{"id":4596,"date":"2020-12-28T11:16:00","date_gmt":"2020-12-28T10:16:00","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/?page_id=4596"},"modified":"2021-01-30T11:30:08","modified_gmt":"2021-01-30T10:30:08","slug":"wie-du-einen-ethischen-fall-analysieren-kannst","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/wie-du-einen-ethischen-fall-analysieren-kannst\/","title":{"rendered":"Wie du einen ethischen Fall analysieren kannst"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Ein Beitrag von Henning Franzen<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die ersten vier der hier auf der Online-Plattform gestellten sechs Fragen entsprechen im Grunde vier Schritten einer typischen ethischen <strong>Fallanalyse<\/strong>. Dabei geht es vor allem darum, eine erste Meinung zu einem ethischen Problem zu entwickeln, diese sorgf\u00e4ltig und kritisch zu pr\u00fcfen und am Ende zu einem hoffentlich gut durchdachten Urteil zu kommen. Man kann diesen Prozess grob in vier Schritte, die den vier Fragen entsprechen, unterteilen:<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Schritt 1 \u2013 die erste Meinung zur Sache<br>(\u201eWas ist hier los?\u201c)<\/h4>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-top is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p>Zu vielen ethischen Fragestellungen haben wir spontane Meinungen, Intuitionen, Vorausurteile. Bei schwierigeren Fragen auf neuem Terrain wie beispielsweise im Zusammenhang mit CRISPR\/Cas m\u00fcssen wir vielleicht kurz in uns hineinhorchen, kurz nachdenken, aber meist zeigt sich doch eine erste Haltung zur Problematik. Wenn diese erste Meinung nun zu einem Argument entwickelt wird, zeigt sich, an welchen Stellen die kritische Pr\u00fcfung ansetzen kann.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-center is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:55%\">\n<blockquote class=\"wp-block-quote\" style=\"background-color:#782144\">Ich bin gegen Eingriffe in die menschliche Keimbahn, denn das ist viel zu riskant \u2013 wer wei\u00df, welche langfristigen Sch\u00e4den dabei entstehen k\u00f6nnen, die wir noch gar nicht erahnen!<\/blockquote>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Schritt 2 \u2013 die Situationsanalyse<br>(\u201eWorum geht es \u00fcberhaupt?\u201c)<\/h4>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p>Nicht nur bei neuen gentechnischen Verfahren, auch in anderen Zusammenh\u00e4ngen fehlen uns zun\u00e4chst h\u00e4ufig genaue Kenntnisse der Situation, um kompetent urteilen zu k\u00f6nnen. Die Annahmen \u00fcber die Situation, die in der ersten Pr\u00e4misse des nebenstehenden Arguments formuliert werden, m\u00fcssen also gepr\u00fcft werden: Welche Risiken k\u00f6nnten denn tats\u00e4chlich auftreten? Zwar wird man von der Biologie keine vollst\u00e4ndige Risikoauflistung erwarten k\u00f6nnen, dennoch lassen sich mit biologischer Expertise m\u00f6gliche Risiken besser absch\u00e4tzen als ohne. Auch l\u00e4sst sich erst nach genauerer Besch\u00e4ftigung mit CRISPR\/Cas sagen, welcher m\u00f6gliche Nutzen den m\u00f6glichen Risiken gegen\u00fcbersteht. Dann w\u00e4re ggf. ethisch abzuw\u00e4gen, ob der m\u00f6gliche Nutzen die Risiken \u00fcberwiegt. Doch das f\u00fchrt schon zu Schritt 3.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-center is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:55%\">\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<div class=\"wp-block-cover has-background-dim\" style=\"background-color:#782144;border-left: 3px solid #216778;min-height:380px\"><div class=\"wp-block-cover__inner-container\"><ol style=\"padding-left: 0px\"><li>Wenn wir mit Hilfe gentechnischer Verfahren in die Keimbahn menschlicher Embryonen eingreifen, birgt dies unkalkulierbare Risiken.<\/li><li>Wir sollten andere nicht unkalkulierbaren Risiken aussetzen.<\/li><hr><li style=\"list-style-type: none\">ALSO sollten Eingriffe in die menschliche Keimbahn unterbleiben.<\/li><\/ol><\/div><\/div>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Schritt 3 \u2013 die normative Analyse<br>(\u201eWelche Normen und Werte sind wichtig?\u201c)<\/h4>\n\n\n\n<p>Auch die zweite Pr\u00e4misse bedarf einer Pr\u00fcfung. Hier geht es jedoch nicht vorrangig um die tats\u00e4chliche Situation, sondern um die Bewertungsma\u00dfst\u00e4be, die wir ansetzen, um das Problem ethisch zu beurteilen. Sollten wir wirklich andere nicht unkalkulierbaren Risiken aussetzen? Selbst dann nicht, wenn ein gro\u00dfer Nutzen m\u00f6gliche w\u00e4re? (Wenn man bspw. eine schwere Erbkrankheit schon beim Embryo heilen k\u00f6nnte?)<\/p>\n\n\n\n<p>Ein moralischer Grundsatz, wie in Pr\u00e4misse 2 formuliert, der auf den ersten Blick \u00fcberzeugend scheint, k\u00f6nnte zweifelhaft werden, wenn man ihn z. B. im Lichte anderer Situationen betrachtet: Setzen wir uns und andere nicht auch Risiken aus, wenn wir auf der Autobahn in den Urlaub fahren? Wiegt der \u201eNutzen\u201c des Urlaubs nicht das Risiko eines schweren Unfalls auf? Andererseits ist das Risiko des Verkehrsunfalls vielleicht nicht vergleichbar mit dem Risiko von Keimbahneingriffen \u2026 oder doch?<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Beantwortung solcher Fragen k\u00f6nnen der R\u00fcckgriff auf Normen und Werte, auf allgemeine ethische Theorien ebenso helfen wie konkrete \u00dcberlegungen anderer zur vorliegenden Fragestellung. Doch das f\u00fchrt schon zu Schritt 4.<br>Manchmal allerdings f\u00fchren die \u00dcberlegungen hier sogar noch einmal zur\u00fcck zu Schritt 2, zu vertiefter Sachkl\u00e4rung, wenn beispielsweise f\u00fcr eine ethische Abw\u00e4gung noch einmal der genaue m\u00f6gliche Nutzen bestimmt werden muss.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Schritt 4 \u2013 das (vorl\u00e4ufig) abschlie\u00dfende Urteil<br>(\u201eWie komme ich zu einem Urteil?\u201c)<\/h4>\n\n\n\n<p>Beim Durchlaufen der ersten drei Schritte haben wir eine Menge \u00fcber Genetik und CRISPR\/Cas gelernt. Wir k\u00f6nnen die Methode und ihre Chancen und Risiken nun genauer einsch\u00e4tzen. Auch haben wir moralische Grunds\u00e4tze und Wertma\u00dfst\u00e4be gepr\u00fcft. Vielleicht haben wir festgestellt, dass wir zun\u00e4chst deontologisch argumentiert haben, aber dann erschien uns eine utilitaristische Argumentation doch \u00fcberzeugender. Vielleicht haben wir uns auch von der Stellungnahme des Deutschen Ethikrats oder anderen inspirieren lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach alledem kann es sein, dass wir unsere erste Meinung ge\u00e4ndert haben und nun gentechnischen Eingriffen in die menschliche Keimbahn gar nicht mehr so ablehnend gegen\u00fcber stehen. Das w\u00e4re ein Fortschritt in unserem Urteilsbildungsprozess. Aber nat\u00fcrlich kann es auch sein, dass wir bei unserer ersten Ablehnung geblieben sind, diese jetzt aber viel besser begr\u00fcnden k\u00f6nnen. Auch das w\u00e4re ein entsprechender Fortschritt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und schlie\u00dflich, das darf nicht vergessen werden, ist der Urteilsbildungsprozess niemals abgeschlossen. Neue Erkenntnisse, neue Argumente k\u00f6nnen unser vorl\u00e4ufig abschlie\u00dfendes Urteil immer wieder in Frage stellen und erneute Pr\u00fcfungen anregen. Solches sollten wir als Gewinn betrachten, denn es geht ja nicht ums \u201eRecht behalten\u201c, sondern um m\u00f6glichst gut begr\u00fcndete Positionen zu ethischen Fragestellungen, die, so jedenfalls w\u00e4re es ideal, im gesellschaftlichen Diskurs zu vern\u00fcnftigen und vertretbaren Entscheidungen und Handlungen f\u00fchren. Aber das f\u00fchrt schon zu Frage f\u00fcnf &#8230; <a href=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/lernen\/handeln\/\">was kann ich tun?<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Henning Franzen Die ersten vier der hier [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4281,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-4596","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4596","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4281"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4596"}],"version-history":[{"count":106,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4596\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8269,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4596\/revisions\/8269"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4596"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}