{"id":573,"date":"2010-08-14T19:27:00","date_gmt":"2010-08-14T18:27:00","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/?page_id=573"},"modified":"2010-08-18T13:44:01","modified_gmt":"2010-08-18T12:44:01","slug":"menschen-ohne-gesichter","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/?page_id=573","title":{"rendered":"Menschen ohne Gesichter"},"content":{"rendered":"<h2>Ein peruanischer Maler \u00fcber sein Leben in Berlin<\/h2>\n<p>von <strong>Angelina Zoi<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/ohnegesichter1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-579\" title=\"ohnegesichter1\" src=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/ohnegesichter1.jpg\" alt=\"\" width=\"420\" height=\"630\" srcset=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/ohnegesichter1.jpg 300w, https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/ohnegesichter1-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 420px) 85vw, 420px\" \/><\/a>In L\u00e4ndern wie Brasilien, Peru oder Kolumbien beschleunigt das Bev\u00f6lkerungswachstum gepaart mit einer ineffizienten und ertraarmen Landwirtschaft die Migrationsbewegungen. Fruchtbares Acker- und Weideland wird immer knapper, und die Ernten reichen oft nicht aus, um alle Menschen zu ern\u00e4hren. Unklare Bodenverh\u00e4ltnisse und ungerechte Verteilung verst\u00e4rken dieses Ph\u00e4nomen.<\/p>\n<p>Gut die H\u00e4lfte der Peruaner lebt unterhalb der Armutsgrenze und etwa 15 Prozent der 27 Millionen Einwohner haben nicht einmal einen Dollar t\u00e4glich zur Verf\u00fcgung. Um gut zu leben braucht man dort etwa 300 Dollar monatlich. Dieses Einkommen hat aber kaum jemand. Fr\u00fcher gab es einen sehr starken Rassismus in Peru, der sich gegen die Indianer richtete, obwohl die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung in Peru Indianer sind. Offizielle Dokumente gab es nur auf Spanisch. Heute hat sich die Situation ein bisschen ver\u00e4ndert. Die offiziellen Sprachen sind Spanisch und Quechua, die Sprache der Nachkommen der Inka.<\/p>\n<p>In den offiziellen deutschen Statistiken tauchen Peruaner nicht auf. Dennoch gibt es sie. Die meisten wandern von S\u00fcdamerika nach Spanien oder Italien aus. Dort finden sie leichter Arbeit. Deswegen gibt es in Deutschland nur wenige von ihnen.<\/p>\n<p>Einer von ihnen ist Cesar Consales Reyes. Er ist 50 Jahre alt, geschieden und hat einen Sohn, der in Hamburg lebt. Vor 32 Jahren ist er von Peru nach Deutschland gezogen. Er folgte seiner Schwester, die ihm vom guten Leben in Deutschland erz\u00e4hlt hatte. Er ist \u00fcberzeugt, dass er Nachkomme der Inka ist und zeigt auf seine Nase. \u201eWie bei einem Adler, gro\u00df und gebogen\u201c, lacht er und ist sichtbar stolz auf sein Wurzeln.<\/p>\n<p><strong>Familie. <\/strong>Seine ethnologische Ausbildung bekam er an der Freien Universit\u00e4t in Berlin. Urspr\u00fcnglich wollte Cesar in Deutschland als Ethnologe arbeiten, aber er fand keinen Job. Schlie\u00dflich machte er eine Ausbildung zum Koch, sp\u00e4ter konnte er davon auch seine Familie ern\u00e4hren. 14 Jahre war er mit einer Frau aus Finnland verheiratet, dann haben sie sich getrennt, weil er sich zu sehr f\u00fcr andere Frauen interessiert hat. Ihr gemeinsamer Sohn ist in Deutschland geboren, studiert Jura in Hamburg und hat eine finnische Freundin. \u201eIch mag Deutschland, weil es viele offene T\u00fcren gibt\u201c, sagt Cesar. \u201eMan kann sich hier realisieren.\u201c In Peru gebe es weniger solcher T\u00fcren und sie st\u00fcnden nur den Reichen offen. Dennoch war am Anfang das Leben in Deutschland schwer. \u201eMein Vater war beim Milit\u00e4r und hat mir Disziplin und Ordnung beigebracht\u201c, erinnert er sich an seine Kindheit. So habe er sich sehr schnell an die Besonderheiten der Deutschen gew\u00f6hnt. \u201eAber manche meiner Freunde k\u00f6nnen hier nicht leben und sind nach Peru zur\u00fcckgekehrt\u201c, bedauert er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong><a href=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/ohnegesichter21.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-580 alignright\" title=\"ohnegesichter2\" src=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/ohnegesichter21.jpg\" alt=\"\" width=\"420\" height=\"658\" \/><\/a>Arbeit. <\/strong>Dass er seit 20 Jahren von fr\u00fch bis sp\u00e4t in Restaurants arbeitet, scheint ihn nicht zu st\u00f6ren. \u201eDas wichtigste ist, dass mein Sohn eine gute Ausbildung bekommt. Er ist mein Leben\u201c, sagt Cesar. Nachdem er bei einem Fahrradunfall zwei Finger verlor hatte, konnte Cesar nicht weiter als Koch arbeiten. Sechs Monate hat er keine neue Arbeit gefunden. Er hatte Angst und geriet in Panik, weil er seine Familie unterst\u00fctzen musste. Doch mit seiner Energie schaffte er es, einen Restaurantbesitzer zu \u00fcberzeugen, ihn als Manager einzustellen. 14 Jahre arbeitete er als Manager. Heute ist er Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer eines mexikanischen Restaurants am Kurf\u00fcrstendamm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Kunst. <\/strong>Seine Lebensfreude holt sich Cesar aus der Kunst. Der st\u00e4mmige kleine Mann wirkt wie ein B\u00fcndel aus Kraft und Energie, wenn er vom Malen redet. Seit seiner Jugend zeichnet er, meist abstrakt und bunt. \u201eIch brauche die Kunst wie die Luft zum Atmen.\u201c Seine Motive w\u00e4hlt er aus der alten Heimat. Doch die Menschen auf seinen \u00d6lbildern haben keine Gesichter. Er wei\u00df, dass das Leben in Peru schwer ist. Seine Landsleute m\u00fcssen hart und viel arbeiten. \u201eDeswegen kann ich auf ihren Gesichtern nur Leiden und Furchen sehen. Diese Gesichter m\u00f6chte ich nicht zeigen.\u201c, sagt er. Das Wichtigste in seinen Bildern seien die Farben. Durch sie versuche er die Emotionen und Gef\u00fchle seiner Landsleute zu zeigen: das Leiden, die Liebe, die Unruhe und die Hoffnung. \u201eMeine alte Heimat ist die Motivation f\u00fcr meine Kunst in der neuen Heimat\u201c. Doch er hat wenig Zeit zum Malen, jeden Tag muss er arbeiten, auch an den Wochenenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Nachbarn.<\/strong> Dass er hier in Deutschland bleiben wolle, sei ihm klar geworden, nachdem er in einer Sendung des Rundfunks mit einem jungen Neonazi diskutiert hatte. Der junge Mann behauptete, alle Ausl\u00e4nder zu hassen, weil sie im Falle einer schwierigen politischen Situation Deutschland den R\u00fccken kehren w\u00fcrden. Doch Cesar ist sich sicher: \u201eIch werde niemals wieder gehen, denn meine Verwandten und Freunde leben hier.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Durch seine ethnologische Ausbildung sind Cesar die Unterschiede zwischen Peruanern und Deutschen klar: Die Deutschen sparen, Peruaner nicht. Peruaner sind freundlich und offen. Deutsche w\u00fcrden andere nicht so schnell zum Essen einladen, Peruaner unbedingt. Die peruanische Bev\u00f6lkerung denke nicht lange \u00fcber das Heiraten nach. Wenn jemand einen anderen liebt, heiratet er einfach und \u00fcberlegt nicht, ob es praktisch sei oder nicht. \u201eDie Deutschen interessieren sich f\u00fcr die ganze Welt, aber meistens kennen sie nicht mal die Namen ihres Nachbarn\u201c, meint Cesar. Er denkt, dass die Deutschen trocken, individuell und egoistisch seien. Die typischen Peruaner denken nicht an morgen. Sie analysieren nicht viel. \u201eWenn sie etwas sp\u00fcren, machen sie es\u201c, sagt er.<\/p>\n<h2>Die Autorin<\/h2>\n<address><a href=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/Angelina-Zoi-Portr\u00e4t12.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-582\" title=\"Angelina Zoi Portr\u00e4t1\" src=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/Angelina-Zoi-Portr\u00e4t12.jpg\" alt=\"\" width=\"122\" height=\"174\" \/><\/a> <\/address>\n<address>Angelina Zoi ist im Stavropoler Gebiet, in Russland, geboren. Sie studierte Journalistik an der Fakult\u00e4t f\u00fcr <\/address>\n<address>Internationale Bezieungen in Bischkek, Kirgisien. Nach ihrem Studium lernte sie 1 Jahr lang PR in Moskau. Jetzt <\/address>\n<address>schreibt sie f\u00fcr die Zeitung &#8222;Russische Koreaner&#8220; und die Zeitschrift &#8222;Business in den GUS-Staaten und im Baltikum&#8220;, in Moskau.<\/address>\n<address>\n<\/address>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein peruanischer Maler \u00fcber sein Leben in Berlin von Angelina Zoi In L\u00e4ndern wie Brasilien, Peru oder Kolumbien beschleunigt das Bev\u00f6lkerungswachstum gepaart mit einer ineffizienten und ertraarmen Landwirtschaft die Migrationsbewegungen. Fruchtbares Acker- und Weideland wird immer knapper, und die Ernten reichen oft nicht aus, um alle Menschen zu ern\u00e4hren. 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