Die Studienreform im Wintersemester – Ein Abriss

Mittlerweile seit dem Sommer schildkröten die Profs mit dieser vermaledeiten Studienreform herum. Was noch vor zwei Jahren vielversprechend von den Studierenden als Projekt angeleiert wurde um mit einem Vierjahresbachelor einige Vorteile des Diploms zu retten, die Wahlfreiheit zu stärken und den Notendruck zu nehmen, scheiterte später dann grandios an der professoralen Mehrheit und dem Präsidium. Stattdessen hat die Diskussion über eine Studienreform in diesem Wintersemester vermehrt die Form einer Abwehrschlacht angenommen, neuerdings nimmt die Geschichte aber wieder eine erfreuliche Wendung.

Studienreform als Streichkonzert

Zusammenlegung der Theorie, Abschaffung des Moduls rechtliche Grundlagen, Abschaffung des Genderkürzels, und das (durch die nun fällige Bezahlung von Lehraufträgen) in einer finanziellen Notsituation, die es interessierten Professor_innen einfach machte sich als diejenigen zu präsentieren die durch Kürzung an den „richtigen Stellen“ den Laden am Laufen halten. Die neue Studienreform glich zunächst einem Streichkonzert. Und im Hintergrund streifte noch die bald frei werdende Professur Rechtliche Grundlagen und Gender umher, als unbeeinflussbare, vielleicht umzuwidmende Unklarheit, die aus magischen Gründen zwar in ein zutiefst prekäres Modul System der BRD, aber nicht in ein zutiefst prekäres Modul politische Ideengeschichte hineinfüttern konnte.

Anfang Dezember 2011 als immer absehbarer wurde, dass die Studienreformkommission ihren Zweck erfüllt hatte, nämlich die notwendige Legitimation für jene Vorschläge zu liefern die unseren Interessen widersprechen, verlagerte sich die Diskussion in den Institutsrat. Dort sollte die Studienreform aufgrund des mythisch beschworenen Zeitdrucks noch vor der Winterpause durchgehauen werden. Die Studienreformkommission beschäftigte sich zwar weiterhin noch pro forma mit der „Verbesserung“ der Vorschläge, lag aber spätestens dann im Koma als Möchtegerngremienvorsitz Risse sich bei den Sitzungen nicht mehr blicken ließ und ein großer Teil der Kommission mit Ausnahme der Studierenden, Chojnacki und dem heroischen Studiendekan Ingo Peters es ihm gleichtat.

Heraustreten aus der Zuschauerrolle

In dieser Zeit begann die FSI*OSI – zugegebenermaßen ein wenig spät – dann das was sie am besten kann: Studis mobilisieren und Zahlen wälzen um die argumentativen Schwerter zu wetzen. In der Institutsratssitzung, in der es um eine Grundsatzentscheidung bzgl. der Zukunft der Theorie ging waren wir viele – und gut vorbereitet. Aus der allgemeinen Diskussion war ersichtlich, dass die vorgelegte Studienreform Murks ist, kaum machbar, und es noch mehr Zeit benötigt, die Vorschläge zu überdenken. In dieser Sitzung wurde gerade vielen Erstis die Grenzen der Gremienarbeit an der Uni bewusst, denn auf unsere Argumente gab es keine befriedigende Antwort, auf unser Vorrechnen der Unzulänglichkeit der Studienreform gab es schwammiges Herumgedruckse – und am Ende wurde gestimmt, als wäre überhaupt nichts passiert.

In der letzten Institutsratssitzung vor den Ferien hatten wir die Schnauze voll von dieser Form der Gremienarbeit, mobilisierten in einer Nacht- und Nebelaktion so viele Studis wie möglich und hielten im Sitzungssaal des Institutsrats eine parallele Institutsratssitzung als Improvisationstheater ab. Diese Sitzung sollte sich im Kontrast zum „Original-Institutsrat“ an grundlegende Regeln des Umgangs miteinander halten um damit einen Kontrapunkt zum Theater der letzten Woche zu setzen. Wenn Argumentieren in Gremien keinen Zweck mehr hat, wenn studentische Gremienmitglieder zur bloßen Statisten verkommen, so ist das Gremium nicht mehr Entscheidungsorgan, sondern bloße Bühne. In diesem Fall organisieren wir lieber unser eigenes Theater, so die Argumentation.

Die Reaktion der geschäftsführenden Direktion war im besten Falle „uncool“. Sie verlegte die Institutsratssitzung in einen anderen Raum, ließ die Punkte 1-4, darunter den Punkt über die Studienreform, von den vier anwesenden Mitgliedern durchstimmen (die studentischen Mitglieder kamen zu spät, um die Beschlussunfähigkeit festzustellen). Die Grundlage war geschaffen um die Studienreform – rechtlich bedenklich und in der Form zu verurteilen – auf den Weg zu bringen. Wir hatten es aber dennoch geschafft die Fronten aufzubrechen. Einige Profs und WiMis blieben nach der Institutsratssitzung noch im Raum, um mit den Studierenden weiterzudiskutieren. Informell einigten wir uns auf ein Verfahren, was die Studienreform auf dem anstehenden Institutstag am 9. Januar zu einem der Kernpunkte zu machen (die Studierenden forderten das schon immer, aber die Mehrheit im Institutsrat hatte dies bisher abgelehnt). Im Anschluss entschieden sich interessierte Studierende mit der FSI ein Treffen zu veranstalten auf dem ein konkreter Gegenvorschlag entworfen werden sollte.

Wo spielt die Musik?
Im neuen Jahr wurde in jedem Fall der studentische Vorschlag erstmals in der halbbesetzten Studienreformkommission andiskutiert und anschließend auf dem Institutstag vorgestellt, kritisiert, modifiziert und dann zur Abstimmung gestellt. Mit einigen Enthaltungen von Studis, die später hinzugekommen waren und die Vorschläge nicht beurteilen konnten sprach sich eine breite Mehrheit des Institutstages für „unseren“ Vorschlag aus. Der Vorschlag stellte einen letztmöglichen Kompromiss dar, in dem wir die Zusammenlegung der Theorie akzeptierten, zusätzlich für die Zusammenlegung der Module „Politisches System der BRD“ und „Vergleichende Politikwissenschaft“ plädierten, das rechtliche Grundlagenmodul erhalten wollten und ihm einen stärker philosophischen Einschlag geben, und das Genderkürzel erhalten wollten.

Mit dem Rückenwind vom Institutstag brachten wir den Vorschlag in den Institutsrat ein, und – zu unserer großen Überraschung – hatten die Profs ihre frühere Opposition aufgegeben. Punkt für Punkt wurde der studentische Vorschlag angenommen. Die Geschäftsführende Direktion hat durch den studentischen Protest im letzten Jahr entweder Einsicht gezeigt, sie hatte nicht den Nerv für weiteren studentischen Stress, oder sie hat ihre Interessen neu geordnet und wir dürfen uns bald auf den nächsten Hammer gefasst machen.

Sanftere Melodien am OSI

Die Kontroverse zirkelt jetzt noch um den Erhalt des Genderkürzels, die Benennung des rechtlichen Grundlagenmoduls, sowie die Möglichkeit zwei Prüfungsleistungen zu streichen. Verbunden wird diese Debatte jetzt mit der Diskussion um die Ausschreibung und die künftige Denomination der rechtlichen Grundlagenprofessur. Während allerorten von „Gerüchten“ und „Gemunkel“ geredet wird, hat bisher kaum wer eigene Interessen bezüglich der Professur offengelegt. Wir schreiten mit gutem Beispiel voran und plädieren dafür die Denomination „Rechtliche Grundlagen und Gender“ zu erhalten, und ihr in der näheren Ausformulierung einen theoretischen Schwerpunkt zu geben. Der Umschreibung zu einer Policy-Professur werden wir entschieden entgegentreten. Ebensowenig überzeugend ist der Vorschlag von Susanne Lütz, der Professur einen Schwerpunkt auf Verbands- und Gewerkschaftsforschung zu verpassen. Wir haben auf Platz 2 der Berufungsliste für die BRD-Professur den von uns favorisierten Kandidaten Sack, der genau diesen Bereich abdeckt. Diesbezüglich hoffen wir, dass der Senat dem Minderheitenvotum Gehör schenkt und Sack noch beruft. Allein dass sich nun der Institutsrat ernsthaft mit der Ausschreibung der Professur befasst, ist schon als Fortschritt zu sehen gegenüber der sonstigen Politik der verdeckten Karten und informellen Absprachen. Allein, dass der studentische Vorschlag zur Debatte zugelassen wurde stellt einen Bruch gegenüber der bisherigen Politik der Verfahrenstricksereien dar. Insofern sind wir durch unseren Protest einerseits und durch unsere Kompromissbereitschaft andererseits zumindest einen Schritt vorangekommen. Der fade Beigeschmack der verlorenen Theorie im Grundstudium bleibt jedoch zurück. Die Frage, ob der gefühlte Sieg der letzten Sitzung nicht doch eine Niederlage ist, ist berechtigt.

Eine Frage des Stils
Dennoch, die Ereignisse dieses Winters symbolisieren unserer Meinung nach eine Bestätigung des Politikverständnisses der FSI*OSI das konstruktive Gremienarbeit nicht wie das goldene Kalb umtanzt. Der Institutstag, also ein basisdemokratisches Verfahren, schuf ein Forum für viele Studierende, sich in die Debatte um die Studienreform und andere Themen hineinzufinden und selbst aktiv zu werden. Durch die verschiedenen Vorschläge (Im Bezug auf Wahlfreiheit, Punkteverteilung in den Methodenmodulen, Spezialisierung vs. breites Grundstudium) und das überwiegend positive Feedback, sehen wir den Institutstag als Institution gestärkt. Profs, WiMis, SoMis, Lehrbeauftrage und Studis haben nicht nur seit letzter Woche allen Grund sich den Institutstag als festen Termin in den Terminkalender einzutragen. Unser Appell ist an dieser Stelle auch unsere Kritik: Immer norch zu wenig Aufmerksamkeit wird dem Institutstag im Speziellen und Hochschulpolitik im allgemeinen entgegengebracht. Selbst die in diesem Semester vielversprechend gestartete OSI-Zeitung hat über die neuesten Entwicklungen noch nichts veröffentlicht. In punkto Information über Institutspolitik sowie im unsäglichen Fachschaftsrat scheinen wir nun also das Monopol zugestanden bekommen zu haben. Wir beschweren uns nicht.

Zur richtigen Zeit die Zähne zu zeigen, und wenn nötig auch mal zuzubeißen, das ist eine Herausforderung, die wir, denken wir, ganz gut beherrschen. Morgen um 9.00 im Institutsrat wird es dagegen bei der Feinabstimmung wohl vergleichsweise kuschelig zugehen. Der Umgang mit uns scheint sich zeitweise zumindest verändert zu haben. Und wer wären wir wenn wir das nicht honorierten, und im Ton freundlich, in der Sache bestimmt, uns weiterhin für Kritische Lehre am Institut einsetzen?

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