{"id":296,"date":"2026-07-20T10:35:08","date_gmt":"2026-07-20T08:35:08","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/exkursion-theater-der-welt\/?p=296"},"modified":"2026-07-21T11:10:06","modified_gmt":"2026-07-21T09:10:06","slug":"trigger-ohne-warnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/exkursion-theater-der-welt\/2026\/07\/20\/trigger-ohne-warnung\/","title":{"rendered":"Trigger ohne Warnung? (also available in English)"},"content":{"rendered":"\n<p>by Nina Dietz<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Vier Tage, sechs Vorstellungen, ein Austausch mit einer Studierendengruppe aus Prag: Im Rahmen unserer Seminarexkursion brechen wir zum Theaterfestival Theater der Welt nach Chemnitz auf. Meine Erwartungen an das Festival sind offen, doch relativ schnell stelle ich mir eine Frage: Warum gibt es kaum Hinweise auf sensible Inhalte?<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Sache, die mir direkt nach der ersten Vorstellung auff\u00e4llt und die in unserer ersten Diskussionsrunde auch besprochen wird: Es wurde keine Triggerwarnung vor dem St\u00fcck erw\u00e4hnt oder ausgesprochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Manche von uns h\u00e4tten sich vielleicht eine Triggerwarnung gew\u00fcnscht, ob f\u00fcr sich selbst oder eher m\u00f6gliche Betroffene. Andere beteuern, eine Triggerwarnung h\u00e4tte die \u00dcberraschung und Provokation der Vorstellung beeintr\u00e4chtigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich selbst bin ihnen gegen\u00fcber positiv gestimmt, warte aber erstmal ab, wie sensible Themen in den anderen St\u00fccken gehandhabt werden. Doch auch bei der zweiten und dritten Vorstellung wird keine Triggerwarnung angesprochen, was sich durch das ganze Festival zieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Curator Talk an Tag zwei wird die Frage, wie und ob Triggerwarnungen genutzt werden sollten, an die Kuratorin Nd\u00e8ye Man\u00e9 Tour\u00e9&nbsp; gestellt. Sie kann in diesem Moment wenig mit dem Konzept anfangen, meint aber, dass es bei bestimmten Vorstellungen durchaus welche geben sollte, und zieht dabei einen Vergleich zu einer Vorstellung im Senegal, bei der sie sich eine Triggerwarnung gew\u00fcnscht h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Moderator des Talks merkt danach an, dass es online Informationen zu sensiblen Inhalten gebe. Doch sind diese Informationen nicht eigentlich eine Frage der Zug\u00e4nglichkeit? Und wie zug\u00e4nglich sind sie, wenn man auf dem Festival selbst nirgends darauf aufmerksam gemacht wird?<\/p>\n\n\n\n<p>In fast allen besuchten Vorstellungen sehe ich Potenzial f\u00fcr Triggerwarnungen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Ivo Dimchevs <em>DI\/Strauss Technique<\/em> beispielsweise wird dem Publikum Wodka gegeben. Jede*r bekommt ein kleines Fl\u00e4schchen und wird animiert, vor oder nach den gemeinsam gesungenen Liedern einen Schluck davon zu nehmen. Manche Zuschauende werden auch direkt von Dimchev angesprochen, wieso sie nicht trinken oder ob das Fl\u00e4schchen schon leer sei. Auch wenn man als Publikumsmitglied frei entscheiden kann, ob und wie viel man davon trinkt, liegt doch eine Gruppendynamik in der Luft, die schnell in Gruppenzwang kippen kann. Ich wei\u00df nicht, ob ich in diesem Moment die Kraft gehabt h\u00e4tte, mich aktiv gegen den Strom zu stellen, wenn ich beispielsweise eine trockene Alkoholikerin w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Nicoleta Esinencus <em>Memory Distortion. M I X T A P E<\/em> finden sich ebenfalls sensible Inhalte ohne Warnung. Die Inszenierung, die abgesehen von ihren sensorischen Reizen, fast schon Reiz\u00fcberflutungen, auch inhaltlich ziemlich konfrontativ aufgebaut ist, bietet viele Aspekte, die ich f\u00fcr eine Triggerwarnung als relevant einstufen w\u00fcrde: Motive von Kriegen, Bilder von Fl\u00fcchtenden in Rettungsbooten, Deportation, Genozid, Familientrennung, blinkende Lichter und laute St\u00f6rger\u00e4usche. In mir l\u00f6st diese Inszenierung sehr viel Weltschmerz aus, oder ruft eher den Schmerz hervor, der in mir schlummert. Meine Gedanken schweifen ab und ich werde mir meines Privilegs bewusst, keine Gefl\u00fcchtete zu sein, die diese Motive hautnah miterleben musste.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Vorstellung, die sehr viel mit dem Anrei\u00dfen kontroverser und provozierender Themen spielt, ohne sie tiefgr\u00fcndig Aufzuarbeiten, kommt ein ebenso triggernder Vergleich zum Vorschein. In wenigen S\u00e4tzen vergleicht Esinencu die geplante &#8220;Umsiedlung&#8221; der europ\u00e4ischen Juden, vor dem Holocaust, mit dem israelischen Plan Pal\u00e4stinenser in den S\u00fcdsudan zu vertreiben, der im August letzten Jahres durch die Medien ging. Abgesehen davon, dass dieser Vergleich wahrscheinlich gezielt unsensibel ist, um zu provozieren, l\u00f6st er in Echtzeit Emp\u00f6rung aus, und ich beobachte, wie eine Person das Theater verl\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>In <em>Before the Revolution<\/em> von Ahmed El Attar wird nicht nur \u00fcber eine Vergewaltigung gesprochen, sie wird w\u00f6rtlich dargestellt. Wir h\u00f6ren den Dialog, in dem ein Mann eine Frau dazu zwingt, ihn oral zu befriedigen. Die Darstellenden stehen aufrecht nebeneinander, ohne sich zu bewegen, und haben ihren Blick in Richtung Publikum gewandt. Sie interagieren nur in der erz\u00e4hlten Geschichte miteinander, doch sie spielen es so \u00fcberzeugend, dass die k\u00f6rperliche Distanz kein Hindernis f\u00fcr die Glaubw\u00fcrdigkeit darstellt. Die Darstellerin Nanda Mohammad h\u00e4lt in der Rolle des Opfers ihren Mund leicht ge\u00f6ffnet, und man sieht, wie ihr die Tr\u00e4nen in die Augen schie\u00dfen. Der Darsteller Ramsi Lehner hebt seine Stimme und erweckt mit einer angsteinfl\u00f6\u00dfenden Aggression die Rolle des T\u00e4ters zum Leben. Ich selbst kann mir ein paar Tr\u00e4nen nicht verdr\u00fccken, die Grausamkeit der Szene macht mir bewusst, wie realistisch sie doch ist. Ich stelle mir vor, wie schlimm es f\u00fcr eine Person sein muss, die genau so eine Situation erleben musste und hoffe, dass sich niemand im Publikum dadurch angesprochen f\u00fchlen muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Die tschechische Produktion <em>Amadoka<\/em> von Du\u0161an David Pa\u0159\u00edzek\/Divadlo X10 basiert auf dem gleichnamigen Roman der ukrainischen Schriftstellerin Sofia Andruchowytsch und behandelt Themen wie Krieg, k\u00f6rperliche und seelische Gewalt, Verschleppung und Tod. Es werden Bilder aus der Kriegs- und Nachkriegszeit auf die B\u00fchnenr\u00fcckwand projiziert. In einer Szene wird der Tod einer Person dargestellt, indem sich die ganze B\u00fchne flie\u00dfend in ein rotes Licht f\u00e4rbt. Verbunden mit dem geschrienen Dialog dazu f\u00fchlt sich diese Szene so brutal an, dass ich kaum hinsehen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer ins Theater geht, sucht sich selten eine Vorstellung aus, ohne vorher den Ank\u00fcndigungstext zu lesen. Steht in diesem Text, dass das St\u00fcck von Kriegsgeschichten handelt, kann man sich erschlie\u00dfen, dass es wohl nicht nur um Krieg geht, sondern auch darum, was Krieg mit den Menschen macht. Tod, Machtmissbrauch und Schmerz, der generationen\u00fcbergreifend wirkt, sind quasi vorprogrammiert. Aber nicht immer werden die Ank\u00fcndigungstexte dem gerecht, was letztendlich auf der B\u00fchne landet, denn man m\u00f6chte den Zuschauenden ja nichts vorwegnehmen, sondern lediglich oberfl\u00e4chlich informieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben inhaltlichen Triggern spielen auch die sensorischen eine Rolle. Menschen mit Epilepsie, Migr\u00e4ne oder auf dem Autismus Spektrum k\u00f6nnen auf sensorische Reize sehr sensibel reagieren, und vorher zu wissen, ob es flackerndes Licht gibt, hilft dabei, die Entscheidung zu treffen, ob man das gew\u00e4hlte St\u00fcck besuchen kann oder m\u00f6chte. Laute St\u00f6rger\u00e4usche, also pl\u00f6tzlicher L\u00e4rm oder schrille T\u00f6ne und statisches Rauschen, k\u00f6nnen f\u00fcr Menschen mit Hyperakusis, PTBS oder H\u00f6rger\u00e4ten sehr unangenehm werden.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich steht eine klare Frage im Raum: Kann man nicht erst eine durchdachte Entscheidung treffen, wenn man alle notwendigen Fakten hat? Im engeren Sinne geh\u00f6rt f\u00fcr mich auch die Information \u00fcber sensorische Reize und triggernde Themen dazu, und um der Inklusion willen sollte man diese bereitstellen, damit sich betroffene Gruppen nicht in ihrer Autonomie eingeschr\u00e4nkt sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei sollte man sich allerdings auch nicht im Perfektionsanspruch verlieren. Einen ersten Schritt zu machen, diese Informationen anzubieten und offen f\u00fcr konstruktive Kritik zu sein, reicht erstmal aus, um Inklusion zu f\u00f6rdern.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich sind Trigger nicht immer gleich, und man kann nie f\u00fcr jeden alle Trigger auflisten. Bei manchen reicht ein Name schon aus, um alte Traumata wieder an die Oberfl\u00e4che zu bringen, f\u00fcr andere m\u00fcssen es grafische Darstellungen des einst Erlebten sein. Zweifellos l\u00e4sst sich nicht jedem gerecht werden, was allerdings kein Grund sein sollte, ganz auf Triggerwarnungen zu verzichten und so niemandem gerecht zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich selbst bef\u00fcrworte Triggerwarnungen sehr, doch das bedeutet f\u00fcr mich nicht, dass sie mir vor jeder Vorstellung verbal dargelegt werden m\u00fcssen. Beispielsweise k\u00f6nnte es ausreichen, in der Einf\u00fchrung vor der Vorstellung, die es ja meistens gibt und auch auf dem Festival gab, auf einen Ort, analog oder virtuell, aufmerksam zu machen, an dem man die potenziellen Trigger nachlesen oder, f\u00fcr Menschen mit Sehbehinderung, anh\u00f6ren kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein internationales Theaterfestival, das den Anspruch hat, die Welt nach Chemnitz zu bringen und dort Theater aus verschiedensten Kulturen zu zeigen, hat in sich ja schon einen Inklusionsanspruch. Bei diesem sollten dann auch die Minderheiten mit einbezogen werden, die von Triggerwarnungen profitieren k\u00f6nnen, denn dieses Feld ist gro\u00df und viele Gruppen \u00fcberlappen sich.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p>You can find and English version <a href=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/exkursion-theater-der-welt\/files\/2026\/07\/Triggers-Without-Warning_Nina-Dietz.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">here<\/a> (creted with DeepL).<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p><strong>DI\/Strauss Technique<\/strong><br>25.6. 2026, Atomino<\/p>\n\n\n\n<p>Text, Choreographie, Performance: Ivo Dimchev<br>Music: Ivo Dimchev &amp; Johann Strau\u00df<br>Production: Wiener Festwochen<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Memory Distortion. M I X T A P E<\/strong>, teatru-sp\u0103l\u0103torie<br>26.6.2026, Spinnbau, Halle 5<\/p>\n\n\n\n<p>by Artiom Zavadovsky, Doriana Talmazan, Nicoleta Esinencu, Kira Semionov, Nora Dorogan<br>Video: David Egger<br>Translation: Artiom Zavadovsky, Ciprian Marinescu, Cornelia Winkler<br>With: Artiom Zavadovsky, Doriana Talmazan, Kira Semionov<br>Co-Production: HAU Hebbel am Ufer, FFT D\u00fcsseldorf<br>Supported by: Swiss Agency for Development and Cooperation in Moldova, Internationales Theaterinstitut Zentrum Deutschland<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Before the Revolution<\/strong><br>28.6.2026, Spinnbau, Ostfl\u00fcgel<\/p>\n\n\n\n<p>Director, script: Ahmed El Attar<br>Music: Hassan Khan<br>Set design, Costumes: Hussein Baydoun<br>Lighting Design: Charlie Astr\u00f6m<br>With: Ramsi Lehner, Nanda Mohammad<br>Producer: Henri Jules Julien,<br>Production: Orient Productions<br>Supported by: Tamasi Performing Arts Collective, La Filature, National Theater \u2013 Mulhouse<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Amadoka<\/strong>, Divadlo X10, Prague<br>27.6.2026, Opernhaus Chemnitz<\/p>\n\n\n\n<p>Author: Sofia Andruchowytsch<br>Translation into Czech: Petr Ch. Kalina<br>Stage adaptation, direction, set design: Du\u0161an David Pa\u0159\u00edzek<br>Costume: Kamila Pol\u00edvkov\u00e1<br>Stage and Costume Design: Magdal\u00e9na Vr\u00e1bov\u00e1<br>Music, Video: Peter Fasching<br>Dramaturgy: Kl\u00e1ra Metge<br>With: T\u00e1\u0148a Mal\u00edkov\u00e1, Gabriela M\u00ed\u010dov\u00e1, Stanislav Majer, V\u00e1clav Marhold, Martin Pechl\u00e1t<br>Producers: Lenka Havl\u00edkov\u00e1, Kry\u0161tof Kol\u00e1\u010dek<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Image: <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>by Nina Dietz<\/p>\n","protected":false},"author":8722,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-296","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-context"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/exkursion-theater-der-welt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/296","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/exkursion-theater-der-welt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/exkursion-theater-der-welt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/exkursion-theater-der-welt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/8722"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/exkursion-theater-der-welt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=296"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/exkursion-theater-der-welt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/296\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":305,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/exkursion-theater-der-welt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/296\/revisions\/305"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/exkursion-theater-der-welt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=296"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/exkursion-theater-der-welt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=296"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/exkursion-theater-der-welt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=296"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}