{"id":219,"date":"2019-01-30T11:18:39","date_gmt":"2019-01-30T10:18:39","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/journalismus_moe\/?page_id=219"},"modified":"2019-03-21T14:58:45","modified_gmt":"2019-03-21T13:58:45","slug":"klientelismus","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/journalismus_moe\/problemlagen\/klientelismus\/","title":{"rendered":"Klientelismus und Korruption"},"content":{"rendered":"<p>Von Sebastian Aum\u00fcller<\/p>\n<figure id=\"attachment_373\" aria-describedby=\"caption-attachment-373\" style=\"width: 200px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-373 size-medium\" src=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/journalismus_moe\/files\/2019\/03\/hijb_17_4.cover_-200x300.png\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/journalismus_moe\/files\/2019\/03\/hijb_17_4.cover_-200x300.png 200w, https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/journalismus_moe\/files\/2019\/03\/hijb_17_4.cover_.png 231w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-373\" class=\"wp-caption-text\">Quelle: https:\/\/journals.sagepub.com\/toc\/hijb\/17\/4<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u00d6rnebring, Henrik (2012): Clientelism, Elites, and the Media in Central and Eastern Europe. In: <a href=\"https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/10.1177\/1940161212454329\">The International Journal of Press\/Politics 17 (4), S. 497\u2013515.<\/a><\/p>\n<figure id=\"attachment_372\" aria-describedby=\"caption-attachment-372\" style=\"width: 200px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-372 size-medium\" src=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/journalismus_moe\/files\/2019\/03\/gmca_12_3.cover_-200x300.png\" alt=\"Camaj, Lindita (2016): Between a rock and a hard place: Consequences of media clientelism for journalist-politician power relationships in the Western Balkans, in: Global Media and Communication (2016), Vol. 12(3), S. 229-246.\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/journalismus_moe\/files\/2019\/03\/gmca_12_3.cover_-200x300.png 200w, https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/journalismus_moe\/files\/2019\/03\/gmca_12_3.cover_.png 231w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-372\" class=\"wp-caption-text\">Quelle: https:\/\/journals.sagepub.com\/toc\/gmca\/12\/3<\/figcaption><\/figure>\n<p>Camaj, Lindita (2016): Between a rock and a hard place: Consequences of media clientelism for journalist-politician power relationships in the Western Balkans, in: <a href=\"https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/full\/10.1177\/1742766516675649\">Global Media and Communication (2016), Vol. 12(3), S. 229-246.<\/a><\/p>\n<figure id=\"attachment_374\" aria-describedby=\"caption-attachment-374\" style=\"width: 197px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-374\" src=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/journalismus_moe\/files\/2019\/03\/message-400-300x76.png\" alt=\"\" width=\"197\" height=\"50\" srcset=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/journalismus_moe\/files\/2019\/03\/message-400-300x76.png 300w, https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/journalismus_moe\/files\/2019\/03\/message-400.png 380w\" sizes=\"auto, (max-width: 197px) 100vw, 197px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-374\" class=\"wp-caption-text\">Quelle: http:\/\/www.message-online.com<\/figcaption><\/figure>\n<p>Lilienthal, Volker (2017): Korruption im Journalismus? URL: <a href=\"http:\/\/www.message-online.com\/korruption-im-journalismus\/\">http:\/\/www.message-online.com\/korruption-imjournalismus\/<\/a> Message, 27. Juli 2017.<\/p>\n<p><strong>1. Einf\u00fchrung: Klientelistische und korrumpierte Systeme in der CEE-Region<\/strong><\/p>\n<p>Dass Mediensysteme in Mittel- und Osteuropa anders strukturiert sind und daher auch v\u00f6llig andere Funktionsweisen und Machtverh\u00e4ltnisse aufweisen als beispielsweise das Mediensystem in Deutschland, wurde schon an <a href=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/journalismus_moe\/worum-gehts\/rethinking-hallin-and-mancini-beyond-the-west-an-analysis-of-media-systems-in-central-and-eastern-europe\/\">anderer Stelle in diesem Blog<\/a> vorgestellt und diskutiert. Gerade in Bezug auf die Machtverh\u00e4ltnisse innerhalb der Mediensysteme haben sowohl Henrik <strong>\u00d6rnebring<\/strong> als auch Lindita <strong>Camaj<\/strong> im Rahmen von Studien versucht, durch Interviews mit verschiedenen Akteuren aus unterschiedlichen Mediensystemen Osteuropas klientelistische Str\u00f6mungen aufzudecken. Das Interessante an den Herangehensweisen der beiden Forscher ist es, dass die interviewten Personen jeweils an verschiedenen Punkten auf der Klientelismus-Skala anzutreffen sind, die durch Klienten auf der einen und einflussreichen Personen auf der anderen Seite begrenzt wird. Doch obwohl beide Ans\u00e4tze einen guten Beitrag zur Aufarbeitung klientelistischer Str\u00f6mungen in der Region leisten und sich im ersten Moment scheinbar gut erg\u00e4nzen, zeigt sich am Ende, dass sie der Bandbreite an klientelistischen Vorg\u00e4ngen nicht gerecht werden k\u00f6nnen. Zur Situation in Deutschland hat Volker Lilienthal von Message, der internationalen Zeitschrift f\u00fcr Journalismus, seine Einsch\u00e4tzungen preisgegeben, die hier ebenfalls kurz vorgestellt werden sollen.<\/p>\n<p><strong>2. Klientelismus in den Medien Mittel- und Osteuropas aus Sicht der Eliten<\/strong><\/p>\n<p>Der Anlass von \u00d6rnebrings Forschung war es, dass die urspr\u00fcngliche Definition von Klientelismus, die stark politikwissenschaftlich gepr\u00e4gt ist, den Problemen und Machtverh\u00e4ltnissen in der Region von Mittel und Osteuropa (CEE) nicht gerecht wird. Grundlage ist dabei unter anderem eine Definition von Kitschelt und Wilkinson, die Klientelismus als ein Verh\u00e4ltnis zwischen Politikern und W\u00e4hlern verstanden haben, bei dem in erster Linie die Stimmen der W\u00e4hlerInnen gegen gewisse Gef\u00e4lligkeiten ausgetaucht werden, die sowohl finanzieller, aber auch materieller oder emotionaler Natur sein k\u00f6nnen (vgl. 2007, S. 2). Nach \u00d6rnebring mangelt es dieser Definition an einer Einordnung der Rolle der Medien. Zwei zentrale Rollen, die Medien im Rahmen von klientelistischen Handlungen einnehmen, k\u00f6nnen sein:<\/p>\n<ol>\n<li>Von Parteien genutzte Ressource, um W\u00e4hlerstimmen zu gewinnen. Somit m\u00fcssen keine W\u00e4hlerstimmen gekauft werden, da die W\u00e4hlerInnen \u00fcber die Medien beeinflusst werden.<\/li>\n<li>Als ordnende Kraft, die explizit <strong>gegen<\/strong> den Klientelismus arbeitet, indem sie dessen Netzwerke offenlegt und hinterfragt.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Der erste Punkt muss hier mit der Einschr\u00e4nkung gesehen werden, dass PolitikerInnen teilweise durch die Kontrolle der Medien trotzdem Stimmen kaufen, da es in klientelistischen Systemen durchaus der Fall sein kann, dass man als PolitikerIn gleichzeitig hohe politische \u00c4mter und die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung eines Medienkonzerns innehaben kann. Im zweiten Punkt begr\u00fcndet sich wiederum, warum Klientelismus in westlichen Industrienationen wie Deutschland \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 nur sehr schwach ausgepr\u00e4gt ist, da die Medien in der Regel einer schwachen politischen Kontrolle ausgesetzt sind, ganz im Gegensatz zur CEE-Region. Hinzu kommt, dass in L\u00e4ndern dieser Region eine gewisse parteiische Polyvalenz f\u00fcr Medien gilt. Dies bedeutet, dass die Medien sehr opportunistisch agieren und eben nicht einen bestimmten Akteur \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum unterst\u00fctzen. Die Loyalit\u00e4t h\u00e4ngt hier sehr stark von Machtwechseln der Regierung ab. Durch die st\u00e4ndigen Machtwechsel und dem Opportunismus der Medien sind sie noch wichtigere Werkzeuge f\u00fcr <strong>Elite-zu-Eliten-Kommunikation (EEK)<\/strong> sowie f\u00fcr <strong>Elite-zu-Massen-Kommunikation (EMK)<\/strong>.<\/p>\n<p><strong>2.1. Methode und Forschungsziel: Interviews der Elite<\/strong><\/p>\n<p>Mit seiner Studie wollte \u00d6rnebring nun Verbindungen zwischen Medien und Politik charakterisieren und typische Muster und Praktiken im Rahmen des Klientelismus zwischen Medien und Politik analysieren. Zu diesem Zweck f\u00fchrten er und sein Team insgesamt 272 Experteninterviews mit Mitgliedern der s. g. \u201eElite\u201c durch, die allesamt aus zehn L\u00e4ndern kommen, deren System postkommunistisch gepr\u00e4gt ist und die nach 2004 in die EU eingetreten sind (Bulgarien, Tschechien, Estland, Ungarn, Lettland, Litauen, Polen, Rum\u00e4nien, Slowakei und Slowenien). Die \u201eelit\u00e4ren\u201c InterviewpartnerInnen konnten insgesamt in 5 Kategorien eingeordnet werden:<\/p>\n<ol>\n<li>PolitikerInnen: Vor allem Mitglieder des jeweiligen Parlaments<\/li>\n<li>VertreterInnen aus der pol. Kommunikation: MitarbeiterInnen aus PR-Abteilungen<\/li>\n<li>MedienvertreterInnen: Medienbesitzer, Chefredakteure, etc.<\/li>\n<li>ExpertInnen: Politik- und WIrtschaftswissenschaftlerInnen<\/li>\n<li>Regulatoren: Z. B. Repr\u00e4sentantInnen aus Presseaussch\u00fcssen, etc.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Da man nun InterviewpartnerInnen aus verschiedenen Gruppen und L\u00e4ndern zur Verf\u00fcgung hatte, wurden nicht immer die gleichen Fragen gestellt, sondern auf die jeweilige Kategorie zugeschnittene Fragen erstellt. So wurden beispielsweise PoltikerInnen nach der Wahrnehmung von Klientelismus w\u00e4hrend politischer Prozesse gefragt, w\u00e4hrend MedienvertreterInnen nach Wohlwollender Berichterstattung f\u00fcr gewisse Parteien oder Personen in Folge einer Zahlung gefragt wurden.<\/p>\n<p><strong>2.2. Ergebnisse I: Die Medien-Politik-Beziehung auf dem Elitenlevel<\/strong><\/p>\n<p>Insgesamt konnte nach Auswertung der Interviews grundlegend festgestellt werden, dass es in allen repr\u00e4sentierten L\u00e4ndern und dem Urteil aller vertretenen Eliten-Gruppen nach klientelistische Netzwerke existieren. Dieses ist vor allem dort der Fall, wo immer sich Politik mit wirtschaftlichen Interessen \u00fcberschneidet. Die Medien hingegen, werden im Rahmen dieser klientelistischen Netzwerke eher selten von den InterviewpartnerInnen genannt, was ihrem Charakter und ihrer Rolle innerhalb der Netzwerke aber nicht gerecht wird. Erstens sind auch Medien bzw. Medienh\u00e4user oder Verlage wirtschaftliche Unternehmen, in denen Klientelismus beobachtet werden kann, und zweitens sind Medien gerade deshalb besonders mit diesen Netzwerken verbunden, da sie von Seiten der Elite genutzt werden, um vor allem in Wahlperioden EEK zu betreiben. Zudem wird eine klientelistische Verbindung zwischen Medien und Politik seltener auf Ebene der Journalisten selbst, als vielmehr auf Ebene der Medienbosse deutlich, die entweder eine direkte Verbindung zur Regierung haben oder aber selbst politisch t\u00e4tig sind. Personifiziert werden kann diese klient. Verbindung beispielsweise durch <a href=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/journalismus_moe\/problemlagen\/oligarchen\/\">Oligarchen bzw. Mogule<\/a>.<\/p>\n<p><strong>2.3. Ergebnisse II: Mediale Erzeugnisse im Rahmen klient. Netzwerke<\/strong><\/p>\n<p>Nicht nur auf Ebene der Eliten, sondern auch auf Ebene der journalistischen Erzeugnisse von Medienh\u00e4usern und Verlagen l\u00e4sst sich ein Einfluss der Politik auf die Medien feststellen. Dabei sind besonders zwei in Mittel- und Osteuropa sehr verbreitete Formate von gro\u00dfer Bedeutung, die sowohl bei EEK als auch bei EMK gebraucht werden:<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Advertorials:<\/strong> Ein scheinbar normaler Artikel, in dem Mal mehr und Mal weniger offensichtlich Werbung f\u00fcr ein Unternehmen, ein Projekt oder eine bestimmte Person gemacht wird, wobei es dabei eher um Positivismus und die Promotion geht als um kritische Inhalte. Dabei wird nicht kenntlich gemacht, dass es sich um einen bezahlten Artikel handelt, was jedoch in den meisten F\u00e4llen offensichtlich der Fall ist. Hierzulande w\u00fcrde man dieses Format wohl unter dem Schirm von Hidden Advertising oder Paid News betrachten. Hier m\u00f6chte man vor allem die Massen durch positive Darstellungen erreichen, sodass hier vor allem EMK stattfindet.<\/li>\n<li><strong>Kompromat<\/strong>: Ein Format, das vor allem in Russland genutzt wird, in dem es einzig darum geht, einen politischen Gegner zu kompromittieren. Dieses geschieht durch das gezielte Streuen von falschen Informationen oder Ger\u00fcchten, sodass diese im Gegensatz zu Advertorials eher von Negativismus gepr\u00e4gt sind. Das Format ist auch deshalb so t\u00fcckisch, da es vor allem in Zeiten einer anstehenden Wahl entscheidenden Einfluss auf den Ausgang dieser haben. Da es sich oft wie angedeutet nur um Ger\u00fcchte handelt, sind die Informationen h\u00e4ufig nicht verifiziert, sodass man sie mit dem Ph\u00e4nomen der Fake-News und Misinformationen vergleichen kann. Kompromate sind sowohl EEK als auch EMK zuzuordnen, da sie auf der einen Seite andere Mitglieder der Elite versucht zu diskreditieren, auf der anderen Seite sollen aber die Massen dieses Format rezipieren, um beeinflusst zu werden.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Insgesamt liegt das Ziel solcher Formate offensichtlich darin, die Position der eigenen Person bzw. Partei innerhalb eines klient. Netzwerkes zu st\u00e4rken und auch politische \u00c4mter f\u00fcr politische Verb\u00fcndete zu sichern (oder anders herum formuliert: Rivalen an der Bekleidung bestimmter \u00c4mter zu hindern).<\/p>\n<p><strong>2.4. Fazit: Elite-zu-Massen-Kommunikation als wichtiger Faktor<\/strong><\/p>\n<p>Schlussendlich l\u00e4sst sich f\u00fcr die CEE-Region festhalten, dass klientelistische Systeme und Netzwerke wohl in jedem der in \u00d6rnebrings Studie repr\u00e4sentierten L\u00e4nder zu finden sind, jedoch ist es niemals so, dass ganze Mediensysteme und damit auch der Journalismus g\u00e4nzlich von diesem Klientelismus durchdrungen werden. Eine andere wichtige Erkenntnis ist, dass sich Medien durch ihre Handlungen selbst mitschuldig daran machen, dass klient. Handlungen und Prozesse stattfinden k\u00f6nnen wie etwa das Beispiel der Advertorials zeigt, bei dem die Journalisten selbst w\u00e4hlen k\u00f6nnen, ob sie diesen Artikel nun schreiben oder nicht, wobei diese Entscheidung dann eng an das gekn\u00fcpft ist, was von Seiten des jeweiligen Geldgebers geboten wird. Investigativer Journalismus ist in der Region nur schwer m\u00f6glich, solange sich Medien st\u00e4ndig der aktuellen Regierung unterordnen m\u00fcssen und wie ein F\u00e4hnchen im Wind ihre eigenen \u201eAnsichten\u201c und Arbeitsweisen anpassen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Letztendlich m\u00f6chte \u00d6rnebring die eingangs kritisierte bzw. nicht als angemessen bezeichnete Definition von Klientelismus erweitern, die Medien bislang vor allem als Elite-zu-Massen-Kommunikationsmittels begriffen hat, was auch immer noch zutrifft. Seiner Ansicht nach m\u00fcsse jedoch auch die Rolle der Medien als Elite-zu-Elite-Kommunikationsmittel begriffen werden, da diese Form der Kommunikation inzwischen einen ebenso wichtigen Teil eines Wahlkampfes ausmacht wie die Kommunikation mit den W\u00e4hlern.<\/p>\n<p><strong>3. Klientelismus in S\u00fcdosteuropa aus Sicht der Journalisten<\/strong><\/p>\n<p>Einen etwas anderen Ansatz w\u00e4hlte Lindita Camaj, die den Klientelismus-Prozess von der anderen Seite, also aus Sicht der JournalistInnen beleuchtete. Ihr Ziel war es vornehmlich, die Beziehung zwischen der politischen Elite und den JournalistInnen nachzuvollziehen, wobei der Fokus besonders auf der Nachrichtenakquise lag und wie diese durch klient. Verbindungen beeinflusst wird. Anders als \u00d6rnebring geht sie in ihrer Exposition erst einmal auf die Mediensysteme in der CEE-Region ein, die sie als Hybridsysteme charakterisiert, die zwar auf dem Papier als sozial verantwortungsvoll handeln, wobei aber dennoch stets der Einfluss der politischen Eliten zu sp\u00fcren ist. Diese versuchen, die Medien einer Art paternalistischem System unterzuordnen und sehen JournalistInnen eher als kooperativ anstatt kritisch. Tats\u00e4chlich haben die Medien durch Reformen, Privatisierungen und das Aufkommen von Online-Plattformen augenscheinlich eine gr\u00f6\u00dfere Unabh\u00e4ngigkeit, jedoch entstanden so neue Abh\u00e4ngigkeiten von Akteuren der Elite. Auch die Interaktionen zwischen JournalistInnen und PolitikerInnen in Mittel- und Osteuropa wurde zu einer Hybridform der politischen Kommunikation, die von einer Two-Way statt von einer One-Way-Kommunikation gepr\u00e4gt ist. Mit Hybridform ist in diesem Fall gemeint, dass JournalistInnen auf der eine Seite zwar autonom arbeiten k\u00f6nnen und so auch mit investigativem Journalismus ihre demokratische Funktion wahrnehmen k\u00f6nnen, auf der anderen Seite sind die Medienm\u00e4rkte extrem von Kommerzialisierung und Tabloidisierung gepr\u00e4gt und auch die Wirtschaftskrise trug ihren Teil dazu bei, dass investigativer Journalismus bedeutungstechnisch in den Hintergrund r\u00fcckte. Dennoch sollte diese Rolle des investigativen Journalismus nicht untersch\u00e4tzt werden, denn auch er kann \u2013 wie auch der Boulevardjournalismus \u2013 von der Elite genutzt werden, um bestimmte Informationen zu beschaffen und andere Personen zu diskreditieren (siehe Kompromat).<\/p>\n<p><strong>3.1. Methode: Interviews von s\u00fcdosteurop\u00e4ischen JournalistInnen<\/strong><\/p>\n<p>Wie bereits \u00d6rnebring, so hat auch Camaj Interviews gef\u00fchrt. Nun jedoch nicht mit Mitgliedern der Elite, sondern mit insgesamt 60 JournalistInnen aus Albanien, Montenegro und dem Kosovo, wobei diese sowohl von privaten (also eher regierungskritischen) als auch von \u00f6ffentlich-rechtlichen (also eher regierungsfreundlichen) Medienh\u00e4usern kamen. Der Fokus lag bei der Befragung auf drei \u00fcbergeordneten Themen:<\/p>\n<ol>\n<li>Ihre pers\u00f6nliche Einsch\u00e4tzung ihres pers\u00f6nlichen und des Verh\u00e4ltnisses ihres Arbeitgebers mit der Regierung.<\/li>\n<li>Einsch\u00e4tzung ihrer eigenen Unabh\u00e4ngigkeit im Prozess der Nachrichtenauswahl.<\/li>\n<li>Erfahrungen w\u00e4hrend der Recherche zu Informationen, die Regierungssituationen betreffen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Die drei L\u00e4ndern wurden unter anderem deshalb ausgew\u00e4hlt, da sie alle im Rahmen des Modells von Hallin und Mancini in die Kategorie der mediterranen\/polarisierend pluralistischen Mediensysteme einzuordnen sind und vergangene Studien (vgl. Coman 2010, Gross 2008) zeigten, dass Balkanl\u00e4nder einige der h\u00e4rtesten F\u00e4lle repr\u00e4sentierten, was instrumentalisierte Medien angeht.<\/p>\n<p><strong>3.2. Ergebnisse: Das Machtverh\u00e4ltnis von Journalisten und Politikern<\/strong><\/p>\n<p>Die Auswertung der Interviews ergab grundlegend, dass das Verh\u00e4ltnis zwischen JournalistInnen und der politischen F\u00fchrung sich in den letzten Jahren enorm verbessert hat, was weitestgehend auf die nun vorhandene Two-Way-Kommunikation zur\u00fcckzuf\u00fchren, bei der ein beidseitiger Austausch von Informationen stattfinden kann. Dieses gilt allerdings nur f\u00fcr Montenegro und Albanien, was bei Ersterem mit dem Bestreben, fr\u00fcher oder sp\u00e4ter in die EU einzutreten, erkl\u00e4rt werden kann und im Falle Albaniens damit, dass der Premierminister daf\u00fcr sorgte, dass Mitglieder des Kabinetts JournalistInnen nicht mehr ohne Weiteres verklagen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Dennoch, und das ist die zweite Erkenntnis aus den Interviews, gibt es h\u00e4ufiger Probleme bei der Beschaffung von Information, was vor allem auf die zunehmende B\u00fcrokratisierung von Informationen bzw. dem Zugang zu diesen zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Als Beispiel f\u00fchren einige JournalistInnen an, dass man fr\u00fcher noch bei der entsprechenden Stelle anrufen konnte und man auf jeden Fall sicher sein konnte, dort sofort eine Information zu erhalten. Heute muss man sich wiederum an die PR-Abteilungen von Parteien und PolitikerInnen wenden und dort erh\u00e4lt man in den seltensten F\u00e4llen umgehend eine Antwort. Ein weiterer Faktor, der bei der Dauer der Informationsweitergabe eine Rolle spielt, ist die Art der Anfrage: Wenn es z. B. um Finanzen geht, dauert eine Antwort l\u00e4nger, was darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, dass Finanzen im Rahmen des Klientelismus ein entscheidender Faktor sind und man sich dort ungern in die Karten schauen l\u00e4sst geschweige denn dabei erwischt werden, gewisse Zahlungen zum eigenen Vorteil zu t\u00e4tigen. Eine gute Chance darauf, schneller die n\u00f6tigen Informationen zu bekommen, hat man allerdings dann, wenn man bereits eine angefangene Story hat.<\/p>\n<p>Die letzte zentrale Erkenntnis Camajs ist, dass Angriffe auf investigative Journalisten, die zu gro\u00dfen Teilen auch regierungskritisch agieren, in letzter Zeit deutlich zur\u00fcckgegangen sind. Dennoch kommt es nat\u00fcrlich vor, dass JournalistInnen vor der Ver\u00f6ffentlichung eines Artikels oder gar schon w\u00e4hrend des Rechercheprozesses von rangh\u00f6heren MitarbeiterInnen oder direkt von der politischen Elite dazu gedr\u00e4ngt, einen Artikel nicht zu ver\u00f6ffentlichen, da es sonst pers\u00f6nliche Konsequenzen h\u00e4tte. Mehrere interviewte JournalistInnen best\u00e4tigten dieses Vorgehen, indem sie auf Situationen verwiesen, in denen sie Artikel nicht ver\u00f6ffentlichen durften, da ihre Chefs einen Anruf von PolitikerInnen erhielten, denen eine Ver\u00f6ffentlichung des jeweiligen Artikels schaden w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>3.3. Fazit: JournalistInnen als schw\u00e4chstes Glied im Spektrum des Klientelismus\u2018<\/strong><\/p>\n<p>Die in 3.2. beschriebenen Zust\u00e4nde f\u00fchren insgesamt zu zweierlei Konsequenzen: Zum einen beschlie\u00dfen talentierte investigative Journalisten aus der Branche auszusteigen, da die Arbeitsbedingungen ihren Werten und Vorstellungen von Journalismus nicht mehr gerecht werden. Zum anderen werden sie durch j\u00fcngere, meist sehr unerfahrene JournalistInnen ersetzt, denen schlicht die Erfahrung fehlt, was sie auch angreifbarer f\u00fcr Druck von elit\u00e4ren Akteuren macht. Hier entsteht also ein kleiner Teufelskreis, dessen haupts\u00e4chlicher Profiteur die Politik ist, die weitestgehend unbehelligt im klient. System agieren kann.<\/p>\n<p>Insgesamt konnte Camaj also mit ihrer Studien Auswirkungen von klient. Verbindungen zwischen Medieneliten und der politischen Elite auf die Autonomie von JournalistInnen aufdecken. JournalistInnen m\u00fcssen sich demnach als letztes und schw\u00e4chstes Glied der Kette dem klient. System unterordnen, w\u00e4hrend die Eliten aus Politik und Medien zusammen die Medienagenda bestimmen. So bleibt f\u00fcr die JournalistInnen meist nur die Rolle als Werkzeug jener Eliten, mit dem politische Gegner bek\u00e4mpft werden k\u00f6nnen. Als Projekte, die diesem Prozess entgegenwirken, k\u00f6nnen beispielsweise \u201eBIVOL\u201c in Bulgarien oder das \u201eRise Project\u201c aus Rum\u00e4nien (mehr dazu an anderer Stelle dieses Blogs), die \u2013 h\u00e4ufig auch in Zusammenarbeit \u2013 investigative und unabh\u00e4ngige Recherchen betreiben und so effektiv Machtmissbr\u00e4uche offenlegen.<\/p>\n<p><strong>4. Korruption im Journalismus? Eine Einsch\u00e4tzung zur Situation in Deutschland<\/strong><\/p>\n<p>Obwohl Klientelismus und Korruption als Teil dessen vermeintlich eher Teil von polarisierend pluralistischen Mediensystemen sind, so ist auch der Journalismus in Deutschland nicht ganz gesch\u00fctzt vor klientelistischen Strukturen bzw. Vorg\u00e4ngen. Der Herausgeber der Zeitschrift \u201eMessage\u201c, Volker Lilienthal, versuchte im Rahmen einer Rede in der Handelskammer Hamburg auf Einladung von Transparency Deutschland einen Problemaufriss der Situation in Deutschland, wobei er nicht nur Probleme aufzeigte, sondern auch L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge lieferte.<\/p>\n<figure id=\"attachment_376\" aria-describedby=\"caption-attachment-376\" style=\"width: 354px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-376\" src=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/journalismus_moe\/files\/2019\/03\/Schaubild-300x116.jpg\" alt=\"\" width=\"354\" height=\"137\" srcset=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/journalismus_moe\/files\/2019\/03\/Schaubild-300x116.jpg 300w, https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/journalismus_moe\/files\/2019\/03\/Schaubild-768x297.jpg 768w, https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/journalismus_moe\/files\/2019\/03\/Schaubild.jpg 796w\" sizes=\"auto, (max-width: 354px) 100vw, 354px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-376\" class=\"wp-caption-text\">Quelle: http:\/\/www.message-online.com\/korruption-imjournalismus\/<\/figcaption><\/figure>\n<p>Gleich zu Beginn verweist er darauf, dass man in Deutschland mit der Vorstellung von Korruption im Journalismus vor allem den Begriff der \u201eL\u00fcgenpresse\u201c in Verbindung bringe, was jedoch nicht ganz richtig sei. Der Vorwurf derjenigen, die diesen Begriff verwenden, lautet oftmals, dass die Presse von den Eliten des Landes bezahlt und entsprechend gesteuert werde, womit einerseits der Elitenbegriff wieder aufgegriffen w\u00e4re und andererseits Zust\u00e4nde wie in der CEE-Region beschrieben werden. Jedoch d\u00fcrfe man nach Lilienthal nicht so leicht pauschalisieren und dem Journalismus generell Korruption unterstellen, da die wenigsten JournalistInnen oder MedienarbeiterInnen in Deutschland korrupt seien. Gleichzeitig relativiert er, dass sich nat\u00fcrlicherweise einzelne JournalistInnen oder Medienbetriebe auf Grund eigener Interessen und marktgetriebener Zw\u00e4nge offen f\u00fcr korrupte Handlungen zeigen bzw. sich generell f\u00fcr diese \u00f6ffnen. Als Beispiele nennt er hier den Automobil- und Modejournalismus als anf\u00e4llige Themenbereiche, aber auch Medizin- und Pharma- sowie der Sportjournalismus sind extrem anf\u00e4llige Felder, wobei er letzteres anhand eines Beispiels von J\u00fcrgen Klinsmann untermauert: Dieser sprach einst von \u201eInformationskorruption\u201c, womit die Gew\u00e4hrung von exklusiven Informationen im Gegenzug f\u00fcr gewogene Berichterstattung gemeint ist. Bleibt die Gew\u00e4hrleistung dieser Informationen aus, so schwenkt die Agenda des Sportjournalismus\u2018 sehr schnell um.<\/p>\n<p>Wirft man abseits der Journalismusgenres einen Blick auf die redaktionellen Vorg\u00e4nge, so kann beispielsweise auch der Leistungsaustausch von Anzeige gegen redaktionelle Berichterstattung als Korruption angesehen werden, da es gegen den Pressekodex verst\u00f6\u00dft. Aus diesem Grund sind die bereits zuvor genannten Advertorials auch \u00e4u\u00dferst kritisch zu sehen, da diese eine Mischform aus beidem sind und nicht entsprechend als Werbung gekennzeichnet werden. Im Kontext des Austausches von Anzeigen gegen Artikel sieht Lilienthal vor allem kleinere St\u00e4dte bzw. Landkreise und den dort ans\u00e4ssigen Redaktionen anf\u00e4lliger f\u00fcr Korruption. Ihr Vertrieb wird teilweise durch Anzeigen von \u00f6rtlichen Unternehmen finanziert, sodass diese Unternehmen mehr Macht auf die Redaktionen aus\u00fcben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Auch neuere Medienentwicklungen wie etwa soziale Netzwerke und die immer einfacher werdende M\u00f6glichkeit, User Generated Content zu entwickeln, kritisiert er. Hier entsteht ein Hybrid, der Werbung und Scheinjournalismus miteinander verkn\u00fcpft, wobei hier als Stichworte \u201eNative Advertising\u201c, \u201eSponsored Post\u201c und \u201ePaid Content\u201c genannt werden, bei denen es sich um eine Simulation von Journalismus handelt, die kommerzielle Botschaften als vermeintlich informierende Inhalte verpackt. F\u00fcr Lilienthal fallen diese Formate jedoch nicht unter den Deckmantel der Korruption, da es ja in den meisten F\u00e4llen ordnungsgem\u00e4\u00df gekennzeichnet wird. Jedoch wird die Wahrnehmung des Journalismus beim Publikum dadurch korrumpiert, was sich zum Beispiel dadurch \u00e4u\u00dfert, dass laut einer Standford Studie 80% der Sch\u00fcler davon ausgehen, dass es sich bei einem Sponsored Post um eine echte Nachrichtengeschichte handle. Nicht nur, dass das Ergebnis eine verzerrte Wahrnehmung beim jungen Publikum offenlegt, auch ein erheblicher Mangel an Medienkompetenz wird hier offensichtlich.<\/p>\n<p>Schlussendlich liefert Lilienthal einige Punkte, die prophylaktisch zu Gunsten eines korruptionsfreien Journalismus in Betracht gezogen werden k\u00f6nnen:<\/p>\n<ul>\n<li>Bessere finanzielle und personelle Infrastruktur f\u00fcr Redaktionen<\/li>\n<li>Angemessene Verg\u00fctung, auch von freien Autoren<\/li>\n<li>Keine betriebliche Ausgliederung von Redaktionen<\/li>\n<li>Tolerierung von Umsatzeinbu\u00dfen, z. B. bei Anzeigenboykott von einer aufgekl\u00e4rten Gesch\u00e4ftsleitung<\/li>\n<li>Nebent\u00e4tigkeiten m\u00fcssen genehmigt werden und es d\u00fcrfen keine Interessenskonflikte entstehen<\/li>\n<li>Klare r\u00e4umliche und inhaltliche Trennung zwischen Redaktion und Anzeigenabteilung<\/li>\n<li>H\u00f6here interne Transparenz<\/li>\n<li>Klare Richtlinien f\u00fcr jede Redaktion<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>5. Limitation und Kritik der Ans\u00e4tze<\/strong><\/p>\n<p>Wie bereits eingangs angedeutet, scheinen die Ans\u00e4tze von \u00d6rnebring und Camaj in Kombination einen guten \u00dcberblick \u00fcber den Themenkomplex \u201eKlientelismus in Mittel- und Osteuropa\u201c zu geben. Das ist jedoch nur stark eingeschr\u00e4nkt richtig: Zwar baut Camaj in Teilen sogar auf \u00d6rnebrings Studie auf, jedoch sind sie nur bedingt geeignet, um einen allumfassenden Blick auf die Thematik zu werfen.<\/p>\n<p>Das Problem bei \u00d6rnebring begr\u00fcndet sich vornehmlich darin, dass er Klientelismus nur von Seiten der Elite aus untersucht hat, also jener Seite, die von klientelistischen Prozessen besonders durch Steigerung der eigenen Macht profitiert. Nat\u00fcrlich kann man ihm das nicht vorwerfen, schlie\u00dflich war es sein Vorhaben, eben genau diese Seite zu untersuchen, allerdings limitiert es die F\u00e4higkeit, klientelistische Vorg\u00e4nge in der CEE-Region objektiv einzuordnen. Auch die Informationen selbst, die man durch die Interviews gewinnen konnte, sind \u2013 wie auch \u00d6rnebring selbst schon feststellte \u2013 mit Vorsicht zu genie\u00dfen, da Mitglieder der Elite kaum offen \u00fcber klientelistische Prozesse sprechen, an denen sie z. B. selbst beteiligt gewesen w\u00e4ren. Trotz der Vorsicht bei der Interpretation der Aussagen liefert \u00d6rnebrings Forschung dennoch einen brauchbaren \u00dcberblick \u00fcber die Tendenzen, die sich vor allem von Seiten der Elite in der CEE-Region bilden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Betrachtet man nun die Forschung von Lindita Camaj im Vergleich, so wird zwar die Perspektive der Journalisten eingenommen, also genau die entgegengesetzte Sichtweise zu der Elite, jedoch ist auch dieses im Kontext des Klientelismus in Mittel- und Osteuropa kritisch zu sehen. Ihre InterviewpartnerInnen kommen aus Montenegro, Albanien und dem Kosovo, die allesamt L\u00e4nder der Balkanregion sind, weshalb man sie, auch im Kontext dieses Blogs, nur bedingt zu den Staaten der CEE-Region zu z\u00e4hlen kann. Hinzu kommt \u2013 wiederum im Quervergleich mit \u00d6rnebring \u2013 dass die InterviewpartnerInnen hier aus v\u00f6llig anderen L\u00e4ndern kommen, sodass es schwer ist, die Machtverh\u00e4ltnisse im Rahmen der klientelistischen Systeme richtig einzuordnen, da man aus den betreffenden L\u00e4ndern keine Vergleichsm\u00f6glichkeiten von Mitgliedern der Elite hat. Das l\u00e4sst sich im \u00dcbrigen genauso auf \u00d6rnebrings Eliteinterviews umm\u00fcnzen, denen es ebenfalls an einem Gegenpol (Meinungen von JournalistInnen aus den entsprechenden L\u00e4ndern) mangelt.<\/p>\n<p>Volker Lilienthals Ansichten zur Korruption im deutschen Journalismus muss man kontextgerecht einordnen. Es handelt sich um eine Rede, bei der es anders als in geschriebenen Texten schwer m\u00f6glich ist, explizit auf Quellen einzugehen und diese in Kontext zu eigenen Einsch\u00e4tzungen zu setzen. Auch wenn es nur ein kurzer Eindruck ist, den man durch seine Rede bekommt, liefert er wichtige Punkte, die zum Verst\u00e4ndnis um die Problematik von Korruption und klientelistischen Vorg\u00e4ngen in deutschen Medien beitragen. Er stellt besonders anf\u00e4llige Journalismusgenres heraus, die durch ihre Strukturen und Vorgehensweisen eine besonders gro\u00dfe Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr Korruption bieten. Zudem verweist er auf die Probleme, mit denen kleinere Lokalredaktionen zu k\u00e4mpfen haben und liefert gleichzeitig Ans\u00e4tze zur Verbesserung der allgemeinen Lage. Doch auch wenn seine L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge erst einmal per se richtig und wichtig sind, so muss dennoch hinterfragt werden, wie man diese erreichen kann. Eine Verbesserung der Infrastruktur kann nur \u00fcber zus\u00e4tzliche finanzielle Mittel erreicht werden und wo sollen diese herkommen, ohne auch nur den leisesten Verdacht von Korruption zu wecken? Wie stellt man sicher bzw. wie kann man garantieren, dass einzelne JournalistInnen nicht einem korrupten Angebot verfallen?<\/p>\n<p>Insgesamt bleiben Klientelismus und Korruption Probleme, mit denen Medien und MedienarbeiterInnen \u00fcberall auf der Welt zu k\u00e4mpfen haben. Sicherlich manifestieren sich diese Probleme mancherorts offensichtlicher als anderswo, was auch an unterschiedlichen politischen Strukturen und Mediensystemen liegt, jedoch kann nie komplett ausgeschlossen werden, dass klientelistische Vorg\u00e4nge vonstatten gehen werden. Die hier dargelegten Studien und Ansichten liefern zumindest einen kleinen Einblick in die Problematik und liefern gute Forschungsans\u00e4tze, decken jedoch lange nicht alle Aspekte der Thematik ab.<\/p>\n<p><strong>6. Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Camaj, Lindita (2016): Between a rock and a hard place: Consequences of media clientelism for journalist-politician power relationships in the Western Balkans, in: Global Media and Communication (2016), Vol. 12(3), S. 229-246.<\/p>\n<p>Coman I (2010): Journalistic elites in post-communist Romania: From the heroes of the revolution to the media moguls. Journalism Studies 11(4), S. 587\u2013595.<\/p>\n<p>Gross P (2008): Back to the (uncertain) future: Politics, business and the media in Romania. Global Media Journal 1(4), S. 51\u201368.<\/p>\n<p>Kitschelt, H. &amp; Wilkinson, S. (2007): \u201cCitizen-Politician Linkages: An Introduction.\u201d, in: Patrons, Clients, and Policies, edited by Herbert Kitschelt and Steven I. Wilkinson, Cambridge, UK: Cambridge University Press. S. 1-49.<\/p>\n<p>Lilienthal, Volker (2017): Korruption im Journalismus? URL: <a href=\"http:\/\/www.message-online.com\/korruption-imjournalismus\/\">http:\/\/www.message-online.com\/korruption-imjournalismus\/<\/a> (Letzter Abruf: 21.03.2019)<\/p>\n<p>\u00d6rnebring, Henrik (2012): Clientelism, Elites, and the Media in Central and Eastern Europe. In: The International Journal of Press\/Politics 17 (4), S. 497\u2013515.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Sebastian Aum\u00fcller \u00d6rnebring, Henrik (2012): Clientelism, Elites, and the Media in Central and Eastern Europe. In: The International Journal of Press\/Politics 17 (4), S. 497\u2013515. 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