{"id":145,"date":"2022-07-14T10:53:09","date_gmt":"2022-07-14T08:53:09","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/?p=145"},"modified":"2022-07-28T09:22:51","modified_gmt":"2022-07-28T07:22:51","slug":"deborah-muehlebach-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/2022\/07\/14\/deborah-muehlebach-2\/","title":{"rendered":"Deborah M\u00fchlebach"},"content":{"rendered":"\n<p>In meiner Familie fand viel soziale Bewegung statt. Meine Mutter wuchs in einer Bauernfamilie in einer l\u00e4ndlichen Region auf, die f\u00fcr ihre Armut bekannt war und es in abgeschw\u00e4chter Form noch heute ist. Obwohl sie gerne lernte, konnte sie das dritte, damals freiwillige Schuljahr der Oberstufe nicht besuchen. Meine Gro\u00dfeltern konnten und wollten den Betrag von 1,50\u20ac f\u00fcr ihr t\u00e4gliches Mittagessen ausw\u00e4rts nicht bezahlen. Als junge Frau absolvierte sie deshalb stattdessen ein Haushaltslehrjahr und finanzierte sich sp\u00e4ter selbst eine Ausbildung zur Sekret\u00e4rin. Mein Vater wuchs weniger l\u00e4ndlich, aber ebenfalls in prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen auf. Da gab es eine Mutter, die als Hausfrau die Kinder gro\u00dfzog. Und es gab einen Vater, der mit bescheidenen Mitteln f\u00fcr den Familienunterhalt aufkam, aber auch ein gro\u00dfes Alkoholproblem hatte und relativ fr\u00fch an den Folgen dieser Suchterkrankung starb. Aus diesen \u00e4rmlichen Verh\u00e4ltnissen arbeiteten sich meine Eltern hoch und bauten sich mit einer traditionellen Rollenverteilung ein finanziell und anderweitig stabiles Leben auf.<\/p>\n\n\n\n<p>In meiner Kindheit erfuhr ich viel Geborgenheit und Liebe und wenig Neugierde und Interesse an Unbekanntem. Ich wuchs mit dem Gef\u00fchl auf, alles machen zu k\u00f6nnen und d\u00fcrfen, was mich zufrieden machte. Und mit der gro\u00dfen Unkenntnis dar\u00fcber, was dies \u00fcberhaupt sein k\u00f6nnte. Die Welt schien mir damals nicht allzu viele Optionen zu bieten und ich war oft gelangweilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufgrund guter Noten landete ich im Gymnasium und weil mich \u00abSoziales\u00bb ganz allgemein interessierte, fing ich ein Soziologiestudium an. Im sozialtheoretischen Denken entdeckte ich eine Leidenschaft, die ich bis dahin in diesem Ausma\u00df nicht kannte. Auf der langen Suche nach einem geeigneten Nebenfach stie\u00df ich in meinem ersten Philosophieseminar zu Kants \u00abKritik der reinen Vernunft\u00bb schlie\u00dflich auf die philosophische Art des Denkens, in der ich mich zum ersten Mal intellektuell richtig zuhause f\u00fchlte. In langsamen Schritten bewegte ich mich danach hin zur Philosophie im Hauptfach. Sp\u00e4ter lie\u00df ich mir von meiner Mutter erkl\u00e4ren, dass Philosophie auf dem Gymnasium doch immer mein Lieblingsfach gewesen sei. Sie hatte recht, aber bis zu diesem Zeitpunkt war mir dies in keiner Weise bewusst. Philosophie war zu weit weg von allem, was bis dahin zu meinem Selbstverst\u00e4ndnis geh\u00f6rte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Wechsel vom Gymnasium an die Uni ist die einschneidendste Erfahrung, die ich bisher in meinem Leben gemacht habe \u2013 ein Nachhausekommen, welches ein Absto\u00dfen meines bisherigen Zuhauses zu erfordern schien. Ich hatte keine Meinung zum Weltgeschehen und wusste nicht, was eine sachliche Diskussion ist. Ich musste lernen, dass Widerspruch nicht pers\u00f6nliche Ablehnung bedeutet. Ich hatte Angst davor etwas Dummes zu sagen und meldete mich bis zum Ende meines Studiums kaum jemals in einem Seminar zu Wort \u2013 es sei denn, die Rolle der Tutorin verlange dies von mir, dann hatte ich keine M\u00fche zu reden. Ich kannte weder Theoretiker:innen noch andere Autor:innen, weil ich bis zum Studium kaum B\u00fccher gelesen hatte. Ich fand mich in zahlreichen Situationen wieder, in denen meine Unifreund:innen in belanglosen Nebens\u00e4tzen deutlich machten, welche Lebensstile akzeptabel waren und welche nicht. Was ich aus meinem Elternhaus kannte, geh\u00f6rte immer zu Letzteren. Die Folge davon waren soziale Scham und das Nichtteilen von Erfahrungen. Ich wusste sehr bald sehr vieles aus der Vergangenheit und dem Umfeld meiner Unifreund:innen, sie wussten kaum etwas von mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Es erforderte viel Arbeit, um zu meinem neuen intellektuellen Zuhause, welches ich an der Uni gefunden hatte, eine gesunde kritische Distanz zu entwickeln. In diesem Prozess lernte ich, dass unterschiedliche soziale Milieus ihre eigenen sozialen Normen haben und dass es m\u00f6glich ist, meine eigene Position in und zwischen mehreren Milieus zu behalten, ohne eines komplett annehmen oder ablehnen zu m\u00fcssen. Die Abwertung, die mein Herkunftsmilieu durch mein akademisches Milieu erf\u00e4hrt, ist f\u00fcr mich inzwischen ein Zeugnis von Ignoranz und Unsicherheit des letzteren und ich versuche, meine Ressourcen dahingehend zu nutzen, dieser Abwertung entgegenzutreten. Um an diesen Punkt zu kommen, halfen mir ganz konkret die Arbeiten von Pierre Bourdieu, Annie Ernaux und Didier Eribon. Auf eine andere Art und wohl noch wichtiger erm\u00f6glichten mir aber insbesondere meine Eltern diesen Prozess. Sie waren in der Lage zu formulieren, wie schmerzhaft es ist, dass sich ihre Tochter f\u00fcr sie zu sch\u00e4men scheint, und sie waren und sind noch immer bereit, mit mir gemeinsam neue Wege zu finden, wie wir unsere Gemeinsamkeiten leben und unseren Differenzen wertfreier begegnen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese jahrelange Arbeit eines (mit der Zeit) bewussten Milieuwechsels, meine ausgepr\u00e4gte Beobachtungsgabe, das im Soziologiestudium erlernte Denken in Strukturen und die Genauigkeit des philosophischen Denkens lie\u00dfen mich \u00fcber die Jahre hinweg eine Art des Denkens und Handelns entwickeln, die mein heutiges philosophisches Arbeiten ganz zentral ausmacht. Ich neige zum einen dazu, verschiedene Denktraditionen zusammenzubringen, die \u00fcblicherweise nicht miteinander in Verbindung gebracht werden. Zum anderen mache ich h\u00e4ufig auf problematische implizite Grundannahmen einer Debatte aufmerksam oder bringe grunds\u00e4tzlich vernachl\u00e4ssigte neue Annahmen ins Spiel. Und schlie\u00dflich besteht mein ganzes philosophisches Interesse darin Ph\u00e4nomene besser verstehen zu wollen, in denen Machtstrukturen das Denken, Wahrnehmen und Sprechen von uns Menschen ma\u00dfgeblich mitformen. Dies scheint mir selbst eine interessante philosophische Arbeitsweise unter vielen m\u00f6glichen zu sein \u2013&nbsp;zudem eine, die (noch) nicht allzu oft praktiziert wird.<\/p>\n\n\n\n<p><em><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/fu-berlin.academia.edu\/deborahm\u00fchlebach\" target=\"_blank\">Deborah\u00a0M\u00fchlebach<\/a> ist Postdoc an der FU Berlin.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In meiner Familie fand viel soziale Bewegung statt. 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