{"id":254,"date":"2022-10-27T08:27:06","date_gmt":"2022-10-27T06:27:06","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/?p=254"},"modified":"2022-10-27T08:27:06","modified_gmt":"2022-10-27T06:27:06","slug":"eine-studentische-perspektive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/2022\/10\/27\/eine-studentische-perspektive\/","title":{"rendered":"Eine studentische Perspektive"},"content":{"rendered":"\n<p>In erster Generation zu studieren, kann sich auf unterschiedliche Weise \u00e4u\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Studierende aus nicht-akademischen Familien beschreiben eine ambivalente Erfahrung. Zum einen f\u00fchlen sich viele auf eine intellektuelle Art in der Universit\u00e4t sehr wohl, zum anderen ist da dieses seltsame Gef\u00fchl, man k\u00f6nnte \u201cauffliegen\u201d: Eigentlich geh\u00f6re man ja nicht wirklich hierher, und alle anderen wissen das auch. Alle k\u00f6nnen es sehen und alle k\u00f6nnen es h\u00f6ren. Und gleichzeitig bewegt man sich auch in einer selbst auferlegten Unsichtbarkeit. Man soll oder darf nicht gesehen werden, man darf nicht auffallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erste Thema, das viele Studierende der ersten Generation in Bezug auf ihre Erfahrung nennen, ist Geld. Geld spielt eine bedeutende Rolle darin, ob eine Person studieren kann oder nicht. Viele von uns sind mit permanenten finanziellen Sorgen besch\u00e4ftigt. Ein nicht zu untersch\u00e4tzender Teil unserer Zeit und Kraft (die wir lieber in unser Studium stecken w\u00fcrden) wenden wir f\u00fcr Antr\u00e4ge, \u00c4mter und Jobs auf. Einige berichten von der Angst vor dem Baf\u00f6g-Amt und der Scham, den eigenen Eltern f\u00fcr wichtige Unterlagen hinterherrennen zu m\u00fcssen. Dies ist besonders schwierig bei einem schlechten Verh\u00e4ltnis zu den Eltern, die einem wortw\u00f6rtlich einen Strich durch die Rechnung machen k\u00f6nnen. Selbst wenn man trotz Informationsmangel zur Studienfinanzierung das Privileg eines Stipendiums genie\u00dft: Jegliche finanzielle Unterst\u00fctzung ist daran gekoppelt, in der Regelstudienzeit abzuschlie\u00dfen. Diese Erwartung und eine allgemeine Leistungslogik f\u00fchren zu einem sehr angespannten Verh\u00e4ltnis zum eigenen Studium. Die Freiheiten und Leichtigkeiten, von denen viele Studierende und Alumni schw\u00e4rmen, scheint nur finanziell besser situierten Personen vorbehalten. Auch die M\u00f6glichkeit, (unbezahlte) Praktika f\u00fcr Berufseinstiegschancen wahrzunehmen, ist uns durch eine prek\u00e4re finanzielle Lage (und einen Mangel an Kontakten) h\u00e4ufig verwehrt. In der Lohnarbeit sieht es nicht besser aus: Vielen jobben in der Gastro und im Einzelhandel, um \u00fcber die Runden zu kommen. Irgendwann scheint es unm\u00f6glich, die Branche zu wechseln. Viele von uns k\u00f6nnen es sich schlichtweg nicht leisten, \u201cpicky\u201d zu sein: Man nimmt, was man kriegt. Diese Prekarit\u00e4t nimmt nicht nur au\u00dferhalb, sondern auch innerhalb der Uni Raum ein. Seminare oder Vorlesungen zu schw\u00e4nzen oder die Eigenarbeit in der Bibliothek abzubrechen, um bei der Arbeit einspringen, sind keine Seltenheit. Angebote rund um Informationen zur Studienfinanzierung, transparente Stellenausschreibungen an der Uni, und die M\u00f6glichkeiten zum Austausch nennen viele als Positivbeispiele f\u00fcr das Angehen dieser Probleme.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die materiellen Erfahrungen im Austausch sehr \u00e4hnlich waren, sind die Erlebnisse in Bezug auf Zugeh\u00f6rigkeit etwas unterschiedlicher. Einige berichten, teilweise in der Universit\u00e4t eher \u00fcberfordert gewesen zu sein, andere konnten sich inhaltlich schnell einleben. Doch egal wie aktiv oder passiv man sich in Seminaren und Vorlesungen zeigt: Viele beschreiben st\u00e4ndige Selbstzweifel. Jede Hausarbeit birgt das aufkommende Schamgef\u00fchl, dass die eigenen Texte nicht gut genug sind. Es scheint, dass Personen mit akademischem Hintergrund eine ganz andere Art von Selbstbewusstsein \u201ezu Hause\u201c vermittelt bekommen haben. F\u00fcr viele Akademiker:innenkinder wirkt es selbstverst\u00e4ndlich, an der Universit\u00e4t zu sein, w\u00e4hrend sich viele in der Ersten Generation st\u00e4ndig hinterfragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gepr\u00e4gt von einem meritokratischen Weltbild, das auch in der Schule vermittelt wird, sind viele Studierende zu einer \u00dcberkompensation verleitet. Um dasselbe zu erreichen wie andere Studierende, m\u00fcssen wir sehr viel mehr leisten. Dabei stellt die finanzielle Lage eine Doppelbelastung dar. Die Vorstellung, dass jede:r des eigenen Gl\u00fcckes Schmied:in ist, mag manche auf den ersten Blick erm\u00e4chtigen. In der Praxis f\u00fchrt es dazu, dass viele von uns unerreichbare Erwartungshaltungen an uns selbst setzen. F\u00fcr viele wird es zum Ziel, Bestleistungen zu erbringen, um den Platz an der Universit\u00e4t zu \u201cverdienen\u201d, um so zu gl\u00e4nzen, dass keine Person einem den Hintergrund ansehen kann. Der Fokus r\u00fcckt damit nur auf eine individuelle Leistung. Damit wird verkannt, dass der Unterschied zwischen Studierenden mit und ohne akademischen Hintergrund zum gr\u00f6\u00dften Teil auf Erbe basiert, sei es bzgl. Bildung, Kultur oder in monet\u00e4rer Hinsicht. Um Bildungsgerechtigkeit zu erreichen, m\u00fcssen diese Unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeiten aufgebrochen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Austausch mit anderen Studierenden wird klar: Wir sind nicht allein. Wir geh\u00f6ren hierher. Und wir k\u00f6nnen die Strukturen gemeinsam angehen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dieser Beitrag setzt sich aus den Erfahrungen einiger Studierender der Freien Universit\u00e4t Berlin zusammen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In erster Generation zu studieren, kann sich auf unterschiedliche Weise \u00e4u\u00dfern. Viele Studierende aus nicht-akademischen Familien beschreiben eine ambivalente Erfahrung. 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