{"id":249,"date":"2022-10-05T10:58:28","date_gmt":"2022-10-05T08:58:28","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/?p=249"},"modified":"2022-10-05T10:58:28","modified_gmt":"2022-10-05T08:58:28","slug":"max-rosenbaum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/2022\/10\/05\/max-rosenbaum\/","title":{"rendered":"Max\u00a0Rosenbaum"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Wie w\u00fcrdest Du Deinen sozialen Hintergrund beschreiben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich wuchs nur kurze Zeit in der DDR auf und bin dann als Fl\u00fcchtlingskind in der BRD gro\u00df geworden. Nachdem meine Eltern (beide damals Schriftsetzer) und ich aus der DDR \u00fcbergesiedelt und sie daf\u00fcr l\u00e4ngere Zeit inhaftiert waren, lie\u00dfen sie sich scheiden. Ich wuchs dann bei meiner Mutter auf und hatte nur wenig Kontakt zu meinem Vater. Das Viertel, in dem ich aufwuchs, war ein multikulturelles Arbeiterviertel, in dem niemand gro\u00dfe Spr\u00fcnge machen konnte. Bei den meisten meiner Bekannten stand schon fest, dass sie den Weg ihrer Eltern \u00fcbernehmen w\u00fcrden. Meine Mutter und ich waren dort aber auch diejenigen, die fast obdachlos wurden, weil es eben st\u00e4ndig an Geld fehlte. Dennoch hat meine Mutter meine Neugier am Lernen immer unterst\u00fctzt und mir auch klar gemacht, dass, wenn meine Noten auch mal schlecht sein sollten, ich keine Angst davor haben sollte, sie ihr zu zeigen. Denn ich w\u00fcrde nicht f\u00fcr sie lernen, sondern f\u00fcr mich selbst. Somit wurde ich auch der erste in meiner Familie, der ein abgeschlossenes Studium vorweisen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was waren f\u00fcr Dich besondere Schwierigkeiten, die mit Deinem Hintergrund zu tun hatten oder haben, und gibt es ein Beispiel f\u00fcr eine Erfahrung oder Anekdote, die diese gut veranschaulicht?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mir fallen zwei Beispiele ein, die ein wenig aufeinander fu\u00dfen und sehr pr\u00e4gend waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende der Orientierungsstufe erhielt ich das Pr\u00e4dikat \u201eGeeignet f\u00fcr Hauptschule&#8220;. Nachdem ich dann das dritte Mal umzog, probierte ich es dennoch an einer Realschule, wo mir von Anfang an ganz klar gesagt wurde, dass es Kinder mit einer Hauptschulempfehlung hier so oder so nicht schaffen w\u00fcrden. Seltsamerweise hatte ich in allen F\u00e4chern durchschnittlich gute Leistung, bis auf die drei Hauptf\u00e4cher Deutsch, Mathe und Englisch. Nach einem Jahr wechselte ich dann die Schule, weil ich dadurch nicht in die n\u00e4chsth\u00f6here Klasse kam, so wie es \u201eprophezeit&#8220; wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter wollte ich dann Abitur machen. Der Oberstufenleiter riet mir davon ab, schlie\u00dflich kannte er meinen Werdegang. Er rief sogar meine Mutter auf Arbeit an, um ihr zu sagen, dass sie mir das doch bitte ausreden solle, weil meine Noten nicht so aussahen, als w\u00fcrde ich den erweiterten Realschulabschluss und \u00fcberhaupt das Abitur schaffen.&nbsp; Als ich dann mein Abitur in der Tasche hatte, kam er zu mir und entschuldigte sich bei mir, weil er wirklich gedacht hatte, dass ich es nicht schaffen w\u00fcrde. Das war zwar eine nette Geste, dennoch war es wahrscheinlich steiniger, als es h\u00e4tte sein m\u00fcssen. Das waren f\u00fcr mich nicht nur Schwierigkeiten, sondern ich hatte an mehreren Stellen aktiven und harten Gegenwind, den man teilweise nur extrem schwer aushalten konnte. Andererseits denke ich, wenn ich diesen harten Weg nicht gehabt h\u00e4tte, w\u00e4re ich vielleicht nicht zur Philosophie gelangt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was hat Dir dabei besonders geholfen, diese oder andere Schwierigkeiten zu \u00fcberwinden, und gibt es auch hier ein Beispiel f\u00fcr eine Erfahrung oder Anekdote, die dies gut veranschaulicht?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke, hierbei hat mir die Mischung aus zwei Denkweisen geholfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einerseits eine gewisse Flexibilit\u00e4t, die ich aber erst in viel sp\u00e4teren Jahren aktiv wahrnahm, die aber sicher teilweise auch durch die st\u00e4ndigen Umz\u00fcge mitverursacht wurde. Andererseits das Mindset f\u00fcr Situationen, in denen niemand an dich glaubt und du ganz alleine auf weiter Flur stehst. So nach dem Motto, wenn andere behaupten: &#8222;Das schaffst du nie!&#8220; und man antwortet: &#8222;Ich werde euch zeigen, wie ich es mache!&#8220; Diese Kombination aus beiden Denkarten hat bei den Problemen und deren Bew\u00e4ltigung eine gro\u00dfe Rolle gespielt, denn ich habe aktiv etwas unternommen, in einer fast ausweglosen Situation, und sie nicht einfach \u00fcber mich hinwegrollen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel daf\u00fcr ist sicherlich meine Zeit nach dem Studium, wo ich sofort in Hartz IV rutschte. Beim Arbeitsamt wurde ich wehleidig angesehen, als ich offerierte, was ich studiert habe, und eine Dame sagte mir im geheimen K\u00e4mmerlein, dass ich so gut wie keinerlei Marktwert h\u00e4tte, selbst wenn ich mit Magister mein Studium vollendet habe. Diesen Marktwert konnte ich mittlerweile verbessern, durch st\u00e4ndige Weiterbildungen in anderen Bereichen, aber auch eben durch meine Arbeit als Blogger. Es ist dann eben nicht der typische Weg, den man als Philosoph vielleicht einschl\u00e4gt, aber es ist mein Weg und andere h\u00e4tten das m\u00f6glicherweise nicht so geschafft. Andererseits habe ich auch noch vor zu promovieren, und selbst die Suche nach einem Doktorvater bzw. einer Doktormutter gestaltete sich bisher schwierig; doch auch das werde ich sicherlich noch schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00a0Max Rosenbaum ist Philosophie Blogger auf unter <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.denkatorium.de\/\" target=\"_blank\">www.denkatorium.de<\/a><\/em>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie w\u00fcrdest Du Deinen sozialen Hintergrund beschreiben? Ich wuchs nur kurze Zeit in der DDR auf und bin dann als Fl\u00fcchtlingskind in der BRD gro\u00df geworden. Nachdem meine Eltern (beide damals Schriftsetzer) und ich aus der DDR \u00fcbergesiedelt und sie daf\u00fcr l\u00e4ngere Zeit inhaftiert waren, lie\u00dfen sie sich scheiden. 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