{"id":180,"date":"2022-08-01T12:03:58","date_gmt":"2022-08-01T10:03:58","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/?p=180"},"modified":"2022-08-25T09:33:44","modified_gmt":"2022-08-25T07:33:44","slug":"thomas-meyer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/2022\/08\/01\/thomas-meyer\/","title":{"rendered":"Thomas Meyer"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>(1) Wie w\u00fcrdest Du Deinen sozialen Hintergrund beschreiben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mir wurde recht fr\u00fch klar \u201eI came from a broken home\u201d (Gil Scott-Heron). Meine Mutter (Jahrgang 1957) war gelernte Gro\u00df- und Au\u00dfenhandelskaufmann, mein Vater (Jahrgang 1942) gelernter Elektriker. Geboren und aufgewachsen bin ich im Bergischen Land nahe K\u00f6ln in NRW, wo auch mein Vater herkam. Meine Mutter ist als erste in der BRD in K\u00f6ln geboren, ihre Eltern, die aus Sachsen kamen, haben in den fr\u00fchen 1950er Jahren r\u00fcbergemacht. Nie verheiratet haben sich meine Eltern (beide wie schon ihre Eltern konfessionslos) kurz nach meiner Geburt getrennt, so dass ich bei meiner alleinerziehenden Mutter gemeinsam mit meinem \u00e4lteren Bruder (der einen anderen Vater hat) aufwuchs. Bis zu meiner Vollj\u00e4hrigkeit war meine Mutter weitestgehend alleinerziehend. Wenn M\u00e4nner im Haushalt waren, dann hat das oft zu Konflikten gef\u00fchrt, in die h\u00e4usliche Gewalt, Alkoholmissbrauch und emotionaler Missbrauch involviert waren. <\/p>\n\n\n\n<p>Mein einziges Gl\u00fcck war, dass meine Mutter viel Wert darauf legte, dass ich eine gute Schullaufbahn hinlegen und im Anschluss studieren w\u00fcrde (\u201eDann hast Du es sp\u00e4ter leichter als ich.\u201c). Ich habe den gr\u00f6\u00dften Respekt vor dieser so starken Frau, die nicht nur all den Widrigkeiten und der Gewalt getrotzt hat, die sich nicht nur nebenher noch in Ortsvereinen wie etwa der AWO engagierte, sondern vor allem ganz alleine ihre zwei S\u00f6hne erzogen hat, daf\u00fcr sorgte, dass sie Anstand und Manieren, einen Schulabschluss, einen F\u00fchrerschein und wenigstens eine Ausbildung gemacht haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie selbst hatte es nicht so leicht und ist von ihrem Vater nach dem Realschulabschluss rausgeworfen worden mit dem Argument, sie k\u00f6nne ja jetzt ihr eigenes Geld verdienen. Aber leichter gesagt als getan, hatte sie mit mir dann mit einem st\u00f6rrischen Pubertierenden zu tun, der lieber auf die Hauptschule gegangen w\u00e4re, auf der all seine Freunde waren. Dennoch ging ich nach viel heftigem Streit und rohen Zwiebeln zun\u00e4chst aufs Gymnasium, wiederholte die 8. Klasse, h\u00e4tte diese nochmal wiederholen m\u00fcssen, w\u00e4re ich dann nicht zun\u00e4chst auf die Realschule gegangen. Dort fing ich mich, machte den Abschluss mit Qualifikation f\u00fcr das Gymnasium und erlangte dann im Anschluss mein Abitur \u2013 als erster und einziger meiner Generation in meiner Familie, soweit sie mir bekannt war. Ganz so einfach ist es n\u00e4mlich dann doch nicht. Mein Onkel m\u00fctterlicherseits h\u00e4tte nach dem Abitur studieren k\u00f6nnen, h\u00e4tte er sich nicht so aufm\u00fcpfig gegen\u00fcber den DDR-Autorit\u00e4ten verhalten. Und wie ich viel sp\u00e4ter erfuhr, haben aus der Familie meines Vaters, die 10 Kinder gewesen sind, ebenfalls einige meiner Cousins und Cousinen Abitur gemacht und sogar studiert. Allerdings waren diese f\u00fcr mein eigenes Leben nicht existent.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>(2) Was waren f\u00fcr Dich besondere Schwierigkeiten, die mit Deinem Hintergrund zu tun hatten oder haben, und gibt es ein Beispiel f\u00fcr eine Erfahrung oder Anekdote, die diese gut veranschaulicht?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Manche der Schwierigkeiten werden mir erst jetzt, als Postdoc, wirklich bewusst. Insofern hat auch mich sicherlich eine Naivit\u00e4t davor bewahrt, es gar nicht erst zu versuchen. Auf dem Gymnasium stand mir im Weg das st\u00e4ndige Gef\u00fchl, da nicht hinzugeh\u00f6ren \u2013 zwischen Mitsch\u00fclern, die mit mehr Sicherheit auftraten, deren Eltern \u00c4rzte und was wusste ich damals schon waren. Mitsch\u00fcler, die wohlbeh\u00fctet in Einfamilienh\u00e4usern wohnten, anstatt in Genossenschaftswohnungen, die vielleicht mit Freunden Wissensspiele spielten, anstatt mit den Nachbarskindern im Fluss Eimer zu rauchen, die vielleicht Klavier \u00fcbten, anstatt W\u00e4nde zu bemalen, die Schach lernten anstatt Mofas zu knacken. Die Schwierigkeiten fangen, denke ich, bereits damit an, dass man es gar nicht erst auch nur als eine M\u00f6glichkeit in Erw\u00e4gung zieht, einen h\u00f6heren Bildungsweg einzuschlagen. Macht man dies (durch ganz viel Gl\u00fcck), dann gehen die Schwierigkeiten weiter: mein ganzes Studium \u00fcber habe ich nebenher arbeiten gehen m\u00fcssen, um es finanzieren zu k\u00f6nnen. Von einem \u201eStipendium\u201c hatte ich nie etwas geh\u00f6rt. Sicherlich hat es irgendwo auch mal Hinweise auf Stipendien gegeben, aber da geht das Problem eben weiter. Man achtet auf so etwas nicht, weil man es nicht versteht, nie davon geh\u00f6rt hat und es kein Teil der grunds\u00e4tzlich in Erw\u00e4gung gezogenen Optionen ist. Und wenn niemand aus Familie, Freundeskreis oder etwa unterst\u00fctzenden Lehrern einen darauf hinweist oder sogar ermutigt, es zu versuchen, dann gibt es diese M\u00f6glichkeit schlicht nicht. Schlie\u00dflich war und ist auch die Angst ein Hindernis, die eigene Herkunft \u00fcberhaupt preiszugeben. Die Angst davor, sich blo\u00df zu stellen, oder dazustehen als jemand, der Vorteile erlangen will, Angst davor, nicht f\u00fcr Verdienst, sondern aus Mitleid anerkannt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>(3) Was hat Dir dabei besonders geholfen, diese oder andere Schwierigkeiten zu \u00fcberwinden, und gibt es auch hier ein Beispiel f\u00fcr eine Erfahrung oder Anekdote, die dies gut veranschaulicht?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke eine sehr wichtige Entscheidung war, nach 6 Semestern das Lateinstudium zu beginnen (nachdem ich das Latinum nachgeholt hatte), wobei auch hier vor allem das Gl\u00fcck vorherrschte, da ich einfach Spa\u00df an Latein hatte. Die Wichtigkeit dieser Entscheidung wurde mir erst klar, als ich lernte, dass Latein ein klassisches Aufsteigerfach ist. Man kann gut werden rein durch Flei\u00df und zugleich lernt man viele wichtige Kompetenzen ebenso wie viele zentrale Bildungsinhalte \u00fcber Geschichte, Kunst, Literatur und auch Philosophie kennen. Es ist schon ironisch, dass gerade Latein das Schulfach gewesen war, das mich durch ein \u201eungen\u00fcgend\u201c auf dem Zeugnis neben mehreren \u201emangelhaft\u201c sitzenbleiben lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter hat mir geholfen die Haltung &#8222;Da musst du halt durch!&#8220;. Kraft daf\u00fcr habe ich in entmutigenden Situationen gezogen und ziehe ich immer noch aus \u2013 Rapmusik. Auch wenn die Rap- und Hip Hop-Kultur selbst intern problematische Formen der Diskriminierung wie Sexismus perpetuiert und sich unbedingt weiter entwickeln muss (siehe aber etwa: Ebow, Josi, Liz, Juju, Nura), so ist sie doch auch eine starke Quelle des Empowerment.<\/p>\n\n\n\n<p>Insofern die Schwierigkeiten des Aufstiegs in dem Unwissen \u00fcber die Welt der Gebildeten bestand, haben mir einige Freundschaften mit Kommilitoninnen und Kommilitonen aus dem sogenannten \u201eBildungsb\u00fcrgertum\u201c geholfen, sowie der Eintritt in den Universit\u00e4tsmusikchor. Hier habe ich mich auch lange Zeit versucht, nach oben hin zu assimilieren voller Begeisterung f\u00fcr die Welt der Kunst, Musik, Literatur und Bildung. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft, wie ich zum ersten Mal das Familienhaus eines guten Freundes betrat: die W\u00e4nde waren mit Kunst seines Vaters ges\u00e4umt, Regale voll mit Klassikern der Literatur in Edelausgaben &#8211; und dann dieser Fl\u00fcgel im Wohnzimmer. Es ist eine sch\u00f6ne Erinnerung, auch wenn mir diese Erfahrung zugleich eine Schicht dessen aufdeckte, was ich nicht genossen hatte. Mit dieser Begeisterung ging nun aber eine starke Abgrenzung gegen\u00fcber meinem Herkunftsmilieu einher, die lange anhielt und nat\u00fcrlich auch zu vielen Konflikten f\u00fchrte. Hier hat mir die Lekt\u00fcre der R\u00fcckkehr nach Reims sehr geholfen, das mir wiederum von einer Bekannten empfohlen wurde, als ich bereits promoviert war. Das war einige Jahre nach der Ver\u00f6ffentlichung der deutschen Fassung, die damals in allen Feuilletons besprochen und sicherlich von der gesamten deutschen Bildungsb\u00fcrgerschicht bereits gelesen worden war. Eine weitere Lekt\u00fcre die mir erst k\u00fcrzlich weiter Klarheit verschafft hat ist die Hillbilly Elegy. Insbesondere das Kennenlernen der adverse childhood experience (ACE) und den damit einhergehenden Problemen, die nat\u00fcrlich auch einen Bildungsaufstieg weiter erschweren, hatte f\u00fcr mich wichtigen aufkl\u00e4renden Charakter.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>(4) Gibt es besondere Einsichten oder Perspektiven, die Du Deinem Hintergrund verdankst und die f\u00fcr Deine philosophische Forschung oder Lehre von besonderem Wert sind?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst ist man gezwungen, viel mehr Dinge nicht als selbstverst\u00e4ndlich hinzunehmen und dar\u00fcber nachzudenken. Ich konnte mich in Widerst\u00e4ndigkeit \u00fcben. Au\u00dferdem hatte ich nichts zu verlieren, weshalb ich vielleicht oft auch risikoaffiner an Dinge herangegangen bin. Philosophiespezifische Vorteile sehe ich gar nicht so sehr, zumindest nicht f\u00fcr die Forschung. In der Lehre glaube ich, einen Blick zu haben f\u00fcr Studierende, die vielleicht aus \u00e4hnlichem Milieu kommen, bzw. ganz allgemein einen Blick zu haben f\u00fcr systemisch benachteiligte Gruppen.<\/p>\n\n\n\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.philosophie.hu-berlin.de\/de\/lehrbereiche\/idealismus\/mitarbeiter1\/thomas-meyer\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Thomas Meyer<\/a> ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut f\u00fcr Philosophie an der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(1) Wie w\u00fcrdest Du Deinen sozialen Hintergrund beschreiben? Mir wurde recht fr\u00fch klar \u201eI came from a broken home\u201d (Gil Scott-Heron). 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