{"id":120,"date":"2022-06-20T10:16:45","date_gmt":"2022-06-20T08:16:45","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/?p=120"},"modified":"2022-08-24T10:45:19","modified_gmt":"2022-08-24T08:45:19","slug":"aus-dem-akademischen-mittelbau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/2022\/06\/20\/aus-dem-akademischen-mittelbau\/","title":{"rendered":"Aus dem akademischen Mittelbau"},"content":{"rendered":"\n<p>Erfahrungen eines anonymen Postdocs<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie w\u00fcrdest Du Deinen sozialen Hintergrund beschreiben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Meine Eltern haben die Schule mit einem Haupt- und einem Realschulabschluss verlassen. Danach haben Sie als Angestellte in B\u00fcros gearbeitet. Auch ihr Freundeskreis und mein soziales Umfeld vor der Studienzeit war \u00e4hnlich (Stra\u00dfenbahnfahrer, Bergarbeiter, etc.). Meinen Eltern war es wichtig, dass ich eine Schule besuche, auf die mehrheitlich \u201enormale Menschen\u201c gehen (und nicht etwa mehrheitlich \u00c4rzte- und Anwaltss\u00f6hne und -t\u00f6chter). Aus diesem Grund wurde ich nicht auf ein Gymnasium sondern auf eine Gesamtschule geschickt. Zu Akademiker:innen habe ich erst im Laufe des Studiums Kontakt gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was waren f\u00fcr Dich besondere Schwierigkeiten, die mit Deinem Hintergrund zu tun hatten oder haben, und gibt es ein Beispiel f\u00fcr eine Erfahrung oder Anekdote, die diese gut veranschaulicht?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hier gibt es im Wesentlichen drei Punkte. Bei jedem dieser Punkte m\u00f6chte ich betonen, dass die Auswirkungen in meinem Fall (wei\u00df, m\u00e4nnlich, ohne Migrationshintergrund) vergleichsweise moderat sind. Ich denke aber, sie verweisen auf strukturelle Probleme, die sich bei Personen aus weniger privilegierten Gruppen deutlich drastischer auswirken:<\/p>\n\n\n\n<p>(a) Geld: Auf meiner Gesamtschule gab es keine Veranstaltungen oder Informationen zum Studium (das war und ist nicht auf jeder Gesamtschule so, passiert aber auch heute noch) . So hatte ich, bevor ich an die Uni kam, z.B. nie von der M\u00f6glichkeit geh\u00f6rt, durch Begabtenf\u00f6rderwerke finanzielle Unterst\u00fctzung zu erhalten. Auch die M\u00f6glichkeit eines Auslandssemesters bestand f\u00fcr mich nur theoretisch: \u201eWoher soll das Geld kommen?\u201c Zwar gibt es zahlreiche M\u00f6glichkeiten, sich finanzielle Unterst\u00fctzung f\u00fcr derartige Vorhaben zu organisieren. Entsprechende Informationen waren allerdings zumindest zu meiner Studienzeit (Anfang der 2000er) nicht leicht zug\u00e4nglich. Zudem ist die Unterst\u00fctzung vielfach nicht ausreichend, wenn sonst keine Mittel vorhanden sind, die z.B. im Vorhinein ausgelegt werden k\u00f6nnen. Nun muss niemand ein Auslandssemester machen, um eine akademische Karriere zu starten. Doch ist dies freilich ein gewisser Vorteil, der mehrheitlich Personen zugutekommt, die (i) aus einem sozialen Hintergrund stammen, in dem Auslandserfahrungen w\u00e4hrend der Studienzeit etwas v\u00f6llig normales sind und (ii) entsprechende finanzielle Ressourcen vorhanden sind.<\/p>\n\n\n\n<p>(b) Habitus: F\u00fcr eine erfolgreiche akademische Karriere ist ein gutes Netzwerk entscheidend. De facto werden Netzwerke vielfach w\u00e4hrend Konferenzdinners und \u00e4hnlichen Anl\u00e4ssen gebildet. Sich im Rahmen der dort teils vorherrschenden \u00dcblichkeiten zurechtzufinden ist nicht einfach. Sobald sich das Gespr\u00e4ch von philosophischen Themen auf Themen wie Kunst, Kultur oder Skiurlaube schwenkt, wird man schnell vom Insider zum Outsider. \u00c4hnliche Probleme ergeben sich bei Anl\u00e4ssen, mit denen gewisse Erwartungen im Hinblick auf das \u00e4u\u00dferliche Auftreten verbunden sind.<\/p>\n\n\n\n<p>(c) Familie: Die meisten Personen aus meinem famili\u00e4ren Umfeld befinden sich in v\u00f6lliger Unklarheit, dar\u00fcber, was meine Arbeit ist (bzw. ob es sich dabei \u00fcberhaupt um echte Arbeit handelt). Es ist ihnen nicht ersichtlich, warum die Arbeit immer nur befristet ist und warum es sinnvoll sein k\u00f6nnte, auch w\u00e4hrend einer Periode ohne Arbeitsvertrag weiteren Antr\u00e4gen und Aufs\u00e4tzen zu arbeiten, weiterhin Hausarbeiten ehemaliger Studierender zu korrigieren, an Kommissionssitzungen und Tagungen teilzunehmen; warum es sinnvoll sein kann, auf ein h\u00f6heres Gehalt zu verzichten, um stattdessen mit bestimmten Personen zu arbeiten, sich die M\u00fche zu machen, B\u00fccher zu schreiben, wenn man anderen Verkauf keinen Cent verdient, warum man Stipendien \u201eechten\u201c Jobs vorzieht, etc. Auf Dauer kann das zu einer nicht unerheblichen Belastung auf beiden Seiten f\u00fchren: von Seiten der Familie ist da der nagende Verdacht, dass ich mir vielleicht seit Jahren auf Kosten der Steuerzahler ein faules Leben ohne geregelte Arbeitszeiten erlaube; von meiner Seite ist da die Unm\u00f6glichkeit, zu vermitteln, warum z.B. eine Ver\u00f6ffentlichung in der Erkenntnis ein wichtiger Karriereerfolg ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was hat Dir dabei besonders geholfen, diese oder andere Schwierigkeiten zu \u00fcberwinden, und gibt es auch hier ein Beispiel f\u00fcr eine Erfahrung oder Anekdote, die dies gut veranschaulicht?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mentor:innen und Freund:innen spielen die gr\u00f6\u00dfte Rolle, zudem der Kontakt mit anderen Erstgenerationist:innen, die \u00e4hnliche Erfahrungen gemacht haben. Generell ist da die Tatsache, dass es gerade in der analytischen Philosophie dann doch sehr viele Personen gibt, die es verstehen, sich auf Sachfragen zu beschr\u00e4nken, und die sich ihrer eigenen sozialen Identit\u00e4t und den damit verbundenen Vorstellungen von Normalit\u00e4t bewusst sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gibt es besondere Einsichten oder Perspektiven, die Du Deinem Hintergrund verdankst und die f\u00fcr Deine philosophische Forschung oder Lehre von besonderem Wert sind?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich versuche meine Erinnerung an die ersten Studiensemester pr\u00e4sent zu halten, da ich mir erhoffe, dass meine Erfahrungen von damals mir ein wenig helfen, Studienanf\u00e4nger:innen auf Augenh\u00f6he zu begegnen. Es ist erstaunlich, dass viele Lehrende implizit (und sicherlich unbewu\u00dft und in guter Absicht), davon ausgehen, dass die Studierenden ein gewisses bildungs-sprachliches Vokabular beherrschen und sich bestimmter Rede- und H\u00f6flichkeitsformen bewusst sind. Das ist aber gerade bei Personen aus einem nicht-akademischen Umfeld eben nicht selbstverst\u00e4ndlich. Es kann dazu f\u00fchren, dass solche Personen selbst den normalen Besuch in einer Sprechstunde als eine gro\u00dfe Herausforderung empfinden. So wie Mediziner:innen h\u00e4ufig als \u201eHalbg\u00f6tter in wei\u00df\u201c empfunden werden, werden Dozierende (zumal solche mit Professor:innentitel) als unnahbare Halbg\u00f6tter empfunden.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Verfasser dieses Beitrags ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer deutschen Universit\u00e4t.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erfahrungen eines anonymen Postdocs Wie w\u00fcrdest Du Deinen sozialen Hintergrund beschreiben? Meine Eltern haben die Schule mit einem Haupt- und einem Realschulabschluss verlassen. Danach haben Sie als Angestellte in B\u00fcros gearbeitet. Auch ihr Freundeskreis und mein soziales Umfeld vor der Studienzeit war \u00e4hnlich (Stra\u00dfenbahnfahrer, Bergarbeiter, etc.). 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