{"id":596,"date":"2010-08-23T13:29:05","date_gmt":"2010-08-23T12:29:05","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/?page_id=596"},"modified":"2010-08-23T13:29:05","modified_gmt":"2010-08-23T12:29:05","slug":"zwei-zuhause-eine-heimat","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/?page_id=596","title":{"rendered":"Zwei Zuhause &#8211; eine Heimat"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><strong>Offizierssohn Roman blieb ohne Eltern in Berlin \u2013 illegal und ohne Arbeit<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/2zuhause2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-597\" title=\"2zuhause2\" src=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/2zuhause2.jpg\" alt=\"\" width=\"420\" height=\"315\" \/><\/a>\u201eIch hatte gerade die Schule beendet, als mein Vater mich gefragt hat, ob ich mit der Familie nach Russland zur\u00fcck gehen will.\u201c Roman Bayer \u00fcberlegte nicht l\u00e4nger als f\u00fcnf Minuten. Er wollte bleiben. \u201eDaraufhin hat mein Vater gesagt: Da sind deine Sachen, dort ist der Ausgang.\u201c Was f\u00fcr ihn der Beginn eines neuen Lebens war, war f\u00fcr eine halbe Millionen sowjetische Milit\u00e4rangeh\u00f6rige das Ende einer Epoche. Und mit ihr begann Romans Odyssey durch Deutschland. Sein Vater Valentin Majorow war Offizier in einer Potsdamer Garnison und lebte dort mit seiner Frau und zwei Kindern. Den Befehl, nach Hause zur\u00fcckzukehren, bekam er im Winter 1992. Innerhalb eines Monats sollten sie in Moskau sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Jetzt ist Roman 36 Jahre alt und lebt seit 20 Jahren selbstst\u00e4ndig in Deutschland. Er spricht Deutsch mit kaum bemerkenswertem Akzent und manchmal verwechselt er die Betonung der russischen W\u00f6rter. Roman war zwei Jahre alt, als sein Vater seinen Dienst in Deutschland angetreten hatte. Mit 18 hat er ihn vor die Wahl gestellt. Die Unbestimmtheit des Lebens in der russischen Heimat, die er nur nach den Erz\u00e4hlungen der Eltern kannte, schreckte ihn mehr als die Unbestimmtheit in der deutschen Fremde, welche ihm klar und gewohnt war. \u201eDie Sowjetunion war zusammen gebrochen, ich wusste nicht, was ich dort h\u00e4tte tun k\u00f6nnen\u201c, erinnert er sich. Roman ist in Potsdam geblieben, illegal, ohne Deutschkenntnisse, mit dem Pass eines untergegangenen Landes mit abgelaufenem Visum und mit 20 Mark in der Tasche. \u201eEs war mein Sprung ins Leben\u201c, wiederholt Roman h\u00e4ufig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Immer wieder tr\u00e4umte er davon, seine Eltern zu sehen. Doch erst elf Jahre sp\u00e4ter konnte er das erste Mal nach Moskau reisen. Diese langen Jahre lassen sich mit einem Wort beschreiben: \u201eKampf\u201c. Zuerst hat er Asyl beantragt und mit Fl\u00fcchtlingen aus Jugoslawien und Ghana zusammen gelebt. F\u00fcr Asylbewerber ist es verboten, zu arbeiten und die Stadt zu verlassen. Roman begann deshalb eine illegale Arbeit als Autow\u00e4scher. Sp\u00e4ter hat er eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen, jetzt ist er Regionalmanager f\u00fcr Entwicklung bei einem gro\u00dfen Mobilfunkanbieter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/2zuhause1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-598\" title=\"2zuhause1\" src=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/2zuhause1.jpg\" alt=\"\" width=\"420\" height=\"314\" \/><\/a>Aber es h\u00e4tte auch anders kommen k\u00f6nnen: \u201eIm Migrationsamt haben sie mir als einzige Variante die Abschiebung angeboten.\u201c Er ist sicher, dass er nur bleiben konnte, weil er Optimist ist. \u201eIch wei\u00df, wenn jemand Nein sagt, ist eine positive Antwort trotzdem noch m\u00f6glich. Man muss es einfach versuchen\u201c, spricht er in leichtem Ton \u00fcber sein zur\u00fcckliegendes Leben, wohl weil man sich gew\u00f6hnlich nur an das Gute in der Vergangenheit erinnern m\u00f6chte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Roman versichert, dass er sich niemals als Migrant gef\u00fchlt habe, obwohl er in Luckenwalde, einer Kleinstadt nahe Berlin, als einziger Russe lebte. \u201eIch habe das Ziel gehabt, mich hier so bald wie m\u00f6glich anzupassen. Integration kann man auf Kursen nicht lernen\u201c, sagt er. Diesen Weg m\u00fcsse man selbst erleben. \u201eMan darf sich von der Gesellschaft nicht ausschlie\u00dfen lassen, muss Freunde und Arbeit finden\u201c, ist er \u00fcberzeugt. \u201eUnd die Hauptsache ist, seine Pers\u00f6nlichkeit nicht zu verlieren.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Roman hat Russland immer als Ausl\u00e4nder betrachtet, bis er ein Jahr in Moskau gelebt hat. Dort hat er zum ersten Mal im Leben einem Polizisten Schmiergeld gegeben. Die russische Mentalit\u00e4t ist ihm fremd \u201eDennoch ist Russland meine Heimat.\u201c Er sieht darin keinen Widerspruch: \u201eIch habe zwei Zuhause, aber nur eine Heimat: Wenn ich nach Moskau fahre, fahre ich nach Hause. Nach Berlin kehre ich zur\u00fcck, wie nach Hause.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Pl\u00f6tzlich wird er nachdenklich: \u201eJetzt erinnere ich mich an mein ganzes Leben, meine Entscheidung, zu bleiben, ohne Sprachkenntnisse und absolut illegal.\u201c Es schockiert ihn immer noch und er ist sich sicher: \u201eJetzt k\u00f6nnte ich das nicht mehr. Aber in der Jugend wei\u00dft du noch nicht, dass das Leben kein so einfaches Ding ist.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<h2 style=\"text-align: justify\">\n<p>Die Autorin<\/p>\n<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<address><a href=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/2zuhauseportraet.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-599\" title=\"2zuhauseportraet\" src=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/2zuhauseportraet.jpg\" alt=\"\" width=\"131\" height=\"162\" \/><\/a><\/address>\n<address> <\/address>\n<address>Ksenia Powarenkina wurde 1985 in Pervouralsk, im Uraler Gebiet geboren. Sie studierte Kunstwissenschaft an der Charkower Staatlichen Design und Kunst Akademie. W\u00e4hrend des Studiums besch\u00e4ftigte sie sich mit Kunst-Journalistik. In Pervouralsk arbeitet sie beim Radiosender \u201eSvezhij veter\u201c als Nachrichtenredakteurin und Moderatorin.<\/address>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Offizierssohn Roman blieb ohne Eltern in Berlin \u2013 illegal und ohne Arbeit \u201eIch hatte gerade die Schule beendet, als mein Vater mich gefragt hat, ob ich mit der Familie nach Russland zur\u00fcck gehen will.\u201c Roman Bayer \u00fcberlegte nicht l\u00e4nger als f\u00fcnf Minuten. 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