{"id":4895,"date":"2020-12-21T13:08:38","date_gmt":"2020-12-21T12:08:38","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/?page_id=4895"},"modified":"2021-01-13T13:01:16","modified_gmt":"2021-01-13T12:01:16","slug":"ethik-und-naturwissenschaft","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/lernen\/normen-und-werte\/was-sagt-die-ethik\/ethik-und-naturwissenschaft\/","title":{"rendered":"Ethik und Naturwissenschaft"},"content":{"rendered":"\n<div style=\"height:30px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ethik und Naturwissenschaft<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Entwicklung und Erforschung des Genome Editing f\u00e4llt in den Bereich der Molekularbiologie. Wie wir mit dieser Technik umgehen wollen, kann uns diese Wissenschaft aber nicht allein vorgeben. Wir brauchen stattdessen einen interdisziplin\u00e4ren Ansatz. Welche Rolle kommt dabei der Naturwissenschaft, welche der Ethik zu? Wie erg\u00e4nzen sie sich im gesellschaftlichen Diskurs? <\/p>\n\n\n\n<p>Klicke dich jetzt durch die audiokommentierte Pr\u00e4sentation von <em>Dr. Lilian Marx-St\u00f6lting<\/em> oder lese die <a data-jzz-gui-player=\"true\" href=\"#anfang\">Textfassung <\/a>ihres Beitrags.<\/p>\n\n\n<div class=\"h5p-iframe-wrapper\"><iframe id=\"h5p-iframe-65\" class=\"h5p-iframe\" data-content-id=\"65\" style=\"height:1px\" src=\"about:blank\" frameBorder=\"0\" scrolling=\"no\" title=\"Ethik in den Naturwissenschaften\"><\/iframe><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:28px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"anfang\">Ethik <em>in den <\/em>Naturwissenschaften<a href=\"#fu\u00dfnote\">\u00b9<\/a><\/h3>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p><em>Dr. Lilian Marx-St\u00f6lting<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Viele naturwissenschaftliche Entwicklungen haben gesellschaftliche Auswirkungen und sind mit ethischen Fragen verbunden. Diese zu erkennen und dazu Stellung zu beziehen ist nicht nur Aufgabe von professionellen EthikerInnen (etwa PhilosophInnen oder TheologInnen), die dann den NaturwissenschaftlerInnen und der Gesellschaft vorschlagen, was sie tun sollen, sondern auch Teil der Verantwortung der NaturwissenschaftlerInnen selber. Dies steht im Widerspruch zu einem Verst\u00e4ndnis von Naturwissenschaften als rein beschreibend und m\u00f6glichst neutral, nicht wertend. Allerdings ist bereits die Auswahl und F\u00f6rderung bestimmter Forschungsthemen gegen\u00fcber anderen mit Wertungen verbunden. Au\u00dferdem k\u00f6nnen NaturwissenschaftlerInnen als Erste Konsequenzen ihrer Forschung erkennen, ggf. die Gesellschaft fr\u00fchzeitig warnen und Wege aufzeigen, wie die weitere Entwicklung gesteuert werden k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Genome Editing gab es verschiedene Aufrufe beteiligter WissenschaftlerInnen in wissenschaftlichen Fachzeitschriften, ein Moratorium (einen zeitlich befristeten Forschungsstopp) zu veranlassen, um die mit der Keimbahntherapie verbundenen Fragen kl\u00e4ren zu k\u00f6nnen, bevor Fakten geschaffen werden, in diesem Fall bevor die Technik zur Keimbahntherapie eingesetzt werden w\u00fcrde. Diese Aufrufe brachten das Thema ins Bewusstsein der Medien. Das Moratorium konnte jedoch bislang nicht durchgesetzt werden. Au\u00dferdem konnte die Geburt der ersten gentechnisch manipulierten Zwillinge Lulu und Nana in China nicht verhindert werden. Dieser fr\u00fche und ethisch h\u00f6chst problematische Eingriff wurde jedoch seitens der Wissenschaftlichen Gemeinschaft scharf verurteilt und der verantwortliche Wissenschaftler wurde auch bestraft. Inzwischen wurden von verschiedenen Gremien Vorschl\u00e4ge f\u00fcr Kriterien unterbreitet, die erf\u00fcllt sein m\u00fcssten, bevor ein verantwortbarer Einsatz von Keimbahntherapien m\u00f6glich w\u00e4re. Hierzu geh\u00f6ren etwa die medizinische Notwendigkeit und Alternativlosigkeit des Verfahrens, der zu erwartende gro\u00dfe Nutzen, die technische Beherrschbarkeit der Methode, die Durchf\u00fchrung von Langzeitstudien, die Aufkl\u00e4rung und informierte Einwilligung der Eltern, die Einbeziehung der Gesellschaft in die Debatten um die Zul\u00e4ssigkeit der Methode und viele mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Um \u00fcber m\u00f6gliche Entwicklungspfade f\u00fcr die Zukunft entscheiden zu k\u00f6nnen, ist die Zusammenarbeit ganz verschiedener Disziplinen und die Einbeziehung der \u00d6ffentlichkeit wichtig. Der Beitrag der Naturwissenschaften liegt dabei nicht nur in der Bereitstellung von Hintergrundinformationen und Fakten, sondern auch im Aufzeigen von Unsicherheiten, m\u00f6glichen Alternativen und Probleml\u00f6sungen. Wo es verschiedene Handlungsm\u00f6glichkeiten gibt, m\u00fcssen diese bewertet und gut begr\u00fcndete Entscheidungen getroffen werden, womit die Ethik ins Spiel kommt, die ja nach dem richtigen Handeln fragt und deren Kerngesch\u00e4ft es ist, Entscheidungen unter R\u00fcckgriff auf Werte, Prinzipien, Tugenden oder bestimmte Verfahren zur Entscheidungsfindung zu begr\u00fcnden. Ethik und Naturwissenschaften sind somit eng miteinander verwoben. Bei der Keimbahntherapie kann beispielsweise dar\u00fcber gestritten werden, ob diese \u00fcberhaupt medizinisch notwendig ist, da es Alternativen gibt. Es ist eine Aufgabe der NaturwissenschaftlerInnen, solche Handlungsalternativen im Blick zu behalten und auch au\u00dferhalb der Wissenschaft zu kommunizieren, um die Bev\u00f6lkerung umfassend zu informieren und eine einseitige Meinungsbildung zu verhindern.<\/p>\n\n\n\n<p>So ist etwa bei der \u00fcberwiegenden Mehrzahl der monogenen Erbkrankheiten (also von Erkrankungen, die durch Abweichungen in einem bestimmten Gen hervorgerufen werden) eine Pr\u00e4implantationsdiagnostik (PID) m\u00f6glich. Darunter versteht man die genetische Diagnostik nach k\u00fcnstlicher Befruchtung und vor der \u00dcbertragung des Embryos in die Geb\u00e4rmutter. Bei dem Verfahren werden der Frau mehrere Eizellen entnommen und diese au\u00dferhalb des Mutterleibes k\u00fcnstlich befruchtet. Den sich entwickelnden Embryonen werden dann in einem fr\u00fchen Stadium Zellen entnommen, um sie auf bestimmte genetische Merkmale zu testen, die im Verlauf der weiteren Entwicklung zu einer bestimmten Erbkrankheit f\u00fchren w\u00fcrden. Danach werden diejenigen Embryonen ausgew\u00e4hlt, die diese Merkmale nicht tragen. und nur sie werden in die Geb\u00e4rmutter eingepflanzt, wo sie sich bis zur Geburt weiterentwickeln. Durch diese Selektion kann die Geburt von Kindern mit bestimmten Erbkrankheiten verhindert werden, aber um den sehr hohen Preis, dass die Embryonen \u201everworfen\u201c oder eingefroren werden, bei denen zur Krankheit f\u00fchrende Gene nachgewiesen wurden. Aus diesem Grund ist auch die Methode der Auswahl von Embryonen mit der PID ethisch umstritten und in Deutschland nur unter sehr strengen Auflagen m\u00f6glich. Ein Argument f\u00fcr die Keimbahntherapie ist daher, dass es doch besser sei, betroffene Embryonen zu heilen, als sie zu verwerfen. Allerdings muss auch hier beachtet werden, dass zum jetzigen Zeitpunkt auch eine gezielte Heilung durch Genome Editing eine PID erfordert und somit die entsprechenden ethischen Bedenken hervorruft.<\/p>\n\n\n\n<p>Nehmen wir als Beispiel die Krankheit zystische Fibrose (auch Mukoviszidose genannt). Hierbei handelt es sich um eine Krankheit, bei der es zu z\u00e4hfl\u00fcssigen K\u00f6rperfl\u00fcssigkeiten und damit auch zu erh\u00f6hter Schleimbildung in der Lunge kommt und die fr\u00fcher oft schon im Kindesalter t\u00f6dlich endete. F\u00fcr diese Krankheit w\u00e4re zum Beispiel eine Keimbahntherapie bei Embryonen denkbar. Jedoch m\u00fcsste auch in diesem Fall zun\u00e4chst eine PID durchgef\u00fchrt werden, um festzustellen, welche Embryonen voraussichtlich von der Krankheit betroffen w\u00e4ren. Dann m\u00fcsste die Keimbahntherapie durchgef\u00fchrt werden und anschlie\u00dfend deren Erfolg mit einer weiteren PID kontrolliert werden. Alternativ k\u00f6nnte man stattdessen auch gleich mit einer PID ohne Keimbahntherapie die Embryonen ausw\u00e4hlen und \u00fcbertragen, die das Krankheitsrisiko nicht tragen. Au\u00dferdem gibt es bei der Mukoviszidose inzwischen auch Therapieoptionen, die ein Leben mit der Krankheit erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt jedoch auch Konstellationen, bei denen bei einer PID keine nicht betroffenen Embryonen erzeugt werden k\u00f6nnen. (Etwa dann, wenn beide Eltern dieselbe rezessive genetische Erbkrankheit ausgebildet haben, also sowohl von der Mutter, als auch vom Vater nur Keimzellen mit dem Merkmal gebildet werden k\u00f6nnen. Oder wenn ein Elternteil homozygot f\u00fcr eine dominant vererbte Erbkrankheit ist, also zweimal dasselbe Allel tr\u00e4gt und es daher auf jeden Fall an alle Keimzellen weitergibt). Dann w\u00e4re eine Keimbahntherapie die einzige Option, ein nicht von der Krankheit betroffenes gemeinsames genetisch verwandtes Kind zu erzeugen. Diese F\u00e4lle sind jedoch \u00e4u\u00dferst selten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Zeitpunkt der Feststellung eines embryonalen Gendefektes ist au\u00dferdem oft nicht klar, wie stark sich die Krankheit oder Beeintr\u00e4chtigung in diesem Menschen auspr\u00e4gen w\u00fcrde, wenn er als Embryo nicht behandelt werden w\u00fcrde. Das Ausma\u00df des Nutzens ist also im Einzelfall unklar und eine Abw\u00e4gung gegen Risiken oder Nachteile schwierig.<\/p>\n\n\n\n<p>Was in einem Land erlaubt sein soll und was verboten, ist letztlich dann eine politische Entscheidung. Um diese demokratisch zu legitimieren, fordern alle Stellungnahmen zum Thema einen breit angelegten \u00f6ffentlichen Diskurs.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:33px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.cartoonistgroup.com\/properties\/peters\/art_images\/MP081001.jpg\" alt=\"\"><figcaption style=\"font-size:10px\">This image is copyright protected. The copyright owner reserves all rights<br>Permission for educational use under creative commons licence 4.0<br>Quelle: https:\/\/www.cartoonistgroup.com\/properties\/peters\/art_images\/MP081001.jpg<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\"><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" id=\"fu\u00dfnote\">\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a href=\"#anfang\">\u00b9<\/a> Das diesem Beitrag zu Grunde liegende Verst\u00e4ndnis einer \u201eEthik <em>in<\/em> den Wissenschaften\u201c wurde vom Interdisziplin\u00e4ren Zentrum f\u00fcr Ethik in den Wissenschaften (IZEW) der Universit\u00e4t T\u00fcbingen gepr\u00e4gt. F\u00fcr mehr Informationen siehe:&nbsp;<a data-jzz-gui-player=\"true\" href=\"https:\/\/uni-tuebingen.de\/einrichtungen\/zentrale-einrichtungen\/internationales-zentrum-fuer-ethik-in-den-wissenschaften\/das-izew\/ueber-das-izew\/\">https:\/\/uni-tuebingen.de\/einrichtungen\/zentrale-einrichtungen\/internationales-zentrum-fuer-ethik-in-den-wissenschaften\/das-izew\/ueber-das-izew\/<\/a> [6.11.2020]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ethik und Naturwissenschaft Die Entwicklung und Erforschung des Genome Editing [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":5777,"featured_media":0,"parent":1298,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"page-templates\/page_front-page.php","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-4895","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4895","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5777"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4895"}],"version-history":[{"count":55,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4895\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7129,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4895\/revisions\/7129"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1298"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4895"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}