{"id":206,"date":"2019-01-30T11:12:25","date_gmt":"2019-01-30T10:12:25","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/journalismus_moe\/?page_id=206"},"modified":"2019-02-13T11:14:15","modified_gmt":"2019-02-13T10:14:15","slug":"milton-transformationsdefizite-in-den-mediensystemen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/journalismus_moe\/problemlagen\/milton-transformationsdefizite-in-den-mediensystemen\/","title":{"rendered":"Defizite bei der Transformation der Mediensystemen nach dem Wechsel von kommunistischen zu demokratischen Systemen"},"content":{"rendered":"<p>Milton, Andrew K. (2001).<br \/>\nBound But Not Gagged. Media Reforms In Democratic Transitions.<br \/>\nIn Comparative Political Studies, Vol. 34 No. 5, S. 493 \u2013 526<\/p>\n<p>Miltons Beitrag ist in dem Sinne hilfreich zur Untersuchung von Journalismus in Mittel- und Osteuropa, als dass er zu verstehen hilft, auf welche Art und Weise sich die Mediensysteme in L\u00e4ndern wie Ungarn, Tschechien und der Slowakei \u2013 allesamt Gesellschaften im demokratischen Wandlungsprozess \u2013 transformiert haben. Weiterhin ergeben sich daraus die Defizite, Probleme und Herausforderungen, mit denen die jeweiligen Mediensysteme bis in die Gegenwart zu k\u00e4mpfen haben.<\/p>\n<p><u>Thesen<\/u><\/p>\n<ul>\n<li>Politische Akteure streben nach der Hoheit \u00fcber politische Institutionen und die Prozesse ihrer demokratischen Rekonstruktion mit dem Ziel, diejenigen organisatorische Ressourcen beizubehalten, durch die sie sich die Durchsetzung der eigenen Interessen erhoffen.<\/li>\n<li>Das beinhaltet auch die Bewahrung der bestehenden institutionellen Verbindungen zwischen Medien und politischen Akteuren (Einzelpersonen, Parteien, Regierung), die die sich daraus ergebenden M\u00f6glichkeiten der Manipulation zur Vorteilsbeschaffung nutzen.<\/li>\n<li>Dieses Verhaltensmuster sind jedoch weder spezifisch f\u00fcr noch ein Alleinstellungsmerkmal des Postkommunismus, sondern ideologisch neutral.<\/li>\n<\/ul>\n<p><u>Methode<\/u><\/p>\n<ul>\n<li>Institutionelle und organisatorische Analysen zur Identifizierung grundlegender historischer Muster der Politik der Medienreformen im postkommunistischen Mittel- und Osteuropa (Slowakei, Tschechien, Ungarn) und in Taiwan (Einparteienstaat ohne Leninismus)<\/li>\n<\/ul>\n<p><u>Zum Begriff der Institution und der Organizational Resources Approach<\/u><\/p>\n<ul>\n<li>Institutionen sind \u201epatterned, routinized interactions that follow from political relationships that are ordered by rules, roles, strategies, cultures [\u2026] that motivate action \u201eoften based on identifying normatively appropriate behavior\u201c\u201c (S. 499)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Der \u00dcbergang von Institutionen vom Autoritarismus zur Demokratie scheitert daran, dass politische Institutionen sich nur dann \u00e4ndern, wenn sie nicht in der Lage sind, die Interessen derer, die direkte Macht auf sie aus\u00fcben, durchzusetzen. Die Abh\u00e4ngigkeit der Medien ist solch eine Institution, die aus Sicht der aufstrebenden politischen Elite keiner \u00c4nderung bedarf .<br \/>\nDie ersten \u201eDemokraten\u201c in Ost- und Mitteleuropa kamen innerhalb eines etablierten institutionellen Rahmens an die Macht, doch anstatt die Medien aus ihrer institutionellen Verantwortung und Abh\u00e4ngigkeit zu entlassen war der Wille der aufstrebenden politischen Elite diejenigen Strukturen, die den Erfolg erst erm\u00f6glichten, dahingehend zu \u00e4ndern, das die Sicherheit des eigenen politischen Erfolges gef\u00e4hrdet wird, eher gering.<br \/>\nEs wird geschlussfolgert, dass wenn organisatorische Ressourcen und institutionelle Beziehungen nicht signifikant reformiert werden, sich politische Verhaltensweisen ebenfalls nicht signifikant ver\u00e4ndern.\u00a0 Dieser Gedanke wird von Milton als <em>Organizational Resources Approach<\/em> bezeichnet. Dieser steht im Widerspruch zu zwei anderen Ans\u00e4tzen, die sich mit postsowjetischen Wandlungsprozessen auseinandersetzen: Der <em>Transitions Approach<\/em> konzentriert sich auf die Bedingungen, innerhalb derer Eliten neue Institutionen schaffen, die alle Akteure an die demokratischen Prozesse binden und geht davon aus, dass politische Akteure sich eher Niederlagen f\u00fcgen, wenn sie glauben, dass der institutionelle Rahmen des demokratischen Wettbewerbs es ihnen erm\u00f6glicht, ihre Interessen in der Zukunft durchzusetzen. Der <em>Leninist Legacy Approach<\/em> hingegen betrachtet den Leninismus als Quelle politischer, sozialer, wirtschaftlicher Probleme, die s\u00e4mtliche Bem\u00fchungen um Demokratie im Keim ersticken.<\/p>\n<p><u>Die Medien in Mittel- und Osteuropa vor 1989<\/u><\/p>\n<p>Die Geschichte der Medien in Mittel-und Osteuropa im 20. Jahrhundert zeichnet sich in erster Linie dadurch aus, wem sie dienen. Sie fungierten vor allem als politisches Werkzeug, indem Presse und Rundfunk von einzelnen Politikern, Parteien, der Regierung oder dem Staat kontrolliert wurden und\/ oder sich in deren Besitz befanden. Das f\u00fchrte zur Verzerrung von Inhalten und eigenn\u00fctzigen Personalentscheidungen. Auch die Nachrichtenagenturen waren staatlich.<br \/>\nDie von den nationalen Regimen geschaffenen Strukturen der Abh\u00e4ngigkeit der Medien und die daraus resultierenden organisatorischen und institutionellen M\u00f6glichkeiten der Ausbeutung zur Machtsicherung wurde in den folgenden Jahrzehnten von den Nationalsozialisten, den Kommunisten und anschlie\u00dfend den\u00a0 \u201eDemokraten\u201c \u00fcbernommen, wodurch die Etablierung freier und unabh\u00e4ngiger Nachrichtenmedien verhindert wurde.<\/p>\n<p><u>Tschechoslowakei \/ Tschechien und Slowakei nach 1989<\/u><\/p>\n<ul>\n<li>Bewahrung organisatorischer und institutioneller Strukturen fr\u00fcherer politischer Perioden; Errichtung neuer Stationen und Sender verboten<\/li>\n<li>Abh\u00e4ngigkeit des Rundfunks vom Staat alsbald von den neuen Akteuren ausgenutzt: Berichterstattung in Radio und Fernsehen jeweils von oppositioneller tschechischer Bewegung Civic Forum und slowakischer Public Against Violence dominiert<\/li>\n<li>neue demokratische Kr\u00e4fte verwiesen zwar auf die demokratiestiftende Funktion freier Medien, setzten dies aber nicht um \u00e0 Bereitschaft der politischen Akteure, die institutionellen Strukturen genauso zu ihrem Vorteil zu nutzen, wie sie es unter einem anderen Regime noch ablehnten<\/li>\n<li>nach der Revolution 1993: Errichtung von Institutionen zur Sicherstellung der Abh\u00e4ngigkeit der Medien in beiden L\u00e4ndern<\/li>\n<li>Folge: Schlie\u00dfung unabh\u00e4ngiger Zeitungen; Errichtung von Informationsagenturen; Aufruf an Journalisten positiven Beitrag zu leisten, ansonsten Entlassung; Rundfunk durch staatliche Kommissionen kontrolliert<\/li>\n<li>Nachfolgende Regierungen zeigten \u00e4hnliche Bem\u00fchungen gem\u00e4\u00df ihren Eigeninteressen<\/li>\n<\/ul>\n<p><u>Ungarn nach 1989<\/u><\/p>\n<ul>\n<li>Jahrelanger Konflikt zwischen Premierminister und Pr\u00e4sident \u00fcber die Aufsicht und Ernennungen beim Rundfunk<\/li>\n<li>Einsetzung einer Kommission zur Beobachtung, in der die Parteien proportional repr\u00e4sentiert waren<\/li>\n<li>Politisierung der Rolle und Beziehung, des Auftrags und Inhalts der Medien zum Staat &#8211;&gt; die sogenannten \u201eMedienkriege\u201c sind die Folge, in deren Zuge sich die politischen Akteure Wahlerfolg und Macht durch die Kontrolle der den W\u00e4hlern zug\u00e4nglichen Informationen versprachen<\/li>\n<li>Nach Wahlen 1995 sozialistische Regierung, ehemals Opposition: Rollen wurden getauscht, aber das rollenspezifische Verhalten bez\u00fcglich der Einflussnahme auf die Medien blieb bestehen<\/li>\n<\/ul>\n<p><u>Vergleich mit Taiwan <\/u><\/p>\n<ul>\n<li>1940er bis 1980er: Einparteienstaat (Kuomintang) mit leninistischen organisatorischen Prinzipien gleich den Regimen in Mittel-Osteuropa<\/li>\n<li>1949 bis 1987 (Ausnahmezustand): organisatorische Abh\u00e4ngigkeit und Kontrolle der Medien durch KMT &#8211;&gt; Besitz von Zeitungen und Fernsehstationen; Hoheit \u00fcber Ernennungen, Inhalte, Zulassungen; Vorzensur; Informationsagentur<\/li>\n<li>Mitte der 1970er-Jahre: Ruf nach Demokratisierung wurde lauter \u00e0 Redakteure, die sich dem anschlossen, wurden entlassen<\/li>\n<li>1987: Ausnahmezustand aufgehoben, Wahlen geplant, Medien erheblich freier als zuvor doch Abh\u00e4ngigkeit, Politisierung, Kontrolle auch w\u00e4hrend Wandlungsprozess<\/li>\n<li>KMT weiterhin dominant und Eigent\u00fcmer von Presse und Rundfunk<\/li>\n<li>Anstieg der Zeitungen und Fernsehstationen &#8211;&gt; \u00dcberleben vor allem derjenigen, die an politische Akteure angeschlossen sind<\/li>\n<li>Bei der Einf\u00fchrung von Kabelfernsehen versuchte KMT aber erfolglos die Anzahl der Sender zu limitieren<\/li>\n<\/ul>\n<p><u>Fazit:<\/u><\/p>\n<p>Milton hat durch die Identifizierung grundlegender Muster der Medienpolitik in L\u00e4ndern, die sich in einem demokratischen Wandlungsprozess befinden aufgezeigt, dass die Medien innerhalb dieses Rahmens zwar freier werden, gewisse politische Beschr\u00e4nkungen jedoch bestehen bleiben. Besonders in den Anfangsphasen von Wandlungsprozessen k\u00e4mpfen politische Akteure um die Hoheit \u00fcber politische Institutionen und die Prozesse ihrer demokratischen Rekonstruktion mit dem Ziel, diejenigen organisatorischen Ressourcen beizubehalten, durch die sie sich die Durchsetzung ihrer eigenen Interessen am ehesten erhoffen. Miltons Ansatz ist hilfreich, um die aktuellen Rahmenbedingungen, innerhalb derer Journalismus in Mittel- und Osteuropa agiert, besser zu verstehen.<\/p>\n<p>An dieser Stelle auch ein Verweis auf sein weiterf\u00fchrendes Buch: Milton, Andrew K. (2000). The rational politician: Exploiting the media in new democracies. Aldershot: Ashgate.<\/p>\n<p>Jessica Ebelt<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Milton, Andrew K. (2001). Bound But Not Gagged. Media Reforms In Democratic Transitions. 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