{"id":223,"date":"2022-09-05T18:36:11","date_gmt":"2022-09-05T16:36:11","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/?p=223"},"modified":"2022-09-21T22:19:55","modified_gmt":"2022-09-21T20:19:55","slug":"uwe-peters","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/2022\/09\/05\/uwe-peters\/","title":{"rendered":"Uwe Peters"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Von Gr\u00fcbelei zum gesellschaftlichen Nutzen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Meine Eltern stammen aus schlichten DDR-Verh\u00e4ltnissen aus dem Ostberliner Umland und sind keine akademischen Leute. Mein Vater, der unter anderem auch l\u00e4nger auf dem Bau gearbeitet hat, verl\u00e4sst regelm\u00e4\u00dfig den Raum, wenn ich philosophische Themen anspreche. Und nachdem ich meinen PhD 2016 fertiggestellt hatte, meinte meine Mutter, dass Philosophieren sicher nur Gr\u00fcbelei sei und zu viel Gr\u00fcbelei nicht gesund sein k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Reaktionen meiner Eltern kann ich nachvollziehen. Sie verloren ihre Arbeit, als die Mauer fiel. Da das Geld langsam ausging, geriet unsere Familie (als ich 9 und meine Schwester 12 war) in eine finanzielle Krise. Die legte sich irgendwann wieder. Aber die Angst, finanzielle Sicherheit zu verlieren, blieb und war m\u00f6glicherweise gravierend genug, dass meine Eltern eine Abneigung gegen\u00fcber generell eher brotlosem Theoretisieren oder Philosophieren entwickelten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass ich ein Philosophiestudent der ersten Generation in meiner Familie wurde, ist auch aus anderen Gr\u00fcnden eigenartig. Nach der Schule schien mir zun\u00e4chst eine Handwerksausbildung sinnvoll. Da ich Holz gut finde (mittlerweile besonders wenn es noch im Wald steht), entschloss ich mich, eine dreij\u00e4hrige Tischlerausbildung zu machen. Mein Tischlermeister (<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.hwk-potsdam.de\/ansprechpartner\/joerg-sydow-9,831,dadetail_AUSBILDUNG.html?id=116\" target=\"_blank\">J\u00f6rg Sydow<\/a>) erlaubte mir, w\u00e4hrend meiner Lehre, \u00f6fter in der Arbeitszeit Nietzsche, Marx, Adorno und de Sade (nicht zu empfehlen) zu lesen, weil die mich interessierten. Nach dem Gesellenbrief arbeitete ich dann noch 4 Jahre lang teilweise auf dem Bau. Das hat \u00fcberwiegend Spa\u00df gemacht. Aber w\u00e4hrend der Lehre musste ich teils auch in der Fabrik (EgoKiefer Hennigsdorf) arbeiten, was eher langweilig war, sodass ich mich entschloss, das Abitur abends (in Berlin) neben der Arbeit nachzuholen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Abi 2004 ging ich dann nach Amerika, um dort \u00fcber den Sommer in Maine (bei <a href=\"https:\/\/www.northernoutdoors.com\/maine\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Northern Outdoors<\/a>) als Tischler in einem Resort zu arbeiten (Blockh\u00fctten reparieren, etc.). Die Arbeit war gut. Mein J-1 Visum lief allerdings nach drei Monaten ab und ich musste im Sp\u00e4tsommer wieder nach Deutschland. Als ich nach Berlin zur\u00fcckkehrte, war ich zwar planlos, hatte aber Abitur. Ich erkundigte mich an verschiedenen Unis nach Studienf\u00e4chern, wo man mir allerdings sagte, dass es Einschreibefristen gebe und diese bereits abgelaufen seien. Greifswald hatte damals aber unter anderem in der Philosophie noch freie Pl\u00e4tze. Da ich Nietzsche w\u00e4hrend meiner Lehre interessant fand und in Greifswald mit <a href=\"https:\/\/www.stegmaier-orientierung.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Stegmaier<\/a> auch ein Nietzsche-Experte lehrte, ging ich dorthin und begann nach 7 Jahren Tischlerarbeit mit dem Philosophiestudium.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Studium versuchte ich, mit meinem ersparten Tischlergeld zu finanzieren. Das reichte allerdings nicht, um f\u00fcr drei Jahre eine eigene Wohnung zu mieten. Meine Eltern gaben etwas Unterst\u00fctzung, hatten aber selbst nicht viel Geld. Meine Noten waren jedoch schon w\u00e4hrend meines Abiturs \u00fcberwiegend sehr gut (vielleicht, weil ich das aus eigenem Antrieb und nicht mehr aus Zwang machte). Die Uni schlug mich deswegen in meinem zweiten BA Jahr bei der Studienstiftung vor, die mich nach einem zweit\u00e4gigen Selektionstreffen aufnahm.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wollte dann im Ausland einen MA machen, dachte aber, dass die Stiftung h\u00f6chstens ein Jahr finanzieren w\u00fcrde. Deshalb suchte ich eine Uni, wo ich das zweite MA Jahr selber h\u00e4tte finanzieren k\u00f6nnen. Neuseeland war deshalb attraktiv. Und weil ich zudem so weit weg wie m\u00f6glich wollte (in der DDR durfte man nicht weit reisen), zog ich dorthin und machte einen BA honours und MA in Christchurch. Meine Studienzeit dort war sch\u00f6n. Es gab aber niemanden in meiner Familie, der\/die vorher h\u00e4tte sagen k\u00f6nnen, dass es gut w\u00e4re, an eine andere Uni (z.B. in die USA oder nach GB) zu gehen, da es so was wie <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/philarchive.org\/archive\/DECPBA\" target=\"_blank\">Prestigevorurteilen<\/a> geben k\u00f6nnte. Die Studienstiftung merkte auch nicht, dass eventuell einige Student:innen wegen ihrer sozio-\u00f6konomischen Hintergr\u00fcnde weniger Ahnung haben k\u00f6nnten, wo sie studieren sollten, um bessere Chancen in der Zukunft zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Lehrenden in Neuseeland wiesen mich aber darauf hin. W\u00e4hrend der Zeit stellte sich obendrein heraus, dass die Stiftung nun auch zweij\u00e4hrige MAs finanzieren w\u00fcrde. Ich fand dann im Internet noch einen einj\u00e4hrigen MA speziell in Philosophy of Psychology am King\u2019s College London. Da mich Psychologie zunehmend mehr interessierte, ging ich also mit finanzieller F\u00f6rderung nach London. Dort gab man mir sp\u00e4ter auch ein AHRC-PhD-Stipendium. Kurz vor Studienanfang stellte sich aber heraus, dass das nur die Studiengeb\u00fchren beinhalten w\u00fcrde. Mein Erspartes war f\u00fcr die Lebenshaltungskosten in London f\u00fcr 4-5 Jahre zu wenig. Deshalb musste ich w\u00e4hrend meines PhD-Studiums parallel arbeiten, verpasste Seminare, und das Studium dauerte dementsprechend l\u00e4nger.<\/p>\n\n\n\n<p>Wegen meiner siebenj\u00e4hrigen Arbeit vor dem Studium und der Notwendigkeit, w\u00e4hrend des Studiums einem Nebenjob nachzugehen, war ich am Ende des PhDs bereits \u00e4lter. Altersdiskriminierung ist mir dann zum ersten Mal begegnet. Zwei Beispiele: Die Altersgrenze f\u00fcr <a href=\"https:\/\/istitutotarello.org\/2015\/08\/13\/jobs-postdoc-research-fellowships-in-philosophy-at-unam-mexico-dl-september-25\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Postdoc Jobs an der UNAM<\/a> lag zu meiner Zeit bei 40 Jahren. F\u00fcr den <a href=\"https:\/\/www.unioviedo.es\/Teorema\/English\/Highlights.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Teorema Young Philosopher Essay <\/a>Wettbewerb war ich schon zu alt: Die Altersgrenze liegt bei 35 Jahren. Offensichtlich ist man mit 36 Jahren philosophisch senil.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz gefasst: Ich denke, dass Leute an der Uni (Studenten:innen etc.), die aus dem Handwerk kommen und keine akademischen Eltern haben, manchmal eventuell unfair behandelt werden. Sie haben vielleicht weniger Geld, um sich aufs Studium zu konzentrieren. Sie wissen m\u00f6glicherweise nicht, wo man was wie sinnvoll (d.h., mit guter Aussicht auf Arbeit in der Zukunft) studieren kann\/sollte, und k\u00f6nnen deshalb leichter Prestigevorurteilen ausgesetzt sein. Sie sind vielleicht auch \u00e4lter, was sie leichter zu Opfern von Altersdiskriminierung machen k\u00f6nnte. Und sie riskieren, sich durchs Studium von ihrer Familie und ihrem urspr\u00fcnglichen Umfeld zunehmend zu entfremden.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ich glaube, mein nicht-akademischer, handwerklicher Hintergrund hilft mir manchmal auch, gewisse Dinge in einer Art und Weise zu sehen, die in der Philosophie vielleicht sinnvoll sein k\u00f6nnte. Meine Eltern und mein Ex-Tischlermeister (J\u00f6rg) fragen sich z.B. oft, was f\u00fcr einen gesellschaftlichen Beitrag ich denn eigentlich an der Uni in der Philosophie leiste. Die Frage ist berechtigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Geisteswissenschaftler:innen an der Uni werden \u00fcblicherweise von der Gesellschaft finanziert. Manche Menschen mit nicht-akademischem, finanziell weniger gesichertem Hintergrund wissen die Berechtigung der Frage m\u00f6glicherweise besser zu sch\u00e4tzen, gerade weil ja nun deren Familienmitglieder und Freund:innen diese Frage sicher \u00f6fter stellen als in einem akademischen, finanziell wohlst\u00e4ndigen Elternhaus, wo das Leisten eines gesellschaftlichen Beitrags generell weniger existenziell relevant sein k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dadurch, dass sie die gesellschaftliche Relevanz des Faches Philosophie weniger unkritisch als gegeben akzeptieren, sind Personen ohne akademischen Hintergrund eventuell in einer besseren Position, das Fach gesellschaftlich relevanter zu machen (etwa durch ihre Forschungsthemenwahl, durch eine interdisziplin\u00e4re Herangehensweise etc.). Ich pers\u00f6nlich finde den Mangel an Fortschritt, Einigkeit und <a href=\"https:\/\/consc.net\/papers\/progress.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">L\u00f6sungen grundlegender fachlicher Probleme<\/a> sowie die <a href=\"http:\/\/philsci-archive.pitt.edu\/20238\/1\/Isolation_phil_preprint.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">empirischen Belege der sozialen Irrelevanz<\/a> von vielen Teilen der Philosophie eher besorgniserregend. Das Bedenken hat mit Neoliberalismus (den ich ablehne) nichts zu tun, sondern scheint mir vor allem eine Sache der sozialen Verantwortung von Philosoph:innen zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht haben gerade Handwerker:innen oder sozio-\u00f6konomisch Benachteiligte leichter Einsicht in den derzeitigen, meiner Meinung nach etwas begrenzten gesellschaftlichen Nutzen von vielen Teilen der Philosophie und eine st\u00e4rkere Motivation, das zu \u00e4ndern. Vielleicht k\u00f6nnten mehr solcher Leute im Fach der Philosophie der Philosophie helfen, mehr soziale Bedeutung zu erlangen. Und vielleicht w\u00fcrde dann sogar mein Vater irgendwann weniger regelm\u00e4\u00dfig den Raum verlassen, wenn ein philosophisches Thema aufkommt.<\/p>\n\n\n\n<p><em><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/uwepeters.weebly.com\/\" target=\"_blank\">Uwe Peters<\/a> ist Postdoctoral Researcher im Center for Science and Thought (Universit\u00e4t Bonn) und im Leverhulme Centre for the Future of Intelligence (University of Cambridge).<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Gr\u00fcbelei zum gesellschaftlichen Nutzen Meine Eltern stammen aus schlichten DDR-Verh\u00e4ltnissen aus dem Ostberliner Umland und sind keine akademischen Leute. Mein Vater, der unter anderem auch l\u00e4nger auf dem Bau gearbeitet hat, verl\u00e4sst regelm\u00e4\u00dfig den Raum, wenn ich philosophische Themen anspreche. Und nachdem ich meinen PhD 2016 fertiggestellt hatte, meinte meine Mutter, dass Philosophieren sicher &hellip; <a href=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/2022\/09\/05\/uwe-peters\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eUwe Peters\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6705,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[91],"tags":[],"class_list":["post-223","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/223","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6705"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=223"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/223\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":248,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/223\/revisions\/248"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=223"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=223"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=223"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}