Trigger ohne Warnung? (also available in English)

by Nina Dietz

Vier Tage, sechs Vorstellungen, ein Austausch mit einer Studierendengruppe aus Prag: Im Rahmen unserer Seminarexkursion brechen wir zum Theaterfestival Theater der Welt nach Chemnitz auf. Meine Erwartungen an das Festival sind offen, doch relativ schnell stelle ich mir eine Frage: Warum gibt es kaum Hinweise auf sensible Inhalte?

Eine Sache, die mir direkt nach der ersten Vorstellung auffällt und die in unserer ersten Diskussionsrunde auch besprochen wird: Es wurde keine Triggerwarnung vor dem Stück erwähnt oder ausgesprochen.

Manche von uns hätten sich vielleicht eine Triggerwarnung gewünscht, ob für sich selbst oder eher mögliche Betroffene. Andere beteuern, eine Triggerwarnung hätte die Überraschung und Provokation der Vorstellung beeinträchtigt.

Ich selbst bin ihnen gegenüber positiv gestimmt, warte aber erstmal ab, wie sensible Themen in den anderen Stücken gehandhabt werden. Doch auch bei der zweiten und dritten Vorstellung wird keine Triggerwarnung angesprochen, was sich durch das ganze Festival zieht.

Im Curator Talk an Tag zwei wird die Frage, wie und ob Triggerwarnungen genutzt werden sollten, an die Kuratorin Ndèye Mané Touré  gestellt. Sie kann in diesem Moment wenig mit dem Konzept anfangen, meint aber, dass es bei bestimmten Vorstellungen durchaus welche geben sollte, und zieht dabei einen Vergleich zu einer Vorstellung im Senegal, bei der sie sich eine Triggerwarnung gewünscht hätte.

Der Moderator des Talks merkt danach an, dass es online Informationen zu sensiblen Inhalten gebe. Doch sind diese Informationen nicht eigentlich eine Frage der Zugänglichkeit? Und wie zugänglich sind sie, wenn man auf dem Festival selbst nirgends darauf aufmerksam gemacht wird?

In fast allen besuchten Vorstellungen sehe ich Potenzial für Triggerwarnungen.

In Ivo Dimchevs DI/Strauss Technique beispielsweise wird dem Publikum Wodka gegeben. Jede*r bekommt ein kleines Fläschchen und wird animiert, vor oder nach den gemeinsam gesungenen Liedern einen Schluck davon zu nehmen. Manche Zuschauende werden auch direkt von Dimchev angesprochen, wieso sie nicht trinken oder ob das Fläschchen schon leer sei. Auch wenn man als Publikumsmitglied frei entscheiden kann, ob und wie viel man davon trinkt, liegt doch eine Gruppendynamik in der Luft, die schnell in Gruppenzwang kippen kann. Ich weiß nicht, ob ich in diesem Moment die Kraft gehabt hätte, mich aktiv gegen den Strom zu stellen, wenn ich beispielsweise eine trockene Alkoholikerin wäre.

Bei Nicoleta Esinencus Memory Distortion. M I X T A P E finden sich ebenfalls sensible Inhalte ohne Warnung. Die Inszenierung, die abgesehen von ihren sensorischen Reizen, fast schon Reizüberflutungen, auch inhaltlich ziemlich konfrontativ aufgebaut ist, bietet viele Aspekte, die ich für eine Triggerwarnung als relevant einstufen würde: Motive von Kriegen, Bilder von Flüchtenden in Rettungsbooten, Deportation, Genozid, Familientrennung, blinkende Lichter und laute Störgeräusche. In mir löst diese Inszenierung sehr viel Weltschmerz aus, oder ruft eher den Schmerz hervor, der in mir schlummert. Meine Gedanken schweifen ab und ich werde mir meines Privilegs bewusst, keine Geflüchtete zu sein, die diese Motive hautnah miterleben musste.

In der Vorstellung, die sehr viel mit dem Anreißen kontroverser und provozierender Themen spielt, ohne sie tiefgründig Aufzuarbeiten, kommt ein ebenso triggernder Vergleich zum Vorschein. In wenigen Sätzen vergleicht Esinencu die geplante “Umsiedlung” der europäischen Juden, vor dem Holocaust, mit dem israelischen Plan Palästinenser in den Südsudan zu vertreiben, der im August letzten Jahres durch die Medien ging. Abgesehen davon, dass dieser Vergleich wahrscheinlich gezielt unsensibel ist, um zu provozieren, löst er in Echtzeit Empörung aus, und ich beobachte, wie eine Person das Theater verlässt.

In Before the Revolution von Ahmed El Attar wird nicht nur über eine Vergewaltigung gesprochen, sie wird wörtlich dargestellt. Wir hören den Dialog, in dem ein Mann eine Frau dazu zwingt, ihn oral zu befriedigen. Die Darstellenden stehen aufrecht nebeneinander, ohne sich zu bewegen, und haben ihren Blick in Richtung Publikum gewandt. Sie interagieren nur in der erzählten Geschichte miteinander, doch sie spielen es so überzeugend, dass die körperliche Distanz kein Hindernis für die Glaubwürdigkeit darstellt. Die Darstellerin Nanda Mohammad hält in der Rolle des Opfers ihren Mund leicht geöffnet, und man sieht, wie ihr die Tränen in die Augen schießen. Der Darsteller Ramsi Lehner hebt seine Stimme und erweckt mit einer angsteinflößenden Aggression die Rolle des Täters zum Leben. Ich selbst kann mir ein paar Tränen nicht verdrücken, die Grausamkeit der Szene macht mir bewusst, wie realistisch sie doch ist. Ich stelle mir vor, wie schlimm es für eine Person sein muss, die genau so eine Situation erleben musste und hoffe, dass sich niemand im Publikum dadurch angesprochen fühlen muss.

Die tschechische Produktion Amadoka von Dušan David Pařízek/Divadlo X10 basiert auf dem gleichnamigen Roman der ukrainischen Schriftstellerin Sofia Andruchowytsch und behandelt Themen wie Krieg, körperliche und seelische Gewalt, Verschleppung und Tod. Es werden Bilder aus der Kriegs- und Nachkriegszeit auf die Bühnenrückwand projiziert. In einer Szene wird der Tod einer Person dargestellt, indem sich die ganze Bühne fließend in ein rotes Licht färbt. Verbunden mit dem geschrienen Dialog dazu fühlt sich diese Szene so brutal an, dass ich kaum hinsehen kann.

Wer ins Theater geht, sucht sich selten eine Vorstellung aus, ohne vorher den Ankündigungstext zu lesen. Steht in diesem Text, dass das Stück von Kriegsgeschichten handelt, kann man sich erschließen, dass es wohl nicht nur um Krieg geht, sondern auch darum, was Krieg mit den Menschen macht. Tod, Machtmissbrauch und Schmerz, der generationenübergreifend wirkt, sind quasi vorprogrammiert. Aber nicht immer werden die Ankündigungstexte dem gerecht, was letztendlich auf der Bühne landet, denn man möchte den Zuschauenden ja nichts vorwegnehmen, sondern lediglich oberflächlich informieren.

Neben inhaltlichen Triggern spielen auch die sensorischen eine Rolle. Menschen mit Epilepsie, Migräne oder auf dem Autismus Spektrum können auf sensorische Reize sehr sensibel reagieren, und vorher zu wissen, ob es flackerndes Licht gibt, hilft dabei, die Entscheidung zu treffen, ob man das gewählte Stück besuchen kann oder möchte. Laute Störgeräusche, also plötzlicher Lärm oder schrille Töne und statisches Rauschen, können für Menschen mit Hyperakusis, PTBS oder Hörgeräten sehr unangenehm werden.

Für mich steht eine klare Frage im Raum: Kann man nicht erst eine durchdachte Entscheidung treffen, wenn man alle notwendigen Fakten hat? Im engeren Sinne gehört für mich auch die Information über sensorische Reize und triggernde Themen dazu, und um der Inklusion willen sollte man diese bereitstellen, damit sich betroffene Gruppen nicht in ihrer Autonomie eingeschränkt sehen.

Dabei sollte man sich allerdings auch nicht im Perfektionsanspruch verlieren. Einen ersten Schritt zu machen, diese Informationen anzubieten und offen für konstruktive Kritik zu sein, reicht erstmal aus, um Inklusion zu fördern.

Selbstverständlich sind Trigger nicht immer gleich, und man kann nie für jeden alle Trigger auflisten. Bei manchen reicht ein Name schon aus, um alte Traumata wieder an die Oberfläche zu bringen, für andere müssen es grafische Darstellungen des einst Erlebten sein. Zweifellos lässt sich nicht jedem gerecht werden, was allerdings kein Grund sein sollte, ganz auf Triggerwarnungen zu verzichten und so niemandem gerecht zu werden.

Ich selbst befürworte Triggerwarnungen sehr, doch das bedeutet für mich nicht, dass sie mir vor jeder Vorstellung verbal dargelegt werden müssen. Beispielsweise könnte es ausreichen, in der Einführung vor der Vorstellung, die es ja meistens gibt und auch auf dem Festival gab, auf einen Ort, analog oder virtuell, aufmerksam zu machen, an dem man die potenziellen Trigger nachlesen oder, für Menschen mit Sehbehinderung, anhören kann.

Ein internationales Theaterfestival, das den Anspruch hat, die Welt nach Chemnitz zu bringen und dort Theater aus verschiedensten Kulturen zu zeigen, hat in sich ja schon einen Inklusionsanspruch. Bei diesem sollten dann auch die Minderheiten mit einbezogen werden, die von Triggerwarnungen profitieren können, denn dieses Feld ist groß und viele Gruppen überlappen sich.


You can find and English version here (creted with DeepL).


DI/Strauss Technique
25.6. 2026, Atomino

Text, Choreographie, Performance: Ivo Dimchev
Music: Ivo Dimchev & Johann Strauß
Production: Wiener Festwochen

Memory Distortion. M I X T A P E, teatru-spălătorie
26.6.2026, Spinnbau, Halle 5

by Artiom Zavadovsky, Doriana Talmazan, Nicoleta Esinencu, Kira Semionov, Nora Dorogan
Video: David Egger
Translation: Artiom Zavadovsky, Ciprian Marinescu, Cornelia Winkler
With: Artiom Zavadovsky, Doriana Talmazan, Kira Semionov
Co-Production: HAU Hebbel am Ufer, FFT Düsseldorf
Supported by: Swiss Agency for Development and Cooperation in Moldova, Internationales Theaterinstitut Zentrum Deutschland

Before the Revolution
28.6.2026, Spinnbau, Ostflügel

Director, script: Ahmed El Attar
Music: Hassan Khan
Set design, Costumes: Hussein Baydoun
Lighting Design: Charlie Aström
With: Ramsi Lehner, Nanda Mohammad
Producer: Henri Jules Julien,
Production: Orient Productions
Supported by: Tamasi Performing Arts Collective, La Filature, National Theater – Mulhouse

Amadoka, Divadlo X10, Prague
27.6.2026, Opernhaus Chemnitz

Author: Sofia Andruchowytsch
Translation into Czech: Petr Ch. Kalina
Stage adaptation, direction, set design: Dušan David Pařízek
Costume: Kamila Polívková
Stage and Costume Design: Magdaléna Vrábová
Music, Video: Peter Fasching
Dramaturgy: Klára Metge
With: Táňa Malíková, Gabriela Míčová, Stanislav Majer, Václav Marhold, Martin Pechlát
Producers: Lenka Havlíková, Kryštof Koláček


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