{"id":60,"date":"2025-09-21T19:00:12","date_gmt":"2025-09-21T17:00:12","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/?page_id=60"},"modified":"2025-10-04T13:40:43","modified_gmt":"2025-10-04T11:40:43","slug":"friedensjournalismus","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/friedensjournalismus\/","title":{"rendered":"Friedensjournalismus"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\"><strong><br>Zwischen Konflikt und Verst\u00e4ndigung: Eine Analyse der deutschen Berichterstattung \u00fcber das kolumbianische Friedensreferendum 2016.&nbsp;<\/strong><\/h1>\n\n\n\n<p><em>von Lotta K\u00f6hler und Vera Laechner<\/em><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einleitung<\/h2>\n\n\n\n<p>Medien nehmen in der gesellschaftlichen Wahrnehmung internationaler Konflikte eine zentrale Rolle ein. Sie sind nicht blo\u00df neutrale Vermittler von Fakten, sondern agieren als aktive Deutungsinstanzen, die Konflikte rahmen, interpretieren und damit \u00f6ffentliche Meinungen sowie politische Entscheidungsprozesse ma\u00dfgeblich mitgestalten. Insbesondere im internationalen Kontext pr\u00e4gen westliche Medien \u2013 allen voran US-amerikanische \u2013 das Bild fremder L\u00e4nder h\u00e4ufig in \u00dcbereinstimmung mit politischen Interessen und hegemonialen Diskursen (vgl. Saleem 2007). Daraus resultieren mediale Repr\u00e4sentationsmuster, die Konfliktursachen vereinfachen, Akteure dichotomisieren und komplexe Entwicklungen auf strategische Narrative reduzieren \u2013 oftmals mit weitreichenden politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Brisanz dieser Problematik zeigt sich etwa in der Darstellung des Jemen-Kriegs in deutschen Medien. Hier dominiert bis heute das reduktionistische Narrativ eines \u201eStellvertreterkriegs\u201c zwischen Saudi-Arabien und dem Iran, das zentrale historische, religi\u00f6se und strukturelle Ursachen weitgehend ausblendet (vgl. Schrader 2019). Diese Form der Berichterstattung verfehlt nicht nur eine realit\u00e4tsnahe Konfliktbeschreibung, sondern tr\u00e4gt zur Legitimation externer Interventionen bei und kann selbst zur Versch\u00e4rfung der Lage beitragen, etwa durch die Reproduktion vereinfachter Feindbilder und Machtlogiken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres, bisher weniger systematisch erforschtes Beispiel stellt die internationale Berichterstattung \u00fcber das gescheiterte kolumbianische Friedensreferendum mit der Guerillabewegung FARC im Jahr 2016 dar. Trotz der historischen Tragweite des Abkommens wurde die mediale Darstellung vielfach von emotionalisierten Feindbildern, vereinfachenden Zuschreibungen und kriegsjournalistischen Narrativen dominiert (vgl. Garc\u00eda-Perdomo 2024). W\u00e4hrend internationale Medien das Nein-Votum oft als \u201everpasste historische Chance\u201c interpretierten, griffen viele kolumbianische Medien verst\u00e4rkt die Argumente der Gegner auf und rahmten die Ablehnung als Ausdruck eines legitimen Sicherheits- und Gerechtigkeitsbed\u00fcrfnisses. Diese mediale Rahmung beeinflusste ma\u00dfgeblich die \u00f6ffentliche Wahrnehmung des Abkommens und pr\u00e4gte die politische Debatte in den Folgemonaten (vgl. Garc\u00eda-Perdomo 2024; Harlow &amp; Brown 2022).<\/p>\n\n\n\n<p>Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob und in welchem Ma\u00dfe ein sogenannter konfliktsensibler Journalismus \u2013 theoretisch fundiert im Konzept des Friedensjournalismus von Johan Galtung (1998) \u2013 in der internationalen Berichterstattung Anwendung findet. Friedensjournalismus strebt eine deeskalierende, multiperspektivische und l\u00f6sungsorientierte Darstellung an, w\u00e4hrend Kriegsjournalismus Konflikte als dramatische Konfrontation zwischen unvers\u00f6hnlichen Lagern inszeniert. Die Entscheidung f\u00fcr eines dieser Muster beeinflusst nicht nur das Konfliktverst\u00e4ndnis der Rezipient:innen, sondern potenziell auch den Verlauf des Konflikts selbst (vgl. De Vreese 2005).<\/p>\n\n\n\n<p>Ziel der vorliegenden Arbeit ist es daher, die deutsche Berichterstattung \u00fcber das gescheiterte kolumbianische Friedensreferendum im Jahr 2016 unter dem Gesichtspunkt des konfliktsensiblen Journalismus zu untersuchen. Die zentrale Forschungsfrage lautet: <em>Inwieweit folgte die deutsche Berichterstattung zum gescheiterten kolumbianischen Friedensreferendum 2016 den Prinzipien eines konfliktsensiblen Journalismus? <\/em>Um dieser Frage nachzugehen, wird zun\u00e4chst der theoretische Rahmen von Friedens- und Kriegsjournalismus erl\u00e4utert. Auf dieser Grundlage werden Codierleitfragen f\u00fcr eine qualitative Inhaltsanalyse ausgew\u00e4hlter Medienberichte entwickelt. Ziel ist es, mediale Erz\u00e4hlmuster sichtbar zu machen, die entweder zur Versachlichung und Deeskalation beigetragen haben \u2013 oder aber zur Reproduktion konfliktversch\u00e4rfender Narrative. Die Untersuchung bietet wichtige Erkenntnisse f\u00fcr die journalistische Praxis im Umgang mit politischen Konflikten. In einer globalen Medienlandschaft, die zunehmend von Polarisierung und Informationskriegen gepr\u00e4gt ist, stellt sich die Frage nach verantwortungsvoller Konfliktberichterstattung mit neuer Dringlichkeit \u2013 nicht zuletzt im Hinblick auf die demokratische Meinungsbildung, die gesellschaftliche Friedensf\u00e4higkeit und die internationale \u00f6ffentliche Diplomatie.<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wie Journalismus Konflikte rahmt &#8211; Ein Spannungsfeld<\/h2>\n\n\n\n<p>In der global vernetzten und weitestgehend mediatisierten Welt spielt Auslandsberichterstattung eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, wie Konflikte und Kriege wahrgenommen werden. Durch den Einsatz von Auswahl, Betonung, Ausschluss und Ausarbeitung werden Nachrichteninhalte kontextualisiert und Kriege und Konflikte werden auf die eine oder andere Weise dargestellt (vgl. Tankard et al. 1991). Empirische Untersuchungen kamen zu den Ergebnissen, dass Konfliktberichterstattung h\u00e4ufig unter Sensationslust, Identifikation mit nur einer Seite und einer \u00dcberbetonung von materiellen Sch\u00e4den und menschlichen Verlusten gepr\u00e4gt ist (vgl. Allen und Seaton, 1999). Diese Art der Berichterstattung wird als Kriegsjournalismus bezeichnet, bei dem Journalisten eine Sprache des milit\u00e4rischen Triumphs und eine Handlungsorientierung verwenden, die zu Gewalt als Mittel zur L\u00f6sung dr\u00e4ngt, was sogar zu einer Ausweitung des Konflikt f\u00fchren kann (vgl. Lee und Maslog, 2005). F\u00fcr die Analyse werden im folgenden konkrete Merkmale der Berichterstattung erarbeitet und einander gegen\u00fcbergestellt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Merkmale der Konfliktberichterstattung<\/h3>\n\n\n\n<p>Gewaltsame Konflikte sind relevante und negative Ereignisse, die die Existenz von Menschen unmittelbar bedrohen. Kriege und Konflikte verf\u00fcgen \u00fcber einen hohen Nachrichtenwert und sind dadurch zentrale Themen f\u00fcr die internationale Massenpresse. Die Bedingungen, unter denen Kriegs- und Konfliktberichterstattung entstehen, sind h\u00e4ufig prek\u00e4r. Reporter:innen sind im Konfliktgebiet eingeschr\u00e4nkt, m\u00fcssen sich auf offizielle Quellen verlassen oder arbeiten im Rahmen von \u201eembedded journalism\u201c, was zu selektiven, propagandistisch gef\u00e4rbten Darstellungen f\u00fchren kann (vgl. Jungblut 2022, S. 315). Gleichzeitig erschweren \u00f6konomische Zw\u00e4nge \u2013 etwa durch schrumpfende Budgets oder der Einsatz von \u201eparachute journalists\u201c \u2013 eine fundierte, kontinuierliche Berichterstattung (ebd.).&nbsp;<br>Empirischen Studien zufolge verf\u00fcgt Kriegs- und Konfliktberichterstattung \u00fcber einige, leicht variierende, aber immer wiederkehrende Merkmale. Zum einen tendieren Medien dazu, besonders <strong>gewaltvolle, drastische und emotional aufgeladene Aspekte<\/strong> eines Konflikt zu betonen. \u201eFollowing general journalistic routines to foreground dramatic, threatening and conflictual information, violence often takes the centre stage in the news, even for events that are not originally about violent conflict\u201c (Baden und Tenenboim- Weinblatt 2018, S. 29). Zus\u00e4tzlich kommt es zu einer <strong>Fokussierung auf Opfer- und Todeszahlen<\/strong>. Daraus folgt oft, dass gewaltsame Handlungen die Berichterstattung dominieren, w\u00e4hrend die Ursachen oder Bem\u00fchungen um Friedensverhandlungen in den Hintergrund r\u00fccken (vgl. ebd). Ein weiteres Merkmal ist die fehlende Ausgewogenheit der Berichterstattung. Es zeigt sich, dass Konflikte vermehrt <strong>einseitig und aus einer ethnozentristischen Ingroup-Perspektive <\/strong>betrachtet und beschrieben werden. Dabei werden eigene Akteure legitimiert, w\u00e4hrend der Gegner d\u00e4monisiert oder delegitimiert wird (Kempf 2001, S. 134\u2013137; vgl. Wolfsfeld et al. 2008). Handlungen und Ziele der \u201eOutgroup\u201c werden als irrational oder unmoralisch dargestellt, w\u00e4hrend eigene Fehler relativiert werden. Dies f\u00fchrt zur moralischen Legitimierung eigener Gewalt und Delegitimierung des Gegners (ebd.). Jungblut (2022) schlie\u00dft daraus, dass es einige Kontextfaktoren im Verh\u00e4ltnis von Politik und Medien gibt, die eine einseitige Berichterstattung beg\u00fcnstigen. Journalist*innen scheinen besonders bei Konflikten, die das eigene Land betreffen, ihre kritische Distanz zu verlieren und <strong>\u00fcbernehmen zunehmend die politischen Argumente einer Regierung<\/strong>. Abweichende Meinungen werden dadurch aus dem \u00f6ffentlichen Diskurs ausgeschlossen (ebd). Daraus folgt auch eine <strong>Moralisierung der Konfliktparteien in \u201cFreund-Feind\u201d und \u201cGut-B\u00f6se\u201d &#8211; Logiken.<\/strong> Diese Polarisierung erschwert differenzierte Konfliktanalysen und f\u00f6rdert die Eskalation (Kempf 2001, S. 134f.).<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Friedensjournalismus und alternative Begriffe<\/h3>\n\n\n\n<p>Friedensjournalismus ist ein journalistisches Konzept, das unter anderem auf die Arbeiten von Johan Galtung (1998) zur\u00fcckgeht und sich in Abgrenzung zur Gewalt zentrierten Berichterstattung des Kriegsjournalismus entwickelt hat. Galtung definiert Friedensjournalismus als eine Form der Berichterstattung, die sich auf Konflikttransformation, Perspektivenvielfalt und Ursachenanalyse konzentriert und dadurch einen Beitrag zur Deeskalation leisten soll. Er unterscheidet grundlegend zwischen einem <em>violence-oriented war journalism<\/em> und einem <em>peace-oriented conflict journalism<\/em> (vgl. Galtung 1998). W\u00e4hrend Kriegsjournalismus Konflikte als Kampf zwischen &#8222;Gut&#8220; und &#8222;B\u00f6se&#8220; darstellt, fokussiert Friedensjournalismus auf die zugrunde liegenden Konfliktgegenst\u00e4nde, die Interessen aller beteiligten Parteien und m\u00f6gliche kooperative L\u00f6sungsans\u00e4tze. Journalist*innen werden hier nicht als neutrale Chronisten verstanden, sondern als aktive Mitgestalter gesellschaftlicher Diskurse, die durch die Auswahl und Rahmung von Informationen zur \u00f6ffentlichen Konfliktwahrnehmung beitragen (Kempf 2004, S. 440\u2013443).<\/p>\n\n\n\n<p>Friedensjournalistische Ans\u00e4tze verfolgen die ausf\u00fchrliche Darstellung und Kontextualisierung von politischen, sozialen und historischen Konfliktursachen, statt den Fokus auf gewaltsame Ereignisse und Todeszahlen zu legen. Daf\u00fcr sei es wichtig, alle Konfliktparteien zu Wort kommen zu lassen. Au\u00dferdem sollten Polarisierung und moralisierende Schuldzuweisungen vermieden werden, um Konflikte zu deeskalieren (Kempf 2001, S. 134-136). Die Rolle der Journalist*innen beinhaltet das Reflektieren der eigenen Position im Diskurs sowie die Gefahren selektiver Informationsverarbeitung. Der Fokus der Berichterstattung sollte au\u00dferdem auch auf alternative und friedliche L\u00f6sungsans\u00e4tze gelenkt werden, wie zum Beispiel Mediation, diplomatische Initiativen und zivile Friedensakteure. Kempf schl\u00e4gt hierf\u00fcr ein \u201eZwei-Stufen-Modell\u201c vor: Zuerst soll ein journalistischer Mindeststandard (\u201edeeskalationsorientierte Berichterstattung\u201c) gew\u00e4hrleistet werden, der durch Neutralit\u00e4t, Perspektivenvielfalt und Kontextualisierung gepr\u00e4gt ist. In einem zweiten Schritt kann die Berichterstattung aktiv zur F\u00f6rderung konstruktiver Konfliktl\u00f6sungen beitragen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Konfliktsensibler Journalismus<\/h3>\n\n\n\n<p>Trotz seines normativen Potenzials steht das Konzept des Friedensjournalismus in der Praxis vor erheblichen Umsetzungsproblemen. Es erfordert nicht nur umfassende Kontextkenntnisse, sondern auch die bewusste Entscheidung gegen konventionelle Nachrichtenlogik \u2013 etwa gegen Sensationalismus, Einseitigkeit oder nationalen Bias. Zudem ist der Begriff \u201eFriedensjournalismus\u201c semantisch aufgeladen und wird mitunter als zu idealistisch, moralisierend oder weltfremd kritisiert (vgl. Bilke 2006). F\u00fcr einen praxisnahen und zeitgem\u00e4\u00dferen Ansatz eignet sich das Modell des Konfliktsensiblen Journalismus nach Ross Howard. Howard (2004) entwickelte das Konzept auf Grundlage praktischer Erfahrungen in Sri Lanka, Ruanda, Sierra Leone, dem Nahen Osten und weiteren Konfliktregionen. Ziel war es, Journalist*innen in Konfliktregionen Instrumente an die Hand zu geben, mit denen sie ihre eigene Wirkung auf Konfliktdynamiken besser reflektieren k\u00f6nnen und dies ganz praktisch anhand einer \u201cChecklist\u201d \u00fcberpr\u00fcfen k\u00f6nnen. Howard definiert das Konzept folgenderma\u00dfen: \u201cConflict-sensitive journalism is journalism that contributes to peaceful resolution of conflict by avoiding stereotypes, providing context, presenting multiple perspectives and analyzing the causes of conflict \u2013 all while still adhering to the core journalistic values of accuracy, fairness and responsibility.\u201d (Howard 2004, S. 6).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Grundannahmen sind dem Modell des Friedensjournalismus \u00e4hnlich. Howard fordert jedoch einige weitere F\u00e4higkeiten von Reportern, um ihrer Rolle in Konflikten gerecht zu werden. Er geht davon aus, dass Journalist*innen in von Gewalt gepr\u00e4gten Gesellschaften eine besondere Verantwortung tragen \u2013 nicht im Sinne politischer Parteinahme, sondern durch die bewusste Reflexion \u00fcber die Wirkung ihrer Berichterstattung auf bestehende Spannungen. Er legt Wert auf das tiefgehende Verst\u00e4ndnis von Konfliktursachen, vor allem im Bezug auf <strong>strukturelle und kulturelle Gewalt,<\/strong> die oft die eigentliche Ursache direkter physischer Gewalt sind. Au\u00dferdem fordert er die <strong>Identifizierung zugrunde liegender Interessen <\/strong>&#8211; guter Journalismus fragt nach den wahren Interessen der Konfliktparteien, auch jenseits der Anf\u00fchrer. Laut Howard dienen Medien durchaus als <strong>Emotionales Ventil. <\/strong>Sie k\u00f6nnen ein wichtiges Ventil f\u00fcr das Ausdr\u00fccken von Beschwerden oder Wut bieten, wodurch Konflikte in den Medien ausgetragen werden k\u00f6nnen, statt auf der Stra\u00dfe. Ein wichtiger Bestandteil konfliktsensibler Berichterstattung ist zudem das Potenzial zur L\u00f6sungsfindung, indem man von den Streitparteien konkrete L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge einfordert, anstatt nur deren Rhetorik zu wiederholen. Howard stellt zus\u00e4tzlich zu diesem Pr\u00e4missen eine Art Checkliste auf, an der sich Journalist*innen orientieren k\u00f6nnen und die ebenfalls in unsere Analyse einflie\u00dft:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Vermeidung einseitiger Darstellungsweisen.<\/li><li>Zitate jenseits der Eliten einholen.<\/li><li>Vermeidung emotionaler und unpr\u00e4ziser W\u00f6rter; nur zitieren, wenn andere diese verwenden.<\/li><li>Vermeidung von W\u00f6rtern wie &#8222;Terrorist&#8220;, &#8222;Extremist&#8220; oder &#8222;Fanatiker&#8220;, da diese parteiisch sind und Verhandlungen erschweren; stattdessen Menschen so nennen, wie sie sich selbst nennen.<\/li><li>Friedensideen untersuchen, egal woher sie kommen, und F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten mit diesen Ideen konfrontieren&nbsp;<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die folgende Analyse ist das Konzept des konfliktsensiblen Journalismus geeigneter als die traditionellen Modelle des Friedensjournalismus. Zum einen, weil es einen praxisnahen und methodischen Ansatz verfolgt. Zum anderen, weil die erarbeiteten Merkmale den Anspruch haben, umfassend auf sensible Sprache, Selbstreflexion im Umgang mit stereotypischen Darstellungen und Schutz von Minderheiten zu achten. Anstatt Reporter*innen eine idealistische und Peace-Building-Rolle zuzuschreiben, der sie in den meisten F\u00e4llen nicht gerecht werden k\u00f6nne, wird im Rahmen der konfliktsensiblen Berichterstattung an ihre Verantwortung als Medienakteure im Konfliktfeld appelliert (vgl. Howard 2004). Dadurch ist das Modell deutlich anschlussf\u00e4higer und eignet sich f\u00fcr Forschungen, die auch die Frage nach der Medienethik stellen wollen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">R\u00fcckblick in bisherige Forschungen<\/h3>\n\n\n\n<p>Bei empirischen Untersuchungen zu Konfliktberichterstattung handelt es sich meistens um Inhaltsanalytische Frame Analysen. Ein Frame nach Robert Entman ist ein Deutungsrahmen, der bestimmte Aspekte einer Realit\u00e4t ausw\u00e4hlt, betont, erkl\u00e4rt oder bewertet, um ein Thema in einem bestimmten Licht erscheinen zu lassen. Framing strukturiert damit die Wahrnehmung und Interpretation von Ereignissen, indem es z.\u202fB. Probleme definiert, Ursachen zuschreibt, moralische Bewertungen liefert und Handlungsempfehlungen impliziert (Entmann 1993). Berichterstattung wird demnach versucht entweder in den Frame der Friedens- oder der Kriegsberichterstattung einzuordnen. Mehrere empirische Studien zum Modell des Friedensjournalismus haben dessen dichotomische Natur kritisiert, da es die typischen Merkmale journalistischer Arbeit au\u00dfer Acht l\u00e4sst (vgl. Tenenboim-Weinblatt et al., 2015; Hussain, 2020a und Hussain, 2020b). Kritiker*innen argumentieren, dass die meisten Medieninhalte irgendwo zwischen den beiden extremen Kategorien Friedens- und Kriegsberichterstattung liegen, und haben alternativ differenzierte Modelle entwickelt, um die Haupttendenzen in Bezug auf Kriegs- und Friedensrahmen zu erfassen.&nbsp; Dazu geh\u00f6rt unter anderem das Modell der konstruktiven Berichterstattung nach Kempf (u. a. 2003, 2018, 2021), Bilkes konfliktsensitiver Journalismus (2008) oder die im vorherigen Abschnitt vorgestellten konfliktsensiblen journalistischen Richtlinien nach Howard (2004). Diese Modelle sind die Grundlage f\u00fcr empirische Forschung der letzten Jahre auf dem Gebiet der konfliktsensiblen Berichterstattung.<\/p>\n\n\n\n<p>Saleem (2007) stellt fest, dass insbesondere im internationalen Kontext westliche Medien \u2013 allen voran US-amerikanische \u2013 das Bild fremder L\u00e4nder h\u00e4ufig in \u00dcbereinstimmung mit politischen Interessen und hegemonialen Diskursen pr\u00e4gen. Das deckt sich mit den Befunden, dass sich Medien in den meisten F\u00e4llen auf die Seite der Macht stellen, da eine Ann\u00e4herung an m\u00e4chtige Akteure finanzielle oder politische Vorteile mit sich bringt (vgl. Hawkins, 2011; \u015eahin und Karayianni, 2020; Shinar, 2009). Au\u00dferdem scheint es eine signifikante Beziehung zwischen der Einordnung von Kriegs-\/Friedensjournalismus und Sprache zu geben, wobei englischsprachige Nachrichtenberichte eher als Kriegsjournalismus, denn als Friedensjournalismus eingestuft werden (vgl. Lee 2010). Lee (2010) stellt zudem fest, dass es in intensiven Konfliktphasen vermehrt zur Verwendung von Kriegsjournalismus-Frames kommt. Bei weniger intensiven Konflikten und w\u00e4hrend Verhandlungsphasen kommt es zu einer st\u00e4rkeren Verwendung von konfliktsensiblen Journalismus.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Analyse der t\u00fcrkischen Presse zeigte, dass Journalist*innen in der Berichterstattung \u00fcber den Konflikt mit Syrien h\u00e4ufig eine aufgeladene Sprache verwendeten, ein \u201eWir-gegen-sie\u201c-Narrativ bedienten und die Schuld jeweils der anderen Seite zuschrieben (vgl. Ersoy 2016). Eine Inhaltsanalyse der Berichterstattung der New York Times und der Washington Post \u00fcber den Kaschmir-Konflikt kam zu dem Schluss, dass geopolitische Implikationen ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Darstellung von Geschichten in Bezug auf Krieg und Frieden spielten, da diese US-Zeitungen Pakistan oft als Feind darstellen (vgl. Siraj 2008).<\/p>\n\n\n\n<p>Eine weitere Folge, die mit Kriegsjournalistischer Berichterstattung einhergeht, ist Komplexit\u00e4tsverlust. Diesbez\u00fcglich kommt Ismail (2008) zu dem Schluss, dass die Medienberichterstattung wichtige Komplexit\u00e4ten ignorierte, die \u201edie M\u00f6glichkeit eines echten Verst\u00e4ndnisses der Konfliktdynamik weitgehend ausschlossen, anstatt sie zu erleichtern.\u201d (Ismail 2008, S. 196) Wolfsfeld (2003) konstatiert diesbez\u00fcglich, dass sich die Nachrichten, selbst w\u00e4hrend der Berichterstattung \u00fcber einen Friedensprozess, auf den anhaltenden Konflikt zwischen den beiden Seiten konzentrieren, was auf das st\u00e4ndige Bed\u00fcrfnis der Medien nach Dramatik zur\u00fcckzuf\u00fchren ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die mediale Darstellung des kolumbianischen Konflikts, sowohl auf lokaler als auch nationaler Ebene, mit besonderem Fokus auf die Zeit der Friedensverhandlungen zeigt dabei ein ambivalentes Bild: denn selbst w\u00e4hrend der Berichterstattung \u00fcber den Friedensprozess dominierten h\u00e4ufig kriegsorientierte Narrative in den kolumbianischen Leitmedien (vgl. Garc\u00eda-Perdomo et al. 2024).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Vergleich internationaler und nationaler Berichterstattung legt zentrale Unterschiede offen: W\u00e4hrend in Kolumbien vermehrt Kriegs-Frames verwendet wurden, dominierten in internationalen Medien \u2013 insbesondere aus Europa und Nordamerika \u2013 Friedens-Frames. Diese Diskrepanz k\u00f6nnte erkl\u00e4ren, warum das Nein zum Friedensreferendum im Ausland vielfach \u00fcberraschend wahrgenommen wurde (Garc\u00eda-Perdomo et al. 2024, S.1006). Es macht also einen Unterschied, ob \u00fcber \u201eeigene\u201c Konflikte oder \u201eexterne\u201c Konflikte berichtet wird in die man nicht aktiv verwickelt ist. Die internationale Berichterstattung vermittelte m\u00f6glicherweise ein Bild von kollektiver Friedensbereitschaft, das der innerkolumbianischen Realit\u00e4t \u2013 gepr\u00e4gt von Misstrauen, Skepsis und kriegserprobten Deutungsmustern \u2013 nicht entsprach. Dieses negative Framing des kolumbianischen Friedensprozesses sahen die B\u00fcrger, m\u00f6glicherweise beeinflussten so die Medien die Entscheidung das Referendum abzulehnen (vgl. Rodriguez 2011).<\/p>\n\n\n\n<p>Historisch betrachtet dienen Friedensreferenden oft der Legitimation von Abkommen zur Beendigung gewaltsamer Konflikte in der Gesellschaft. Sie k\u00f6nnen jedoch scheitern, und damit den Friedensprozess blockieren oder dessen Grundlage schw\u00e4chen \u2013 mit m\u00f6glichen Risiken f\u00fcr erneute Gewalt. Wie Medien auf ein scheiterndes Referendum reagieren, kann dabei entscheidend sein. Dieser Frage wollen wir im&nbsp; Folgenden anhand der deutschen Medienberichterstattung nach dem gescheiterten Friedensreferendum 2016 in Kolumbien nachgehen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Kolumbianische B\u00fcrgerkrieg und die Herausforderungen des Friedensprozesses<\/h2>\n\n\n\n<p>Der Konflikt in Kolumbien, der seit den 1960er-Jahren andauert, ist einer der l\u00e4ngsten und komplexesten bewaffneten Auseinandersetzungen weltweit. Die Urspr\u00fcnge des Konflikts liegen in sozialen Ungleichheiten, Landkonflikten und politischer Ausgrenzung, die sich im Laufe der Jahrzehnte mit ideologischen, wirtschaftlichen und kriminellen Motiven, insbesondere dem Drogenhandel, vermischten. Zu den Hauptakteuren geh\u00f6ren die Kolumbianische Regierung, Linke Guerillagruppen (FARC und ELN) und Rechte Paramilit\u00e4rs (bis 2006 AUC, danach BACRIM und GAO). Hinzu kam die Drogenmafia als Akteur mit eigenen Interessen, die mit den Guerilla- und Paramilit\u00e4rsgruppen verflochten war. Die Konfliktdynamik hat sich \u00fcber die Jahre mehrfach gewandelt. Die 1980er und 1990er Jahre waren gepr\u00e4gt vom Kampf gegen den Drogenhandel und der Demobilisierung kleinerer Guerillagruppen. Zwischen 2000 und 2012, pr\u00e4gte der &#8222;Plan Colombia&#8220; die Auseinandersetzung, eine massive, von den USA unterst\u00fctzte Milit\u00e4roffensive gegen Guerilla und Drogenkartelle (vgl. Perez 2025). Ein entscheidender Wendepunkt wurde 2012 eingeleitet, als die kolumbianische Regierung unter Pr\u00e4sident Juan Manuel Santos Friedensverhandlungen mit der FARC aufnahm. Diese f\u00fchrten am 26. September 2016 zur Unterzeichnung eines historischen Friedensvertrags. Im Zuge dessen legten mehr als 13.000 FARC-K\u00e4mpfer ihre Waffen nieder. Nachdem der Friedensvertrag unterzeichnet war, wurde die kolumbianische Bev\u00f6lkerung in einem Referendum dazu aufgerufen, \u00fcber die Annahme dieses Vertrags abzustimmen. Die Frage lautete im Wesentlichen, ob die W\u00e4hler das Friedensabkommen bef\u00fcrworten oder ablehnen. Bei diesem Referendum stimmte eine knappe Mehrheit von 50,2% der W\u00e4hler gegen das Abkommen ( ebd).<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem \u00fcberraschenden Ausgang des Referendums k\u00fcndigte Pr\u00e4sident Juan Manuel Santos an, den Friedensprozess dennoch fortzuf\u00fchren und betonte, der Waffenstillstand bleibe in Kraft. Bereits am 12. November wurde ein \u00fcberarbeiteter Vertragstext vorgestellt, der auf die Kritikpunkte der Gegner einging \u2013 insbesondere bei Fragen zur \u00dcbergangsjustiz und zur parlamentarischen Integration der FARC. Nur wenige Tage sp\u00e4ter, am 30. November 2016, billigte der Kongress die Vereinbarung einstimmig \u2013 die \u00f6ffentliche Volksabstimmung wurde damit umgangen (vgl. Maihold 2016).<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz des formalen Erfolg verbesserte sich die Sicherheitssituation in vielen ehemaligen Konfliktgebieten nur langsam. Staatliche Pr\u00e4senz blieb l\u00fcckenhaft, und in den entstehenden Machtvakuen agierten bewaffnete Gruppen, darunter paramilit\u00e4rische Strukturen, kriminelle Banden und dissidente FARC-Mitglieder. Gr\u00fcnde daf\u00fcr werden unter anderem im \u00f6ffentlichen Umgang und der Berichterstattung gesehen. In der nationalen und internationalen Berichterstattung zeigte sich eine deutliche Polarisierung: W\u00e4hrend internationale Medien das Nein-Votum oft als \u201everpasste historische Chance\u201c interpretierten, griffen viele kolumbianische Medien verst\u00e4rkt die Argumente der Gegner auf und rahmten die Ablehnung als Ausdruck eines legitimen Sicherheits- und Gerechtigkeitsbed\u00fcrfnisses. Diese mediale Rahmung beeinflusste ma\u00dfgeblich die \u00f6ffentliche Wahrnehmung des Abkommens und pr\u00e4gte die politische Debatte in den Folgemonaten (vgl. Garc\u00eda-Perdomo 2024, Harlow &amp; Brown 2022).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Methodisches Vorgehen<\/h2>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Analyse der deutschen Berichterstattung zum kolumbianischen Friedensreferendum von 2016 wurde die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring (2015) angewendet. Diese Methode eignet sich insbesondere zur systematischen Untersuchung kommunikativer Inhalte, bei denen weniger die Quantit\u00e4t als vielmehr die Bedeutungsstruktur und Kontextualisierung im Vordergrund steht. Die strukturierende Inhaltsanalyse, bei der ein Kategorien geleitetes Vorgehen mit induktiven und deduktiven Elementen kombiniert wird, steht dabei im Zentrum. Das Kategoriensystem wurde anhand der Empfehlungen von Howard (2004) zusammengestellt. Die Kategorien wurden zun\u00e4chst aus der Literatur abgeleitet (deduktiv) und anschlie\u00dfend im Analyseprozess induktiv erg\u00e4nzt, um m\u00f6glichst nah am Material zu sein. Ziel war es, Textmerkmale und Muster zu identifizieren, die entweder Konflikt versch\u00e4rfende oder deeskalierende Merkmale aufweisen.Zur Umsetzung der Analyse wurde die webbasierte Plattform QCAmap (<a href=\"http:\/\/www.qcamap.org\/\">www.qcamap.org<\/a>) verwendet, ein Tool, das speziell f\u00fcr qualitative Inhaltsanalysen nach Mayring entwickelt wurde. QCAmap erm\u00f6glicht die strukturierte Kodierung, die transparente Dokumentation des Kategoriensystems sowie eine systematische Reflexion der Codier-Entscheidungen. Die Auswertung erfolgte manuell auf Basis der codierten Textsegmente, wobei einzelne Medienbeitr\u00e4ge als Analyseeinheit dienten. Die qualitative Inhaltsanalyse erlaubt damit nicht nur eine analytische Auswertung der Berichterstattung, sondern tr\u00e4gt auch zur theoriegeleiteten Interpretation journalistischer Praktiken im Umgang mit scheiternden (Friedens-)Referenden bei.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Entwicklung der Codierleitfragen und Operationalisierung<\/h3>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die inhaltsanalytische Erhebung und zur Bestimmung von Kriegs- versus Konfliktsensibler Berichterstattung im kolumbianischen Friedenskontext, wurde theorie- und empiriegeleitet ein Codierleitfaden bestehend aus acht Codierleitfragen entwickelt. Die theoretisch begr\u00fcndeten Codierleitfragen orientieren sich an der Checkliste f\u00fcr konfliktsensitiven Journalismus von Howard (2004) wurden jedoch inhaltlich an den Fall und das zu codierende Material angepasst. Anschlie\u00dfend wurden themenspezifische Kategorien formulierte die entweder der konfliktsensitiven oder der kriegsjournalistischen Berichterstattung zugewiesen werden k\u00f6nnen.&nbsp; Durch die Orientierung an bereits bestehender Literatur kann davon ausgegangen werden, dass die Kategorien trennscharf definiert sind, sich die einzelnen Auspr\u00e4gungen wechselseitig ausschlie\u00dfen und alle Auspr\u00e4gungen sich auf das gleiche Merkmal beziehen (vgl. Brosius et al. 2016).<strong> <\/strong>Im Folgenden werden die acht Codierleitfragen (RQ) mit ihren Kategorien kurz aufgef\u00fchrt, das ausf\u00fchrliche Codierschema befindet sich zur intersubjektiven Nachvollziehbarkeit in Anhang dieses Beitrags.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>RQ 01: Welches ist das Hauptthema des Beitrags?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Codiert wird induktiv das Hauptthema des Artikels (z. B. abgelehnter Friedensvertrag, Friedensverhandlungen, Kriegs- Entwicklung). Das Hauptthema ist jenes Thema des Artikels, das r\u00e4umlich den meisten Platz einnimmt. Oft ist das Hauptthema bereits in der \u00dcberschrift bzw. im Vorspann des Artikels angek\u00fcndigt. Sollte der Artikel mehrere Themen aufweisen, denen gleichwertig Aufmerksamkeit geschenkt wird, ist das zuerst erw\u00e4hnte Thema als Hauptthema einzutragen.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>RQ 02: Welche weiteren Themen werden im Beitrag aufgegriffen?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Codiert werden Themengebiete, denen im Beitrag Beachtung geschenkt wird. Die Themen wurden als Kategorien vor der Analyse deduktiv anhand bereits bestehender Literatur ausgew\u00e4hlt, z.B. Politik, Wirtschaft, Medien und Desinformation, Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>RQ 03: Wie wird das abgelehnte Friedensabkommen dargestellt?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Frage soll den ersten Eindruck festhalten, wie die Situation nach dem gescheiterten Referendum dargestellt wird. Vier m\u00f6gliche Darstellungsformen wurden identifiziert und k\u00f6nnen somit codiert werden:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Bin\u00e4re Darstellung zwischen den Bef\u00fcrworter und den Gegnern des Friedensabkommens<\/li><li>Eine Situation die als vielschichtiger Aushandlungsprozess begriffen wird, in der alle am gleichen Strang ziehen m\u00fcssen<\/li><li>Als eine unl\u00f6sbare und aussichtslose Situation<\/li><li>Als ein Problem, das nur zwischen der Regierung, der FARC und der Opposition gel\u00f6st werden kann, ohne jegliche zivilgesellschaftliche Beteiligung.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p><em><strong>RQ 04: Welche Ursachen werden als Grund f\u00fcr das Scheitern des Abkommens genannt?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Hier wird codiert, ob in dem Artikel z.B. historische, politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche Hintergr\u00fcnde der sich im Konflikt befindenden Parteien aufgezeigt werden, die dem tieferen Verst\u00e4ndnis des aktuellen Geschehens dienen.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>RQ 05: Wird im Beitrag tendenzi\u00f6se Sprache verwendet?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Alle im Artikel tendenzi\u00f6sen Bezeichnungen werden festgehalten. Es wird dokumentiert, ob in der Berichterstattung emotionalisierende, dramatisierende, moralisierende Sprache verwendet wird, z.B. dichotome Metaphern, stigmatisierende Begriffe und wertende Sprache. Neutrale Sprachverwendung wird nicht codiert.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>RQ 06: Wem wird in den Beitr\u00e4gen die Schuld am Scheitern des Friedensreferendum zugewiesen?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Codierleitfrage dokumentiert, ob klare Schuldzuweisung an einzelne Akteure gemacht wird. Wird zum Beispiel der kolumbianischen Bev\u00f6lkerung die Schuld am gescheiterten Referendum gegeben, da sie es abgelehnt hat oder wird dem Nein-Lager klar die Schuld am Scheitern gegeben. Bei Artikeln ohne Schuldzuweisung wird Sach-basierte Problematisierung codiert.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>RQ 07: Welche Akteur*innen kommen im Beitrag zu Wort?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Codiert werden die verschiedenen Akteur*innen, die im Beitrag zu Wort kommen: Vertreter der Regierung (z.B. Pr\u00e4sident Santos), Oppositions Politiker, Expert*innen, Einzelpersonen\/ Familien, Journalist*innen etc.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>RQ 08: Werden Wege aufgezeigt, wie mit dem Ergebnis des Referendums umgegangen werden sollte?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Hier werden die im Artikel geforderten oder abgelehnten Ma\u00dfnahmen zur L\u00f6sung bzw. zur Verbesserung der aktuellen Situation kurz und pr\u00e4gnant in Stichworten notiert und eingeordnet in unter anderem folgende Kategorien: politisch, juristisch, milit\u00e4risch, den Vertrag \u00fcberarbeiten<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Berichterstattung \u00fcber den kolumbianischen B\u00fcrgerkrieg in Deutschland<\/h3>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Analyse wurden insgesamt 20 journalistische Beitr\u00e4ge aus \u00fcberregionalen deutschen Medien (u. a. Focus, Zeit, taz, Deutsche Welle, Deutschlandfunk) ausgew\u00e4hlt. Der Untersuchungszeitraum umfasst den 02. bis 13. Oktober 2016, also knapp zwei Wochen nach dem gescheiterten kolumbianischen Friedensreferendum. Dieser Zeitraum wurde gew\u00e4hlt, da die unmittelbare Phase nach dem Referendum besonders gepr\u00e4gt war von Reaktionen, Einordnungen und ersten internationalen Bewertungen, die f\u00fcr die Forschungsfrage nach Konfliktsensibilit\u00e4t im Journalismus besonders aufschlussreich sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Auswahl der Artikel erhebt keinen Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit, sondern verfolgt das Ziel, ein analytisch handhabbares Korpus zu schaffen, das zugleich eine breite Spannweite deutscher Auslandsberichterstattung abdeckt. Zentral ist, dass es sich ausschlie\u00dflich um deutsche Berichterstattung \u00fcberregionaler Medien handelt. Damit steht nicht die Spezifikation einzelner Redaktionen im Fokus, sondern die Darstellungsweise deutscher Medien\u00f6ffentlichkeit insgesamt. Es handelt sich folglich nicht um eine Medienanalyse im engeren Sinne \u2013 das konkrete Medium ist f\u00fcr die Auswertung zweitrangig. Entscheidend ist vielmehr, welche Muster der internationalen Konfliktberichterstattung im deutschen Kontext erkennbar werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Folgenden werden die Ergebnisse der Analyse mit Qcamap strukturiert dargestellt und in die theoretischen \u00dcberlegungen eingeordnet und interpretiert. Zur pr\u00e4ziseren \u00dcbersicht und Eingrenzung werden nicht alle Beispiele und Kategorien ausf\u00fchrlich behandelt.&nbsp; Die genaue Dokumentation der formalen Kategorien sowie die vollst\u00e4ndigen Tabellen mit Kategorien und Ankerbeispielen der Codierleitfragen befinden sich auf der Seite der Quellen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Medienlogik nach dem Referendum<\/h2>\n\n\n\n<p>Zu den Hauptthemen (RQ 01), die im Spektrum der Materialauswahl im Fokus stehen, geh\u00f6ren zum einen die Betonung des abgelehnten Friedensvertrages und der damit gescheiterten Friedensverhandlungen. Beispiele daf\u00fcr sind S\u00e4tze wie \u201cKolumbien stehen gef\u00e4hrliche Wochen bevor: Der Friedensvertrag mit den Farc-Rebellen ist von der Bev\u00f6lkerung \u00fcberraschend abgelehnt worden. Der Ausgang der Volksabstimmung wirft das s\u00fcdamerikanische Land um Jahre zur\u00fcck.\u201d (Spiegel, 03.10.2016) oder \u201cDie Kolumbianer haben dem Friedensvertrag zwischen Regierung und FARC eine Absage erteilt. Die Bef\u00fcrworter sind entsetzt, die Gegner feiern ihren Triumph. Wie es weitergeht ist unklar.\u201d (DW, 03.10.2016). Deutlich nebens\u00e4chlicher und weniger erw\u00e4hnt sind Themen wie eine Neuverhandlung des Referendums sowie neue Gespr\u00e4che mit den Guerilla-Gruppen \u00fcber Frieden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Ergebnislage deutet klar auf eine dominante kriegsjournalistische Rahmung hin, da der Schwerpunkt auf dem Scheitern des Friedensprozesses und den damit verbundenen negativen Zukunftsprognosen liegt, w\u00e4hrend konstruktive Perspektiven \u2013 etwa Neuverhandlungen \u2013 in den Hintergrund treten. Es wird vor allem der dramatische und bedrohliche Aspekt betont, sowie emotionalisiert, was die Deeskalationspotenziale des konfliktsensiblen Journalismus ungenutzt l\u00e4sst (vgl. Howard 2004).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den dominanten Unterthemen (RQ 02) der Berichterstattung geh\u00f6ren Politik, Gesellschaft und die Kategorie Kampf\/Milit\u00e4r\/Gewalt. In manchen Beispielen wird die starke politische und gesellschaftliche Polarisierung betont (\u201cMa\u00dfgeblich f\u00fcr das ablehnende Votum d\u00fcrften weniger die nur begrenzt diskutierten Inhalte des Abkommens als die massive politische Polarisierung des Landes sein\u201d (ZEIT, 06.10.2016), in anderen Emotionen, Schock und Gewalt (\u201cEin Sieg der Emotionen \u00fcber Argumente. Es wird mehr als eine Generation brauchen, bis die Mehrheit der Kolumbianer bereit sind zu vergeben, zu verstehen und sich zu vers\u00f6hnen. Entf\u00fchrung, Ermordung, Vertreibung &#8211; zu schwer waren die Verbrechen, die die Rebellen im Namen eines angeblichen gerechten Kampfes f\u00fcr eine bessere Gesellschaft begangen haben.\u201d(Spiegel, 04.10.2016), \u201cDer Krieg geht weiter. Er produziert seine Toten und frisst seine Gegner.\u201d (DW, 03.10.2016)<\/p>\n\n\n\n<p>Insbesondere die drastische Sprache (\u201eDer Krieg geht weiter\u201c, \u201efrisst seine Gegner\u201c) und die Auflistung schwerer Verbrechen entsprechen der beschriebenen Gewaltzentrierung sowie der moralischen Delegitimierung einer Konfliktpartei (Kempf 2001, S. 134\u2013137). Gleichzeitig wird die gesellschaftliche Spaltung betont, ohne diese in einen breiteren Kontext struktureller oder historischer Ursachen einzubetten \u2013 ein zentrales Element konfliktsensibler Berichterstattung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Was die Art und Weise der Konfliktdarstellung (RQ 03) angeht, l\u00e4sst sich \u00fcberwiegend Schwarz-Wei\u00df-Logik erkennen (\u201cEs gibt praktisch keine Familie in Kolumbien, die nicht in irgendeiner Weise von linker oder rechter Gewalt betroffen war. Genau da setzte Uribe an, der nun die Kampagne gegen den Friedensvertrag anf\u00fchrte.\u201d(SZ, 03.10.2016), \u201c Eine sehr knappe Mehrheit hat das Friedensabkommen mit den Farc-Rebellen abgelehnt. Die einen k\u00f6nnen es nicht fassen, die anderen jubeln.\u201d(taz, 03.10.2016), \u201c\u2018Von heute an liegt jede Minute, jeder Tote dieses Konfliktes in ihrer Verantwortung.\u2019\u201d(DW, 03.10.2016)). Gleichzeitig wird betont, dass nun ein vielschichtiger Aushandlungsprozess beginnt, der selten mit einem Hauch Zuversicht geframed wird sondern eher als m\u00fchselig und langwierig beschrieben wird. Die hier identifizierte Schwarz-Wei\u00df-Logik entspricht den beschriebenen Polarisierungs- und \u201eGut-B\u00f6se\u201c-Rahmungen des Kriegsjournalismus, die zu einer moralischen Legitimierung der eigenen Seite und Delegitimierung des Gegners f\u00fchren. Auch die personifizierte Zuschreibung von Verantwortung (\u201ejede Minute, jeder Tote\u2026 liegt in ihrer Verantwortung\u201c) verst\u00e4rkt die Schuldzuweisung und emotionalisiert den Konflikt weiter. Konstruktive Narrative klingen zwar punktuell an, werden jedoch klar von kriegsjournalistischen Darstellungslogiken \u00fcberlagert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als Gr\u00fcnde f\u00fcr das Scheitern des Referendums (RQ 04) werden \u00fcberwiegend soziale Strukturen, politische Begebenheiten und juristische Faktoren genannt. Auch hier wird die tiefe Spaltung des Landes betont und die fehlende Bereitschaft f\u00fcr Vers\u00f6hnung (Bsp.: \u201cDas hei\u00dft: Es war gar nicht unbedingt immer der pers\u00f6nliche Leidensdruck, der den Ausschlag gab, sondern auch die kollektive Ablehnung eines alternativen Projekts und der Hass auf die Rebellen.\u201d(Spiegel, 04.10.2016). Bei den juristischen Gr\u00fcnden dominieren die im Abkommen festgemachten&nbsp; Strafnachl\u00e4sse f\u00fcr die Guerilla-K\u00e4mpfer (\u201c88 Prozent der Bev\u00f6lkerung will die Rebellen hinter Gittern sehen.\u201d(ebd.)). Anstatt M\u00f6glichkeiten f\u00fcr restorative oder Vers\u00f6hnungs-orientierte Justiz zu beleuchten \u2013 ein Kernelement konfliktsensibler Ans\u00e4tze &#8211; wird der Fokus auf Vergeltung und Hass gelegt. Damit best\u00e4tigen die Ergebnisse die theoretische Annahme, dass unter anderem juristische Kontroversen h\u00e4ufig als konfliktversch\u00e4rfende Narrative in den Vordergrund r\u00fccken, anstatt konstruktive L\u00f6sungsoptionen zu betonen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Suche nach sprachlichen Auff\u00e4lligkeiten (RQ 05) war nicht sonderlich ergiebig bzw. fiel es schwer, die Formulierungen klar einzuordnen. Interessant waren jedoch die unterschiedlichen \u00dcbersetzungen von Zitaten aus dem Spanischen ins Deutsche. So lie\u00dfen sich von ein und demselben Zitat vier verschiedene Wortlaute in der \u00dcbersetzung finden (06_Zeit &#8211; Er hat versprochen, bis zum Ende seiner Amtszeit f\u00fcr Frieden zu k\u00e4mpfen; 16_DW &#8211; &#8222;Bis zur letzten Minute meiner Amtszeit werde ich den Frieden suchen.&#8220;; 04_Zeit \u201eIch gebe nicht auf. Ich werde mich bis zum letzten Tag meiner Amtszeit um den Frieden bem\u00fchen\u201c; 14_Welt &#8211; Er k\u00fcndigte an, bis zur letzten Minute seiner Amtszeit um den Frieden zu k\u00e4mpfen.).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Hier unterscheiden sich nicht nur direktes und indirektes Zitat, sondern auch Begriffe wie \u201ck\u00e4mpfen\u201d, \u201cbem\u00fchen\u201d, \u201csuchen\u201d. Direkte Zitate (\u201eIch gebe nicht auf\u2026\u201c) transportieren eine st\u00e4rkere Authentizit\u00e4t und N\u00e4he zur Quelle. Dadurch wird Santos\u2019 Haltung als handlungsleitend inszeniert, und Rezipient*innen k\u00f6nnen selbst entscheiden, wie sie die Aussage bewerten. Indirekte Rede (\u201eEr k\u00fcndigte an\u2026\u201c) filtert st\u00e4rker durch die journalistische Perspektive. Das entspricht dem beschriebenen Einfluss journalistischer Selektions- und Rahmungsentscheidungen auf die Konfliktdarstellung (vgl. Baden &amp; Tenenboim-Weinblatt 2018). Was die Wahl der Worte betrifft lassen sich hier sowohl kriegsjournalistische als auch konfliktsensible Tendenzen erkennen. Begriffe wie \u201ek\u00e4mpfen\u201c transportieren ein Bild von Konflikt, Auseinandersetzung und Durchsetzung \u2013 sie verst\u00e4rken eine k\u00e4mpferische, konfrontative Semantik. \u00dcbersetzungen wie \u201eden Frieden suchen\u201c oder \u201esich um den Frieden bem\u00fchen\u201c sind deutlich weicher und l\u00f6sungsorientierter.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gro\u00dfteil der analysierten Beitr\u00e4ge befinden sich Passagen, in denen Schuldzuweisungen (RQ 06) vorgenommen werden. Die starke Pr\u00e4senz der Schuldfrage allein unterstreicht die bisher sp\u00fcrbare \u00dcbermacht kriegsjournalistischer Merkmale. Am st\u00e4rksten heben sich dabein die Schuldzuweisungen gegen\u00fcber dem Nein-Lager der Abstimmung hervor. Auch wird der allgemeinen Bev\u00f6lkerung die Schuld gegeben, wie man an folgenden S\u00e4tzen ausmachen kann: \u201cDie Kolumbianer hatten die Chance, in die Geschichte einzugehen, [&#8230;] aber sie entschieden sich dagegen.\u201d (Spiegel, 04.10.2016), \u201cDie Bev\u00f6lkerung hat das Friedensabkommen in einem Referendum durchfallen lassen.\u201d (dlfkultur, 03.10.2016). Auch die FARC wird als Verantwortungstr\u00e4ger gesehen (\u201cAll dies hat viel mit Kolumbiens politischer Kultur zutun, die gepr\u00e4gt ist von der Einsch\u00fcchterung durch unberechenbare und entfesselte Gewalt seitens der Guerilla und der Drogenkartelle.\u201d (ZEIT, 06.10.2016).<\/p>\n\n\n\n<p>Die vereinfachte Art der Schuldzuweisung in Kombination mit der Schwarz-Wei\u00df-Logik reduziert komplexe politische Entscheidungen auf moralische Fehltritte, anstatt sie in strukturelle oder historische Zusammenh\u00e4nge einzubetten. Auch die Schuldzuweisung an die FARC in Verbindung mit kriminellen Akteuren folgt dem Muster der Delegitimierung der \u201eOutgroup\u201c, wie es f\u00fcr kriegsjournalistische Berichterstattung typisch ist. Aus konfliktsensibler Perspektive nach Howard (2004) ist diese Fokussierung besonders problematisch, da sie die notwendige Basis f\u00fcr Vers\u00f6hnung untergr\u00e4bt: Schuldnarrative verfestigen kollektive Feindbilder, erschweren den Dialog und n\u00e4hren eine retributive Logik, die eher auf Strafe als auf Verst\u00e4ndigung abzielt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den am h\u00e4ufigsten erw\u00e4hnten Akteur*innen (RQ 07) geh\u00f6ren erwartbarer Weise das Ja-Lager unter Pr\u00e4sident Santos und das Nein-Lager unter Ex-Pr\u00e4sident Uribe. Auch die FARC als ein Hauptakteur wird in \u00e4hnlichem Umfang erw\u00e4hnt. Zivilgesellschaft, Medien und andere Expert*innen finden hingegen nur ungef\u00e4hr halb so viel Aufmerksamkeit in den Artikeln. Die Verteilung der Aufmerksamkeit spiegelt eine klare Fokussierung auf die politischen Hauptkontrahenten wider. Dem gegen\u00fcber steht jedoch die ebenfalls h\u00e4ufigen Erw\u00e4hnungen von Einzelpersonen, deren Meinung zitiert wird, wie zum Beispiel hier: \u201c&#8220;Es haben Wut und Rachsucht gesiegt&#8220;, sagte ein Anh\u00e4nger des &#8222;Si&#8220; in der Stadt Popay\u00e1n im s\u00fcdwestlichen Departement Cauca, einer der vom B\u00fcrgerkrieg am h\u00e4rtesten getroffenen Regionen. &#8222;Wir sind nicht bereit, uns zu vergeben und nach vorne zu schauen.&#8220; Eine Menschenrechtsaktivistin erg\u00e4nzte unter Tr\u00e4nen: &#8222;Die H\u00e4lfte von uns will lieber Krieg als Frieden.&#8220; Le\u00f3n Valencia, Direktor der Stiftung Paz y Reconciliaci\u00f3n (Frieden und Vers\u00f6hnung), sagte SPIEGEL ONLINE: &#8222;Uns stehen gef\u00e4hrliche und v\u00f6llig unsichere Wochen bevor.&#8220;\u201d, \u201cFriedensexperte Valencia ist skeptisch, dass die Farc gro\u00dfe Konzessionen akzeptieren. Er h\u00e4lt es f\u00fcr m\u00f6glich, dass die Guerilla sich mit der kleineren Gruppierung ELN verb\u00fcndet und beide gemeinsam weiterk\u00e4mpfen.\u201d (Spiegel, 03.10.2016)<\/p>\n\n\n\n<p>Die nahezu gleichwertige Pr\u00e4senz von Santos, Uribe und der FARC entspricht der Tendenz, Akteure mit direkter Macht- oder Gewaltrolle ins Zentrum zu stellen, w\u00e4hrend zivilgesellschaftliche Stimmen, die potenziell deeskalierende oder l\u00f6sungsorientierte Perspektiven einbringen k\u00f6nnten, unterrepr\u00e4sentiert sind. Eine vielf\u00e4ltige Akteursdarstellung \u2013 inklusive lokaler Friedensinitiativen, Opferverb\u00e4nde oder unabh\u00e4ngiger Expert*innen \u2013 wesentlich zur Kontextualisierung und zu einer konstruktiveren Konfliktwahrnehmung beitragen k\u00f6nnen. Die Ergebnisse dieser Kategorie sind demnach nicht eindeutig in ihrer Tendenz und w\u00fcrden eine tiefergehende Untersuchung erfordern.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als letzte Kategorie schauen wir uns die Vorschl\u00e4ge zur Konfliktl\u00f6sung (RQ 08) an. Es werden \u00fcberwiegend diplomatische L\u00f6sungen betont und die M\u00f6glichkeit den Vertrag zu \u00fcberarbeiten (\u201cAls Teil einer verfassungsgebenden Versammlung, eines nationalen politischen Dialogs oder auch im bisherigen Format von bilateralen Verhandlungen muss die Farc in die nationale \u00f6ffentliche Debatte einbezogen werden, nicht nur in die Verhandlungen im fernen Havanna.\u201d (ZEIT, 06.10.2016), \u201cSantos muss nun versuchen, den Pakt neu zu verhandeln.\u201d (ZEIT, 11.10.2016), \u201cUm das Abkommen zu retten, muss nun nachverhandelt werden.\u201d (SZ, 05.10.2016), \u201cZugleich \u00f6ffnet er zwischen den Zeilen die M\u00f6glichkeiten eines Dialogs, wenn es Korrekturen am Vertrag gebe.\u201d (DW, 03.10.2016)). Worte wie \u201cDialog\u201d und der Wunsch nach Einbeziehung aller Akteure geben der Situation einen gewissen Optimismus und Zusammenhalt. Es wird der Anschein erweckt, dass man nicht aufgeben will. Die Betonung von Verhandlungen, nationalem Dialog und Vertrags\u00fcberarbeitungen steht im klaren Gegensatz zur im Theorieteil beschriebenen Eskalationslogik des Kriegsjournalismus, der h\u00e4ufig auf Konfrontation und Endg\u00fcltigkeit setzt. Gleichzeitig schaffen diese Formulierungen eine narrative \u00d6ffnung, die den Eindruck vermeidet, der Konflikt sei unl\u00f6sbar \u2013 ein zentrales Element, um Vers\u00f6hnungsprozesse anzusto\u00dfen und das Potenzial einer multiperspektivischen und l\u00f6sungsorientierten Berichterstattung zu realisieren. Damit zeigt sich, dass selbst in \u00fcberwiegend kriegsjournalistisch gepr\u00e4gten Beitr\u00e4gen punktuell deeskalierende und konstruktive Frames Raum finden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Mediale Verantwortung im Konflikt: Ein Ausblick<\/h2>\n\n\n\n<p>Die vorliegende Untersuchung zielte darauf ab, die deutsche Berichterstattung \u00fcber das gescheiterte kolumbianische Friedensreferendum von 2016 unter dem Gesichtspunkt des konfliktsensiblen Journalismus zu analysieren. Im Zentrum stand die Frage, inwieweit journalistische Darstellungsweisen nach einem gescheiterten Friedesreferndum den Prinzipien eines konfliktsensiblen Journalismus entsprechen oder kriegsjournalistische Merkmale reproduzieren. Insgesamt folgt die Berichterstattung nur in begrenztem Ma\u00dfe den Prinzipien konfliktsensiblen Journalismus. Zwar sind punktuell Merkmale wie l\u00f6sungsorientierte Ans\u00e4tze und der Aufruf zu Dialog erkennbar, die dominanten Narrative und Darstellungsweisen sind jedoch st\u00e4rker kriegsjournalistisch gepr\u00e4gt \u2013 mit Fokus auf Dramatik und Angst, Polarisierung und Schuldzuweisung. Die Tendenz, strukturelle und historische Ursachen nur am Rande zu beleuchten, verst\u00e4rkt den Eindruck eines festgefahrenen und hochgradig emotionalisierten Konflikts.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Man muss an dieser Stelle erneut anmerken, dass es sich bei den herangezogenen Analyseeinheiten nur um einen Ausschnitt des gesamten Spektrums der Berichterstattung handelt. Hinzu kommt, dass manche der Unterfragen durch teilweise wenige Ergebnisse nicht ergiebig genug beantwortet werden konnten und so oft eher eine Tendenz und keine Evidenz zu erkennen ist. Es w\u00e4re durchaus wichtig, weitere Fallbeispiele zu untersuchen, um allgemeing\u00fcltige Schl\u00fcsse ziehen zu k\u00f6nnen. Auch k\u00f6nnte untersucht werden, ob Schulungen zu konfliktsensibler Berichterstattung in Redaktionen messbare Effekte erzielen. Dar\u00fcber hinaus w\u00e4re ein Vergleich zwischen nationaler und internationaler Berichterstattung in Echtzeit-Prozessen aufschlussreich, um besser zu verstehen, wie kulturelle und politische N\u00e4he oder Distanz die journalistische Rahmung beeinflussen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die bis heute anhaltenden und immer wieder aufflammenden Spannungen und Gewaltakte in Kolumbien zeigen, dass nachhaltiger Frieden deutlich mehr ben\u00f6tigt, als einen unterzeichneten Vertrag. Medien spielen in diesem Prozess eine entscheidende Rolle \u2013 sowohl als Verst\u00e4rker bestehender Spannungen als auch als m\u00f6gliche Plattform f\u00fcr Verst\u00e4ndigung und Vers\u00f6hnung. Vor dem Hintergrund global zunehmender Polarisierung und einer Medienlandschaft, die oft von Sensationslogik und \u00f6konomischem Druck gepr\u00e4gt ist, gewinnt die Frage nach einer ethisch verantwortungsvollen Konfliktberichterstattung an Dringlichkeit. Der konfliktsensible Journalismus bietet hier eine praxisnahe Orientierung, um journalistische Arbeit nicht nur an Nachrichtenwerten, sondern auch an ihrer gesellschaftlichen Wirkung zu messen. Die Schlussfolgerung daraus ist, dass ein normativer Rahmen f\u00fcr Journalismus und Informationsvermittlung in Konflikt- und Krisensituation f\u00fcr einen medienethischen Anspruch unumg\u00e4nglich ist. Gerade in fragilen politischen Prozessen wie dem kolumbianischen Friedensabkommen ist es von zentraler Bedeutung, dass Medien nicht nur die lautesten Stimmen oder die dramatischsten Ereignisse abbilden, sondern auch differenzierte Analysen, historische Kontexte und vielf\u00e4ltige Akteursperspektiven einbeziehen. Dies bedeutet nicht, Konflikte zu besch\u00f6nigen oder auf kritische Berichterstattung zu verzichten, sondern eine bewusste Balance zwischen der Darstellung der Realit\u00e4t und der Vermeidung von unn\u00f6tiger Eskalation zu finden. Die konsequentere Anwendung konfliktsensibler Prinzipien k\u00f6nnte nicht nur die Qualit\u00e4t der Berichterstattung verbessern, sondern auch einen wichtigen Beitrag zu konstruktiven \u00f6ffentlichen Debatten leisten und zu nachhaltigen Friedensprozessen beitragen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/quellen-friedensjournalismus\/?preview_id=143&amp;preview_nonce=e2f586b924&amp;preview=true\">Zu den Quellen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen Konflikt und Verst\u00e4ndigung: Eine Analyse der deutschen Berichterstattung \u00fcber das kolumbianische Friedensreferendum 2016.&nbsp; von Lotta K\u00f6hler und Vera Laechner Einleitung Medien nehmen in der gesellschaftlichen Wahrnehmung internationaler Konflikte eine zentrale Rolle ein. Sie sind nicht blo\u00df neutrale Vermittler von Fakten, sondern agieren als aktive Deutungsinstanzen, die Konflikte rahmen, interpretieren und damit \u00f6ffentliche Meinungen sowie &hellip; <a href=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/friedensjournalismus\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Friedensjournalismus<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":8774,"featured_media":440,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"page-templates\/full-width-page.php","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-60","page","type-page","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/60","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/wp-json\/wp\/v2\/users\/8774"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=60"}],"version-history":[{"count":21,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/60\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":488,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/60\/revisions\/488"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/wp-json\/wp\/v2\/media\/440"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/aktivismus-journalismus-journal\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=60"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}