{"id":210,"date":"2025-01-14T11:31:27","date_gmt":"2025-01-14T10:31:27","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/ewi_biwi\/?p=210"},"modified":"2025-01-14T11:31:27","modified_gmt":"2025-01-14T10:31:27","slug":"studieren-mit-kind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/ewi_biwi\/2025\/01\/14\/studieren-mit-kind\/","title":{"rendered":"Studieren mit Kind"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein R\u00fcckblick mit Zukunftsvision<\/h3>\n\n\n\n<h4 class=\"has-text-align-right wp-block-heading\">(Ein Beitrag von Maria)<\/h4>\n\n\n\n<p>Wie wird mein Studium mit zwei kleinen Kindern laufen? Das war wohl die Frage, die mich am meisten umtrieb, bevor es im Oktober 2021 f\u00fcr mich mit \u201eErziehungs- und Bildungswissenschaft\u201c an der FUB losging. Das erste Semester liegt nun hinter mir und ich blicke zur\u00fcck auf einen f\u00fcr mich gelungenen Studienstart. Ich k\u00f6nnte also sagen: Bisher l\u00e4uft\u2019s und es k\u00f6nnte so weitergehen. Und trotzdem sehe ich an der ein oder anderen entscheidenden Stelle noch viel Luft nach oben..<\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst aber, was f\u00fcr mich gut lief: Ehrlich gesagt spielte mir der Onlinebetrieb der Lehrveranstaltungen in die Karten. Ich kann mich gut hineinversetzen in entt\u00e4uschte Erstis, die sich sehnlichst endlich das richtige Campus-Leben w\u00fcnschen. Der Austausch und das gemeinsame Essen in der Mensa fehlten mir ebenfalls und auch ich fand das st\u00e4ndige Reden in mein Laptop hinein irgendwann ziemlich \u00f6de. Aber eine Sache war f\u00fcr meine Lebensumst\u00e4nde unschlagbar: die Zeitersparnis. T\u00e4glich entfielen f\u00fcr mich eineinhalb Stunden Fahrtweg, die ich f\u00fcr die Uni nutzen konnte und die mir ein bisschen Alltagshektik ersparten, weil ich nicht direkt nach der letzten Veranstaltung zum Bus rennen musste, um meine Kinder p\u00fcnktlich abzuholen. Da ich nur vormittags Zeit und Ruhe f\u00fcr die Uni habe, konnte ich dann die \u201egewonnene\u201c Zeit nutzen, um umso gelassener den Nachmittag und Abend mit meiner Familie zu genie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin aber in Hinblick auf das Online-Semester wiederum sehr froh, dass wir noch ein paar wenige Wochen in Pr\u00e4senz erleben durften. So konnte ich ein paar andere Kommiliton*innen pers\u00f6nlich kennenlernen und mich vor allem mit anderen Eltern vernetzen. Die Umstellung auf die Online-Lehre hinderte uns gl\u00fccklicherweise nicht an einem regelm\u00e4\u00dfigen Austausch auch au\u00dferhalb der Seminare. F\u00fcr meinen \u201eKreis\u201c kann ich sagen, dass wir einander unterst\u00fctzt haben und jede*r R\u00fccksicht auf die individuelle Lebenssituation der anderen genommen hat.<strong> <\/strong>Meine Bedenken, dass ich keinen Anschluss finden oder auf fehlende Empathie f\u00fcr meine Elternschaft sto\u00dfen w\u00fcrde, haben sich gl\u00fccklicherweise nicht bewahrheitet. Im Gegenteil, es war best\u00e4rkend, andere Studierende kennenzulernen, die dieselbe Entscheidung \u201etrotz\u201c des Kinderhabens getroffen haben und auf auch auf viele kinderlose Kommiliton*innen zu sto\u00dfen, die f\u00fcr den Alltag mit Kindern Verst\u00e4ndnis zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch seitens der Uni ist das Studieren mit Kind kein unbekannter Sonderfall mehr, sodass verschiedene Angebote f\u00fcr studierende Eltern zur Verf\u00fcgung stehen: Es gibt mehrere Eltern-Kind-Zimmer, einen beratenden Family-Service und auch das f\u00fcr mich zust\u00e4ndige Studienb\u00fcro ist mit den Herausforderungen, denen Studierende mit Kind begegnen, vertraut. Die Vorabquote hat mir erm\u00f6glicht, die von mir pr\u00e4ferierten Lehrveranstaltungen zu familienvertr\u00e4glichen Zeiten zu belegen und so den allt\u00e4glichen Spagat zwischen Studium und Care-Arbeit besser bew\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen. Vor Beginn des Studiums hatte ich oft die Sorge, dass mich der gro\u00dfe Druck einer Work-Life-Balance l\u00e4hmen und ich vieles, was f\u00fcr die Uni zu erledigen ist, aufschieben w\u00fcrde (was ja im Studium aufgrund der eigenverantwortlichen Selbstorganisation besonders auf die Spitze getrieben werden kann). Aber gl\u00fccklicherweise kann ich bisher behaupten, dass ich (einstige Meisterin im Prokrastinieren) wegen des zeitlichen Drucks, vor dem Abholen der Kinder meine Uni-to-dos zu erledigen, tats\u00e4chlich so wenig wie m\u00f6glich aufgeschoben habe, weil es f\u00fcr mich stets Unangenehmes bedeutete: Das Aufgeschobene wird nachts nachgearbeitet, wenn die Kinder schlafen. Als es dann auf die Pr\u00fcfungen zuging, war ich umso dankbarer, dass ich meinen eigenen Lernplan grob eingehalten habe, da sich eine meiner gr\u00f6\u00dften Bef\u00fcrchtungen gleich im ersten Semester bewahrheitet hatte: Die Kinder sind genau zur Pr\u00fcfungszeit krank. Das wird nicht das letzte Mal gewesen sein und gerade deshalb werde ich weiterhin so fr\u00fch wie m\u00f6glich mit der Pr\u00fcfungsvorbereitung beginnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob und wie das Studium mit Kind letztlich gelingt, h\u00e4ngt aber sicherlich nicht nur mit in Eigenverantwortung liegenden Aspekten wie einem angemessenen Zeitmanagement zusammen, sondern auch mit g\u00fcnstigen Rahmenbedingungen. Zutr\u00e4glich f\u00fcr ein gelungenes erstes Semester war bei mir ganz klar, dass ich durch das Baf\u00f6g und ein Stipendium finanziell abgesichert bin. Aber ich wei\u00df, dass das Gl\u00fcck des Gef\u00f6rdert Werdens anderen studierenden Eltern nicht zuteilwurde, was mir einige erhebliche Probleme des Baf\u00f6gs bewusst werden lie\u00df, die es in Zukunft zugunsten einer Bildungsgerechtigkeit zu l\u00f6sen gilt: Warum wird ein Teilzeitstudium nicht gef\u00f6rdert, das aber gerade ein Studium mit Kind so viel lebenswerter und attraktiver machen w\u00fcrde? Wieso m\u00fcssen einige die unzumutbare Entscheidung treffen, f\u00fcrs Baf\u00f6g die eigenen Eltern zu verklagen? Und warum reicht der Baf\u00f6g-F\u00f6rdersatz vor allem in Gro\u00dfst\u00e4dten mit hohen Mietpreisen kaum f\u00fcrs \u00dcberleben aus? Um wirksamer zur Bildungsgerechtigkeit beizutragen, ist es f\u00fcrs Baf\u00f6g noch ein langer Weg. Auch die f\u00fcr ein Stipendium g\u00e4ngige Voraussetzung, sich ehrenamtlich zu engagieren, ist schon ein Privileg f\u00fcr sich: Ehrenamtlich zu arbeiten, bedeutet n\u00e4mlich nichts anderes, als sich fernab von monet\u00e4ren Zw\u00e4ngen engagieren zu k\u00f6nnen, ohne daf\u00fcr Geld verlangen zu m\u00fcssen. Aber gerade jemand, der aus schwierigen finanziellen Verh\u00e4ltnissen, kann sich oft gar kein Ehrenamt leisten. Weitere systembedingte finanzielle H\u00fcrden ergeben sich beispielsweise f\u00fcr studierende Eltern oft allein aufgrund ihres Alters. Statt wie vom System erw\u00fcnscht mit \u00fcber 30 auf dem Arbeitsmarkt produktiv zu sein, wollen sie zur Uni gehen und d\u00fcrfen sich (als Strafe f\u00fcr das Abweichen vom Normallebenslauf!?) nun \u201efreiwillig\u201c gesetzlich oder privat krankenversichern lassen und m\u00fcssen damit deutlich h\u00f6here Beitr\u00e4ge zahlen als studentisch Versicherte. Ist das Bildungschancengleichheit?<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nicht nur Fragen der Finanzierung sind f\u00fcr den Studienerfolg entscheidend. Auch f\u00fcr viele erstmalig Studierende mit Kindern ist das universit\u00e4re Umfeld an sich eine neue Erfahrung, die je nach individueller Vorerfahrung und den eigenen Bew\u00e4ltigungsmechanismen verarbeitet wird. Auch was dieses Thema betrifft, kann ich f\u00fcr mich sagen: Ich bin gut angekommen. Aber daf\u00fcr war unter anderem ausschlaggebend, dass ich erstens schon eine Uni von Innen kannte, zweitens aus einer akademisch-interessierten Familie komme und daher drittens in der akademischen Welt kein Gef\u00fchl der Entfremdung erfuhr. Ich habe aber auch Kommiliton*innen kennengelernt, die mit dem akademischen Habitus mehr oder weniger zu k\u00e4mpfen haben. Die soziale Filterfunktion ist eben auch im Anschluss an die Schule an der Universit\u00e4t nach wie vor aktiv, was wieder zur Verst\u00e4rkung der eh schon unterschiedlichen Lernvoraussetzungen betr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt m\u00f6chte ich aber sagen, dass es f\u00fcr mich pers\u00f6nlich kaum eine bessere Zeit f\u00fcr dieses Studium geben k\u00f6nnte. Oder anders formuliert, k\u00f6nnte ich mir keine bessere \u201elegitime Besch\u00e4ftigung\u201c als dieses Studium neben der Care-Arbeit vorstellen. Es erm\u00f6glicht mir Flexibilit\u00e4t, geistige Bereicherung in mir pers\u00f6nlich wichtigen Themen und eine willkommene Abwechslung in sozialen Kontakten. Vor allem ist es mir als Studentin im Vergleich zu meiner Erfahrung im Arbeitsverh\u00e4ltnis eher m\u00f6glich, meinen Anspr\u00fcchen an mein Elterndasein gerecht zu werden und trotzdem dem gesellschaftlich-\u00f6konomischen Druck entsprechend \u201et\u00e4tig\u201c zu sein. Daher wage ich zu behaupten, dass es ohnehin die sch\u00f6nste Zeit f\u00fcr mich pers\u00f6nlich sein wird, weil alles, was danach kommt-Spoiler- tendenziell nicht weniger von mir abverlangen wird. Ich will hiermit nicht die allt\u00e4glichen Herausforderungen eines Studiums mit Kind besch\u00f6nigen geschweige denn eine allgemeine Empfehlung aussprechen, mit Kind zu studieren. Ich will nur sagen, dass es \u2013 wenn die Umst\u00e4nde passen und hier muss noch nachjustiert werden, damit sie f\u00fcr m\u00f6glichst alle passen- ein erf\u00fcllender Weg abseits des zwar br\u00fcchig gewordenen aber immer noch strukturell verankerten institutionalisierten Lebenslaufs sein kann. Wichtig ist aber genau dieser Punkt: Es ist nicht der idealtypische Weg und geht daher nicht selten (noch immer) mit gewissen Schwierigkeiten einher, den \u00dcbergang zu diesem Lebensabschnitt sowie das Studium selbst zu bew\u00e4ltigen &#8211; wohlgemerkt in Eigenverantwortung, weil das System in Sachen Bildungsgerechtigkeit noch hinterherhinkt. Ich erhoffe mir f\u00fcr die Zukunft, dass es immer mehr Eltern ohne strukturell bedingte Hindernisse erm\u00f6glicht wird, ein Studium (oder andere Ausbildungen) zu bew\u00e4ltigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein R\u00fcckblick mit Zukunftsvision (Ein Beitrag von Maria) Wie wird mein Studium mit zwei kleinen Kindern laufen? Das war wohl die Frage, die mich am meisten umtrieb, bevor es im Oktober 2021 f\u00fcr mich mit \u201eErziehungs- und Bildungswissenschaft\u201c an der FUB losging. 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