{"id":80,"date":"2022-06-06T12:33:36","date_gmt":"2022-06-06T10:33:36","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/?p=80"},"modified":"2022-07-28T09:08:00","modified_gmt":"2022-07-28T07:08:00","slug":"elif-oezmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/firstgenphilosophers\/2022\/06\/06\/elif-oezmen\/","title":{"rendered":"Elif \u00d6zmen"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich bin in der sch\u00f6nen Hansestadt Bremen geboren und in einer kleinen, mit B\u00fcchern vollgestopften Mietwohnung aufgewachsen. Meinen soziokulturellen Hintergrund w\u00fcrde ich als bildungsverliebt beschreiben: Kultur, Bildung und die K\u00fcnste gelten in meiner Familie als Eigenwert, aber auch als Kapital f\u00fcr die Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung und Lebensf\u00fchrung. <em>Felsefe<\/em> (Philosophie) als Beruf stellt gewisserma\u00dfen die Vollendung dieses \u00fcberaus b\u00fcrgerlichen Ideals dar.<\/p>\n\n\n\n<p>Quer dazu steht unsere Migrationsgeschichte und die damit verbundenen biographischen Z\u00e4suren und pers\u00f6nlichen Herausforderungen. Ich bin ein sogenanntes Gastarbeiterkind; meine Eltern sind im Rahmen des Anwerbeabkommen mit der T\u00fcrkei in den 1960er Jahren in die Bundesrepublik migriert. Damit war der Traum vom Studium f\u00fcr beide erledigt und wurde anstandslos ersetzt durch einen anderen Traum vom guten Leben in Deutschland (und ab Mitte der 1990er Jahre auch als<em> <\/em>Deutsche).<\/p>\n\n\n\n<p>Dass ich \u201edie kleine T\u00fcrkin\u201c sei, habe ich das erste Mal in der Grundschule vernommen, aber auch als Professorin unter Kollegen ist es mir schon passiert, dass sich jemand verwundert \u00fcber meine Akzentlosigkeit oder den \u201ekomischen Namen\u201c zeigt. Ich versuche damit genauso hart, herzlich oder ignorant umzugehen, wie mit den M\u00fchsalen und Widerst\u00e4nden, die die akademische Karriere, gerade auch in der Philosophie, f\u00fcr uns Frauen bereith\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich glaube ich, dass mein eher dickes Fell und mein Hang zu Widerrede, Trotz und freundlicher Beharrlichkeit auch meinem famili\u00e4ren Hintergrund geschuldet ist. Immerhin sind meine Eltern als junge Menschen in ein g\u00e4nzlich fremdes Land aufgebrochen und dort allen Widrigkeiten zum Trotz heimisch geworden. Dazu geh\u00f6ren Mut, Selbstvertrauen und die Hoffnung, es schaffen zu k\u00f6nnen. \u00dcber dieses positive Erbe der <em>sons and daughters of Gastarbeiter<\/em> wird viel zu selten gesprochen.<\/p>\n\n\n\n<p>In finanzieller Hinsicht war mir von Beginn meines Studiums \u00fcber alle Qualifikationsstufen bis zur ersten Ruferteilung klar, dass ich keine l\u00e4ngere Zeit ohne gesicherte Finanzierung durch Stipendien und akademische Stellen durchhalten k\u00f6nnte, einfach weil die finanziellen Polster und famili\u00e4ren R\u00fccklagen fehlten. Das bedeutet f\u00fcr die ohnehin schon prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnisse des Nachwuchses, die durch #IchBinHanna gegenw\u00e4rtig viel Aufmerksamkeit erfahren, noch eine zus\u00e4tzliche Beschwernis. Dass so wenige Nichtakademikerkinder promovieren und noch weniger den Sprung zur Professur schaffen, hat eben auch was damit zu tun, dass man sich Wissenschaft als Berufsziel leisten k\u00f6nnen muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob diese pers\u00f6nliche Geschichte von Philosophie in erster Generation mit besonderen Einsichten oder Perspektiven einhergeht. F\u00fcr die Wahl der Themen und Probleme, die mich philosophisch besch\u00e4ftigen, spielt es eher keine Rolle. Im Umgang mit Studierenden und Mitarbeiter:innen glaube (hoffe) ich, dass ich aufmerksam und vor allem ansprechbar bin auch f\u00fcr Fragen und Probleme, die nicht fachwissenschaftlicher Natur sind, aber den Studienerfolg und das akademische Vorankommen gleichwohl beeinflussen k\u00f6nnen. Die Frage nach der Finanzierung ist zum Beispiel einerseits ziemlich pers\u00f6nlich, aber ich stelle sie bei auff\u00e4llig klugen und motivierten Studierenden dann doch, um herauszufinden, ob und in welcher Weise eine Unterst\u00fctzung erm\u00f6glicht werden kann. Mir scheint, dass ich auch etwas weniger empf\u00e4nglich bin f\u00fcr die Autorit\u00e4t des professoralen Habitus, der einem ja immer noch regelm\u00e4\u00dfig begegnet in Fachbereichssitzungen, Berufungskommissionen oder Vortragsdiskussionen. Es hat eben auch Vorteile, wenn man diesem Gehabe, gerade weil man es nicht von Hause aus beherrscht, distanziert gegen\u00fcberstehen kann.<\/p>\n\n\n\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.uni-giessen.de\/fbz\/fb04\/institute\/philosophie\/praktphil\/oezmen\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Elif \u00d6zmen<\/a> ist Professorin f\u00fcr praktische Philosophie an der Justus-Liebig-Universit\u00e4t Gie\u00dfen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin in der sch\u00f6nen Hansestadt Bremen geboren und in einer kleinen, mit B\u00fcchern vollgestopften Mietwohnung aufgewachsen. Meinen soziokulturellen Hintergrund w\u00fcrde ich als bildungsverliebt beschreiben: Kultur, Bildung und die K\u00fcnste gelten in meiner Familie als Eigenwert, aber auch als Kapital f\u00fcr die Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung und Lebensf\u00fchrung. 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