{"id":151,"date":"2022-07-27T12:41:34","date_gmt":"2022-07-27T10:41:34","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/?p=151"},"modified":"2022-08-10T15:41:58","modified_gmt":"2022-08-10T13:41:58","slug":"gen-eickers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/2022\/07\/27\/gen-eickers\/","title":{"rendered":"Gen Eickers"},"content":{"rendered":"\n<p>Mein Dasein als Philosoph*in der ersten Generation nehme ich nicht per se als etwas Schlechtes wahr; ich bin sogar froh. Vor allem um das Aufwachsen auf dem Land, das sehr verk\u00f6rperte Verst\u00e4ndnis von Leben und Arbeit, und das mir vermittelte Verst\u00e4ndnis dessen, was lebensnotwendig ist. Jedoch sind nat\u00fcrlich strukturelle Probleme damit verbunden. Diese w\u00fcrde ich als Zugangs-Probleme zu spezifischem Wissen und habituellen Zugeh\u00f6rigkeitsproblemen spezifizieren. Die Probleme k\u00f6nnen sich dann wiederum materiell auswirken: in der Schule z.B. als Noten, sp\u00e4ter in den Finanzen, und durchg\u00e4ngig auch psychisch. Mein famili\u00e4rer Hintergrund ist einerseits landwirtschaftlich und andererseits handwerklich gepr\u00e4gt. Meine Kindheit habe ich oft damit verbracht, mit meinem Gro\u00dfvater auf dem Traktor in den Wald zu fahren um dort Waldarbeiten zu erledigen. Der landwirtschaftliche Betrieb war jedoch bereits gr\u00f6\u00dftenteils eingestellt als ich Kind war; das hatte sicherlich die Auswirkung, dass von mir z.B. nicht erwartet wurde, den Betrieb weiterzuf\u00fchren. Im Gegenteil: Bildung war sehr<em> <\/em>wichtig<em>, <\/em>und vor allem auch dadurch motiviert, dass einigen Familienmitgliedern Bildung versagt wurde \u2013 z.T. als Folge von Vertreibung, und z.T. aufgrund Erwartungen an bestimmte Geschlechter-Rollen. <\/p>\n\n\n\n<p>Mein sozialer Hintergrund hat eine Rolle gespielt bei verschiedenen Entscheidungen und Schwierigkeiten auf meinem Bildungsweg: mir<em> <\/em>wurde zum Beispiel empfohlen, das 12j\u00e4hrige Gymnasium zu machen &#8211; zu der Zeit ein Modellversuch in Baden-W\u00fcrttemberg; das Gymnasium w\u00e4re allerdings ein anderes gewesen als das, auf das alle anderen \u201evom Dorf\u201c gingen und kam entsprechend f\u00fcr mich und meine Familie nicht in Frage. Im Nachhinein<em> <\/em>denke ich, vielleicht h\u00e4tte das 12j\u00e4hrige Gymnasium die Langeweile, die ich oft in der Schule hatte und die beizeiten auch zu starkem Leistungsabfall beigetragen hat, etwas abfedern k\u00f6nnen. Gleichzeitig bin ich mir bewusst dar\u00fcber, dass Gymnasien ohnehin nicht unbedingt \u201alower class friendly\u2018 sind. Meine Noten haben sicherlich nicht nur durch die Langeweile gelitten, sondern auch durch eine mit Leistungserwartungen und Anforderungen durchtr\u00e4nkte Lernumwelt, die auf Kosten der mentalen Gesundheit geht. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Abitur entschied ich mich zun\u00e4chst f\u00fcr ein Staatsexamensstudium &#8211; dies vermittelte mir eine Art Sicherheit, die ich ben\u00f6tigte, um mir selbst ein Studium zu erlauben: die Bezahlung des Lehrer*innen-Berufs lag \u00fcber dem f\u00fcr mich Gewohnten, und es bestanden Aussichten auf dauerhafte Stellen. Wobei auch hier Listen nach Abschlussnoten erstellt wurden, die eine Aussagekraft \u00fcber die Kompetenz und Motivation der angehenden Lehrer*innen vort\u00e4uschten. An der Universit\u00e4t, an der ich studiert habe, pendelten sehr viele der Studierenden t\u00e4glich bis zu zwei Stunden vom Land; ich auch, bis ich mir durch Baf\u00f6g, Halbwaisenrente, und Minijob ein Zimmer finanzieren konnte. Ein Stipendium war nicht auf meinem Radar: als studierende Person dachte ich, Stipendien w\u00e4ren nur f\u00fcr Menschen aus Familien mit hohen und sehr guten Bildungsabschl\u00fcssen oder Menschen, die schon jahrelang in einer politischen Partei aktiv sind (und dieses Bild wird eben auch ein St\u00fcck weit durch die Stipendienlandschaft vermittelt). Au\u00dferdem war ich neben dem Studium damit besch\u00e4ftigt, zu lernen dialekt-frei zu sprechen; Dialekt war an der Uni in Baden-W\u00fcrttemberg ein eindeutiger Marker f\u00fcr eine andere Klassen- oder Bildungszugeh\u00f6rigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Interesse an philosophischen Fragen war lange schon gro\u00df; mich trieben insbesondere auch Fragen um soziale Gerechtigkeit im allt\u00e4glichen Denken und Handeln um. Zur Promotion kam ich allerdings vor allem dadurch dass ich von Mentor*innen dazu angehalten und ermutigt wurde \u2013 ich w\u00e4re nicht selbst auf die Idee gekommen, mich bei einer Graduiertenschule zu bewerben; meine Zeugnisse erschienen mir etwas zu punk, die H\u00fcrden erschienen mir viel zu gro\u00df und ich erschien mir nicht zugeh\u00f6rig (trotz mittlerweile gr\u00f6\u00dftenteils dialekt-freien Sprechens).<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend meiner Promotion erschienen mir viele der ungeschriebenen sozialen und akademischen Regeln fremd und unzug\u00e4nglich: Wie verh\u00e4lt man sich bspw. bei einer Konferenz? Wieviel Geld kann man beantragen? Wieso besitzen viele andere Promovierende so viele B\u00fccher? Zudem hat das Nicht-Vorhandensein einer finanziellen Absicherung dazu gef\u00fchrt, dass ich meine Promotion innerhalb von 3 Jahren abgeschlossen habe &#8211; also genau in der Zeit meines Stipendiums. Das hatte keine negativen Auswirkungen auf die Dissertation, jedoch hat es nat\u00fcrlich zu erh\u00f6htem Druck und Stress gef\u00fchrt, und die Explorationsphase fiel entsprechend kurz aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die strukturellen Probleme, mit denen ich w\u00e4hrend meiner Bildung und Promotion konfrontiert war, haben mit Eintreten in die Postdoc-Phase nicht schlagartig aufgeh\u00f6rt. Einiges zieht langfristige \u201eBegleiter*innen\u201c nach sich: das Gef\u00fchl, nicht genug zu tun; das Gef\u00fchl, eigentlich keinen richtigen Job zu haben; das Gef\u00fchl, fehl am Platz zu sein. Insbesondere in Deutschland kommen nat\u00fcrlich die strikten Regeln zu akademischen Karrieren erschwerend hinzu und bef\u00f6rdern Prekarisierung und finanzielle Unsicherheit. Sicherlich spielt bei mir &#8211; wie bei einigen anderen &#8211; nicht ausschlie\u00dflich der soziale Hintergrund eine Rolle diesbez\u00fcglich, sondern auch andere Aspekte meiner Identit\u00e4t wie z.B. offen gelebte Queerness. Der soziale Hintergrund bzw. das Dasein als Philosoph*in erster Generation ist bei einigen Philosoph*innen nur einer von mehreren Marginalisierungsaspekten. Siehe z.B. Maren Behrensen\u2019s Beitrag: w\u00e4hrend Maren Behrensen der*die einzige deutsche trans und einzige nicht-bin\u00e4re Philosoph*in mit einer unbefristeten Stelle in Europa ist, bin ich \u2013 soweit ich das \u00fcberblicken kann \u2013 die einzige trans und nicht-bin\u00e4re Person in der Philosophie mit einer (Postdoc-)Stelle in Deutschland. Schaut man sich Statistiken zu bspw. Erwerbslosigkeit von trans und nicht-bin\u00e4ren Personen in Deutschland an, ist das leider nicht verwunderlich. Die akademische Philosophie in Deutschland (wie vermutlich einige andere Disziplinen auch) hat einen langen Weg vor sich, um gerechtere Verh\u00e4ltnisse herzustellen, die nicht nur Philosoph*innen der ersten Generation zu Gute k\u00e4men, sondern auch anderen unterrepr\u00e4sentierten Personengruppen in der Philosophie und insbesondere mehrfach marginalisierten Personen. In manchen anderen Disziplinen bzw. in anderen L\u00e4ndern werden marginalisierte Personen gezielt zur Bewerbung aufgerufen, und Marginalisierungsthemen (in der Philosophie) werden gezielt gef\u00f6rdert und ber\u00fccksichtigt. Hier geht es nicht um eine zwanghafte Diversifizierung der Stellen sondern auch um ein Umdenken hinl\u00e4nglich der Fragen, die wir in der Philosophie stellen und unserer Definition dessen, was Philosophie ist und was sie sein k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p><em><a href=\"https:\/\/geneickers.com\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/geneickers.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Gen Eickers<\/a> ist Postdoc an der University of Education Ludwigsburg.<\/em> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Dasein als Philosoph*in der ersten Generation nehme ich nicht per se als etwas Schlechtes wahr; ich bin sogar froh. Vor allem um das Aufwachsen auf dem Land, das sehr verk\u00f6rperte Verst\u00e4ndnis von Leben und Arbeit, und das mir vermittelte Verst\u00e4ndnis dessen, was lebensnotwendig ist. Jedoch sind nat\u00fcrlich strukturelle Probleme damit verbunden. 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