Suche in diesem Blog

Urlaub im Spannungsfeld von Wohlstand, Währung und Alltag

– beigetragen von Philipp Remde

Die Menschen aus Ungarn, der DDR und der Bundesrepublik Deutschland, die einander im Urlaub am Balaton trafen, lebten in sehr unterschiedlichen ökonomischen Situationen. Die Wahrnehmung dieser Unterschiede ist ein Thema, das sich durch eine Vielzahl von Zeitzeugenberichten zieht. Auch wenn es fast nie das zentrale Thema der Erinnerungen ist, so ist es doch überall am Rande präsent.

In Ungarn hatte sich seit den sechziger Jahren eine Variante des Sozialismus entwickelt, der den Menschen einen vergleichsweise großen Spielraum bei privaten wirtschaftlichen Tätigkeiten ließ. Durch die private Vermietung von Zimmern, den Verkauf von selbst erzeugten Lebensmitteln und ein staatlicherseits toleriertes privates Gaststättengewerbe bot gerade der Tourismus den ungarischen Bürgern Möglichkeiten, sich Geld hinzuzuverdienen. Im Vergleich zu anderen Staaten des Ostblocks konnten sich die Ungarn und ihre Gäste zudem eines vergleichsweise großen Angebots an Konsumgütern und aus dem westlichen Ausland importierten Produkten erfreuen.

Für die Touristen aus Westdeutschland wiederum, die mit der D-Mark eine (auch beim Staat) begehrte Fremdwährung ins Land brachten, machten die aus ihrer Sicht niedrigen Preise und die hohe Kaufkraft der D-Mark einen Teil der Anziehungskraft von Ungarn als Reiseland dar.

Die Bürger der DDR wurden im Gegensatz dazu durch die resoluten Umtauschregeln in ökonomischer Hinsicht stark eingeschränkt. Die VR Ungarn hatte kein Interesse an der nicht frei konvertierbaren Ost-Mark und begrenzte deshalb den Umtausch von DDR-Mark in Forint auf 30 Mark pro Tag Aufenthalt in Ungarn. Diese Summe reichte kaum aus, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, geschweige denn, etwa westliche Schallplatten oder andere begehrte Güter zu kaufen. Die DDR-Bürger behalfen sich deshalb damit, dass sie bei der Anreise große Mengen an Lebensmitteln aus der DDR einführten.

So trafen am Balaton also Bundesbürger, die sich über die niedrigen Preise in Ungarn freuten, auf DDR-Bürger, die ihr Urlaubsauto hauptsächlich mit Lebensmitteln von zu Hause beladen hatten und zusätzliche Forint zwischen Buchseiten ins Land schmuggeln mussten, um sich am Ende des Urlaubs eine Schallplatte von den Beatles oder Iron Maiden leisten zu können.

Das Zeitzeugen, die als DDR-Bürger nach Ungarn reisten, diese ökonomische Ungleichheit unangenehm spürten, zeigt sich in vielen kleinen Anekdoten: Eine Urlauberin beharrt darauf, ihrer westdeutschen Bekanntschaft ein Gummiboot abzukaufen, anstatt es geschenkt zu bekommen. Ein anderer Zeitzeuge aus der DDR empfindet das von ihm beobachtete, „anbiedernde“ Verhalten seiner Landsleute gegenüber Westdeutschen als „peinlich“. Ein dritter Mann rechnet es seinen Westkontakten hoch an, dass diese nicht „den Wessi raushängen lassen“.

Ost- und Westdeutsche nehmen auch wahr, dass Westdeutsche wegen ihrer Finanzkraft von ungarischer Seite besser behandelt wurden als Ostdeutsche. Ein Reisender aus dem Westen berichtet von seinen Zweifeln an der Brüderlichkeit der erklärten „sozialistischen Bruderländer“, als er erlebt, mit welcher Indifferenz Mechaniker und sogar Sanitäter Ostdeutsche in Schwierigkeiten behandeln, während ein BRD-Pass und D-Mark zu schnellem Service führen.

Auch von ungarischen Zeitzeugen wird der ökonomische Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschen beobachtet. Das heißt jedoch nicht, dass das ihr Verhalten nur von finanziellen Überlegungen geprägt wurde. So berichtet eine Zeitzeugin, dass sie als Gäste die „1-Bier-Deutschen“ aus dem Osten vorzog, obwohl diese knapp bei Kasse waren. Das Auftreten Westdeutscher Gäste, die sich in der selben Situation einen ganzen Kasten Bier leisten konnten, wurde dagegen als arrogant wahrgenommen.

Schließlich erinnert sich ein Westdeutscher Reisender aus den frühen Nach-Wende-Jahren unangenehm an das auftrumpfende Verhalten der nun ebenfalls mit D-Mark ausgestatteten Urlauber aus der ehemaligen DDR.

 All diese Erinnerungs-Schlaglichter lassen sich nicht zu einfachen und griffigen Klischees zusammenfassen. Vielmehr zeigen sie ein vielschichtiges Bild dessen, wie auch die ökonomischen Umständen die Urlaubserfahrung am Balaton mit gestaltete, ebenso wie es das Wetter, Verwandtschafts- und Freundschaftsbeziehungen und vieles mehr taten.

– beigetragen von Philipp Remde

5 Reaktionen zu “Urlaub im Spannungsfeld von Wohlstand, Währung und Alltag”

  1. Mannat Clothing

    Mannat Clothing offers a delightful online dress shopping experience, where you can explore a plethora of designs and trends to find your perfect ensemble.

  2. Qhaaf Bedding

    Shop the finest online bed sheets at Qhaaf Bedding. Explore our wide range of luxurious bedding sets and enjoy a comfortable and stylish night’s sleep. Buy now with confidence from Pakistan’s top branded online bed sheets store.

  3. Aspire Bedding

    Elevate your sleep space with Aspire Bedding’s exquisite Pakistan bed sheets. Discover comfort and style in every thread.

  4. RedBuffer Ai

    RedBuffer Ai stands as a premier mobile app development agency, offering expertise in creating visually stunning and functional mobile applications for various platforms.

  5. bradoliver

    Need excellent printing services? Pakistan Printing Company provides! Get vibrant, eco-friendly, and affordable prints. Make your mark with your ultimate printing partner!

Einen Kommentar schreiben

Captcha
Refresh
Hilfe
Hinweis / Hint
Das Captcha kann Kleinbuchstaben, Ziffern und die Sonderzeichzeichen »?!#%&« enthalten.
The captcha could contain lower case, numeric characters and special characters as »!#%&«.

 
 

Diese Grafiken werden nur in der Druckvorschau verwendet: