{"id":123,"date":"2022-06-24T10:40:41","date_gmt":"2022-06-24T08:40:41","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/?p=123"},"modified":"2022-08-24T10:39:59","modified_gmt":"2022-08-24T08:39:59","slug":"maren-behrensen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/2022\/06\/24\/maren-behrensen\/","title":{"rendered":"Maren Behrensen"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Familie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mutter Katasterbeamtin, Vater Alkoholiker und Gelegenheitsarbeiter (verstarb kurz nach meiner Vollj\u00e4hrigkeit). Multiple transgenerationale Traumata. Illustrierte und Volksmusik in Fernsehen und Radio statt Goethe und Klavierunterricht. Das famili\u00e4re Umfeld w\u00fcrde man heute wohl als \u201ebildungsfern\u201c umschreiben, aber meine Eltern haben mich in meiner Neugier und in meinem Lernwillen immer unterst\u00fctzt. Ich war unter den ersten Personen aus meinem erweiterten Familienkreis, die ein Universit\u00e4tsstudium abgeschlossen haben und (soweit ich wei\u00df) die erste, die einen Doktortitel erworben hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bildungsweg und Beruf<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Von Beginn an gute Noten in der Schule, ohne die ich kaum den direkten Weg zum Abitur und ins Studium genommen h\u00e4tte. Interesse und Talent f\u00fcr Mathematik und Naturwissenschaften (wie meine Mutter, die ihre Schulbildung nach der 9. Klasse der Volksschule abbrechen musste). Mir wurde angeboten, die 11. Klasse zu \u00fcberspringen (was ich ablehnte), und der Rektor meiner Schule meinte, ich solle Chemie oder eine andere Naturwissenschaft studieren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber den Unterricht im Fach \u201eWerte und Normen\u201c, das ich in Niedersachsen ab der 11. Klasse statt des evangelischen Religionsunterrichts w\u00e4hlen konnte, und das an meiner Gesamtschule behelfsweise von einem sehr klugen und freundlichen Geschichts- und Lateinlehrer unterrichtet wurde, verfestigte sich mein Interesse an Philosophie.<\/p>\n\n\n\n<p>Erste Studienwahl Deutsche Sprache und Literatur, unter der v\u00f6llig irregeleiteten Annahme, dass diese meinen schriftstellerischen Ambitionen dienlich w\u00e4re. Nach zwei Jahren (viel zu sp\u00e4t) abgebrochen, dann Magisterstudium der Philosophie. Meine Mutter hat mich w\u00e4hrend des Studiums in Deutschland finanziell unterst\u00fctzt. Baf\u00f6g und Jobs waren nie n\u00f6tig (auch, weil ich keine Studiengeb\u00fchren entrichten musste). Auf Stipendien habe ich mich in Deutschland nie beworben (und wurde dazu auch nie ermuntert). Im R\u00fcckblick bin ich der Meinung, dass eine Bewerbung mit meinem Hintergrund keine Chancen auf Erfolg gehabt h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Einer meiner akademischen Lehrer im Magisterstudium, der vor meinem Abschluss nach Boston gewechselt war, empfahl mir, mich dort f\u00fcr ein Graduiertenstudium zu bewerben. Das war damals die einzige Bewerbung, die ich schrieb (ich hatte keine Vorstellung davon, was ich nach dem Studium mit meinem Leben anfangen wollte). Ich wurde angenommen, und ohne vorherige Auslandserfahrung zog ich in die Vereinigten Staaten. Im gesamten ersten Jahr des Graduiertenstudiums habe ich in Seminaren und Kolloquia \u00fcberhaupt nicht gesprochen. Dissertation nach sechs statt der vorgesehenen f\u00fcnf Jahre abgeschlossen. Danach zehn Jahre akademisches Prekariat (Lehrauftr\u00e4ge, Post-doc, weitere Lehrauftr\u00e4ge, WMA-Stelle, befristete Professur) in den Vereinigten Staaten, Schweden, Deutschland und den Niederlanden, erste unbefristete Stelle mit 41 Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Soweit ich das \u00fcberblicke, bin ich der:die einzige deutsche trans und einzige nicht-bin\u00e4re Philosoph:in mit einer unbefristeten Stelle in Europa (ich ganz allein bin die Lobby und die Cancel Culture).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hindernisse und Unterst\u00fctzung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die guten Noten haben mit Sicherheit dazu beigetragen, dass mir nicht allein aufgrund meines famili\u00e4ren Hintergrundes der Bildungsweg an die Universit\u00e4t verschlossen blieb. Hinzu kommen die finanzielle Unterst\u00fctzung meiner Mutter im Studium und die F\u00f6rderung durch Lehrer:innen und Mentor:innen an Schule, Universit\u00e4ten und im Arbeitsumfeld. Die Unterst\u00fctzung durch erfahrene Kolleg:innen ist dabei bis heute wertvoll. Ich bin dankbar, dass ich mich aktuell in einem Arbeitsumfeld befinde, in dem unter Kolleg:innen gleichen Ranges mehr Solidarit\u00e4t als Konkurrenz gelebt wird, und in dem meine Forschungsinteressen als bereichernd wahrgenommen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein famili\u00e4rer Hintergrund hat f\u00fcr ein nachhaltiges <em>impostor syndrome <\/em>gesorgt. Das fehlende kulturelle Kapital und mein sozialer Habitus haben vor allem w\u00e4hrend meiner Zeit in den Vereinigten Staaten dazu gef\u00fchrt, dass ich meinen eigenen F\u00e4higkeiten nicht mehr vertraute und es mir bis heute schwerf\u00e4llt, selbstbewusst wissenschaftliche Interessen und Ambitionen zu formulieren. Hinzu kommen durch die schwierige Familiengeschichte bedingte psychische Verletzungen, die mich w\u00e4hrend des Studiums und w\u00e4hrend meiner Zeit im akademischen Prekariat teilweise stark behindert haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Trotzdem Philosophie?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mein anf\u00e4ngliches Interesse an der Philosophie w\u00fcrde ich als ein historisches beschreiben: ich fand den Philosophieunterricht an der Schule und im Grundstudium spannend, weil sich mir erschloss, wie sich Theoriegeb\u00e4ude mit der Zeit entwickelt und aufeinander Bezug genommen haben. Dazu kam dann ein Interesse am \u201ephilosophischen Puzzle\u201c: ein Argument nicht nur aufzudr\u00f6seln, sondern auch eine eigene Position in Bezug auf ein solches Argument formulieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Lange waren diese Interessen von meiner eigenen Geschichte und meinen Erfahrungen abgekoppelt: Philosophie war ein Weg, mich nicht mit mir und meinem Nahfeld auseinandersetzen zu m\u00fcssen, sondern vermeintlich \u201eobjektiv\u201c auf die Welt zu blicken. Bei der Themenwahl meiner Magister- und meiner Doktorarbeit (Vergleich von Kants und Hobbes Staatstheorie, abstrakter Beitrag zur politischen Philosophie der Migration) f\u00fchlte ich mich verpflichtet, \u201eechte\u201c philosophische Themen zu w\u00e4hlen anstelle der queeren und konkret-politischen Themen, die mich auch schon damals interessierten.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Jahren nach meiner Dissertation habe ich mir diese Themen erarbeitet, und dadurch zum ersten Mal das Gef\u00fchl gewonnen, mit einer eigenen philosophischen Stimme zu sprechen. Dennoch w\u00fcrde ich nicht von einem Bruch in meiner philosophischen Entwicklung sprechen; ich bin nicht von vermeintlich \u201esicheren\u201c und \u201eobjektiven\u201c philosophischen Themen in die Randbereiche der Disziplin gewandert, sondern befinde mich inmitten einer Disziplin, die (hoffentlich) diese \u201eRandbereiche\u201c in ihr Zentrum holt, und so relevant bleibt. Die \u201eklassischen\u201c historischen und analytischen Perspektiven, die mich f\u00fcr die Philosophie begeisterten, sind mir dabei weiterhin wichtig und bilden eine Grundlage (unter mehreren) meiner philosophischen Herangehensweise.<\/p>\n\n\n\n<p><em><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/people.utwente.nl\/m.behrensen?tab=research\" target=\"_blank\">Maren Behrensen<\/a> ist assistant professor an der Section of Philosophy der University of Twente, Enschede, Niederlande.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Familie Mutter Katasterbeamtin, Vater Alkoholiker und Gelegenheitsarbeiter (verstarb kurz nach meiner Vollj\u00e4hrigkeit). Multiple transgenerationale Traumata. Illustrierte und Volksmusik in Fernsehen und Radio statt Goethe und Klavierunterricht. Das famili\u00e4re Umfeld w\u00fcrde man heute wohl als \u201ebildungsfern\u201c umschreiben, aber meine Eltern haben mich in meiner Neugier und in meinem Lernwillen immer unterst\u00fctzt. 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