{"id":100,"date":"2022-06-07T22:21:49","date_gmt":"2022-06-07T20:21:49","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/?p=100"},"modified":"2022-08-23T15:26:41","modified_gmt":"2022-08-23T13:26:41","slug":"christine-chwaszcza","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/2022\/06\/07\/christine-chwaszcza\/","title":{"rendered":"Christine Chwaszcza"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Wie w\u00fcrden Sie Ihren sozialen Hintergrund beschreiben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fctterlicherseits: Landwirtschaft; v\u00e4terlicherseits: Handwerk. Pr\u00e4gend f\u00fcr beide Elternteile scheinen mir jedoch die Kriegs- und Fluchterfahrungen in fr\u00fcher Jugend bzw. Adoleszenz zu sein und das damit verbundene Gef\u00fchl \u201eDu geh\u00f6rst hier nicht hin. Du musst erst einmal zeigen, dass Du es verdienst, respektiert zu werden\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ansonsten: durchg\u00e4ngig misogyn. \u2013 Intelligenz, Bildung und Wissen waren in meiner Familie etwas f\u00fcr \u201eJungs\u201c. Bei den M\u00e4dchen z\u00e4hlten vor allem heiratsf\u00f6rderliche Eigenschaften wie \u201egute Kuchen backen\u201c, \u201esch\u00f6ne Beine\u201c und \u201eh\u00e4usliche Flei\u00dfarbeit\u201c. Den Weiterbesuch des Gymnasiums musste ich nach dem fr\u00fchen Tod meines Vaters gegen den Wunsch meiner Mutter durchsetzen. Als ich ein Studium begann, fragten einige Verwandte \u201eWarum studierst Du? Hast Du keinen Freund? Willst Du, dass Deine Kinder Oma zu Dir sagen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was waren f\u00fcr Sie besondere Schwierigkeiten, die mit Ihrem Hintergrund zu<br>tun hatten oder haben, und gibt es ein Beispiel f\u00fcr eine Erfahrung oder Anekdote, die diese gut veranschaulicht?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich war das Studium eine Befreiung von der Familie. Das erste Studienjahr<br>habe ich mir geschenkt und Griechische Philologie belegt, weil der Griechisch-Leistungskurs so entt\u00e4uschend gewesen war. Danach begann ich ein Lehramtsstudium, weil das einer der vier akademischen Berufe war, die mir bekannt waren. Die Erfahrung eines studienbegleitenden Praktikums zeigten aber bald, dass ich mich nicht f\u00fcr das Lehramt erw\u00e4rmen konnte, sondern es genoss, mich in Forschungsfragen zu vertiefen. Ich bekam fr\u00fch eine Stelle als Hilfskraft angeboten und hatte w\u00e4hrend dieser Zeit viel Unterst\u00fctzung durch Dozenten und fortgeschrittene Mitstudierende, nicht zuletzt in den Magistranden- und Doktorandenseminare, die ich als enorm lehrreich wahrnahm. \u00c4hnliches gilt auch f\u00fcr die Zeit vor und nach der Promotion und die Zeit als wissenschaftliche Assistentin. Inhaltlich bewegte ich mich stringent vom Literatur- und Sozialwissenschaftsstudium zur Philosophie, genauer gesagt zur analytischen Philosophie (am Stegm\u00fcller-Institut der LMU). Vorbehalte, sofern es welche gab, richteten sich eher gegen mein Interesse an normativer politischer Philosophie \u2013 im Gegensatz zu Logik und Erkenntnistheorie \u2013 und analytischer Philosophie \u2013 im Gegensatz zu Hegel, Hermeneutik und Heidegger.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst nach der Habilitation hatte ich \u00f6fter Mal das Gef\u00fchl als \u201ebunter Vogel\u201c wahrgenommen zu werden, der nicht dazu geh\u00f6rt. Retrospektiv w\u00fcrde ich dies aber eher meinem Frausein zuschreiben als meiner Herkunft. Nach einem Vorsingen sagte einmal ein sehr bekannter Professor zu mir: \u201eFrau Chwaszcza, Sie werden in Deutschland nie eine Professur bekommen. Sie ja viel zu klein. Sie k\u00f6nnen ja noch nicht mal \u00fcber das Rednerpult schauen.\u201c Ein andermal wurde ich gefragt, ob ich mir vorstellen k\u00f6nnte, an einem Projekt der Architektur zur \u00c4sthetik von Parkh\u00e4usern aus feministischer Perspektive mitzuarbeiten. Als ich zur\u00fcckfragte, ob diese Frage auch m\u00e4nnlichen Bewerbern gestellt wird, war der einhellige \u00c4rger der Kommissionsmitglieder deutlich sp\u00fcrbar.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was hat Ihnen dabei besonders geholfen, diese oder andere Schwierigkeiten zu \u00fcberwinden, und gibt es auch hier ein Beispiel f\u00fcr eine Erfahrung oder Anekdote, die dies gut veranschaulicht?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich nehme an verschiedene Dinge: eine autokompetitive Orientierung an akademischen Standards, workaholism, akademische Auslandserfahrungen und ein ungebrochenes Interesse an philosophischen Fragestellungen. Vielleicht: eine intergenerationell ererbte Resilienz gegen Fremdheitserfahrungen. Definitiv: die gro\u00dfartige Unterst\u00fctzung meiner philosophischen Projekte durch meinen Ehemann.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gibt es besondere Einsichten oder Perspektiven, die Sie Ihrem Hintergrund<br>verdanken und die f\u00fcr Ihre philosophische Forschung oder Lehre von besonderem Wert sind?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Inhaltlich-sachlich: Eine profunde Wertsch\u00e4tzung des common sense \u2013 die konsequent zur Orientierung an der ordinary language Philosophie gef\u00fchrt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Studienorganisatorisch: Ohne Sch\u00fcler-Baf\u00f6g h\u00e4tte ich weder das Gymnasium abschlie\u00dfen noch ein Studium beginnen k\u00f6nnen. Ich halte diese Form der F\u00f6rderung f\u00fcr enorm wichtig und finde, dass es f\u00fcr ihre Aufrechterhaltung auch wichtig ist, das Studium abzuschlie\u00dfen und die Darlehen zur\u00fcckzuzahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Einbeziehung junger Studierender in akademisches Arbeiten \u00fcber HiWi Stellen und Lehrauftr\u00e4ge ist nicht nur eine intellektuelle F\u00f6rderung, sondern ein Modus sozialer Integration, der zeigt, \u201ewie der Betrieb funktioniert\u201c (auch wenn man Manches erst retrospektiv versteht).<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Promotionsstipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung habe ich nach einem Jahr zur\u00fcckgegeben, weil der Betrag f\u00fcr ein Leben in M\u00fcnchen einfach zu gering bemessen war. Ich habe die Promotion stattdessen durch einen \u201eJob\u201c finanziert. Das hat mich auch gelehrt, meine Forschung gut zu organisieren, mich auf die entscheidenden Punkte zu fokussieren und einzusehen, dass man Arbeiten auch abschlie\u00dfen kann, ohne alle Fragen ersch\u00f6pfend beantwortet zu haben. Es gibt auch post-doktorale Forschungsprojekte! Meine pers\u00f6nliche Erfahrung ist: die fr\u00fche finanzielle F\u00f6rderung ist wichtiger als die sp\u00e4te.<\/p>\n\n\n\n<p><em><a href=\"https:\/\/philosophie.phil-fak.uni-koeln.de\/personen\/universitaetsprofessorinnen\/prof-dr-christine-chwaszcza\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Christine Chwaszcza<\/a> ist Professorin f\u00fcr Politische und Sozialphilosophie an der Universit\u00e4t zu K\u00f6ln.&nbsp;<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie w\u00fcrden Sie Ihren sozialen Hintergrund beschreiben? M\u00fctterlicherseits: Landwirtschaft; v\u00e4terlicherseits: Handwerk. 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