{"id":73,"date":"2009-10-10T11:01:48","date_gmt":"2009-10-10T10:01:48","guid":{"rendered":"http:\/\/fsiosi.blogsport.de\/?p=73"},"modified":"2009-10-10T11:01:48","modified_gmt":"2009-10-10T10:01:48","slug":"die-studentische-rede-auf-der-immatrikulationsfeier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/fsi_osi\/2009\/10\/10\/die-studentische-rede-auf-der-immatrikulationsfeier\/","title":{"rendered":"Die studentische Rede auf der Immatrikulationsfeier"},"content":{"rendered":"<p><em>Wir nutzen die Gelegenheit, die studentische Rede bei der Immatrikulationsfeier am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften hier noch einmal zum nachlesen einzustellen:<\/em><\/p>\n<p>Hallo liebe Erstsemester und Masterstudierende,<\/p>\n<p>jetzt auch noch mal von studentischer Seite ein \u201eherzliches Willkommen\u201c. <\/p>\n<p>Ich freue mich, dass hier auch die studentischen Gruppen des Fachbereichs die Gelegenheit erhalten haben, euch willkommen zu hei\u00dfen und das tue ich hiermit f\u00fcr die Fachschaftsinitiativen der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, der Soziologie und der Ethologie und der Politikwissenschaften.<\/p>\n<p>Ich bin Julia von der Fachschaftsinitative des Otto- Suhr- Instituts und studiere jetzt im 3. Semester Politikwissenschaften auf Bachelor.<br \/>\nDas hei\u00dft vor einem Jahr war ich in der gleichen Situation wie viele von euch heute.<br \/>\nDamals war ich ziemlich aufgeregt (und das bin ich im \u00dcbrigen immer noch), weil hier alles so neu war und kompliziert wirkte.<br \/>\nViele von euch sind bestimmt gerade zum ersten Mal zu Hause ausgezogen und ihr seid dabei, einen neuen Lebensabschnitt anzufangen.<\/p>\n<p>In meinen Einf\u00fchrungstagen hat damals eine Studentin gesprochen und mir mit ihren Worten sehr viel Mut gemacht. Ihr habt die Einf\u00fchrungstage ja schon hinter euch. Wenn Ihr trotzdem noch auf wankendem Boden stehen solltet \u2013 keine Sorge, das legt sich mit der Zeit.<br \/>\nWenn Ihr noch Fragen habt, was ich sehr hoffen will, dann scheut euch nicht, immer wieder nachzuhaken, bis ihr eine f\u00fcr euch befriedigende Antwort bekommt.<br \/>\n\u201eLasst Euch nicht verr\u00fcckt machen\u201c, hat damals die Studentin zu uns gesagt und diesen Satz kann ich nur, mit einem dicken Ausrufungszeichen versehen, an Euch weitergeben.<br \/>\nIhr werdet in den n\u00e4chsten Wochen und \u00fcberhaupt im Laufe eures ersten Semesters sehr viel dar\u00fcber h\u00f6ren, was ihr unbedingt machen m\u00fcsst, was ihr auf keinen Fall verpassen d\u00fcrft, wie ihr euer Studium zu absolvieren habt, wann ihr ins Ausland geht, dass ihr euch am Besten jetzt schon f\u00fcr Praktika bewerben sollt usw.<\/p>\n<p>Ich gebe Euch einen anderen Rat: Nehmt Euch das gesamte erste Semester Zeit, um herauszufinden, was f\u00fcr Euch pers\u00f6nlich das Beste ist. Denn was f\u00fcr die Eine super ist, ist es f\u00fcr den Anderen nicht automatisch auch. Mir hat es damals geholfen, den Stundenplan im ersten Semester nicht zu voll zu stopfen \u2013 obwohl es mich \u00dcberwindung gekostet hat.<br \/>\nDenn es dauert, bis Ihr Euch an das Lesen wissenschaftlicher Texte gew\u00f6hnt habt. Konzentriert euch auf die Texte und Seminare, die ihr gerade am spannendsten findet. Schnuppert in m\u00f6glichst viel hinein, aber entscheidet euch in den n\u00e4chsten zwei Wochen f\u00fcr klare Schwerpunkte f\u00fcr dieses erste Semester. Und lasst euch nicht von Dozent_innen oder Kommiliton_innen einreden, es sei eben Standard, so und so viele hundert Seiten pro Woche zu lesen. Findet euren eigenen Rhythmus. Wichtig ist nicht, wie viel ihr in einem Semester schafft, sondern wie gr\u00fcndlich ihr das macht, was euch aktuell weiterbringt.<br \/>\nEs ist euer Lernprozess!<\/p>\n<p>Au\u00dferdem gibt es gerade im ersten Semester viele Veranstaltungen an der Uni, die euren Stundenplan f\u00fcllen werden: Besonders empfehle ich euch die Erstsemesterfahrten in eurem Studiengang. Au\u00dferdem solltet ihr euch Zeit nehmen f\u00fcr begleitende Tutorien, Unisport, Lesekreise, Ringvorlesungen, Sprachkurse und andere Angebote hier an der Uni.<br \/>\nUnd schaut auch mal in das alternative Veranstaltungsverzeichnis hinein. Da findet ihr viele selbst organisierte Arbeitskreise, in denen ihr euch ohne jeden Druck und frei von inhaltlichen Vorgaben Perspektiven aneignen k\u00f6nnt, die den Mainstream der Sozialwissenschaften kritisch hinterfragen. Schlie\u00dflich solltet ihr nicht vergessen, auch noch ein bisschen zu leben. Denn das geht erfahrungsgem\u00e4\u00df in Berlin besonders gut. Gerade als Studierende.<br \/>\nDoch nun zur\u00fcck zur Hochschule:<br \/>\nWie ihr vermutlich wisst, ist die deutsche Universit\u00e4ts-Landschaft seit Jahren im Umbruch, das gilt auch f\u00fcr die Freie Universit\u00e4t.<br \/>\nEinige von Euch haben vielleicht schon in den letzten Tagen ein paar Informationen diesbez\u00fcglich bekommen. Andere fragen sich wahrscheinlich, wie sie sich bei all den individuellen Orientierungsschwierigkeiten und dem hohen Arbeitspensum auch noch in der Hochschulpolitik engagieren sollen? Nach meiner Erfahrung hilft es aber gerade bei der Suche nach einem eigenen Weg durch das Labyrinth der Wissenschaften, sich gemeinsam mit anderen Gedanken \u00fcber deren Ausgestaltung und Ver\u00e4nderung zu machen. <\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte diese Rede nicht nutzen, um hier Wahlkampf zu betreiben, auch wenn es verlockend w\u00e4re, die Sprechzeit hierf\u00fcr zu nutzen. Nein! Ich m\u00f6chte Euch dazu aufrufen, Euch selber ein Bild von den verschiedenen hochschulpolitischen Gruppen hier an der Uni zu machen.<br \/>\nJeder und Jede (mich eingeschlossen), mit dem ihr hier an der Universit\u00e4t sprechen werdet, hat ihren oder seinen ganz eigenen politischen Standpunkt. Meine Erfahrung ist, dass ihr zwar Menschen treffen werdet, die behaupten, sie seinen zu 100% neutral. Tats\u00e4chlich nehmen aber auch sie eine bestimmte, stets zu hinterfragende, Sichtweise ein.<br \/>\nAls angehende Sozialwissenschaftlerinnen und Wissenschaftler steht euch der Mythos der totalen Neutralit\u00e4t ohnehin schlecht zu Gesicht.<br \/>\nWissenschaft findet nicht im Elfenbeinturm statt, sondern ist durchzogen von vielf\u00e4ltigen sozialen und politischen Konflikten!<br \/>\nDiese Einsicht ist leider kein Allgemeingut an der Uni. Es werden Euch Texte begegnen, in denen der Anspruch erhoben wird, alle Parteien ganz unabh\u00e4ngig zu analysieren. Dennoch ist jeder Text aus einer bestimmten Motivation oder Perspektive heraus geschrieben \u2013 und die nimmt, ob bewusst oder unbewusst, immer auch Partei. Als Studierende und gerade als Sozialwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen ist es unsere Aufgabe, nach diesen Motivationen und Parteinahmen zu fragen.<br \/>\nMeiner Ansicht nach ist das Studium eine M\u00f6glichkeit, die Gesellschaft, in der wir leben, besser zu verstehen und ihren st\u00e4ndigen Wandel zu beobachten. Dazu geh\u00f6rt auch, Ungerechtigkeiten zu kritisieren und unseren pers\u00f6nlichen Einfluss geltend zu machen.<br \/>\nWenn Ihr euch mit diesem Selbstverst\u00e4ndnis einlasst, dann werdet ihr auch eine Menge \u00fcber Euch selbst lernen. Aber das will ich an dieser Stelle nicht vertiefen, das kommt dann von ganz alleine.<\/p>\n<p>Als wichtig empfinde ich es \u2013 und daf\u00fcr m\u00f6chte ich jetzt doch ein bisschen die Werbetrommel r\u00fchren \u2013 dass Ihr Euch an dieser Universit\u00e4t in irgendeiner Weise einbringt. Denn von unserer studentischen Mitgestaltung lebt die Universit\u00e4t. Das ist unser Raum.<br \/>\nUnd wir sind viel mehr als Humankapital, auch wenn das heute oft vergessen wird.<br \/>\nHelft mit, die Universit\u00e4t so zu gestalten, wie ihr Sie haben wollt.<br \/>\nDenn ihr seid (sp\u00e4testens seit heute) Teil dieser Uni und k\u00f6nnt auf ihre Entwicklung Einfluss nehmen und sowohl Euch selbst als auch euren Kommilitonen und Kommilitoninnen heute und in Zukunft einen Ort gestalten, an dem es sich zu studieren lohnt.<br \/>\nNutzt die Pfade und Hebel, die es hier gibt, auch wenn uns Studierenden \u2013 bildlich gesprochen \u2013 eine Menge Steine in den Weg gelegt werden. Aber es gibt eben auch Chancen, diese gemeinsam beiseite zu schieben. Je mehr wir sind, desto besser lassen sie sich bewegen.<\/p>\n<p>Ich will nicht in einer Generation leben, von der gesagt wird, sie sei Politik verdrossen.<br \/>\nEs gibt wahrlich genug Gr\u00fcnde, sich politisch einzumischen in diesen Zeiten.<br \/>\nSo auch in der Hochschule:<br \/>\nDer Bologna Prozess zieht eine Umstrukturierung der Studieng\u00e4nge nach sich. Das Diplom wird durch die Bachelor- und Masterstudieng\u00e4nge abgel\u00f6st. Dabei geht es nicht um die Frage,  welcher Abschluss mehr wert ist oder besser in der Wirtschaft ankommt. Nein!<br \/>\nEs geht um etwas viel grunds\u00e4tzlicheres. N\u00e4mlich ob das Studium einer blo\u00dfen Wissens- und Kompetenzvermittlung dient oder selbstst\u00e4ndige und kritisch denkende Individuen hervorbringt? <\/p>\n<p>Ich denke, der aktuelle Umstrukturierungsprozess f\u00fchrt tendenziell weg vom freien, selbst bestimmten Studieren und hin zu einem verschulten Studium mit hohem Zeitdruck und engen Vorgaben.<br \/>\nManche von euch m\u00f6gen das anders sehen, aber lasst uns darum streiten!<br \/>\nDenn \u2013 und das wird meines Erachtens bei der Diskussion um die neuen Abschl\u00fcsse h\u00e4ufig vergessen \u2013 Bologna ist kein Schicksal, das wir passiv hinzunehmen haben, sondern im Gegenteil eine Gelegenheit, \u00fcber die Neugestaltung des Studiums hier vor Ort zu diskutieren.<br \/>\nDas ist ja gerade das Wesen der Politik: Sie ist kein Schicksal, sondern ein Akt der gemeinsamen Gestaltung sozialer Verh\u00e4ltnisse.<br \/>\nDass zum Beispiel ein Bachelor-Studium 6 Semester dauert, ist keine europ\u00e4ische Vorgabe, sondern eine Entscheidung der Universit\u00e4t \u2013 die \u00fcbrigens aktuell gerade auf der Kippe steht. Nicht zuletzt in Folge der studentischen Proteste, etwa im Rahmen des Bildungsstreiks im letzten Juni, ist die Diskussion \u00fcber eine Verl\u00e4ngerung des Bachelors auf 8 Semester neu er\u00f6ffnet.<br \/>\nAuch die Modulvorgaben sind, wie ich finde, an einigen Stellen \u00e4u\u00dferst korrekturbed\u00fcrftig. Und schlie\u00dflich wissen gerade diejenigen unter Euch, die am Anfang ihres Masterstudiengangs stehen, dass der Zugang zum Master keinesfalls frei, sondern h\u00f6chst selektiv ist. Dasselbe gilt f\u00fcr den Studienzugang insgesamt.<br \/>\nIch muss Euch ja wohl nicht sagen, dass ihr sp\u00e4testens jetzt Elite seid \u2013 auch wenn es sich manchmal nicht so anf\u00fchlt &#8211; in einem Seminar mit 100 Leuten auf dem Boden hockend, kein Wort zu verstehen, aber Anwesenheitspflicht zu haben.<br \/>\nWas sich an den Universit\u00e4ten gegenw\u00e4rtig abspielt, ist eine massive Versch\u00e4rfung sozialer Ausgrenzung. Auch deshalb halte ich es zum Beispiel f\u00fcr notwendig, weiterhin massiv gegen die Einf\u00fchrung von Studiengeb\u00fchren zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>\u201eNun macht sie doch Wahlkampf\u201c werden viele von euch jetzt denken.<br \/>\nAber mein Ziel ist es nicht Mitglieder f\u00fcr eine spezifische, hochschulpolitische Gruppe zu rekrutieren, sondern Euch daran zu erinnern, dass wir das Recht haben, uns zu \u00e4u\u00dfern und mit unseren Forderungen ernst genommen zu werden.<br \/>\nDoch sich einzusetzen, bedeutet auch den Mut zu haben, den Mund auf und sich selbst dadurch angreifbar zu machen. Daf\u00fcr die n\u00f6tige Kraft und das Selbstbewusstsein zu entwickeln, sollte ein Ziel eures Studiums sein.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfen m\u00f6chte ich meine Rede mit einem weiteren Satz der Studentin, die letztes Jahr zu uns gesprochen hat und den ich im ersten Augenblick etwas pathetisch fand.<br \/>\nIch habe mich jedoch im Laufe des letzten Jahres h\u00e4ufiger an ihn erinnert und finde heute, dass die Sache selbst das Pathos fordert.<br \/>\nEr lautet: \u201eLasst eure Angst nicht gr\u00f6\u00dfer werden als eure Ideale\u201c.<\/p>\n<p>Dankesch\u00f6n!!!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir nutzen die Gelegenheit, die studentische Rede bei der Immatrikulationsfeier am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften hier noch einmal zum nachlesen einzustellen: Hallo liebe Erstsemester und Masterstudierende, jetzt auch noch mal von studentischer Seite ein \u201eherzliches Willkommen\u201c. 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