{"id":72,"date":"2022-06-06T12:21:32","date_gmt":"2022-06-06T10:21:32","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/?p=72"},"modified":"2022-07-28T09:02:48","modified_gmt":"2022-07-28T07:02:48","slug":"christian-neuhaeuser-professor-fuer-praktische-philosophie-an-der-tu-dortmund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/2022\/06\/06\/christian-neuhaeuser-professor-fuer-praktische-philosophie-an-der-tu-dortmund\/","title":{"rendered":"Christian Neuh\u00e4user"},"content":{"rendered":"\n<p>Mein Familienhintergrund entspricht einer klassischen Arbeiterfamilie. Meine Mutter ist ausgebildete Friseurin, mein Vater Werkzeugmacher. Die Gro\u00dfeltern waren Kleinbauern und Fabrikarbeiter. Formale Bildung spielt in solch einer Familie keine besondere Rolle; was z\u00e4hlte, waren eher Lebenserfahrung und -weisheit. Einzig meine Mutter hat ihren Kindern die M\u00f6glichkeiten einer Schulbildung nahegebracht. Sie selbst war von ihren Lehrern f\u00fcr eine h\u00f6here Schulbildung vorgeschlagen worden, was ihr von der Familie jedoch verwehrt wurde, weil sie m\u00f6glichst fr\u00fch zum Familieneinkommen beitragen sollte. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch mein eigener Bildungsweg ist nicht unbelastet. Bereits in der ersten Klasse war ich mit einer sehr deutlichen Ablehnung meiner Klassenlehrerin konfrontiert. Im Nachhinein lege ich mir dies so zurecht, dass sie mich einfach nicht einsch\u00e4tzen konnte. Auf der einen Seite war ich in formaler Hinsicht unterentwickelt, etwa was meinen Sprachduktus oder mathematischen F\u00e4higkeiten angeht. Auf der anderen Seite war ich aufgeweckt und selbstbewusst. Allein der Widerstand meiner Mutter und die Intervention eines anderen Lehrers haben verhindert, dass ich auf eine damals Sonderschule genannte F\u00f6rderschule geschickt wurde. <\/p>\n\n\n\n<p>Diese Dynamik hat im Grunde meinen gesamten Bildungsweg durchzogen. Realschulempfehlung nach der Orientierungsstufe; Sitzenbleiben in der achten Klasse; Lehrer:innen, die mir die Abitureignung abgesprochen haben; Ablehnung durch Kommiliton:innen und Dozent:innen im Studium; professorales Unverst\u00e4ndnis f\u00fcr meinen Wunsch zu promovieren; bescheinigte Aussichtlosigkeit einer wissenschaftlichen Karriere, geschweige denn was den Erhalt einer eigenen Professur anbelangt. Auf der anderen Seite gab es aber auch immer Bef\u00fcrworter:innen, die mir den R\u00fccken gest\u00e4rkt und mich ermutigt haben, auf diese Vorurteile nichts zu geben. Ohne sie h\u00e4tte ich es nicht geschafft, den Job zu ergreifen, der mir so viel Freude bringt. Ich h\u00e4tte es nicht einmal gewagt, es zu versuchen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke, dass ich f\u00fcr die eine Gruppe von Akteuren einfach nicht in bildungsb\u00fcrgerliche Schemata gepasst habe und sie mich deswegen abgelehnt und versucht haben, mich auszugrenzen. Zumindest haben sie mir nicht besonders viel Aufmerksamkeit oder Wohlwollen geschenkt. Eine andere, freilich deutlich kleinere Gruppe hat mich jedoch als individuelle Pers\u00f6nlichkeit gesehen, die damit verbundenen Widerspr\u00fcche, Unsicherheiten und \u00c4ngste erkannt und mich entsprechend gef\u00f6rdert. <\/p>\n\n\n\n<p>Letztlich hat mir diese Bildungsgeschichte immerhin schon fr\u00fch die M\u00f6glichkeit gegeben zu lernen, in verschiedenen Welten zu leben. Der radikale Wechsel der sozialen Schicht durch den Schritt \u201evom Arbeiterkind zum Professor\u201c, wie es so sch\u00f6n hei\u00dft, ist n\u00e4mlich tats\u00e4chlich ein radikaler Wechsel der Lebenswelt. Gut an dieser Erfahrung ist, dass ich gelernt habe, soziale Konventionen als solche zuerkennen und verschiedene Rollen zu spielen. Nicht so gut daran ist, dass zumindest ich doch rechth\u00e4ufig das Gef\u00fchl habe, nie so richtig in der neuen Welt angekommen zu sein. Das liegt auch daran, so glaube ich, dass diejenigen, f\u00fcr die diese Lebenswelt ganz selbstverst\u00e4ndlich ist, zumeist kaum verstehen, wie wenig sie das in Wahrheit ist. Leider tragen sie damit mehr oder weniger bewusst zu bestehenden Strukturen der Exklusion und zu Formen des \u201eOthering\u201c bei, wie ich immer wieder erleben musste und muss.<\/p>\n\n\n\n<p><em><a href=\"https:\/\/ipp.ht.tu-dortmund.de\/institut\/personen\/professorinnen-und-professoren\/prof-dr-christian-neuhaeuser\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Christian Neuh\u00e4user<\/a> ist Professor f\u00fcr Praktische Philosophie an der TU Dortmund.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Familienhintergrund entspricht einer klassischen Arbeiterfamilie. Meine Mutter ist ausgebildete Friseurin, mein Vater Werkzeugmacher. Die Gro\u00dfeltern waren Kleinbauern und Fabrikarbeiter. 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