{"id":214,"date":"2019-01-30T11:16:22","date_gmt":"2019-01-30T10:16:22","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/journalismus_moe\/?page_id=214"},"modified":"2019-03-20T12:17:36","modified_gmt":"2019-03-20T11:17:36","slug":"professionalitaet","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/journalismus_moe\/kontexte\/professionalitaet\/","title":{"rendered":"Professionelles Selbstverst\u00e4ndnis von Journalismus"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_365\" aria-describedby=\"caption-attachment-365\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/oxfordre.com\/communication\/view\/10.1093\/acrefore\/9780190228613.001.0001\/acrefore-9780190228613-e-95\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-365 size-medium\" src=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/journalismus_moe\/files\/2019\/03\/Bildschirmfoto-2019-03-17-um-11.21.08-300x300.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/journalismus_moe\/files\/2019\/03\/Bildschirmfoto-2019-03-17-um-11.21.08-300x300.png 300w, https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/journalismus_moe\/files\/2019\/03\/Bildschirmfoto-2019-03-17-um-11.21.08-150x150.png 150w, https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/journalismus_moe\/files\/2019\/03\/Bildschirmfoto-2019-03-17-um-11.21.08.png 430w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-365\" class=\"wp-caption-text\">Cover Oxford Research Encyclopedia. Quelle: https:\/\/global.oup.com<\/figcaption><\/figure>\n<p><a href=\"http:\/\/oxfordre.com\/communication\/view\/10.1093\/acrefore\/9780190228613.001.0001\/acrefore-9780190228613-e-95\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hanitzsch, Thomas (2017). Professional Identity and Roles of Journalists. In: Oxford Research Encyclopedia of Communication.<\/a><\/p>\n<p>In seinem Artikel <i>Professional Identity and Roles of Journalists<\/i> befasst sich der Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Thomas Hanitzsch mit journalistischer Identit\u00e4t und gibt einen theoriebasierten \u00dcberblick \u00fcber Rollenmodelle im Journalismus. Zentral ist die Frage, wie ein Verst\u00e4ndnis davon entsteht, was unter Journalismus zu begreifen ist. F\u00fcr die Auseinandersetzung mit Journalismus in Mittel- und Osteuropa ist Hanitzschs Analyse n\u00fctzlich, da sie einerseits ein generelles Verst\u00e4ndnis von professioneller journalistischer Identit\u00e4t vermittelt. Andererseits wird in der Analyse auf Kontextfaktoren und regionale Unterschiede verwiesen, sodass eine Betrachtung nationaler und transnationaler Rahmenbedingungen von Journalismus erm\u00f6glicht wird.<\/p>\n<p><b>Wie entstehen journalistische Rollenbilder? Welche Vorstellungen von Journalismus existieren?<\/b><\/p>\n<p>Hanitzsch geht davon aus, dass journalistische Rollenbilder erst dadurch entstehen, dass Menschen \u00fcber sie kommunizieren und sich \u00fcber ihre jeweiligen Vorstellungen von Journalismus austauschen. Demnach sind Rollenbilder Hanitzsch zufolge nicht statisch oder universell, sondern permanent neu verhandelbar (S.3). Solch ein sehr lose Konzept von Rollenvorstellungen festigt sich, wenn sich im Diskurs besonders dominante Positionen herausbilden und institutionalisieren (ebd.). Diese werden von journalistischen Akteuren zur Orientierung genutzt, und es entstehen Normen und Praktiken, die beschreiben, was Journalisten leisten sollten, was sie d\u00fcrfen, aber auch, was <i>nicht<\/i> ihre Aufgabe ist.<\/p>\n<p>Journalistische Rollenbilder bestehen aber nicht nur aus normativen und kognitiven Konzepten, sondern auch aus dem tats\u00e4chlichen Verhalten von Journalisten sowie der Wahrnehmung und Einordnung ihres eignen Handelns. Dadurch ergeben sich vier Dimensionen, aus denen journalistische Rollenbilder betrachtet werden m\u00fcssen:<\/p>\n<ol>\n<li>Was <i>sollten<\/i> Journalisten leisten?<\/li>\n<li>Was <i>wollen<\/i> Journalisten leisten?<\/li>\n<li>Was <i>leisten<\/i> Journalisten <i>tats\u00e4chlich<\/i>?<\/li>\n<li>Was <i>denken<\/i> Journalisten, was sie leisten?<\/li>\n<\/ol>\n<p>Im Folgenden werden die vier Dimensionen jeweils kurz dargestellt.<\/p>\n<p><b>Normative Rollen: Was <i>sollen<\/i> Journalisten leisten?<\/b><\/p>\n<p>Normative Rollen umfassen Auffassungen dar\u00fcber, wie Journalismus sein sollte (und wie nicht). Vorstellungen dar\u00fcber stammen nicht von Journalisten selbst, sondern aus dem \u00f6ffentlichen Austausch \u00fcber Journalismus. Hanitzsch zufolge ist eine der am st\u00e4rksten verbreiteten Vorstellungen \u00fcber Journalismus, dass er einen Beitrag zu demokratischen Systemen darstellt (S.5). M\u00f6chte man journalistisches Handeln analysieren und einordnen, darf jedoch der Kontext politischer, \u00f6konomischer sowie soziokultureller Aspekte nicht ignoriert werden. So ist zum Beispiel die sogenannte Watchdog-Rolle, das Beobachten und Pr\u00fcfen von insbesondere politischen und wirtschaftlichen Eliten durch Journalisten, in funktionierenden Demokratien w\u00fcnschenswert; erm\u00f6glicht werden Watchdog-Aktivit\u00e4ten zudem durch medienorganisatorische Strukturen, die gr\u00f6\u00dftenteils unabh\u00e4ngig von staatlichen Strukturen verlaufen. Anders ist die Situation in einigen osteurop\u00e4ischen Staaten, zum Beispiel in Ungarn, der Slowakei sowie der Tschechischen Republik (vgl. Metykov\u00e1\/Waschkov\u00e1 C\u00edsarov\u00e1 2009). Nach dem Ende des Kommunismus gingen viele Medienh\u00e4user und -organisationen in staatlichen Besitz \u00fcber oder werden seitdem mit teils erheblichen politischen Eingriffen konfrontiert. Eine beobachtende, kontrollierende Funktion von Journalismus k\u00f6nnte in diesem Zusammenhang weder w\u00fcnschenswert noch umsetzbar sein, und daher f\u00fcr den Diskurs \u00fcber Journalismus nur eine untergeordnete Rolle spielen. Normative Rollen sind also stark kontext- und situationsabh\u00e4ngig.<\/p>\n<p><b>Kognitive Rollen: Was <i>wollen<\/i> Journalisten leisten?<\/b><\/p>\n<p>Kognitive Rollen des Journalismus umfassen Vorstellungen von Journalisten \u00fcber ihre Arbeit. Was verstehen die Akteure selbst unter Journalismus? Wozu wollen sie mit ihrer Arbeit beitragen? Wie will der Journalismus als Institution sein? Hanitzsch beschreibt kognitive Rollen als die Verinnerlichung normativer Werte (S. 7). Durch die berufliche Sozialisierung werden ihm zufolge Ideen, Praktiken und Normen von Journalisten an nachfolgende Generationen weitergegeben, wodurch sich unter Journalisten Vorstellungen festigen, wie Journalismus sein solle. Diese \u201eberuflichen Mythen\u201c unterscheiden sich kulturell bzw. regional: Studien von Donsbach (1981) und K\u00f6cher (1986) zufolge sehen sich deutsche Journalisten als \u201espokesman for the underdog\u201c (S. 9), w\u00e4hrend sich britische Journalisten eher als neutrale Reporter betrachten. Journalisten in arabisch-sprachigen L\u00e4ndern hingegen beschreiben es als ihre Aufgabe, politische und gesellschaftliche Missst\u00e4nde aufzudecken und dadurch Reformen anzusto\u00dfen (S. 10, vgl. Pintak 2014).<\/p>\n<p><b>Praktizierte Rollen: Was <i>leisten<\/i> Journalisten <i>tats\u00e4chlich<\/i>?<\/b><\/p>\n<p>Praktizierte Rollen umfassen beobachtbare Verhaltens- und Arbeitsweisen von Journalisten. Sie stellen Hanitzsch zufolge damit eine Verbindung zu normativen und kognitiven Rollen her: Hanitzsch geht davon aus, dass Menschen nach moralischen und professionellen Werten handeln, die sie selbst bef\u00fcrworten (S. 11). In dem Verhalten und der Arbeitsweise von Journalisten spiegele sich demnach (gewollt oder ungewollt) wider, welche Ansichten von professioneller Identit\u00e4t Journalisten h\u00e4tten (ebd.). Es ist jedoch auch m\u00f6glich, dass sich eigene Vorstellungen und ausge\u00fcbte journalistische Praktiken voneinander unterscheiden, zum Beispiel wenn politische Umst\u00e4nde Journalisten davon abhalten, nach ihren eignen Werten zu handeln.<\/p>\n<p><b>Erz\u00e4hlte Rollen: Was <i>denken<\/i> Journalisten, was sie leisten?<\/b><\/p>\n<p>Als letzte Dimension journalistischer Rollenbilder nennt Hanitzsch sogenannte erz\u00e4hlte Rollen. Durch Reflektieren und retrospektives Einordnen der eigenen Verhaltens- und Arbeitsweisen entstehen laut Hanitzsch bei Journalisten subjektive Wahrnehmungen \u00fcber ihr Handeln (S. 13). Die subjektive Wahrnehmung steht Hanitzsch zufolge im engen Zusammenhang mit normativen und kognitiven Rollenbildern: Die Einsch\u00e4tzung des eigenen Handelns werde ma\u00dfgeblich bestimmt von Vorstellungen dar\u00fcber, wie Journalismus funktionieren solle (ebd.). Als Folge dessen w\u00fcrden diese Vorstellungen weitergegeben, normative sowie kognitive Rollenmuster w\u00fcrden normalisiert und es entstehe eine journalistische Kultur (ebd.).<\/p>\n<p><b>Forschungsrelevante Herausforderungen<\/b><\/p>\n<p>Die Forschung zu journalistischen Rollenkonzepten und professioneller Identit\u00e4t leidet Hanitzsch zufolge an einem Theoriedefizit; Befunde seien vor allem eine Aggregation von Umfragen unter Journalisten und gr\u00fcndeten eher auf methodologischem Individualismus (S. 18). Damit einher gehe, dass Studienergebnisse nur schwer miteinander vergleichbar seien, da ihnen ein gemeinsamer theoretischer Rahmen fehle (ebd.). In Frage stellt Hanitzsch zudem die Trennsch\u00e4rfe und Operationalisierung der Dimensionen normativer, kognitiver, praktizierter sowie erz\u00e4hlter Rollen (ebd.). Weiterhin kritisiert er, dass sich ein Gro\u00dfteil der Forschung auf westliche Gesellschaften konzentriert. Dadurch h\u00e4tten sich \u00fcberwiegend Forschungsans\u00e4tze durchgesetzt, die Journalismus in einem demokratiebasierten Umfeld betrachten (ebd.). Zuletzt verweist Hanitzsch auf den Umstand, dass insbesondere der politische Journalismus Gegenstand der Forschung ist. Journalismus erf\u00fclle jedoch nicht nur die Funktion, die \u00d6ffentlichkeit \u00fcber politische Angelegenheiten zu informiere, sondern habe dar\u00fcber hinaus auch Unterhaltungs- und Servicefunktionen, die bislang wenig Beachtung in der Journalismusforschung f\u00e4nden (S. 19).<\/p>\n<figure id=\"attachment_255\" aria-describedby=\"caption-attachment-255\" style=\"width: 200px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/abs\/10.1177\/1464884905056815\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-255 size-medium\" src=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/journalismus_moe\/files\/2019\/02\/showCoverImage-200x300.png\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-255\" class=\"wp-caption-text\">Cover Journalism. Quelle: https:\/\/journals.sagepub.com\/home\/jou<\/figcaption><\/figure>\n<p><a href=\"https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/abs\/10.1177\/1464884905056815\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Deuze, Mark (2005). What is journalism? Professional identity and ideology of journalists reconsidered. In: Journalism, 6(4), S. 442-464.<\/a><\/p>\n<p>Der Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Mark Deuze befasst sich in seinem Artikel <i>What is journalism? Professional identity and ideology of journalists reconsidered<\/i> mit Identit\u00e4tsmerkmalen des Journalismus unter Betrachtung der Aspekte Multimedialit\u00e4t und Multikulturalismus. Ausgangspunkt f\u00fcr Deuze ist die Annahme, dass sich Gesellschaften, Medien sowie Mediensysteme im Wandel befinden. F\u00fcr die Untersuchung von Journalismus in Mittel- und Osteuropa sind Deuzes \u00dcberlegungen hilfreich, da sie eine Betrachtung des journalistischen Arbeitsfeldes unter Ber\u00fccksichtigung insbesondere gesellschaftlicher und technologischer Transformationen erm\u00f6glichen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion befanden und befinden sich noch immer viele L\u00e4nder in demokratischen Wandlungsprozessen, die sich auch auf Transformationen der jeweiligen Mediensysteme und damit auch auf den Journalismus auswirken (n\u00e4here Informationen hierzu beinhaltet Andrew Miltons Artikel <a href=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/journalismus_moe\/problemlagen\/milton-transformationsdefizite-in-den-mediensystemen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><i>Bound But Not Gagged. Media Reforms In Democratic Transitions<\/i><\/a>). Hinzu kommen Medialisierungsprozesse, die einen globalen Einfluss haben, damit aber auch im jeweiligen nationalen Kontext Ber\u00fccksichtigung finden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund geht Deuze den Fragen nach, mit welchen Herausforderungen Journalisten in der heutigen Zeit konfrontiert sind, wie ein \u201eneuer\u201c Journalismus aussieht oder aussehen k\u00f6nnte und in welchem Ausma\u00df theoretische Ans\u00e4tze zur Einordnung journalistischer Identit\u00e4t noch aktuell sind.<\/p>\n<p><b>Journalismus als Ideologie<\/b><\/p>\n<p>Im Zuge der Professionalisierung von Journalismus im 20. Jahrhundert sind Diskussionen dar\u00fcber, was \u201eguter\u201c bzw. \u201eechter\u201c Journalismus sei, Deuze zufolge ideologisch gepr\u00e4gt (S. 444). \u00c4hnlich wie Hanitzsch geht also auch Deuze davon aus, dass bestimmte Vorstellungen \u00fcber journalistische Rollenbilder und Verhaltensweisen existieren. Anders als Hanitzsch nimmt Deuze aber keine theoretische Dimensionierung journalistischer Rollen vor, stattdessen beschreibt er professionelle Identit\u00e4t anhand von f\u00fcnf idealtypischen Merkmalen des Journalismus: Public Service, Objektivit\u00e4t, Autonomie, Aktualit\u00e4t sowie Ethik und Moral. Zentral f\u00fcr Deuze sind zudem die Begriffe Multimedialit\u00e4t (\u201eMedien \u00e4ndern sich\u201c) sowie Multikulturalismus (\u201eGesellschaften \u00e4ndern sich\u201c), wobei beide Aspekte sowohl Ergebnisse von als auch Mechanismen f\u00fcr Wandlungsprozesse darstellen (S. 442ff.).<\/p>\n<p><b>Journalismus und Technologie: Multimedialit\u00e4t<\/b><\/p>\n<p>Parallel zur Professionalisierung des Journalismus entwickeln sich Medien in ihrer Funktionalit\u00e4t und ihrem gesamtgesellschaftlichen Einfluss permanent weiter. Gekennzeichnet ist diese Entwicklung laut Deuze unter anderem durch den Aspekt der Multimedialit\u00e4t, das hei\u00dft durch eine vielf\u00e4ltige Nutzung unterschiedlicher Medienformate und -inhalte (S. 450f.). Damit steigen Deuze zufolge die Anforderungen sowohl an journalistische F\u00e4higkeiten als auch an journalistische Arbeitsstrukturen. So m\u00fcssten Journalisten bei der Nachrichtenproduktion nicht nur technische Aspekte sowie verschiedene Medienformate ber\u00fccksichtigen, sondern zunehmend auch in Kooperationen \u201ecross-departmentalized\u201c arbeiten (S. 451). Als Folge durchlaufe der Journalismus einen \u201eshift from individualistic,\u2019top-down\u2019 mono-media journalism to team-based, \u201aparticipatory\u2018 multimedia journalism\u201c (S. 452).<\/p>\n<p><b>Journalismus und Gesellschaft: Multikulturalismus<\/b><\/p>\n<p>Deuze beschreibt kulturelle Vielfalt als einen wesentlichen Bestandteil moderner Gesellschaften. Vor diesem Hintergrund stellt sich f\u00fcr ihn die Frage, welche Verantwortung Journalisten gegen\u00fcber gesellschaftlichen Gruppen, insbesondere Minderheiten, haben. Das Verh\u00e4ltnis zwischen Journalismus und Multikulturalit\u00e4t kann ihm zufolge in drei Kategorien unterscheidet werden. Zum einen verweist Deuze darauf, dass Journalisten mit ihrer Arbeit dazu beitragen, \u00fcber gesellschaftliche Gruppen zu informieren und Wissen \u00fcber sie zu verbreiten (S. 453). Zweitens nennt Deuze den Aspekt der Darstellung. Indem Journalisten festlegen, \u00fcber welche Themen sie (nicht) berichten und welche Perspektiven sie bei der Darstellung bestimmter Themen (nicht) w\u00e4hlen, entscheiden sie (unbeabsichtigt), welche gesellschaftlichen Gruppen wie dargestellt werden (ebd.). Damit verbunden ist drittens die soziale Verantwortung, die Journalisten in multikulturell gepr\u00e4gten Gesellschaften zukommt (S. 454).<\/p>\n<p><b>Idealtypische Merkmale von Journalismus unter Ber\u00fccksichtigung von Multimedialit\u00e4t und Multikulturalit\u00e4t<\/b><\/p>\n<p><i>Public Service<\/i><\/p>\n<p>Traditionell wird Journalismus als Dienstleistung f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit gesehen (S. 447). Journalisten selektieren Themen, bereiten sie auf und tragen sie an die Bev\u00f6lkerung weiter. Somit dienen sie als Informationsvermittler. Durch den Einsatz digitaler Medien haben ehemals als passiv verstandene Rezipienten heutzutage jedoch die M\u00f6glichkeit, eigens an Informationen zu gelangen bzw. Medieninhalte selbst zu generieren. Aufgabe von Journalisten ist es deshalb mehr und mehr, bereits vorhandene Themen zu verbreiten und damit eher eine Moderator-Rolle einzunehmen. Notwendig sei zudem eine kollaborative Arbeitsweise \u201eto produce story packages that can be delivered across media\u201c, um den Anforderungen digitaler Kan\u00e4le gerecht zu werden (S. 455).<\/p>\n<p><i>Objektivit\u00e4t<\/i><\/p>\n<p>Journalismus soll neutral, fair und glaubhaft sein, ohne dabei seine Kritikfunktion zu vernachl\u00e4ssigen. Unter Ber\u00fccksichtigung von Multimedialit\u00e4t und Multikulturalismus wirft Deuze jedoch die Frage auf, wie realistisch der Vorsatz der Objektivit\u00e4t ist. Fraglich ist zum Beispiel, in welchem Umfang professionelle Distanz und die Inklusion multikultureller Themen und Sprecher miteinander vereinbar sind (S. 456). Wie objektiv ist ein Journalist, der zu Recherchezwecken Kontakt zu einer muslimischen Gemeinschaft in Berlin aufnimmt und zu Beteiligten eine freundschaftliche Beziehung entwickelt? Ist Objektivit\u00e4t noch ein valides Qualit\u00e4tsmerkmal, wenn es um Multikulturalismus geht? Ferner hat der Wandel von einer individualistischen zu einer teambasierten Arbeitsweise bez\u00fcglich der Produktion multimedialer Inhalte zur Folge, dass Journalisten konfrontiert werden mit unterschiedlichen Interpretationen von Objektivit\u00e4t (ebd.).<\/p>\n<p><i>Autonomie<\/i><\/p>\n<p>Um ein gewisses Ma\u00df an Unabh\u00e4ngigkeit gew\u00e4hrleisten zu k\u00f6nnen, sollte Journalismus frei sein von jeglicher Zensur. Journalistische Akteure sollten deshalb eigene Entscheidungen treffen k\u00f6nnen, ohne sich daf\u00fcr gegen\u00fcber anderen Funktion\u00e4ren rechtfertigen oder gar Repression bef\u00fcrchten zu m\u00fcssen. Als Folge medialer und gesellschaftlicher Wandlungsprozess ist laut Deuze jedoch fraglich, ob Journalisten nicht einen Teil ihrer Autonomie einb\u00fc\u00dfen m\u00fcssen. Journalisten, die in Multimedia-Nachrichtenagenturen arbeiten, werden mit unterschiedlichen Einstellungen und Pr\u00e4ferenzen konfrontiert. Demnach k\u00f6nne davon ausgegangen werden, dass Journalisten zumindest lernen m\u00fcssen, die Autonomie zu teilen (S. 456). Besch\u00e4ftigt man sich mit ethnischen Gruppen, Nationalit\u00e4ten oder religi\u00f6sen Ansichten, die sich von den eigenen Unterscheiden, sei zudem eine community-basierte Berichterstattung notwendig (S. 456f.). Journalistische Autonomie ist in diesem Zusammenhang nicht die Autonomie des Einzelnen, sondern kollaborativ. Geteilt wird sie mit Kollegen und dem Publikum, das im Fall partizipatorischer Medienangebote in die Produktion involviert ist.<\/p>\n<p><i>Aktualit\u00e4t<\/i><\/p>\n<p>Aktualit\u00e4t ist Vorraussetzung f\u00fcr sowie ein wesentliches Merkmal von Journalismus. Im Zuge von Digitalisierung und Multimedialit\u00e4t sowie Multikulturalit\u00e4t wird journalistisches Arbeiten allerdings immer umfangreicher und damit zeitintensiver: Journalisten m\u00fcssen mehr Themen selektieren, mehr Informationen be- und verarbeiten und, bedenkt man Fragmentierungstheorien der \u00d6ffentlichkeit, dabei Anspr\u00fcchen diverser Publika gerecht werden. Vor diesem Hintergrund ger\u00e4t Aktualit\u00e4t als Merkmal professioneller journalistischer Identit\u00e4t zu einer Schwierigkeit (S. 457).<\/p>\n<p><i>Ethik und Moral<\/i><\/p>\n<p>Deuze zufolge gilt Ethik bei der Beurteilung der Qualit\u00e4t journalistischer Erzeugnisse als ein wesentliches Merkmal (S. 457). Journalisten und Wissenschaftler verwiesen zudem auf moralische Werte, um medientechnologische Neuerungen oder komplexe kulturelle Sachverhalte von de Hand zu weisen. Ethik k\u00f6nne daher einerseits betrachtet werden als Verteidigung kommerzieller und publikumswirksamer Ma\u00dfnahmen (S. 458). Andererseits diene sie als Entscheidungsgrundlage f\u00fcr Medienakteure, auf die Bed\u00fcrfnisse unterschiedlicher Medienformate einzugehen sowie \u00fcber m\u00f6gliche Minderheitenthemen zu berichten (ebd.).<\/p>\n<p><b>Fazit<\/b><\/p>\n<p>Hanitzschs theoriebasierte Beschreibung journalistischer Rollenbilder und die Analyse idealtypischer Merkmale des Journalismus von Deuze bieten zum einen grundlegende Erkenntnisse \u00fcber die Konzeptionierung journalistischer Identit\u00e4t. Zweitens verweisen beide Artikel auf nationale Unterschiede und einen zeitbedingten Wandel journalistischer T\u00e4tigkeiten. Dabei unterstreichen die Autoren die Bedeutung politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen, denen Journalisten einerseits ausgesetzt sind, zu denen sie andererseits beitragen. Nicht zuletzt regen die Artikel au\u00dferdem dazu an, eigene Vorstellungen dar\u00fcber zu reflektieren, was Journalismus leisten \u201emuss\u201c oder \u201esoll\u201c.<\/p>\n<p>Anne Stiller<\/p>\n<p><strong>Zus\u00e4tzliche Literatur:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/abs\/10.1177\/001654928102700105\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Donsbach, Wolfgang (1981). Legitimacy through competence rather than value judgments: The concept of journalistic professionalization reconsidered. In: Gazette, 27(1), 47-67.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/abs\/10.1177\/0267323186001001004\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">K\u00f6cher, Renate (1986). Bloodhounds or missionaries: Role definitions of German and British journalists. In: European Journal of Communication, 1(1), 43-64.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/abs\/10.1177\/1464884909106541\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Metykov\u00e1, Monika &amp; Waschkov\u00e1 C\u00edsarov\u00e1, Lenka (2009). Changing journalisitc practices in Eastern Europe. The cases of the Czech Republic, Hungary and Slovakia. In: Journalism, 10(5), 719-736.\u00a0<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/abs\/10.1177\/1464884913490269\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Pintak, Lawrence (2014). Islam, identity and professional values: A study of journalists in three Muslim-majority regions. In: Journalism, 15(4), 482-503.\u00a0<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hanitzsch, Thomas (2017). Professional Identity and Roles of Journalists. In: Oxford Research Encyclopedia of Communication. 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