{"id":4048,"date":"2021-01-08T15:52:36","date_gmt":"2021-01-08T14:52:36","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/?page_id=4048"},"modified":"2021-01-13T20:34:14","modified_gmt":"2021-01-13T19:34:14","slug":"zum-zwecke-der-philosophie","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/lernen\/method-reflexion\/zum-zwecke-der-philosophie\/","title":{"rendered":"Zum Zwecke der Philosophie"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Ein Beitrag von Christoph Fritze<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es geht hier um einige Fragen, warum man philosophieren sollte oder um was es in der Philosophie \u00fcberhaupt geht, vielleicht auch ganz einfach, wozu Philosophie n\u00fctzt \u2013 N\u00fctzlichkeit in seinem (fragw\u00fcrdigen aber zu Recht durchaus interessanten) engen Sinne und aber auch in einem weiten offenen Sinn.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesen Antworten, die nat\u00fcrlich nicht im Geringsten ersch\u00f6pfend sind, m\u00f6chte ich vor allem f\u00fcr Philosophie werben, darum, sich um philosophische Kompetenzen zu k\u00fcmmern, sich philosophisch zu bilden und selbst zu philosophieren. Aber dann eben bitte \u00fcber dem Niveau, das der sogenannten Alltagsphilosophie eigen ist, die ja oft (nicht immer!) die Unruhe der Gedanken durch rituelle Beruhigungs- und Reflexionsverhinderungsformeln (\u201e\u2026 und das ist auch gut so.\u201c \u201e\u2026 und dazu stehe ich auch.\u201c \u201e\u2026 n\u00fctzt ja doch alles nichts\u201c, \u201e\u2026 das ist einfach so (sch\u00f6n \/falsch\/cool) \u2026\u201c) ausbremst oder durch \u00fcberspannte Spekulation ins Abseits man\u00f6vriert.<\/p>\n\n\n\n<p>Platon und andere der gro\u00dfen Alten meinten, dass man nur durch Philosophie gl\u00fccklich werden bzw. ein gelingendes Leben f\u00fchren k\u00f6nne. Das muss man nicht so sehen, aber: Ein reflektiertes Leben ist sch\u00f6ner! Nicht leichter, aber in gewisser Hinsicht wirklicher. Und: Erkenntnis macht Freude! Glaub das mal!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wir stellen h\u00e4ufig als Erstes die Frage nach dem Nutzen von etwas. Gut, fragen wir also in einem pragmatischen Sinn: Zu was n\u00fctzt mir Philosophie? <\/strong><br><strong>Kurzantwort: Man steht \u00fcberall besser und erfolgreicher da, wo argumentiert und diskutiert wird, weil die Schl\u00fcsselkompetenz <em>vern\u00fcnftiges Denken <\/em>einge\u00fcbt wird und weil wichtige Themen der menschlichen Zivilisation vertieft werden.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Weniger kurze Antwort: &#8211; In Philosophie lernt man, wie man \u201evern\u00fcnftig\u201c denkt. Das vern\u00fcnftige (rationale) Denken ist n\u00e4mlich bestimmten Regeln unterworfen: den Regeln der Logik. Die lernt und \u00fcbt man. Man lernt also logisches Argumentieren und Analysieren. Mit dieser F\u00e4higkeit kann man seine Position \u00fcberall da verbessern, wo argumentiert und diskutiert wird, z.B. im Studium aber durchaus auch in bestimmten Berufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem geht es in Philosophie sehr oft um bedeutende Fragen des Menschen und der Zivilisation: Ein gewichtiger Schwerpunkt z.B. ist die Aufkl\u00e4rung und ihr Konzept der Vernunft mit der Leitidee von Freiheit, Selbstbestimmung und W\u00fcrde. Wer sich hier in den gedanklich-logischen Zusammenh\u00e4ngen etwas auskennt, wird in politischen und ethischen Fragen, z.B. zu Fragen der Freiheit oder Gerechtigkeit, nicht mehr so schnell auf selbst erm\u00e4chtigende \u201estarke\u201c Thesen irgendwelcher Ideologen hereinfallen, weil er sie selbst auf ihre Substanz pr\u00fcfen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Und ganz allgemein wird man gewandter und reflektierter und kann z.B. in Gespr\u00e4chen, wo es um Themen geht, die jedermann angehen, kl\u00fcger und vertiefend argumentieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2. Worum geht es in Philosophie? Kurzantwort: Es geht um mich selbst, um das, <\/strong><strong><em>was jedermann interessiert <\/em><\/strong><strong>(Kant), um Philosophien und um Offenheit.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Weniger kurze Antwort: Diese Frage ist in wenigen Worten kaum zu beantworten. Ich will es ansatzweise und so, wie ich es ungef\u00e4hr sehe, versuchen: &#8211; Es geht immer um mich, es geht immer um die Person, die philosophiert, weil philosophieren immer auch bedeutet, sich den Fragen: Wie sehe ich mich? Wer will ich werden? Wie soll ich handeln? Nach welchen Werten will ich mich richten? Und auch: Was kann ich wissen? Welche Stellung habe ich in der Welt?<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Philosophie forscht und analysiert vergleichbar zu anderen Wissenschaften. Aber wer ernsthaft philosophiert, springt zwangsl\u00e4ufig immer auch in die Innenperspektive und wendet die Gedanken auf die eigene Existenz an. Da kann es dann sehr direkt und sehr ernsthaft um \u201emich\u201c gehen, wie ich empfinde, wie ich sein will; was ich gut f\u00fcr mich finde und wie ich das begr\u00fcnde; was ich moralisch f\u00fcr gut und richtig halte, wie ich dies wiederum begr\u00fcnde und wie ich das in \u00dcbereinstimmung mit dem bringe, was mir f\u00fcr mich gut erscheint (siehe Frage 2, erster Punkt). Viele Menschen erfahren dies fr\u00fcher oder sp\u00e4ter als eine echte Bereicherung ihrer M\u00f6glichkeiten zur ernsthaften Selbstreflexion und pers\u00f6nlichen Entwicklung. Die Unausweichlichkeit dieser \u201eexistenziellen Perspektive\u201c scheint mir ein sehr gro\u00dfer und grunds\u00e4tzlicher Unterschied zu zum Beispiel allen naturwissenschaftlich vorgehenden Richtungen zu sein: Naturwissenschaften m\u00fcssen Objektivit\u00e4t anstreben, Philosophie strebt dar\u00fcber hinaus an, die existenziell-subjektive Seite (das hat nichts mit subjektiver Beliebigkeit und \u201eLaberei\u201c zu tun!) zu ihrem Recht kommen zu lassen. Philosophie macht da etwas, was die Naturwissenschaften weder d\u00fcrfen noch k\u00f6nnen, sie bewegt sich da manchmal auf Gebieten, wo die Naturwissenschaften blind sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht weiterhin darum, Naivit\u00e4t abzulegen und Meinungen kritisch reflektieren zu k\u00f6nnen. Der Ausdruck des kritischen Hinterfragens ist zu einem Klischee geworden. Aber was hei\u00dft das hier? Es geht darum, sich dar\u00fcber klar zu werden, dass hinter <em>jeder <\/em>Wahrnehmung, <em>jeder <\/em>Meinung, <em>jedem <\/em>Wissen, <em>jedem <\/em>Argument und <em>jeder <\/em>Moral Voreinstellungen und Vorannahmen stecken und \u2013 meist verdeckt &#8211; wirksam sind. Es geht darum, diese Voreinstellungen zu erkennen (explizit zu machen), sie zu analysieren und sie zu beurteilen, z.B. ob sie richtig sind und man sie weiter vertreten kann oder vielleicht \u00e4ndern muss. Und es geht darum, zu untersuchen, wie diese Voreinstellungen meine \u00dcberzeugungen steuern. In dieser Hinsicht ist Philosophie radikal, sie geht hier weiter als jede andere Wissenschaft, da bleibt gewisserma\u00dfen kein Stein auf dem anderen! &#8211; Es geht darum, zu kl\u00e4ren und immer neu zu kl\u00e4ren, wor\u00fcber wir eigentlich reden, wenn wir von Seele, Mensch, Gott, Geist, Wahrheit, Wissen, Meinung, Bewusstsein, Kausalit\u00e4t, Zweck, Individuum, Freiheit, Autonomie, Gesellschaft, Staat, Recht, Moral, Normen, Konventionen, Sprache, Werte, Ware, Macht, Sch\u00f6nheit, Gl\u00fcck usw. sprechen. Es geht also darum, interessante und bedeutsame \u201eGegenst\u00e4nde\u201c zu analysieren und zu deuten, und zwar von da <em>beginnend<\/em>, wo die Alltagsgespr\u00e4che aufh\u00f6ren. &#8211; Nat\u00fcrlich geht es auch immer darum, Philosophen und Philosophinnen, die Grundlegendes formuliert haben, und ihre Philosophien kennenzulernen. Vermutlich geht es auch darum, staunen zu lernen. Z.B. dar\u00fcber, dass sich die Menschen oft <em>nicht <\/em>die K\u00f6pfe einhauen, dass wir bestimmte Dinge <em>frei entscheiden <\/em>k\u00f6nnen und dies auch wollen. Dass es Leben gibt. Dass es Sch\u00f6nheit gibt und Freundschaft und Liebe&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>3. Wird in Philosophie nicht einfach nur \u201egelabert\u201c? Kurzantwort: Nein! Philosophieren verlangt Genauigkeit, Logik und Argumentation sowie vertiefende Bearbeitung von Problemen und Fragen. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Weniger kurze Antwort: Grunds\u00e4tzlich ist Philosophieren kein \u201eLabern\u201c! Und zwar deswegen nicht, weil Philosophie methodisch argumentierend vorgeht und darauf aus ist, genau zu kl\u00e4ren, was gemeint ist, wenn bestimmte Ausdr\u00fccke, S\u00e4tze usw. in diesem oder jenem Kontext gebraucht werden. Dadurch bekommt Philosophie oft etwas \u201eStrenges\u201c, d.h. messerscharf pr\u00e4zises, gelegentlich wie in der Mathematik. Warum denken manche dann, dass in Philosophie oft nur wichtigtuerisch rumgeredet wird? Ein Grund k\u00f6nnte sein, dass viele haltlose Diskussionen voller Spekulationen und unbegr\u00fcndeter Behauptungen kennengelernt haben, bei der zwar sich bedeutsam gebende Ausdr\u00fccke benutzt werden, deren Gehalt aber nicht klar ist, und bei denen am Ende jeder bei seiner Meinung bleibt. Das ist aber in Philosophie im Allgemeinen nicht so. Ein weiterer Grund k\u00f6nnte sein, dass viele der Ansicht sind, man brauche zu solchen Themen wie Mensch, Seele, Wahrheit, Freiheit, Sch\u00f6nheit usw. (siehe Frage 2) nur eine eigene Meinung zu haben, dies sei schon eine Leistung. Und tats\u00e4chlich w\u00e4re ja ein reines Austauschen von Meinungen nur Gerede. Aber so ist es nicht in Philosophie, vielmehr muss man seine Meinung argumentativ begr\u00fcnden und vor allem sollte man bereit sein, gewohnte und liebgewordene Denkweisen ernsthaft zu pr\u00fcfen, und sie, wenn gute Gr\u00fcnde daf\u00fcr zur Sprache kommen, weiterzuentwickeln oder zu ver\u00e4ndern. Dabei sollte man philosophisch strenge Ausdr\u00fccke auszuprobieren sowie Aussagen im Detail analysieren und beurteilen. Hierzu w\u00e4re noch viel zu sagen, weil hier auch eine Reihe dummer Vorurteile gegen sogenannte \u201eweiche\u201c Wissenschaften und \u00fcberhaupt gegen das Reden und Diskutieren eine gro\u00dfe Rolle spielen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Christoph Fritze Es geht hier um einige [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4241,"featured_media":0,"parent":190,"menu_order":3,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-4048","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4048","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4241"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4048"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4048\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4886,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4048\/revisions\/4886"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/190"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4048"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}