche einen Job\u201c.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Medienformate<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Konstantin erh\u00e4lt seine Informationen h\u00e4ufig durch Social Media. Er erz\u00e4hlt, wie er und seine Mutter sich regelm\u00e4\u00dfig Links zu Instagram-Posts schicken, um \u00fcber Proteste auf dem Laufenden zu bleiben. W\u00e4hrend er Fernsehen als stark regierungsnah und wenig glaubw\u00fcrdig erlebt, sind soziale Medien f\u00fcr ihn eine Art Gegen\u00f6ffentlichkeit. Dabei betont er allerdings den Altersunterschied im Medienkonsum:&nbsp; \u00c4ltere Menschen seien stark durch das Fernsehen gepr\u00e4gt und konsumierten meist ausschlie\u00dflich regierungsfreundliche Sender. Dies f\u00fchre zu einer \u201cAbkapselung vom Realen\u201c. \u00dcber einen Besuch bei seinen Gro\u00dfeltern sagt er ironisch: \u201cIch mache den Fernseher an, da ist der Pr\u00e4sident, ich mache den K\u00fchlschrank auf, da ist der Pr\u00e4sident.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nationale vs. internationale Medien<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres Problem sieht er in der geringen internationalen Sichtbarkeit der Proteste. W\u00e4hrend diese innerhalb Serbiens zumindest in oppositionellen Medien pr\u00e4sent sind, tauchen sie in europ\u00e4ischen Leitmedien nur vereinzelt auf. Er berichtet, dass er sich zwar \u00fcber Beitr\u00e4ge der Tagesschau oder des ZDF gefreut habe, dass aber gro\u00dfe Zeitungen wie die S\u00fcddeutsche Zeitung gar nicht berichtet h\u00e4tten. Seiner Einsch\u00e4tzung nach h\u00e4ngt dies nicht mit gezieltem Schweigen und geopolitischen Interessen zusammen, sondern vielmehr mit Serbiens \u201cRandstellung\u201c im internationalen Kontext. Ausl\u00e4ndische Medien wirken f\u00fcr ihn grunds\u00e4tzlich glaubw\u00fcrdiger, doch die Aufmerksamkeit f\u00fcr Serbien sei im Vergleich zu anderen L\u00e4ndern wie Polen oder Georgien deutlich geringer gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zukunft des Journalismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Zukunft sieht er zwei zentrale Herausforderungen: Zum einen brauche es mehr Unabh\u00e4ngigkeit, was unter der aktuellen Regierung jedoch schwer realisierbar sei: \u201cZu sagen, es gibt mehr freie Medien, ich meine, it\u2019s not going to happen, mit der jetzigen Regierung\u201c. Zum anderen betont er die Rolle der Europ\u00e4ischen Union, die bislang eine ambivalente Position einnehme. Eine klare Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Protestbewegung k\u00f6nne aus seiner Sicht eine wichtige Signalwirkung entfalten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Matthias Schellenberg:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Matthias war an der ARTE-Reportage \u201cAufstand gegen die Regierung in Serbien\u201d beteiligt. Daf\u00fcr reiste er nach Serbien.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Proteste in Serbien<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Matthias beschreibt die Proteste vor allem als breite gesellschaftliche Bewegung, die weit \u00fcber die Studierenden hinausgeht. Besonders beeindruckt hat ihn die Solidarit\u00e4t verschiedener Gruppen: \u201c\u2026dass die Bauern quasi ihre Traktoren vor die Unis gestellt haben, damit die nicht gest\u00fcrmt werden k\u00f6nnen\u201c und \u201c\u2026 zehn Kilometer langen Stau von Taxis, die in diese Stadt gefahren sind, um die Studenten abzuholen\u201c. F\u00fcr ihn war das ein starkes Gegenbild zu der in Deutschland viel diskutierten \u201cSpaltung der Gesellschaft\u201c. In Serbien habe er vielmehr erlebt, wie unterschiedliche Schichten zusammenkommen, um die Studierenden zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Medienformate<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Berichterstattung betont Matthias die gro\u00dfe Rolle von Social Media. Viele Informationen habe er zun\u00e4chst \u00fcber Freund*innen und deren Instagram-Stories erhalten. Besonders hebt er die Professionalit\u00e4t der unterschiedlichen Fakult\u00e4t-Instagram Accounts hervor, mit der Studierende ihre eigene Berichterstattung aufgebaut haben: \u201cDie haben ihre Berichterstattung wirklich super professionell gemacht\u2026 mit eigenem Studio, Kameras, Interviews und dann gleich auf Social Media gestellt.\u201d F\u00fcr ihn wird Social Media dadurch zur Gegen\u00f6ffentlichkeit, die die Proteste sichtbar macht, noch bevor etablierte Medien reagieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nationale vs. internationale Medien<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Beim Vergleich nationaler und internationaler Medien sieht er deutliche Unterschiede. W\u00e4hrend in Serbien oppositionelle Kan\u00e4le wie N1 ausf\u00fchrlich berichten, kritisiert er, dass die deutsche Presse erst Monate sp\u00e4ter reagiert habe: \u201c\u2026die ersten Berichterstattungen, die es dann gab, die waren dann vielleicht so Ende Februar, Anfang M\u00e4rz. In der deutschen Presse hat es zu lange gedauert.\u201d F\u00fcr ihn liegt das daran, dass Serbien f\u00fcr deutsche Medien weniger Relevanz hat und Themen wie Ukraine oder Israel\/Pal\u00e4stina Vorrang bekommen. F\u00fcr die serbischen Studierenden bedeutet internationale Aufmerksamkeit viel, da sie sich \u201cgewundert haben, dass es so wenig Berichterstattung gibt\u201c und sich umso mehr freuten, wenn Teams wie Matthias mit ARTE vor Ort waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Matthias geht nicht von direkter Manipulation internationaler Medien aus: \u201cIch glaube jetzt nicht, dass das irgendjemand manipuliert [\u2026]. Vielleicht passiert es dann von alleine, weil manche Sachen sich einfach gut verkaufen, manche nicht so gut.\u201c&nbsp; Medien berichten dort, wo Aufmerksamkeit garantiert ist. Friedliche und \u201cpositive Geschichten\u201c wie die Studierendenproteste lassen sich seiner Meinung nach schlechter verkaufen. Dadurch w\u00fcrden kleinere, aber gesellschaftlich relevante Bewegungen wie die serbischen Proteste untergehen. Obwohl sie Matthias zufolge sehr lehrreich f\u00fcr die internationale \u00d6ffentlichkeit sein k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem \u00e4u\u00dfert sich Matthias auch \u00fcber die geopolitischen Interessen. Anscheinend habe Vu\u010di\u0107 Deals mit allen gro\u00dfen internationalen Playern abgeschlossen, die sich deshalb aus Eigeninteresse nun nicht gegen ihn stellen werden. Innerhalb der EU bringt er dies mit dem Lithiumdeal in Verbindung: \u201c\u2026dass sie zu wenig Unterst\u00fctzung von au\u00dfen bekommen durch eben diesen Lithiumdeal mit der EU\u201c. F\u00fcr ihn stehen die Studierenden dadurch trotz breitem R\u00fcckhalt innerhalb der serbischen Gesellschaft \u201cauf verlorenem Posten\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zukunft des Journalismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Abschlie\u00dfend fordert Matthias im Journalismus mehr Raum f\u00fcr positive Geschichten und Protestbewegungen, die nicht durch Gewalt oder Krieg gepr\u00e4gt sind. Gleichzeitig solle der internationale Journalismus geopolitische Zusammenh\u00e4nge st\u00e4rker einbeziehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ivan:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ivan wurde in Belgrad geboren und arbeitet als Psychologe. Seit 2009 lebt er in Berlin.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vertrauen in Medien<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ivan zeichnet ein sehr kritisches Bild der serbischen Medien. Er sagt klar: \u201cDie Medien sind schrecklich. Es gibt so viele L\u00fcgen. Sie unterst\u00fctzen die Regierung, obwohl sie nicht dem Staat geh\u00f6ren. Sie tun es aus eigenem privatem Vorteil\u201d. Damit zeigt er, dass Medien auch ohne direktes Staatseigentum eng mit den M\u00e4chtigen verflochten sind. Als glaubw\u00fcrdig nennt er N1, die Zeitung Danas und das Magazin Vreme. Auch Satireformate, die Politik kritisch aufbereiten, spielen f\u00fcr ihn eine wichtige Rolle. Allerdings betont er, dass selbst N1 nicht v\u00f6llig objektiv sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Die regierungsnahen Medien stellen die Studierenden laut Ivan als \u201cSpione\u201c dar: \u201cSie pr\u00e4sentieren die Studenten als Leute, die verzweifelt Macht wollen [\u2026]. Sie sagen, sie seien vom Ausland finanziert, also im Grunde Spione, die bezahlt werden, um das Land zu zerst\u00f6ren\u201c. Er bezeichnet dies als \u201etotal twist of the whole story\u201c. Oppositionelle Medien wie N1 berichten positiver, verschweigen aber manchmal auch problematische Aspekte auf Seiten der Protestierenden. Objektivit\u00e4t ist daher f\u00fcr ihn auf keiner Seite vollst\u00e4ndig gew\u00e4hrleistet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nationale vs. internationale Medien<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ivan kritisiert zudem die geringe Aufmerksamkeit internationaler Medien. Erst bei Gro\u00dfdemonstrationen mit \u00fcber 150.000 Teilnehmenden sei berichtet worden: \u201cF\u00fcr viele Monate hat niemand dar\u00fcber gesprochen\u201c. Ivan \u00e4u\u00dfert Entt\u00e4uschung \u00fcber die geringe internationale Aufmerksamkeit, sieht darin aber weniger Manipulation als mangelndes Interesse: \u201cEs gibt keine L\u00fcgen, sie sind nur nicht interessiert\u201c. F\u00fcr ihn erkl\u00e4rt sich dieses Schweigen allerdings nicht nur aus der Logik westlicher Nachrichten, die \u201clieber \u00fcber Kriege und Kinder, die verhungern\u201c berichten, sondern auch aus \u00f6konomischen Interessen Europas. Besonders verweist er auf den geplanten Lithiumabbau in Serbien, der f\u00fcr die EU von zentraler Bedeutung sei: \u201cEuropa ist gl\u00fccklich \u00fcber das, was Vu\u010di\u0107 tut [\u2026]. Sie wollen nichts \u00e4ndern in Serbien, weil sie froh sind, dass Vu\u010di\u0107 ihnen gibt, was sie wollen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Medienformate<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Ivan spielt die Unterscheidung zwischen klassischen Medien und Social Media eine zentrale Rolle. Fernsehen wirke dabei vor allem bei \u00e4lteren Menschen, die anf\u00e4llig f\u00fcr Propaganda seien, durch Wiederholung einfacher Botschaften: \u201cDer Vater meiner Frau ist \u00fcber 80. [\u2026] Auf jedem Kanal wird dieselbe Geschichte wiederholt, und das pr\u00e4gt sich in sein Gehirn ein.\u201d&nbsp; J\u00fcngere Generationen dagegen informierten sich fast ausschlie\u00dflich \u00fcber Social Media, insbesondere Instagram. F\u00fcr die Proteste sei dies entscheidend. Neben studentischen Accounts nennt er auch WhatsApp-Gruppen, \u00fcber die Proteste in Serbien und der Diaspora organisiert w\u00fcrden. Social Media bildet f\u00fcr ihn somit die zentrale Gegen\u00f6ffentlichkeit, die staatlich dominierte Narrative durchbricht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zukunft des Journalismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zusammenfassend beschreibt Ivan eine unzureichende Medienlandschaft: staatstreue Sender produzieren L\u00fcgen und Propaganda, oppositionelle Medien \u00fcbertreiben oder verschweigen gelegentlich kritische Punkte. Internationale Medien berichten, wenn \u00fcberhaupt, nur versp\u00e4tet. Verbesserungsbedarf sieht er vor allem in einer st\u00e4rkeren internationalen Berichterstattung, die auch geopolitische Interessen wie Lithiumabbau oder prek\u00e4re Arbeitsverh\u00e4ltnisse in ausl\u00e4ndischen Fabriken in Serbien ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>An\u0111ela Andrijevi\u0107:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>An\u0111ela Andrijevi\u0107 studierte Journalismus im Bachelor und Kommunikationswissenschaft im Master. Seit elf Jahren lebt sie in Novi Sad und arbeitet unter anderem als Journalistin f\u00fcr das Portal Omladinske novine.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Medienlandschaft\/Vertrauen in Medien<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>An\u0111ela betont, dass lediglich ein kleiner Teil der serbischen Medien die notwendige journalistische Sorgfalt tats\u00e4chlich einh\u00e4lt. Zwar bem\u00fchen sich einige Redaktionen, t\u00e4glich neue Inhalte zu produzieren und dabei gewissenhaft vorzugehen. Demgegen\u00fcber stehe jedoch ein erheblicher Teil der Medien, der auf sensationelle und unethische Berichterstattung setze. Ihrer Meinung nach versto\u00dfen Boulevard- und regierungsnahe Medien gegen die festgelegten journalistischen Leitlinien in Serbien. Diese Grunds\u00e4tze schreiben eigentlich vor, dass Journalist*innen objektiv und wahrheitsgem\u00e4\u00df \u00fcber Themen von \u00f6ffentlichem Interesse berichten sollen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie betont, dass RTS, ein serbischer \u00f6ffentlich-rechtlicher Sender, grundlegende journalistische Standards verloren habe und au\u00dferhalb eines ethischen Rahmens agiere.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders die Studierendenproteste f\u00e4nden in der Berichterstattung kaum Beachtung. PINK bezeichnet sie ausdr\u00fccklich nicht als Journalismus: \u201cIn both cases, selective reporting and promotion of narratives that suit the interests of the ruling elite is clearly present, while the real picture from the ground is deliberately ignored.\u201d Sie verweist zudem auf den serbischen Pressekodex (\u201eKodeks novinara\u201c), der Sorgfaltspflicht und Verantwortung festschreibt, macht jedoch deutlich, dass sich nur ein kleiner Teil der Journalist*innen daran h\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie bereits erw\u00e4hnt, hebt An\u0111ela in ihrer schriftlichen Antwort hervor, dass sich nur ein kleiner Teil der serbischen Medien an die journalistische Sorgfaltspflicht h\u00e4lt. Vor allem Boulevard- und regierungsnahe Medien versto\u00dfen gegen zentrale journalistische Leitlinien.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dies kn\u00fcpft an das von Herman und Chomsky entwickelte Propaganda-Modell an, das zu Beginn dieser Arbeit vorgestellt wurde. Darin wird betont, dass Nachrichten je nach Nutzen f\u00fcr zentrale Machtinteressen systematisch und politisch gef\u00e4rbt dargestellt werden. Auch in An\u0111elas Aussagen zeigt sich, dass regierungsnahe Medien \u00fcberwiegend im Sinne der Regierung berichten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Medienformate<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sie bezeichnet Social Media-Accounts als ihre wichtigste Informationsquelle und verweist dabei besonders auf den studentischen Account Blokada info, der neben Berichterstattung von vor Ort auch relevante Analysen bietet. Insgesamt zeigt sich, dass soziale Medien nicht nur als Erg\u00e4nzung zur linearen Berichterstattung dienen, sondern aktiv als eigenst\u00e4ndige Quelle unabh\u00e4ngiger Informationen genutzt werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nationale vs. internationale Medien<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sie hebt hervor, dass internationale Medien zeitnah, gr\u00fcndlich sowie auf Wahrheit und Objektivit\u00e4t ausgerichtet berichten und damit einen deutlichen Kontrast zur inl\u00e4ndischen Berichterstattung darstellen. Diese sei ihrer Ansicht nach h\u00e4ufig verzerrt, w\u00e4hrend internationale Medien durch besondere Sorgfalt auffallen. Als Beispiele f\u00fcr professionellen Journalismus nennt sie BBC, Deutsche Welle und Al Jazeera. Besonders betont sie die Berichterstattung von BBC in den sozialen Medien. Diese Medien zeichnen sich ihrer Meinung nach durch einen innovativen und modernen Ansatz in der Berichterstattung aus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zukunft des Journalismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>An\u0111ela betont, dass Journalist*innen verpflichtet sind, die W\u00fcrde, Privatsph\u00e4re und Integrit\u00e4t der Menschen zu respektieren und Manipulation, L\u00fcgen sowie Parteilichkeit entschieden entgegenzuwirken. Sie macht deutlich, dass nur verantwortungsvoller Journalismus einen positiven Beitrag zur Gesellschaft leisten kann.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Goran Torlo:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Goran ist in Belgrad geboren und in Novi Sad aufgewachsen. Jetzt lebt und studiert er in Deutschland und hat letztes Jahr eine Organisation gegr\u00fcndet, um junge Menschen f\u00fcr Politik zu begeistern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Medienformate<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Goran betont, dass Universit\u00e4ten und Fakult\u00e4ten jeweils eigene Instagram-Accounts betreiben, \u00fcber die sie \u00fcber Geschehnisse wie Proteste oder Verhaftungen informieren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Finanzierung der Accounts erfolgt ausschlie\u00dflich \u00fcber Spenden. F\u00fcr Goran und seine Freund*innen ist Instagram die wichtigste Informationsquelle, vor allem unter j\u00fcngeren Menschen, w\u00e4hrend \u00e4ltere eher weniger darauf zur\u00fcckgreifen. F\u00fcr sie gibt es kaum weitere M\u00f6glichkeiten, an andere Informationen zu gelangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Freund*innen beziehen ihre Informationen jedoch ebenfalls direkt von vor Ort, da sie selbst Teil der Studierendenbewegung sind und die Ereignisse teilweise pers\u00f6nlich erfahren oder sogar verhaftet werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nationale vs. internationale Medien<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Goran erkl\u00e4rt im Interview, dass zu Beginn der Proteste kaum ein deutsches Medium dar\u00fcber berichtete; er spricht von einer \u201ctotalen Stille\u201d. Mit zunehmender Intensit\u00e4t der Proteste nahm die Berichterstattung in Deutschland zwar zu, blieb jedoch sehr n\u00fcchtern. Mittlerweile nimmt er wahr, dass internationale Medien generell \u00fcber die Situation und die Proteste berichten, was ihm Hoffnung gibt. In der deutschen Berichterstattung k\u00f6nnten laut Goran jedoch bestimmte Narrative stecken. Unter anderem spricht er vom Abkommen mit dem Lithiumabbau, was Deutschland unterst\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Joschka Hoffmann:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Joschka lebt in Berlin und studiert Osteuropastudien. Er hat unter anderem in Kosovo, Bosnien und Serbien gelebt.&nbsp; Er kennt sich dort gut mit der politischen Lage aus und ist viel mit Menschen von vor Ort in Kontakt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Medienlandschaft\/Vertrauen in Medien<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Interview erkl\u00e4rt Joschka, dass in den serbischen Staatsmedien die Proteste entweder kaum erw\u00e4hnt oder gezielt negativ dargestellt werden, etwa als antiserbisch oder antidemokratisch. Das Regime um Pr\u00e4sident Vu\u010di\u0107 wird dagegen als demokratisch inszeniert. Zudem dominieren Berichte \u00fcber Vu\u010di\u0107 das Programm, w\u00e4hrend die Studierendenproteste nur sehr kurz behandelt werden, sodass die Bev\u00f6lkerung mehr \u00fcber ihn als \u00fcber die Opposition erf\u00e4hrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Er betont, dass die serbische Regierung fast alle gro\u00dfen Medien kontrolliert und diese als Propagandainstrument nutzt. Unabh\u00e4ngige Informationen stammen meist nur aus dem Ausland (wie zum Beispiel CNN). Er erkl\u00e4rt, dass viele Menschen die Medieninhalte unkritisch \u00fcbernehmen. Fernsehen und andere Kan\u00e4le werden dabei als verl\u00e4ssliche Quelle wahrgenommen, ohne sie zu hinterfragen. Diese Haltung f\u00fchrt seiner Meinung nach zu einem \u201cblinden Vertrauen\u201c, bei dem alles, was gesendet wird, automatisch als richtig gilt. Damit wird deutlich, wie stark Medienkonsum zur Meinungsbildung beitr\u00e4gt und wie leicht er \u2013 besonders in staatlich kontrollierten Strukturen \u2013 zu einem Instrument der Beeinflussung werden kann.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Medienformate<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Joschka informiert sich \u00fcber unabh\u00e4ngige Medien, teils \u00fcber soziale Netzwerke, teils \u00fcber Freund*innen vor Ort, die ihre Erlebnisse teilen. Diese berichten auch \u00fcber verschiedene Kan\u00e4le und ver\u00f6ffentlichen Beitr\u00e4ge, die ein differenziertes Bild der Situation vermitteln. Wenn er selbst vor Ort ist, verschafft er sich zus\u00e4tzlich einen pers\u00f6nlichen Eindruck und erf\u00e4hrt direkt von den Menschen vor Ort, was geschieht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Er betont die&nbsp; studentischen Medien, die unabh\u00e4ngig arbeiten und sich ausschlie\u00dflich \u00fcber Spenden finanzieren. Joschka geht davon aus, dass j\u00fcngere Menschen \u00fcberwiegend Fernsehen meiden, w\u00e4hrend \u00e4ltere oder weniger gebildete Bev\u00f6lkerungsgruppen eher Staatsmedien konsumieren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nationale vs. internationale Medien<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Joschka kritisiert, dass die Berichterstattung \u00fcber die Studierendenproteste in Deutschland schnell verschwindet. Meist wird nur kurzzeitig \u00fcber Serbien berichtet und nur in wenigen Artikeln. Er vermutet, dass die Chefredaktionen wenig Interesse zeigen.&nbsp; Spezialisierte internationale Stiftungen oder Medien, die Serbien besonders im Blick haben, gibt es kaum. Daher komme die wesentliche Berichterstattung haupts\u00e4chlich von gro\u00dfen Medien wie Tagesschau, SZ oder ZEIT, oft aus pers\u00f6nlichem Interesse einzelner Journalist*innen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wichtig w\u00e4re mehr Weitsicht, etwa durch Follow-Up-Artikel oder langfristige Berichterstattung, sowie Vernetzung zwischen Medien, um Austausch und Zusammenarbeit auf europ\u00e4ischer Ebene zu f\u00f6rdern.<\/p>\n\n\n\n<p>Die westliche Berichterstattung berichtet \u00fcber Serbien seiner Meinung nach meist sehr sp\u00e4t, unvollst\u00e4ndig und ist mittlerweile kaum noch vorhanden. Proteste werden selten umfassend dargestellt, obwohl es dort fast jedes Jahr neue Protestwellen aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Er vermutet zwei Gr\u00fcnde f\u00fcr die geringe Berichterstattung \u00fcber Serbien: Einerseits die Medienlogik, sich auf Themen mit mehr Aufmerksamkeit und Klicks wie Ukraine, USA oder Migration zu konzentrieren. Andererseits m\u00f6glicherweise ein antislawisches Desinteresse an Ereignissen im Osten Europas, w\u00e4hrend \u00e4hnliche Proteste in westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern wie Frankreich deutlich mehr Aufmerksamkeit erhielten, obwohl Serbien geografisch nicht viel weiter entfernt ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zukunft des Journalismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Joschka betont, dass deutsche Medien bei Protestberichten oft gut arbeiten, insbesondere durch Interviews vor Ort. Wichtig sei aber, auch die Meinungen der Gesellschaft zu Themen wie Lithiumabbau zu ber\u00fccksichtigen und die Perspektiven angrenzender L\u00e4nder wie Bosnien oder Kosovo einzubeziehen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marko Gombo\u0161:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Marko kommt aus Stepanovi\u0107evo, einer Stadt in der N\u00e4he von Novi Sad. Er ist Student und Teil der Studierendenbewegungen. Am Tag, als das Bahnhofsvordach eingest\u00fcrzt ist, war er zuf\u00e4llig vor Ort, nur ein paar Minuten, nachdem das Dach eingest\u00fcrzt ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Medienlandschaft\/Vertrauen in Medien<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Marko macht deutlich, dass die Proteste in der serbischen Berichterstattung manipulativ dargestellt werden. Der Pr\u00e4sident hat erheblichen Einfluss auf die Medien: Entweder werden die Proteste gar nicht erw\u00e4hnt oder so verkleinert dargestellt, dass sie unbedeutend wirken: \u201cAs I mentioned, Vu\u010di\u0107 has built a tentacle-like control over every part of society, including the media. All national TV stations are under his control: RTS (our national broadcaster, now a disgrace), Pink, B92, Prva, Informer\u2026 Student actions are either not covered at all or distorted. For example, when large student protests happen, those channels either don\u2019t report on them or show outdated footage with small crowds.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Er beschreibt, dass Serbien objektive Medien braucht, die nicht von der Politik kontrolliert werden. Das wirkt auf ihn jedoch auswirkslos: \u201cBut even the agency that regulates electronic media (REM) is occupied, so no one holds the media accountable for spreading lies.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Medienformate<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In seiner schriftlichen Antwort auf unsere Interviewfragen betont Marko, dass er vor allem TikTok und Instagram als Hauptinformationsquelle verwendet. Neben Social Media informiert er sich zudem \u00fcber die Sender N1 und Nova S. Er erkl\u00e4rt \u201cThere aren\u2019t many sources for people to get information from \u2013 mostly just social media, because those can\u2019t be controlled.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Marko betont einen gro\u00dfen Generationsunterschied: Vor allem \u00e4ltere Menschen seien durch Manipulation im serbischen Fernsehen betroffen, da sie sich nicht \u00fcber die sozialen Medien informieren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>5. Fazit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In Hinblick auf die Forschungsfrage wird deutlich, dass die serbische Medienlandschaft von allen Interviewpartner*innen als stark polarisiert beschrieben wird. Regierungsnahe Sender wie RTS und PINK stehen unter deutlichem Einfluss der Regierung, berichten selektiv und verbreiten propagandistische Narrative, w\u00e4hrend oppositionelle Medien wie N1, Danas oder Vreme eine kritische Gegen\u00f6ffentlichkeit bilden. Dennoch sind auch diese nicht vollst\u00e4ndig neutral: Sie neigen gelegentlich zu einseitiger Berichterstattung oder \u201cClickbaiting\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies l\u00e4sst sich im Sinne des von Herman und Chomsky zu Beginn der Arbeit erl\u00e4uterten Propaganda-Modells einordnen. Demnach agieren regierungsnahe Medien wie RTS oder PINK im Interesse m\u00e4chtiger Gruppen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Laut Herman und Chomsky wird zwar formal ein Anspruch auf Objektivit\u00e4t und Unparteilichkeit aufrechterhalten, eine kritische Kontrolle dieser Gruppen findet jedoch nicht statt. Das Interview mit der serbischen Journalistin An\u0111ela Andrijevi\u0107 verdeutlicht, dass es in der serbischen journalistischen Praxis noch drastischer ist: Sie weist darauf hin, dass lediglich ein sehr kleiner Teil der Medien nach grundlegenden journalistischen Standards arbeitet, w\u00e4hrend ein erheblicher Teil auf sensationelle und unethische Berichterstattung setzt. Ihrer Einsch\u00e4tzung nach versto\u00dfen insbesondere regierungsnahe Medien wie RTS und PINK gegen die in Serbien geltenden journalistischen Leitlinien.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Punkt ist die \u00f6konomische Motivation vieler Journalist*innen, die teilweise unabh\u00e4ngig von politischer \u00dcberzeugung arbeiten, aber der Redaktion verpflichtet sind.<br>Social Media spielt f\u00fcr j\u00fcngere Generationen eine zentrale Rolle als Informationsquelle und Gegen\u00f6ffentlichkeit. Plattformen wie Instagram oder TikTok erm\u00f6glichen direkte Berichterstattung von Protesten, oft \u00fcber studentische Accounts, die professionell mit eigenen Studios, Kameras und Interviews arbeiten. \u00c4ltere Generationen konsumieren dagegen \u00fcberwiegend regierungsnahe Fernsehsender, was zu einer Abkapselung von unabh\u00e4ngigen Informationen f\u00fchrt.<br>National berichten oppositionelle Medien ausf\u00fchrlich \u00fcber Proteste, w\u00e4hrend regierungsnahe Sender verzerrt oder gar keine Berichte liefern. Internationale Medien zeigen ein verz\u00f6gertes und selektives Interesse. Deutsche oder europ\u00e4ische Leitmedien wie Tagesschau, ZDF oder SZ berichten meist versp\u00e4tet, w\u00e4hrend kleinere, aber gesellschaftlich relevante Bewegungen wie die serbischen Studierendenproteste wenig Beachtung finden. Internationale Berichterstattung wird von den Interviewpartner*innen als glaubw\u00fcrdiger wahrgenommen, ist jedoch oft begrenzt durch geringe Relevanz, \u00f6konomische Interessen (z.\u202fB. Lithiumabbau) oder geopolitische Zusammenh\u00e4nge.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Proteste werden als breite gesellschaftliche Bewegung erlebt, unterst\u00fctzt von verschiedenen sozialen Gruppen. Die mediale Darstellung innerhalb Serbiens ist stark polarisiert: Regierungsnahe Medien pr\u00e4sentieren die Studierenden als \u201cSpione\u201c oder Landesverr\u00e4ter, w\u00e4hrend oppositionelle Medien positive Aspekte betonen. Social Media erm\u00f6glicht eine unmittelbare Sichtbarkeit und Organisation der Bewegung, was entscheidend f\u00fcr ihre Wahrnehmung ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Zentrale Herausforderungen sind mangelnde Unabh\u00e4ngigkeit der Medien und eingeschr\u00e4nkte internationale Aufmerksamkeit. Es besteht ein gro\u00dfer Bedarf an objektiver Berichterstattung, die sowohl nationale als auch internationale Zusammenh\u00e4nge ber\u00fccksichtigt. Einige Interviewpartner*innen betonen die Rolle der EU, deren offene Unterst\u00fctzung eine positive Signalwirkung entfalten k\u00f6nnte. Verantwortlicher Journalismus soll Manipulation, L\u00fcgen und Sensationsberichte vermeiden und sich an ethische Leitlinien halten, um einen konstruktiven Beitrag zur Gesellschaft zu leisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Abschlie\u00dfend l\u00e4sst sich feststellen, dass die serbische Medienlandschaft von politischer Einflussnahme und Polarisierung gepr\u00e4gt ist. Social Media fungiert als zentrale Gegen\u00f6ffentlichkeit vor allem f\u00fcr j\u00fcngere Generationen, w\u00e4hrend internationale Medien eine erg\u00e4nzende, jedoch oft versp\u00e4tete Rolle spielen. Der Journalismus steht vor der Aufgabe, Unabh\u00e4ngigkeit, Objektivit\u00e4t und ethische Standards zu st\u00e4rken, um gesellschaftlich relevante Bewegungen sichtbar und nachvollziehbar zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Durchf\u00fchrung unserer Forschungsarbeit sind uns folgende Aspekte aufgefallen, die wir in Zukunft anders machen w\u00fcrden: Im Nachhinein<strong> <\/strong>w\u00e4re es besser gewesen, alle Interviews entweder remote oder pers\u00f6nlich durchzuf\u00fchren. Bei den schriftlichen Interviews zeigt sich, dass einige Themen nur oberfl\u00e4chlich behandelt wurden, ohne dass tiefergehende Nachfragen gestellt wurden. Es w\u00e4re sinnvoll gewesen, gezielt auf bestimmte Punkte einzugehen und nachzuhaken. Unter den gegebenen Umst\u00e4nden \u2013 unter anderem knapper Zeit und Sprachbarrieren \u2013 haben wir uns dennoch f\u00fcr diesen Ansatz entschieden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zudem wird deutlich, dass wir gelegentlich den Fokus unserer Studie aus den Augen verloren haben. Einige Einstiegsfragen in den Interviews h\u00e4tten deutlich k\u00fcrzer gefasst oder ganz ausgelassen werden k\u00f6nnen, insbesondere solche zum politischen Geschehen. Zwar ist es interessant, die Perspektiven von Personen zu h\u00f6ren, die nah am Geschehen sind, jedoch liegt der Schwerpunkt unserer Forschung eigentlich auf der Medienberichterstattung. Der Fokus h\u00e4tte st\u00e4rker darauf gerichtet werden sollen, wie die Interviewpartner*innen die Berichterstattung wahrnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuk\u00fcnftige Studien zur Berichterstattung \u00fcber die Proteste in Serbien k\u00f6nnten den Fokus st\u00e4rker auf die Analyse der Berichterstattung selbst legen. Mittels qualitativer Inhaltsanalysen lie\u00dfe sich beispielsweise vergleichen, wie Social Media-Beitr\u00e4ge im Verh\u00e4ltnis zu Fernsehbeitr\u00e4gen die Proteste darstellen. Dabei k\u00f6nnte einerseits die mediale Kommunikation der Studierendenbewegungen und andererseits die Berichterstattung regierungsnaher Fernsehsender untersucht werden. Diese Analyse w\u00fcrde noch tiefere Einblicke in die medialen Darstellungsweisen der Proteste erm\u00f6glichen. Da die vorliegende Untersuchung jedoch prim\u00e4r die Wahrnehmung der Berichterstattung in den Blick genommen hat, wurde dieser Aspekt nur am Rande ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Line Lange und Alicia Reusche Am 1. November 2024 st\u00fcrzte das Vordach des erst k\u00fcrzlich renovierten Bahnhofs in Novi Sad, Serbien, ein. Dabei kamen 16 Menschen ums Leben, darunter auch Kinder und Jugendliche. W\u00e4hrend offizielle Stellen den Vorfall als tragischen Unfall einordnen, \u00e4u\u00dfern Teile der Bev\u00f6lkerung Kritik am Umgang der Regierung mit dem Ereignis und &hellip; <a href=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/proteste-in-serbien\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Die Wahrnehmung Medialer Berichterstattung \u00fcber die Proteste in Serbien<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":8613,"featured_media":669,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"page-templates\/full-width-page.php","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-34","page","type-page","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/34","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/wp-json\/wp\/v2\/users\/8613"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=34"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/34\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":718,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/34\/revisions\/718"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/wp-json\/wp\/v2\/media\/669"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=34"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}