{"id":220,"date":"2022-08-29T13:28:21","date_gmt":"2022-08-29T11:28:21","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/?p=220"},"modified":"2022-08-29T13:28:21","modified_gmt":"2022-08-29T11:28:21","slug":"georg-meggle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/2022\/08\/29\/georg-meggle\/","title":{"rendered":"Georg Meggle"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Zu meinem nicht-akademischen Familienhintergrund<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ob die Tatsache, dass ich ein 1<sup>st<\/sup>-Generation-Akademiker bin, f\u00fcr mich eine Rolle spielt? Sicher. Aber welche? Was hat meine nicht-akademische Herkunft mit und aus mir gemacht?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAkademiker\u201c \u2013 wenn mein Vater (Georg Meggle: 1900 \u2013 1963) dieses Wort in meiner Gegenwart sagte, konnte ich stets ein ungew\u00f6hnlich hohes Ma\u00df an Respekt mitschwingen h\u00f6ren. Und auch heute noch entnehme ich dem damaligen Klang dieses Wortes zweierlei: zum einen das Bedauern eines Menschen, der wei\u00df, dass diese Anerkennung ihm selber unwiederbringlich versagt bleiben wird; und zum anderen den Appell, dass ich mir auch ja stets der mit diesem Wort verbundenen Chance bewusst sein m\u00f6ge.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Jugend meines Vaters muss, auch wenn ich ihn \u00fcber diese nie hatte klagen h\u00f6ren, eine harte gewesen sein. Maria Meggle (1878-1945), seine Mutter, brachte drei S\u00f6hne zur Welt \u2013 von drei verschiedenen V\u00e4tern. Die ersten beiden unehelich. Damit f\u00fcr die beiden j\u00fcngeren eine bessere Schulbildung m\u00f6glich ist, muss der \u00c4lteste, mein Vater, von fr\u00fch an \u2013 gleichsam als Ersatz-Versorger \u2013 das Brot verdienen. Und was tut mein Vater? Was ihm an Schule fehlt, bringt er sich selber bei. In Abendkursen und als zielstrebiger Autodidakt. Das Geld f\u00fcr diese Kurse verdient er mit Nachhilfestunden f\u00fcr andere. Den Abschluss einer H\u00f6heren Schule erreicht er damit freilich nicht. Von 1914 bis 1936 arbeitet er in Kempten als Maschinensetzer im Verlag K\u00f6sel &amp; Pustet, dann als einfacher Angestellter im Messungsamt und nach dem Kriegsdienst \u00a0bis zu seinem Tod (1963) im Finanzamt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Lebensinhalt hatte mit seiner Erwerbsarbeit nichts zu tun. Mit Finanzen am allerwenigsten. Daf\u00fcr hatte er aber etwas, was den meisten Menschen fehlt: Eine Sendung. Sein ganzes Engagement geh\u00f6rte dem sogenannten Laienapostolat. Die katholische Kirche sollte nicht nur durch den Klerus, vielmehr von allen Gl\u00e4ubigen, also auch den Laien, aktiv mit-bestimmt werden. Diesem Ziel, im \u00fcbrigen auch ein Programmpunkt des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965), widmet er all seine Kraft.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor ihrer Heirat (1939) hatte meine Mutter (Paulina Meggle, geb. Hummel (1902-1983)), die lediglich die \u201eSonntagsschule\u201c in dem Kemptener Stadtteil Steufzgen besucht hatte, zun\u00e4chst als Verk\u00e4uferin gearbeitet und dann als Dienstm\u00e4dchen bei verschiedenen \u201eHerrschaften\u201c. Diese waren von sehr unterschiedlicher Natur. Von guter, aber auch von weniger guter. Mit ihrer letzten \u201aHerrschaft\u2018 verband sie bis an ihr Lebensende eine innige Freundschaft. Die Protestantin Charlotte Bonenberger hat gewiss nie vergessen, dass ihr katholisches Paulchen ihrem Mann, einem bekannten kommunistischen Verleger, als Nazi-Schergen ihn abholen wollten, mit einer Notl\u00fcge das Leben gerettet hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Papas Akademikertr\u00e4ume f\u00fcr mich blieben von seinen kirchlichen Neigungen nicht unber\u00fchrt. Sein Megatraum war, dass ich Jesuit \u2013 gar einer ihrer Generale \u2013 werden w\u00fcrde. Deshalb wurde ich auch auf den Namen Ignatius von Loyola getauft. Von diesem Traum hatte ich als kleiner Junge meinen Vater selber reden geh\u00f6rt. Da in den ersten Nachkriegsjahren in einen Teil unserer Wohnung Fl\u00fcchtlinge einquartiert waren, stand mein Bett lange im Elternschlafzimmer. Und da bekam ich eines Nachts mit, wie Papa von diesem Traum sprach. Mamas Antwort: \u201eDaraus wird nix.\u201c Ich wei\u00df nicht, ob das nur als eine Vermutung oder schon als ihr Veto gemeint war. Papas Antwort war wie so oft: \u201eNun, in Gott\u2019s Namen.\u201c Aber immerhin: Theologie war, neben Philosophie und Germanistik, eines der F\u00e4cher, mit denen ich in M\u00fcnchen mein Studium begann. Doch das hat mein Vater ja schon nicht mehr erlebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber der erste Schritt in Richtung Academia war nicht das Studium, sondern das Gymnasium. Und dort h\u00e4tte das kleine Georgle dem Traum des gro\u00dfen Vater-Georg-Meggle fast schon bei der ersten Gelegenheit ein unr\u00fchmliches Ende bereitet. Ich fiel gleich in der ersten Klasse in Latein durch. Woran das lag, das kann ich mir heute selber nicht mehr erkl\u00e4ren. Es gab keine Pr\u00fcgel (die gab es zu Hause freilich ohnehin nie, und in der Haubenschloss-Volksschule auch nur von einem mir verhassten Kapuzinerpater im Religionsunterricht); auch kein Geschrei. Meinerseits sicherlich Tr\u00e4nen. Doch was mich am st\u00e4rksten schmerzte: Ich sp\u00fcre, wie eine abgrundtiefe Traurigkeit meinem Vater das Atmen schwer macht. Nat\u00fcrlich wollte ich, welche Schande, nicht in die alte Volksschule zur\u00fcck, verspreche Besserung und Flei\u00df und wei\u00df Gott noch alles. Mein Vater fragt meine Klassen- und Lateinlehrerin Frau Miller um Rat. Und diese erkl\u00e4rt: Es habe keinen Sinn, mich auf dem Gymnasium zu belassen; bei der n\u00e4chsten neuen Sprache, dem Altgriechischen in der Quarta, w\u00fcrde ich eh gleich wieder versagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Vater bel\u00e4sst mich auf dem Gymnasium. In der Quarta bekomme ich Frau Miller in Griechisch \u2013 und mein Geist erwacht: \u201ePass auf, Dir werd\u2018 ich\u2019s zeigen!\u201c&nbsp; Von da an hatte ich in Latein und Griechisch fast nur noch ne 1. Und im Nachhinein bin ich dieser im Grunde recht lieben alten Lehrerin f\u00fcr ihren damaligen \u201eRat\u201c sogar dankbar. Ohne &nbsp;diesen w\u00e4re ich wohl im Mittelma\u00df h\u00e4ngen geblieben. Aber dass mein Vater im Jahr vor meinem Abi auf dem Weg zur Kirche auf einer Eisplatte ausgerutscht und in der darauffolgenden Nacht an den Folgen einer Gehirnblutung gestorben ist, er mit seinem Sterben also nicht bis zu diesem Sieg seines Sohnes hat warten k\u00f6nnen, dies machte ich ihm damals \u2013 so absurd das auch klingen mag \u2013 tats\u00e4chlich zum Vorwurf.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Humanistischen Gymnasium Kempten gab es zu meiner Zeit ein ziemlich klares Zwei-Klassen-System. Die a-Klassen waren f\u00fcr die Stadtsch\u00fcler reserviert, die b-Klassen f\u00fcr die Sch\u00fcler vom Land. Die Stadt-Sch\u00fcler, das waren in der Mehrzahl die Kinder von \u00c4rzten, Rechtsanw\u00e4lten und anderen Honorationen. Die Land-Sch\u00fcler waren meist Bauernkinder, die das Schuljahr \u00fcber gro\u00dfteils im Knabenseminar St. Magnus untergebracht waren, einer von der Kirche finanzierten &nbsp;Einrichtung zur F\u00f6rderung von Priesterkandidaten. F\u00fcr viele Bauernfamilien war das die einzige Chance, auch ihren Buben eine gute Ausbildung und so auch einen sozialen Aufstieg zu erm\u00f6glichen. Meine Eltern geh\u00f6rten nun aber weder zu der Kemptener Oberschicht noch zu der Allg\u00e4uer Bauernschaft. Und so wurde ich ein paarmal, wenn eine der beiden Klassen zu wenig Sch\u00fcler hatte, in eben diese verschoben. Je nach Bedarf. Diese Erfahrung hat mein Klassenbewu\u00dftsein erheblich gesch\u00e4rft.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt ein gro\u00dfer Zeitsprung. Ich bin an der Uni Konstanz. Mich erreicht mein erster Ruf auf eine Professur, auf eine &nbsp;f\u00fcr Logik und Wissenschaftstheorie am Philosophischen Institut &nbsp;am Domplatz in M\u00fcnster. Und schon werde ich von einem Konstanzer Philosophie-Kollegen eingeladen, f\u00fcr den ich bis dahin als blo\u00dfer Mitarbeiter an einem DFG-Projekt, ich erinnere mich wohl, quasi nicht existent war. Und als ich in M\u00fcnster ein paar Jahre sp\u00e4ter den Ruf auf eine C4-Stelle nach Saarbr\u00fccken erhalte, gratuliert mir ein Juristen-Kollege doch echt mit dem Spruch: \u201eKlasse, jetzt bist Du als Ordinarius ja endlich voll satisfaktionsf\u00e4hig.\u201c Offenbar war ich schon damals gegen solche Kasten-Rituale hyper-allergisch. Es sind Rituale, die sich als inklusiv ausgeben (jetzt bist Du ja einer von uns) und genau dadurch ihre strukturelle Exklusion (der niedrigen Kasten, zu denen auch ich bis dahin geh\u00f6rte) maximieren.<\/p>\n\n\n\n<p>*<\/p>\n\n\n\n<p>Waren all diese pr\u00e4- und fr\u00fchakademischen Empfindlichkeiten meinerseits lediglich \u00c4u\u00dferlichkeiten? Durch meine nicht-akademische Herkunft gepr\u00e4gte Entwicklungen, die nur den Stil, nicht so sehr die Thematik meiner philosophischen Eins\u00e4tze betrafen? Pr\u00e4gt mein nicht-akademisches Elternhaus nur das <em>wie<\/em>, nicht auch das <em>was<\/em> meines eigenen akademischen Wirkens?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das mag allenfalls f\u00fcr die Zeit meiner rein akademischen Qualifikationsarbeiten gegolten haben. Aber sicher nicht mehr f\u00fcr meine in den 80er Jahren in M\u00fcnster beginnenden philosophischen Interventionen danach, sprich: nicht f\u00fcr meine Arbeiten zur Logik der Abschreckung und des Terrorismus, zur Theorie des Gerechten Krieges und deren Anwendung auf die so genannten Humanit\u00e4ren Interventionen, und schlie\u00dflich f\u00fcr meine Positionierung In Sachen <em>Deutschland, Israel, Pal\u00e4stina <\/em>und meine jahrelangen Bem\u00fchungen um eine Kl\u00e4rung des Antisemitismus-Begriffs. Und sicher auch nicht f\u00fcr die mit diesen Themen verkn\u00fcpften Leipziger Universit\u00e4tsveranstaltungen, mit denen ich die Grenzen zwischen dem ber\u00fchmten universit\u00e4ren Elfenbeinturm einerseits und einer kritisch reflektierenden \u00d6ffentlichkeit andererseits aufzubrechen versucht hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich jetzt (Sommer 2022) auf meine Anf\u00e4nge zur\u00fcckblicke, so komme ich nicht um die Feststellung herum, dass von dem idealisierten Academia-Bild, das meinem Vater vorgeschwebt sein muss und auch mich sehr lange gepr\u00e4gt hat, nicht mehr viel \u00fcbrig ist. Meine \u00e4u\u00dferen Erfolge sind nur die eine Seite; aber dieser akademische \u201aAufstieg\u2018 ist seit \u00fcber 30 Jahren auch mit einer wohl nie mehr endenden Kette von Anfeindungen und Dem\u00fctigungen verbunden. \u201eAkademiker\u201c \u2013 dieses Wort hat f\u00fcr mich seinen anf\u00e4nglichen Glanz inzwischen g\u00e4nzlich verloren. Ebenso geschwunden ist mein Glaube an die Institution, die, wie es fr\u00fcher mal hie\u00df, als Alma Mater uns Akademiker n\u00e4hren und Kraft geben soll: die Universit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnere mich an meine Sonntagsnachmittags-Runden mit meinem Vater \u2013 und drehe, ihn an meiner Seite sp\u00fcrend, noch eine weitere Runde.&nbsp; Der akademische Traum meines Vaters war ja f\u00fcr mich gedacht, nicht f\u00fcr ihn selbst. Er selber brauchte ihn nicht. Er war auch ohne akademische Weihen ein aufrechter und mutiger Mann. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>*<\/p>\n\n\n\n<p><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.sozphil.uni-leipzig.de\/institut-fuer-philosophie\/institut\/mitarbeitende\/personenprofil-georg-meggle\" target=\"_blank\">Georg Meggle<\/a> ist Emeritus an der Universit\u00e4t Leipzig und seit 2010 in den Wintersemestern jeweils Gastdozent an Universit\u00e4ten in Kairo. Weitere autobiographische Verstehensversuche in den Kapiteln 67 bis 75 des OpenAccess e-Books \u00a0<a href=\"https:\/\/eplus.uni-salzburg.at\/obvusboa\/content\/titleinfo\/6202655\">https:\/\/eplus.unisalzburg.at\/obvusboa\/content\/titleinfo\/6202655<\/a> .<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu meinem nicht-akademischen Familienhintergrund Ob die Tatsache, dass ich ein 1st-Generation-Akademiker bin, f\u00fcr mich eine Rolle spielt? Sicher. Aber welche? 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