{"id":5972,"date":"2021-01-08T15:24:04","date_gmt":"2021-01-08T14:24:04","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/?page_id=5972"},"modified":"2021-02-01T18:04:48","modified_gmt":"2021-02-01T17:04:48","slug":"stehe-zu-deinem-urteil","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/lernen\/handeln\/zwischen-alternativen-entscheiden\/stehe-zu-deinem-urteil\/","title":{"rendered":"Stehe zu deinem Urteil!"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Ein Beitrag von Christoph Fritze<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:25px\"><br><strong>Was ist damit gemeint?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Seit einiger Zeit h\u00f6rt man immer mal wieder den meist in trotziger Haltung ge\u00e4u\u00dferten Satz: \u201eUnd dazu stehe ich auch!\u201c Oft wird damit die Absicht verfolgt, eine fragw\u00fcrdige Meinung oder Praxis vor Zweifel und Kritik abzuschotten. Z.B. k\u00f6nnte jemand, der sich in einem Kreis ern\u00e4hrungskritischer Leute bewegt, sagen: \u201eIch esse regelm\u00e4\u00dfig Fleisch und dazu stehe ich auch!\u201c, um seine fragw\u00fcrdige Konsumgewohnheit&nbsp;nicht ernsthaft zu pr\u00fcfen und \u00e4ndern zu m\u00fcssen.&nbsp;Brust raus und mutig gegen die politisch korrekte Kritik der Gruppe gestanden, das wirkt stark und funktioniert auch oft. Die zur Schau gestellt Selbstsicherheit paralysiert die Diskussion und l\u00e4sst sie verstummen. Der Mann wird akzeptiert, obwohl er gegen die Kritik am Fleischessen nicht ein einziges Argument ins Feld gef\u00fchrt hat. Dieses sich in die Brust werfen und zu irgendetwas ostentativ \u201estehen\u201c, es sich aber eigentlich bequem machen, da man von seinen Interessen nicht abzur\u00fccken gedenkt und jede Irritation seiner Meinung abwehrt,&nbsp;diese Art des \u201ezu etwas stehen\u201c ist hier nat\u00fcrlich nicht gemeint!<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:30%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/genome-editing\/files\/2021\/01\/blame-5182354_1920-1024x486.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6111\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p>Gemeint ist hingegen, es sich gerade&nbsp;<em>nicht <\/em>bequem zu machen. Beispiel Mobbing. Sich auf einen Menschen einzuschie\u00dfen, wenn es alle machen, generiert irgendwie Lustgewinn, ist bequem, aber nat\u00fcrlich sch\u00e4big. <\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Das Verhalten der Mobber falsch zu finden und deswegen logischerweise zu dem Schluss zu kommen, dass <em>man<\/em>&nbsp;eigentlich etwas tun muss, aber sich rauszuhalten, ist vielleicht ein wenig ungem\u00fctlich, aber nat\u00fcrlich immer noch ziemlich bequem. Sich aber&nbsp;z.B. gegen die Mobber zu stellen und damit gegen die nat\u00fcrliche Neigung, es sich eher angenehm und bequem zu machen, und sogar oft gegen die eigene Neigung, \u00fcber jemanden herzuziehen (denn es ist ja nicht selten so, dass man selbst den Gemobbten eher unsympathisch findet), oder, wenn man Angst vor den anderen hat, wenigstens&nbsp;einen Verantwortlichen aufzusuchen und auf Eingreifen dr\u00e4ngen, also etwas zu tun, mit allen Risiken, selbst unbeliebt und zum Angriffsziel zu werden, das ist unbequem&nbsp;\u2013&nbsp;aber genau das ist gemeint.<\/p>\n\n\n\n<p>Was hat das mit dem Ausdruck Urteil zu tun? Dass man etwas, eine Verhaltensweise, eine Handlung einen Zustand schlecht oder gar b\u00f6se findet, das ist eine moralische <em>Aussage<\/em>, Philosophen sagen statt Aussage auch <em>Urteil<\/em>. Mobbing b\u00f6se zu finden, ist ein moralisches Urteil, eine moralische Aussage, eine moralische Meinung. Das ist hier gemeint. <\/p>\n\n\n\n<p>Zu seinem Urteil kann man eigentlich nur stehen, wenn man der \u00dcberzeugung ist, dass dieses Urteil wahr bzw. richtig ist, und diese \u00dcberzeugung hat man zu Recht, wenn man sein Urteil (seine Meinung) gut begr\u00fcndet hat, bei der man also der Anstrengung des guten Begr\u00fcndens nicht ausgewichen ist. Jetzt erst macht das Reden vom \u201ezu seinem Urteil <em>stehen<\/em>\u201c Sinn. Es meint hier <em>gegen<\/em> etwas <em>stehen<\/em>. Man steht gegen Neigungen, gegen die Neigung, es sich bequem im Denken zu machen&nbsp;\u2013 und im Tun (wie der Fleischesser).<\/p>\n\n\n\n<p>Denn ein moralisches Urteil ist logischerweise immer eine Aufforderung, etwas gegen den erkannten Missstand zu tun. Hier zeigt sich ein weiterer Bedeutungsaspekt von \u201ezu seinem Urteil (seiner Meinung) stehen\u201c, n\u00e4mlich: Sich in einer Einheit mit seiner Meinung zu befinden, \u201eeins sein\u201c mit seinem Urteil, mit ihm als Mensch \u00fcbereinzustimmen, und das hei\u00dft dann logischerweise auch, sich zum Handeln aufgefordert zu f\u00fchlen und im Endeffekt irgendetwas zu tun, was den Missstand beseitig oder d\u00e4mpft. Nachdem man sich also der Unbequemlichkeit und Anstrengung des Nachdenkens und Begr\u00fcndens unterzogen hat, geht es nun darum, gegen die Unbequemlichkeit des Handelns und was mit ihm zusammenh\u00e4ngt, zu \u201estehen\u201c, d.h. zum Beispiel gegen die eigene Angst vor Peinlichkeit, gegen die Angst vor den nicht recht absch\u00e4tzbaren Folgen f\u00fcr einen selbst, gegen die Angst vor dem Scheitern usw. Das ist eigentlich in seiner \u201eLogik\u201c trivial. Ganz und gar\u00a0nicht trivial\u00a0ist das aber, wenn man in der Wirklichkeit der Situation selbst steckt und, wenn es <em>an mir liegt<\/em>, den R\u00fccken gerade zu machen und etwas zu tun &#8211; oder eben nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenfalls nicht trivial ist eine weitere Schwierigkeit, die dann entsteht, wenn es Unsicherheiten in der Beurteilung der Situation gibt, und das ist ja oft so, weil viele Situationen nicht so einfach zu beurteilen sind wie Mobbing. Viele Situationen sind dilemmatisch: Soll man diesen armen Teufel, den man beim Klauen erwischt hat, anzeigen oder laufen lassen, um an einem einfachen Beispiel zu demonstrieren, was gemeint ist. In unseren komplexen hochtechnifizierten Gesellschaften sind viele Konflikte unglaublich komplex: Soll mit der Technik des Genom Editing eine Genkonstellation eines ungeborenen Menschen, die zu einer Erbkrankheit f\u00fchren w\u00fcrde, umgebaut werden oder nicht? Soll man also in einer Weise in die Genausstattung eines Menschen zielgerichtet eingreifen, die zwangsl\u00e4ufig der Selbstbestimmung des Betreffenden entzogen ist? Sehr oft ist unklar, was richtig, was falsch&nbsp;ist, besser: was \u201erichtiger\u201c bzw. \u201efalscher\u201c ist, denn das ist die Eigenart solcher Dilemmata, dass es f\u00fcr und gegen beide Alternativen gute Gr\u00fcnde gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun stellen wir uns vor, dass man sich bei einem solchen komplexen Konflikt ein profundes Urteil gebildet hat, man hat sich dabei viel M\u00fche gegeben, hat Informationen eingeholt, mit den Beteiligten gesprochen, Argumente formuliert, mit Freunden die Sache durchdiskutiert, nachgedacht und abgewogen, und nun hat man Courage bewiesen und gehandelt. Und oft hat man ja gar nicht viel Zeit, manchmal muss man sehr schnell agieren, dann wird die Sache noch wesentlich unsicherer. Aus dieser Perspektive bedeutet&nbsp;<em>zum Urteil zu stehen<\/em> auch, das Risiko, dass man vielleicht nicht richtig liegt, dass man besser andersherum entschieden h\u00e4tte, auf sich zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau besehen ist das in fast&nbsp;jeder komplexen moralischen Situation so, denn ob meine Einsch\u00e4tzung der Situation in ihren zahllosen Aspekten in Bezug auf das, was ich richtig und falsch finde und wie ich dann entsprechend handle, wirklich passt, ist niemals&nbsp;mit letzter Gewissheit zu sagen. Hier muss man in gesteigerter Form als Person zu seinem Urteil und seiner Handlungsweise stehen, man \u201esteht\u201c in der Weise, dass man etwas auf sich zukommen l\u00e4sst, was man nicht einsch\u00e4tzen kann, man l\u00e4sst sich involvieren, man riskiert, sich gegebenenfalls&nbsp;ungl\u00fccklich zu verstricken, man riskiert, ungl\u00fccklich zu agieren, man riskiert&nbsp;\u201eFehler\u201c zu machen. Stand zu haben in seiner moralischen Haltung, und damit ernst zu machen trotz der M\u00f6glichkeit zu scheitern, darum geht es. Sich vor Augen zu f\u00fchren, dass man sich als Mensch vor Situationen gestellt sehen kann, in der man \u201eGr\u00f6\u00dfe\u201c zeigen muss, dass man Entscheidungen f\u00e4llen muss, deren Richtigkeit trotz reiflicher \u00dcberlegungen nicht gewiss ist, dass man damit rechnen muss, sich sp\u00e4ter mit einer sich als ungl\u00fccklich erwiesenen Entscheidung und deren Folgen konfrontiert zu sehen, und bereit sein muss, in einem solchem Fall Zweifel und Kritik zuzulassen, vielleicht auch Fehler einzugestehen und dieses Verstricktsein \u2013 von Schuld zu sprechen w\u00e4re missverst\u00e4ndlich \u2013 zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist klar, dass nicht jeder solch schwierigen Situationen gewachsen ist. Wer kann von sich sagen und wissen, dass er z.B. in einer Diktatur Grausamkeiten mutig entgegentreten w\u00fcrde? Klar ist aber auch, dass wir es richtig finden, gegen Ungerechtigkeiten aktiv zu werden, dass wir Menschen, die dies tun, f\u00fcr \u201egute Menschen\u201c halten, und klar ist, dass es zwischen Nichtstun und sein Leben riskieren meist gro\u00dfe Spielr\u00e4ume gibt. Teste aus wie gro\u00df Dein Spielraum ist! Vielleicht willst du ihn dann erweitern. \u00dcbe dich ein, im \u201ezum eigenen Urteil stehen\u201c, \u00fcbe dich im emphatischen Sinne Mensch zu sein, denk nach, steh auf und zeig dich!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Christoph Fritze Was ist damit gemeint? 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