{"id":125,"date":"2022-06-28T09:16:33","date_gmt":"2022-06-28T07:16:33","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/?p=125"},"modified":"2022-07-28T09:22:01","modified_gmt":"2022-07-28T07:22:01","slug":"markus-wild","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/2022\/06\/28\/markus-wild\/","title":{"rendered":"Markus Wild"},"content":{"rendered":"\n<p>Meine Grosseltern waren Kleinbauer, Schneiderin, St\u00f6rmetzger und Fris\u00f6se. Alle aus der deutschen Schweiz. Die Eltern waren Gastwirte, ungelernter Arbeiter, ungelernte Arbeiterin, Unterhaltungsmusiker. Ihr Leben war autodidaktisch, improvisiert und aufreibend. Oft wechselten wir Wohnort und Gasthof. Der Lebensrhythmus von Kindern und Eltern lief auseinander. Die Grosseltern v\u00e4terlicherseits wurden wichtig. Sie wohnten an <em>einem<\/em> Ort, arbeiteten nach der Pensionierung weiter, doch <em>mit Musse<\/em>. Grossmutter malte (Bauernmalerei), Grossvater schloss sich am Sonntagmorgen ein (Bibellekt\u00fcre), sie nahm mich mit in die Stadt, um Heimarbeiten abzuliefern, er in seine Geschichte des 20. Jh. Offenbar war ein Berufsleben, in dem solche Dinge Platz haben, m\u00f6glich. Meine erste Antwort auf die Frage, was ich einmal werden m\u00f6chte, lautete deshalb \u00abPensioniert!\u00bb, was in der Gaststube naturgem\u00e4ss Gel\u00e4chter erregte. Ich war cholerisch, langweilte mich oft in Gesellschaft und Schule und zog das Alleinsein vor: Waldg\u00e4nge, Wildtiere, B\u00fccher, Notizen, Zeichnungen, mein Hund. Ich sah schlecht, meine Aussprache war fehlerhaft, ich konnte vor Aufregung nicht vorlesen, ich bewegte Zunge und Mund beim Schreiben, war oft krank oder kr\u00e4nklich. Wildh\u00fcter, Pfarrer und Berufsberater sahen sich mein Geschriebenes und Gezeichnetes an und meinten: \u00abMatura!\u00bb. Ich wollte Koch werden; die Schnupperlehre versalzte mir das. Ich bestand die Pr\u00fcfungen f\u00fcr die Kunstschule und das Lehrerseminar und w\u00e4hlte das Berufsorientierte. Irgendwann kaufte ich, denn Schopenhauer sah aus wie die grimmige Version des Grossvaters, \u00abDie Welt als Wille und Vorstellung\u00bb. Ich merkte, dass die Gesellschaft der Schule immer mehr Erziehungsaufgaben aufb\u00fcrdete, das verengte und verunstaltete diese Aussicht zusehends. An den Kindern lag\u2019s nicht. Stattdessen interessierte mich die Gesellschaft. Mit ihr (Kritische Theorie in der Tasche) machte ich als Altenpfleger, Buchh\u00e4ndler- und Spitalk\u00fcchengehilfe sowie als Rekrut neue Erfahrungen. \u00c4ltere Freundinnen und Freunde, die sich im Toggenburg in Literatur, Musik, Philosophie versuchten, sowie Lehrer, die Freir\u00e4ume f\u00fcrs Selbststudium schufen, wirken r\u00fcckblickend wie Wegweiser zum Studium von Philosophie und Literatur in Basel.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Schweiz hatten Akademikerkinder im Jahr 2018 eine 4,9 Mal bessere Chance, an der Universit\u00e4t zu studieren als Kinder von Nichtakademiker:innen. Das Entscheidende ist bei mir Anfang der 1980er geschehen mit der Aussicht auf Matura. Niemand in der weitl\u00e4ufigen Verwandtschaft hat diesen Weg genommen. Beim Verlassen des Lehrerseminars war ich 21 Jahre alt und weil ich meinen Lebensunterhalt bestreiten (und das Latinum nachholen) musste, verlor ich wieder Zeit. Der Staat gab 2500 Franken im Jahr, die Eltern \u00fcbernahmen die Krankenkasse, Auslandsemester lagen nicht drin oder traute ich mir kaum zu. Eigennamen kannte ich \u2013 typisch f\u00fcr einen Autodidakten \u2013 nur vom Sehen und sprach sie falsch aus. (Der deutsche Dichter hiess \u00abStefan Schorsch\u00bb und der Sch\u00f6pfer der \u00abIllias\u00bb klang aus meinem Mund zun\u00e4chst wie \u00abHomer Simpson\u00bb.) Meine Ausdrucksweise changierte zwischen unterschiedlichen Sprachregistern oder neigte zum Hyperbolischen. (Ich organisierte einen Protest gehen die Erh\u00f6hung von Studiengeb\u00fchren mit, in der Zeitung fand ich nur meine Aussage: \u00abWir Studierenden f\u00fchlen uns verarscht.\u00bb Der besorgte Dekan zitierte mich, weil ich in der Studentenzeitung mit der Metapher des Blutkuchens, aus der man Blutwurst macht, um mich geworfen hatte.) Die Interessen zeigten in viele Richtungen, es war aufreibend mit meinen finanziellen, zeitlichen, emotionalen und sozialen Ressourcen hauszuhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abWas soll ich lesen? Meinen Sie das wirklich? Warum soll das wichtig sein?\u00bb Ich sprach Professorinnen und Professoren direkt an und fand sie alle ausnahmslos unterst\u00fctzend. Als ich eine Hausarbeit in wackliger Schreibmaschine abgab, lieh man mir einen ausrangierten Institutscomputer; als mich eine Veranstaltung inhaltlich interessierte, f\u00fcr die ich nicht weit genug fortgeschritten war, lud man mich trotzdem ein. Ich arbeitete in Gremien und Kommissionen mit. Nach und nach entstand die Idee zu promovieren. Aber worin und bei wem? Ein neuer Professor kam, brachte analytische Philosophie und Philosophie der Neuzeit mit, und in seinem Forschungsprojekt arbeitete ich zum ersten Mal in einem Team. Was in viele Richtungen gezeigt hatte, bekam Fokus und Form. Ich entdeckte eine alte Leidenschaft wieder (Tiere!) und bereitete emsig ein Seminar vor. Keiner kam und einer w\u00e4re fast gegangen. Mein Betreuer meinte: \u00abDa wir schon so viel vorbereitet haben, k\u00f6nnten wir daraus einen Sammelband machen.\u00bb Daraus ist \u00abDer Geist der Tiere\u00bb geworden. \u2013 Das klingt nun so, als w\u00e4re ich an der Universit\u00e4t in einer Welt von Wertsch\u00e4tzung und Gleichheit angekommen. Das trifft einen wichtigen Teil meiner Erfahrung. Aber ich meine, dass ich einfach Gl\u00fcck hatte. Solche Dinge sollten nicht vom Gl\u00fcck abh\u00e4ngen. Sp\u00e4ter merkte ich, das andere mit einem vergleichbaren Herkommen Pech oder Ungl\u00fcck hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt Einsichten, die ich meinem Hintergrund oder vielmehr meinen ersten Erfahrungen an der Universit\u00e4t verdanke, und die f\u00fcr meine T\u00e4tigkeit nicht unwichtig sind. Da ist das Thema der Tiere, sie waren immer da (Hof, Wirtshaus, Wildh\u00fcter, Wald, Teller, Keller), jetzt als Gegenstand der Forschung. Da ist mein starkes Engagement f\u00fcr die Nachwuchsf\u00f6rderung an der Universit\u00e4t und beim Schweizer Nationalfonds. Da ist die \u00dcberzeugung, dass zur Philosophie ein \u00f6ffentliches Engagement geh\u00f6rt, und zwar auf der Seite der Schw\u00e4cheren (in meinem Fall: Tiere). Da ist (wieder) meine Ungeduld, wenn Dinge rhetorisch zu umst\u00e4ndlich werden (vor allem in der Fakult\u00e4t), ich neige dann zu Pragmatismus oder Ironie. Und da ist meine (erstaunlicherweise h\u00e4ufig \u00dcberraschung hervorrufende) Bereitschaft, Leuten mit Rat und Tat und Zeit beizustehen, sobald sie mich ansprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur meine Grossmutter kam 2000 zu meiner Studienabschlussfeier nach Basel und ver\u00f6ffentlichte in der Appenzeller-Zeitung eine Anzeige. Sie wolle \u00abihnen zeigen, dass wir auch wer sind\u00bb. Diese Worte habe ich erst sp\u00e4ter verstanden. Grossmutter war als lediges Kind am Ende des Ersten Weltkriegs ins katholische Land geboren worden und musste aus Not w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs dort weg. Hatten wir es ihnen gezeigt? Irgendwie schon.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/philosophie.philhist.unibas.ch\/de\/personen\/markus-wild\/\" target=\"_blank\">Markus Wild<\/a> ist Professor f\u00fcr Theoretische Philosophie an der Universit\u00e4t Basel.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Grosseltern waren Kleinbauer, Schneiderin, St\u00f6rmetzger und Fris\u00f6se. Alle aus der deutschen Schweiz. Die Eltern waren Gastwirte, ungelernter Arbeiter, ungelernte Arbeiterin, Unterhaltungsmusiker. Ihr Leben war autodidaktisch, improvisiert und aufreibend. Oft wechselten wir Wohnort und Gasthof. Der Lebensrhythmus von Kindern und Eltern lief auseinander. Die Grosseltern v\u00e4terlicherseits wurden wichtig. 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