{"id":129,"date":"2022-07-11T10:49:56","date_gmt":"2022-07-11T08:49:56","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/?p=129"},"modified":"2022-09-02T15:09:23","modified_gmt":"2022-09-02T13:09:23","slug":"aus-dem-akademischen-mittelbau-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/2022\/07\/11\/aus-dem-akademischen-mittelbau-2\/","title":{"rendered":"Aus dem akademischen Mittelbau"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich komme aus einer Arbeiterfamilie. Es mangelte nicht an Zuneigung, aber an B\u00fcchern, Museen- oder gar Theaterbesuchen. Meine Eltern haben wenig gelesen und kein echtes Interesse an Kultur. Als Kind habe ich ebenfalls wenig gelesen und hatte im Vergleich zu meinen Mitsch\u00fclerinnen eine Lese- und Schreibschw\u00e4che. Zu allem \u00dcberfluss war ich auch sehr unruhig. Lehrer legten meinen Eltern nahe, dass ich die Hauptschule besuchen sollte. Es versteht sich von selbst, dass dieser Bildungsweg pr\u00e4gend ist. F\u00fcr mich war nichts ferner als die Vorstellung, an einer Hochschule zu studieren. Ich hatte nicht die leiste Ahnung, was man unter Philosophie versteht. Mit Philosophie kam ich durch Zufall in Kontakt. Ein Freund vom Gymnasium \u2013 heute haben wir beide einen Doktortitel \u2013 erz\u00e4hlte mir von der Philosophie Kants.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist wichtig, seine Defizite zu erkennen, um sie zu beseitigen. Letzteres kostet zus\u00e4tzlichen Aufwand und Zeit. Zu meinem Gl\u00fcck bieten deutsche Hochschulen Aufbaukurse f\u00fcr diverse Sprachen an. Unter anderem waren es Angebote dieser Art, mit denen ich manche Schwierigkeiten \u00fcberwinden konnte. Allerdings halte ich es f\u00fcr illusorisch, alle Unterschiede durch nachtr\u00e4gliche M\u00fchen aufl\u00f6sen zu k\u00f6nnen. Beispielsweise habe ich als Student Stipendiaten namhafter Stiftungen kennen gelernt, die allesamt aus Akademiker-Elternh\u00e4usern kamen. Das ist kein Zufall und auf dieser Grundlage ist h\u00e4ufig auch die Folgefinanzierung f\u00fcr die Promotion gesichert. Ein solcher Lebenslauf sieht nat\u00fcrlich auch besser aus. Die Soziologin Christina M\u00f6ller zeigte in einer Studie, dass zwischen 2001 und 2010 nur zehn Prozent aller berufenen Hochschullehrer aus der Arbeiterschicht stammten.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Hauptschule aus ist es zun\u00e4chst schwierig, die Ber\u00fchrungsangst mit dem Thema Studieren zu verlieren. Wer aus einer Arbeiterfamilie kommt, hat typischerweise keinen geradlinigen Lebenslauf und ein h\u00f6heres Alter ist eine formale H\u00fcrde f\u00fcr manche F\u00f6rderungen. Davon abgesehen ist es nicht unproblematisch, Schwierigkeiten im akademischen Bereich auf seinen speziellen Bildungshintergrund zur\u00fcckzuf\u00fchren. Ich glaube allerdings, dass ich noch immer bestimmte Defizite habe, die mit meinem Bildungshintergrund zusammenh\u00e4ngen. Ich habe mich beispielsweise immer schwer damit getan, Sprachen zu lernen und habe auch lange mit dem Englischen gek\u00e4mpft.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass ich letztendlich in der Philosophie gelandet bin, hat auch mit zuf\u00e4lligen Begegnungen zu tun. Die Bekanntschaft mit der Philosophie muss aber nicht dem Zufall \u00fcberlassen sein. Das Projekt Corrupt the Youth aus den USA k\u00f6nnte hier Vorbild sein. Hier wird auch Jugendlichen aus der Arbeiterschicht die M\u00f6glichkeit geboten, sich mit Philosophie vertraut zu machen. Davon abgesehen, habe ich aufgrund meiner Biographie Zweifel am deutschen Schulsystem. Ich halte viel vom Konzept der Gesamtschule, das verschiedene Bildungsg\u00e4nge in einer Schule vereint und eine h\u00f6here Durchl\u00e4ssigkeit verspricht.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Verfasser dieses Beitrags ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer deutschen Universit\u00e4t.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich komme aus einer Arbeiterfamilie. Es mangelte nicht an Zuneigung, aber an B\u00fcchern, Museen- oder gar Theaterbesuchen. Meine Eltern haben wenig gelesen und kein echtes Interesse an Kultur. Als Kind habe ich ebenfalls wenig gelesen und hatte im Vergleich zu meinen Mitsch\u00fclerinnen eine Lese- und Schreibschw\u00e4che. Zu allem \u00dcberfluss war ich auch sehr unruhig. 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