{"id":113,"date":"2022-06-17T08:16:57","date_gmt":"2022-06-17T06:16:57","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/?p=113"},"modified":"2022-08-03T15:55:02","modified_gmt":"2022-08-03T13:55:02","slug":"johannes-steizinger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/2022\/06\/17\/johannes-steizinger\/","title":{"rendered":"Johannes Steizinger"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich bin im l\u00e4ndlichen Raum \u00d6sterreichs aufgewachsen und komme aus einer klassischen Arbeiterfamilie. Mein Vater ist B\u00e4ckermeister, hat jedoch den Gro\u00dfteil seines Lebens in einer Fabrik gearbeitet, wo er sich gewerkschaftlich organisiert und zum freigestellten Betriebsrat hochgearbeitet hat. Meine Mutter ist ausgebildete K\u00f6chin und hat als Kellnerin, Reinigungskraft und Heimhilfe im Altersheim gearbeitet. Der b\u00fcrgerliche Bildungskanon spielte in meinem Elternhaus keine Rolle. Meinen Eltern war es jedoch wichtig, dass meine Br\u00fcder und ich eine gute Ausbildung genie\u00dfen\u2014eine Einstellung, die im sozialdemokratischen \u00d6sterreich der 1970er kultiviert wurde. Ich hatte das gro\u00dfe Gl\u00fcck, dass ich an entscheidenden Stellen meines Bildungsweges von Mentor:innen gef\u00f6rdert wurde. In der ersten Klasse Volkschule machte eine Lehrerin meine Eltern darauf aufmerksam, dass ich studieren sollte und er\u00f6ffnete mir damit eine M\u00f6glichkeit, die sozial nicht unbedingt vorgesehen war.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es war die Sprache, anhand derer ich seit meinem Eintritt in eine Bildungslaufbahn immer wieder auf die Bedeutung von Klassenunterschieden gesto\u00dfen wurde. Mein Deutschlehrer machte sich in der Unterstufe des Gymnasiums vor der gesamten Klasse \u00fcber mich lustig, weil ich ein allt\u00e4gliches Wort im Idiom meiner Herkunftsklasse aussprach. Und meine Klassenlehrerin machte sehr deutlich, dass ich aufgrund meiner etwas roheren Verhaltensweisen, die sie auf meine fehlende Erziehung zur\u00fcckf\u00fchrte, keinen Platz in der b\u00fcrgerlichen Idylle eines humanistischen Gymnasiums habe. Diese Erfahrungen stachelten zum einen den Rebellen in mir auf, zum anderen bewirkten sie starke Anpassungsleistungen, um mir den Wunsch eines intellektuellen Lebens zu erf\u00fcllen. Als ich mit 18 Jahren zum Studieren nach Wien ging, lie\u00df ich das Idiom meiner Eltern hinter mir und erfand mich sprachlich komplett neu. Manchen war aber auch das nicht genug. Ein bekannter deutscher Professor riet mir auch die letzten Reste meine \u00f6sterreichischen Akzents zu eliminieren, um in Deutschland eine Chance auf eine Professur zu haben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Diese fortlaufende Anpassung an immer feinere Unterschiede und Besonderheiten des Bildungsb\u00fcrgertums bewirkte eine tiefe Entfremdung von meinem sozialen Hintergrund. Die Erfahrungswelt meiner Eltern spielt im universit\u00e4ren Kontext keine Rolle. Das in der Kindheit und Jugend erlernte Alltagswissen wurde deshalb weitgehend nutzlos und jeder meiner Karriereschritte war mit einem zus\u00e4tzlichen Lernaufwand verbunden. Studieren bedeutete f\u00fcr mich auch einen sozialen Code zu entschl\u00fcsseln, der mir fremd war und in dem mich nie ganz heimisch f\u00fchlen werde. Deshalb hatte ich oft das Gef\u00fchl auf mich allein gestellt sein. Auch diese Erfahrung hatte eine ambivalente Wirkung. Zum einen gewann ich viel an Selbstsicherheit, weil ich akademische Erfolge komplett als die meinen begreifen konnte. Zum anderen fehlte mir aber oft die Gelassenheit, die auf der Gewissheit beruht, schon dazuzugeh\u00f6ren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mein sozialer Hintergrund beeinflusst meine philosophischen Interessen auf unterschiedliche Weise. Ich finde es wichtig, die Geschichte der Philosophie auch als eine Sozialgeschichte zu begreifen, um die soziale Position und das soziale Selbstverst\u00e4ndnis von Philosoph:innen zu ber\u00fccksichtigen. Das hat, glaube ich, auch damit zu tun, dass ich durch den radikalen Wechsel der sozialen Schicht erlebte, wie stark die Anerkennung von Wissensformen und die Beurteilung von Verhaltensweisen sozial gepr\u00e4gt sind. Beispielsweise belegen zahlreiche sozialpsychologische Studien, wie sehr moralischen Intuitionen von unserem sozialen Hintergrund bestimmt sind. Ich sehe keinen Grund, weshalb (akademische) Philosoph:innen, die auch eine bestimmte Position im Gesellschaftsgef\u00fcge inne haben und eben keine freischwebenden Intellektuellen sind, von dieser Pr\u00e4gung ausgenommen sein sollen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zudem habe ich viel vom zweiten Bildungsweg meines Vaters gelernt, der ihm durch die Gewerkschaft erm\u00f6glicht wurde. Mir ist durch seine intellektuelle Entwicklung deutlich geworden, wie wichtig soziale R\u00e4ume sind, in denen Selbstbildung durch Austausch auf Augenh\u00f6he erm\u00f6glicht wird. Nicht zuletzt deshalb ist mir ein gewisser Widerstand gegen die hierarchischen Strukturen des Universit\u00e4tsbetriebs erhalten geblieben, in dem die Lehre immer noch zu stark auf der Autorit\u00e4t der Professor:in beruht. Die sozialen Grundlagen dieser Autorit\u00e4t verweisen aber auch auf meine privilegierte Position als wei\u00dfer Mann, die viel damit zu tun hat, dass ich meinen Weg erfolgreich gehen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p><em><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/philpeople.org\/profiles\/johannes-steizinger\" target=\"_blank\">Johannes Steizinger<\/a> ist Associate Professor of Philosophy an der McMaster University (Hamilton, Kanada).\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin im l\u00e4ndlichen Raum \u00d6sterreichs aufgewachsen und komme aus einer klassischen Arbeiterfamilie. Mein Vater ist B\u00e4ckermeister, hat jedoch den Gro\u00dfteil seines Lebens in einer Fabrik gearbeitet, wo er sich gewerkschaftlich organisiert und zum freigestellten Betriebsrat hochgearbeitet hat. Meine Mutter ist ausgebildete K\u00f6chin und hat als Kellnerin, Reinigungskraft und Heimhilfe im Altersheim gearbeitet. 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