{"id":52,"date":"2009-04-26T11:55:44","date_gmt":"2009-04-26T10:55:44","guid":{"rendered":"http:\/\/fsiosi.blogsport.de\/?p=52"},"modified":"2009-04-26T11:55:44","modified_gmt":"2009-04-26T10:55:44","slug":"wie-weiter-am-osi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/fsi_osi\/2009\/04\/26\/wie-weiter-am-osi\/","title":{"rendered":"Wie weiter am OSI?"},"content":{"rendered":"<p>Das OSI wandelt sich derzeit fundamental. Die Geschwindigkeit und das Ausma\u00df dieses Wandels wird erst allm\u00e4hlich deutlich; wann er aufh\u00f6ren und wie das Institut danach aussehen wird, ist noch nicht abzusehen. Dieser Artikel soll beschreiben, welche Dinge sich ver\u00e4ndern, welche Folgen das hat und wie mensch eventuell dagegen vorgehen kann.<\/p>\n<p><strong><\/p>\n<h3>Was gerade passiert<\/h3>\n<p><\/strong><br \/>\n<strong>R\u00fcckblick<\/strong><br \/>\nVielleicht ist es als Einstieg hilfreich, sich daran zu erinnern, wie am OSI noch vor wenigen Jahren studiert und geforscht wurde. Diese R\u00fcckschau soll nicht idealisierend daherkommen &#8211; viele unserer heutigen Probleme sind institutioneller Natur und haben sich lediglich versch\u00e4rft, w\u00e4hrend andere ganz neu dazu gekommen sind. Dennoch: vor noch nicht allzu lange Zeit war das OSI geradezu ein Biotop kritischer Wissenschaft. Mit Elmar Altvater, Bodo Zeuner, Peter Grottian, Wolf-Dieter Narr, Brigitte Wehland-Rauschenbach und anderen war eine ganze Riege linker ProfessorInnen am OSI versammelt. Grottian und Narr verzichteten jeweils auf ein Drittel ihres Gehalts, um eine eigene Gender-Professur am Institut zu erm\u00f6glichen. Die personelle und r\u00e4umliche Ausstattung des Instituts war deutlich besser: zu den zw\u00f6lf festen ProfessorInnen-Stellen im Strukturplan kamen bis zu acht \u00dcberhangsstellen. Die Geb\u00e4ude rund um das Institut (Ihnestra\u00dfe 21, 22 und 26 , Garystra\u00dfe 55) waren f\u00fcr Politikwissenschaft, Soziologie und das Osteuropa-Institut reserviert. Das OSI besa\u00df eine eigenst\u00e4ndige Bibliothek mit gro\u00dfem Leihbestand. Seminare und Vorlesungen waren damals wie heute \u00fcberf\u00fcllt, aber Teilnahmebeschr\u00e4nkungen dennoch nahezu ein Ding der Unm\u00f6glichkeit. Das Gedr\u00e4nge in H\u00f6rs\u00e4len und Seminarr\u00e4umen wurde nicht noch durch Anwesenheitszwang gef\u00f6rdert. Studieren konnte mensch auf Diplom oder Magister; beide Studienordnungen erlaubten es den Studierenden sehr viel mehr, ihren eigenen Interessen nachzugehen und gingen mehr in die Tiefe. Gleichzeitig wurde das OSI in ganz Deutschland ob der Breite seines politikwissenschaftlichen Angebots bewundert. Obwohl der institutionelle Rahmen in den Gremien nat\u00fcrlich der selbe war &#8211; Stichwort professorale Mehrheit &#8211; wurden Studierende und ihre Anliegen nicht mit an Feindseligkeit grenzender Verachtung behandelt. <\/p>\n<p><strong>Und Heute?<\/strong><br \/>\nIn den letzten Jahren haben sich fast alle dieser Punkte zum Negativen gewandelt. Das h\u00e4ngt zum Teil mit der personellen Struktur zusammen: die oben erw\u00e4hnten Professoren sind s\u00e4mtlich emeritiert. Als letzter verabschiedete sich Grottian, und mit ihm auch die Genderprofessur. In diesem Bereich gibt es bis heute keinen ad\u00e4quaten Ersatz. Die Nachfolge der prominenten Linken am OSI wurde im Sinne einer neoliberalen Umstrukturierung des Instituts geregelt. Elmar Altvaters Lehrstuhl in Politische \u00d6konomie hat heute etwa Susanne L\u00fctz inne, deren Einf\u00fchrungsvorlesung im unkritischen Vorbeten von Direktinvestitions-Statistiken und Jahreszahlen von GATT-\/WTO-Verhandlungen besteht. Bodo Zeuners politische Erwachsenenbildung wurde sang- und klanglos begraben, inklusive des gesamten Lehrbereichs. Politische Erwachsenenbildung gibt es heute nur noch im Rahmen von ABV-Kursen und bezahlpflichtigen &#8222;weiterbildenden&#8220; Masterprogrammen. F\u00fcr Gerhard G\u00f6hler, der zuletzt die Professur f\u00fcr Ideengeschichte innehatte, wurde bis heute (G\u00f6hler emeritierte im Jahr 2005!) kein Ersatz gefunden. Stattdessen wurde die Stelle im Strukturplan zur Juniorprofessur abgewertet und Klaus Roth, der \u00fcber Jahre hinweg als Gastprofessor die Ideengeschichte mit viel Engagement vertrat, geradezu \u00fcber Nacht geschasst. Leider ist der Prozess noch nicht abgeschlossen. Viele ProfessorInnen, die die Umstrukturierung der Universit\u00e4t, den Bolognaprozess oder die Exzellenzinitiative kritisch sehen, stehen kurz vor ihrem altersbedingten Abschied, so etwa Hajo Funke, Siegfried Mielke oder Sabine Berghahn. <\/p>\n<p><strong>It&#8217;s not all the SFB&#8217;s fault!<\/strong><br \/>\nDie Nutznie\u00dferInnen dieser Entwicklung sind zum einen jene im Sonderforschungsbereich (SFB) 700 versammelten WissenschaftlerInnen, die in den letzten Jahren die Gremien am OSI und am Fachbereich dominierten und f\u00fcr zahlreiche der umstrittenen Entscheidungen verantwortlich zeichneten. Mittlerweile arbeitet die weit \u00fcberwiegende Mehrheit der ProfessorInnen und Wissenschaftlichen MitarbeiterInnen (WiMis) am OSI f\u00fcr den SFB; der SFB wirbt die meisten Drittmittel ein, hat beste Kontakte zum Pr\u00e4sidium und zum Dekanat und s\u00e4mtliche Stellenbesetzungen der letzten Jahre wurden nicht zuletzt davon beeinflusst, ob die\/der KandidatIn zum Profil des SFB passt. Aber nicht alles, was der kritischen Forschung und Lehre in den letzten Jahren geschadet hat, geht auf den SFB zur\u00fcck oder nutzt diesem. Wichtigster &#8222;Profiteur&#8220;, wenn mensch das so nennen will, der Umstrukturierung ist denn auch vielmehr der abstrakte Prozess hin zu einem angepassten, &#8222;bequemen&#8220; und wettbewerbstauglichen Institut. Das OSI verliert in immer rasanterer Geschwindigkeit jenen rebellischen Geist, f\u00fcr den es jahrzehntelang bekannt war. Das \u00e4u\u00dfert sich mittlerweile schon in \u00c4u\u00dferlichkeiten: Plakate studentischer Gruppen h\u00e4ngen im Schnitt eine halbe Stunde an den B\u00e4umen rund um&#8217;s Institut. Die im Treppenhaus der Garystra\u00dfe 55 aufgemalten Bilder und Parolen &#8211; die im Gegensatz zu vielen anderen Kritzeleien nicht un\u00e4stethisch waren &#8211; wurden in den soeben vergangenen Semesterferien mit abgestuften Wei\u00dft\u00f6nen \u00fcbermalt. Der politischen Theorie, jener Bereich also, von dem wohl noch am ehesten erwartet wird, dass Kritik ge\u00fcbt wird, wird schrittweise der Garaus gemacht. Ein Beispiel am Rande: im vergangenen Wintersemester entfielen laut KVV-Nachtrag mehr als die H\u00e4lfte der Theorie-Hauptseminare. Und nach Ende der Vorlesungszeit im Februar wurde bekannt, dass Klaus Roth gek\u00fcndigt wurde, und damit die Professur Ideengeschichte wieder mindestens bis zum Wintersemester 2009\/10 komplett vakant ist. Mit Klaus Roth verl\u00e4sst auch der letzte Marxist das OSI.<br \/>\nEbenfalls Sorge bereiten sollte die in der letzten Sitzung am 22.4. des Fachbereichsrates (FBR) verabschiedete ver\u00e4nderte F\u00f6rderung der Zusch\u00fcsse f\u00fcr Forschungsprojekte. Bis letzte Woche musste der Fachbereich 10 % eines Forschungsprojekts aus eigenen Mitteln beisteuern, nun sind es 20%. Es ist abzusehen, wozu diese Neuregelung an einem finanziell chronisch knapp ausgestattenen Fachbereich wie PolSoz f\u00fchren wird: einer steigenden Abh\u00e4ngigkeit von Drittmitteln der Deutschen Forschungsgesellschaft und anderen externen Geldgebern &#8211; die f\u00f6rdern traditionell aber eher selten kritische, nicht unmittelbar verwertbare Wissenschaft. Dieser Beschluss reiht sich ein in die seit einiger Zeit zu beobachtende Verknappung bestimmter G\u00fcter am OSI bzw. am Fachbereich PolSoz allgemein. So klagen viele nicht SFB-assoziierte WissenschaftlerInnen \u00fcber eine v\u00f6llig unzureichende Ausstattung mit WiMi- und anderen Stellen. Von Personen, die am SFB mitarbeiten, kommen solche Klagen &#8222;seltsamerweise&#8220; nie. Immer wieder m\u00fcssen Arbeitsstellen &#8211; h\u00e4ufig auf Druck des Governance-\/IB-Bereichs &#8211; ihre B\u00fcror\u00e4ume verlassen und woanders hin umziehen; eine Bibliotheksmitarbeiterin bezeichnete dies im letzten Jahr als &#8222;Karussell&#8220;. Nach dem Umzug herrscht \u00fcblicherweise Platznot. Die Konkurrenz unter den einzelnen Arbeitsstellen nimmt zu, ein solidarisches Handeln gegen K\u00fcrzungspl\u00e4ne des Dekanats oder des Pr\u00e4sidiums bleibt aus. <\/p>\n<p><strong>Und die Studierenden? <\/strong><br \/>\nViele Studierende haben kaum noch Zeit, die Ver\u00e4nderungen am Institut wahrzunehmen, geschweige denn kritisch zu begleiten. Im Wintersemester 2008\/09 wurde das Diplom &#8222;ausgesetzt&#8220;; noch ist offen, ob es bei der Zahl von Null Zulassungen zum Diplom bleibt. Viele derjenigen, die zur Zeit im Grundstudium sind, tun sich schwer damit, sich eine andere Form von Studieren \u00fcberhaupt vorzustellen. Dass Anwesenheitslisten, Teilnahmescheinklausuren, platzzahlbeschr\u00e4nkte Seminare und andere Widerlichkeiten noch vor wenigen Jahren am OSI so absurd schienen, dass sie nicht einmal diskutiert werden brauchten, erscheint undenkbar. Der &#8211; an vielen anderen Stellen schon h\u00e4ufig beklagte &#8211; Leistungsdruck im Bachelorstudiengang macht es schwer, sich politisch zu engagieren. Wer nach sechs Semestern die Uni schon wieder verlassen soll, tut sich schwer damit, sich f\u00fcr vier Semester in ein akademisches Gremium w\u00e4hlen zu lassen. Wer einen der knappen Masterpl\u00e4tze ergattern will, \u00fcberlegt es sich vermutlich zweimal, ob neben Lernen und Hausarbeiten schreiben noch Zeit f\u00fcr politisches Engagement bleibt. Dass die Studierenden nach sechs Semestern auch tats\u00e4chlich wieder weg sind, daf\u00fcr wird am OSI viel getan. Der Pr\u00fcfungsausschuss hat es sich mittlerweile sogar zur offiziellen Politik gemacht, Leistungen \u00e4u\u00dferst gro\u00dfz\u00fcgig anzuerkennen &#8211; nicht etwas als Entgegenkommen gegen\u00fcber Studierenden, sondern (richtig!) damit diese nach M\u00f6glichkeit in der Regelstudienzeit bleiben.<br \/>\nWenn die Studierenden dann doch mal aufbegehren, wird gedroht, getrickst und Notfalls sogar Gewalt angewendet. Die FBR-Sitzungen unter der Leitung &#8222;unserer&#8220; ehemaligen Dekanin Barbara Riedm\u00fcller sind im Bezug auf die ersten beiden Dinge fast schon legend\u00e4r. Mehrfach konnten sich Studierende nur mit gro\u00dfer zahlenm\u00e4\u00dfiger Pr\u00e4senz und viel Hartn\u00e4ckigkeit das Recht erk\u00e4mpfen, bei Entscheidungen \u00fcberhaupt angeh\u00f6rt zu werden. Seinen H\u00f6hepunkt erreichte das &#8222;System Riedm\u00fcller&#8220; Ende letzten Jahres: bei der entscheidenden Abstimmung im FBR \u00fcber den neuen Strukturplan wurde der Sitzungssaal vom FU-eigenen Sicherheitsdienst bewacht, zwei Streifenw\u00e4gen der Polizei hielten sich in der N\u00e4he des OSI in Bereitschaft. Zwei Tage sp\u00e4ter versuchte besagter Sicherheitsdienst, eine SFB-kritische Veranstaltung in der Ihnestra\u00dfe 21 mittels k\u00f6rperlicher Gewalt gegen BesucherInnen zu verhindern. <\/p>\n<p><strong><\/p>\n<h3>Wie weiter?<\/h3>\n<p><\/strong><br \/>\nEins ist sicher, ein OSI wie vor 10, 15 oder 20 Jahren wird es an der FU auf absehbare Zeit nicht wieder geben. Die VertreterInnen der herrschenden Linie am OSI sitzen noch ein Weilchen auf ihren Posten. Trotzdem ist es wichtig, nicht zu resignieren. Es gibt immer noch kritische Lehre am OSI, auch wenn mensch in bestimmten Bereichen mittlerweile lange danach suchen muss. ProfessorInnen und WiMis sind kein monolithischer Block mit uniformen Interessen. Zweckb\u00fcndnisse in den Gremien sind durchaus m\u00f6glich &#8211; die Zusammensetzung des neugew\u00e4hlten FBR l\u00e4sst beispielsweise durchaus ein wenig hoffen. Viel wichtiger ist aber, dass wir als Studierende auch &#8222;au\u00dferparlamentarisch&#8220; aktiv sind und unsere Interessen wieder und wieder nach au\u00dfen vertreten. Das kann bedeuten, dass wir Anwesenheitslisten verschwinden lassen und uns nicht von Drohungen mit &#8222;mid-term Klausuren&#8220; spalten lassen, das kann bedeuten, dass wir massenhaft bei Gremiensitzungen auftauchen und erzwingen, dass unsere Meinung geh\u00f6rt wird, das kann auch bedeuten, dass wir deutlich sagen wenn uns Inhalte oder Form der Lehre nicht passen&#8230; Und es kann bedeuten, dass wir irgendwann sagen &#8222;es reicht!, it&#8217;s enough!, \u00e7a suffit!, \u00a1ya basta!&#8230;&#8220; und unser Studium und unser Leben wieder selbst in die Hand nehmen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das OSI wandelt sich derzeit fundamental. Die Geschwindigkeit und das Ausma\u00df dieses Wandels wird erst allm\u00e4hlich deutlich; wann er aufh\u00f6ren und wie das Institut danach aussehen wird, ist noch nicht abzusehen. Dieser Artikel soll beschreiben, welche Dinge sich ver\u00e4ndern, welche Folgen das hat und wie mensch eventuell dagegen vorgehen kann. 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