{"id":672,"date":"2010-08-18T14:54:57","date_gmt":"2010-08-18T13:54:57","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/?page_id=672"},"modified":"2010-08-23T11:00:16","modified_gmt":"2010-08-23T10:00:16","slug":"die-welt-zwingt-sich-zu-drehen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/?page_id=672","title":{"rendered":"Die Welt zwingt, sich zu drehen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">von <strong>Xenia Saljukowa<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/b2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-673\" title=\"b2\" src=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/b2.jpg\" alt=\"\" width=\"315\" height=\"420\" srcset=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/b2.jpg 315w, https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/b2-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 315px) 85vw, 315px\" \/><\/a>In einem kleinen Klub im Keller eines Kreuzberger Wohnhauses dr\u00e4ngen sich so viele Leute, dass ein Durchkommen kaum m\u00f6glich ist. Die niedrigen R\u00e4ume erinnern mehr an eine Sauna, als an eine Diskothek. T-Shirts kleben an den K\u00f6rpern, der Schwei\u00df tropft von der Decke, und auf die angelaufenen T\u00fcren lie\u00dfen sich Hieroglyphen zeichnen. Durch die schwitzenden K\u00f6rper hindurch dr\u00e4ngt sich Natalia Pomozowa zum Pult des DJs. Die schlanke Blondine will sehen, wie er arbeitet, welche Platten er heute spielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Natalia ist 25 Jahre alt und selbst DJ, K\u00fcnstlerin und Designerin. Eigentlich stammt sie aus Lettland, aus der Hauptstadt Riga. In Berlin ist sie seit drei Jahren, um an der Berliner Hochschule f\u00fcr Technik und Wirtschaft Kommunikation zu studieren. \u201eViele Musiker, DJs und K\u00fcnstler kommen hierher\u201c, erz\u00e4hlt Natalja. \u201eIn letzter Zeit wird Berlin h\u00e4ufig mit New York auf eine Stufe gestellt\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Auf Partys kommt Natalia nicht nur weil sie Lust darauf hat, sondern auch, um neue musikalische Ideen zu sch\u00f6pfen. Die Flyer, die Natalia interessant erscheinen, hebt sie gerne auf. Es sind wahrscheinlich schon 200 St\u00fcck an der Zahl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Klub, in dem Natalia diesen Abend verbringt, hei\u00dft \u201eKleine Reise\u201c. Er wurde in Kreuzberg vor ein Paar Monaten er\u00f6ffnet. Der DJ ist ein junger deutscher Typ und nennt sich \u201eMotor City Drum Encemble\u201c. Heute spielt er eine lebendige Mischung aus verschiedenen Stilen, zwischen noch nie geh\u00f6rten Disco-Tracks, klassischem House und Detroit-Techno. Natalia tanzt ohne Unterbrechung. Ihre Haare sind zerzaust, das T-Shirt klebt ihr am K\u00f6rper, die Augen brennen. \u201eIch bin seit ich 14 in den Klubs\u201c, sagt das M\u00e4dchen lustvoll. \u201eDiese musikalische Energie, die Vibrationen gefallen mir sehr. Auf dem Tanzboden f\u00fchlt man die Bewegung des Lebens, empfindet, wie die Welt sich dreht.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Zahl der Berliner Klubs ist beinahe unendlich: einige existieren Jahrzehnte, andere arbeiten einige Monate, werden geschlossen, \u00e4ndern ihren Namen und \u00f6ffnen wieder neu. Doch es ist nicht einfach, zur Klubszene zu geh\u00f6ren. Die Zahl der DJ\u2019s ist gro\u00df, die Konkurrenz ist stark.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eEs sind Leute die sich ziemlich ehrgeizig mit Eigenwerbung besch\u00e4ftigen. Sie lassen ihre Promo-CD\u00b4s\u00a0 in den Klubs und warten darauf, eingeladen zu werden\u201c, erz\u00e4hlt Natalia. \u201eDoch es ist sehr wichtig, sich nicht aufzudr\u00e4ngen. Es ist der schrecklichste Fehler, den ein Mensch in Berlin begehen kann.\u201c Natalia wirbt nicht f\u00fcr sich selbst. Sie hat einen eigenen Plattenspieler erst seit anderthalb Jahren. Bis dahin konnte sie von der lieben Technik nur tr\u00e4umen. Doch DJ-ing ist f\u00fcr sie mehr ein Hobby, als ein Handwerk. Aber es ist ein sehr wichtiges Hobbys! Sie geht viel lieber Schallplatten kaufen, als Klamotten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eAls ich das letzte Mal in einem Klub gespielt hatte, habe ich gesehen, wie gl\u00fccklich die Leute l\u00e4cheln. Ich habe gef\u00fchlt, dass ich ihnen etwas gebe, das sch\u00f6n ist. In solchen Momenten empfinde ich mich wie eine Quelle der universellen Liebe\u201c, sagt Natalia und ihren slawischen Gesichtsz\u00fcgen leuchten vor Begeisterung. \u201eIch f\u00fchle mich stark vom DJ-Pult angezogen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das M\u00e4dchen ist \u00fcberzeugt, dass jeder in Berlin fr\u00fcher oder sp\u00e4ter seine Nische finden kann. Daf\u00fcr muss man eine einfache Bedingung erf\u00fcllen: Man muss wissen, was man wirklich will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eWenn du kein konkretes Ziel hast und herkommst, um dich selbst zu finden, gehst du ganz schnell verloren\u201c, ist Natalia \u00fcberzeugt. \u201eNiemand wird dir helfen. Weil Berliner sich nicht f\u00fcr verlorene Leute interessieren.\u201c Ihre gro\u00dfen klaren Augen wandern am arabischen Kellner vorbei, ein L\u00e4cheln geht \u00fcber ihre vollen Lippen.<a href=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/b1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-674\" title=\"b1\" src=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/b1.jpg\" alt=\"\" width=\"315\" height=\"420\" srcset=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/b1.jpg 315w, https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/b1-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 315px) 85vw, 315px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Noch ein Geheimnis des Erfolges ist die Unabh\u00e4ngigkeit von fremden Meinungen. Natalia ist keine geborene Deutsche. Ihre Familie ist nach Deutschland emigriert, als sie acht Jahre war. Sie hat ihr erstes deutsches Jahr in einer Spezialklasse f\u00fcr Migranten verbracht. Die neue Sprache hat sie dort schnell gelernt. Sie war die erste aus der Gruppe, die in eine deutsche Klasse gewechselt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eDie neuen Klassenkameraden waren sehr voreingenommen\u201c, erinnert sich Natalia ohne Bedauern. \u201eIch habe mich oft fremd gef\u00fchlt und war nur mit Au\u00dfenseitern befreundet.\u201c Aber sie hat nie an sich gezweifelt: \u201eIch habe gewusst, dass nicht ich das Problem bin, sondern sie.\u201c Zu jener Zeit erschien die Musik in ihrem Leben. Wenn sie freie Zeit hatte, war sie in den Clubs der Stadt unterwegs, um Musik zu h\u00f6ren und musikalische Vibrationen einzufangen. Mit 15 verstand sie, dass sie selbst Musik machen m\u00f6chte. Der Weg von diesem ersten Wunsch nach eigenen Kompositionen bis zum ersten Plattenspieler dauerte zehn Jahre.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eIn dieser Zeit habe ich eine einfache Sache gelernt\u201c, sagt Natalia. \u201eF\u00fcr die Erf\u00fcllung von W\u00fcnschen ist manchmal viel Zeit notwendig. Doch der Wunsch muss wie die Pflanze aus einem Samen sprie\u00dfen, sich durch die Schicht der Erde dr\u00e4ngen, sich zum Licht hin ausdehnen. Nur dann wird es Fr\u00fcchte tragen.\u201c Wesentlich ist das Vergn\u00fcgen nicht nur am Ergebnis, sondern auch am Prozess selbst. Manchmal braucht man zehn Jahr daf\u00fcr.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify\">\n<p>Die Autorin<\/p>\n<\/h2>\n<address><strong>Ksenia Saljukowa <\/strong>ist in der Stadt Tomsk in Sibirien geboren und aufgewachsen. Von 2004 bis 2009 hat sie in der Tomsker Staatlichen Universit\u00e4t Journalismus studiert. Von 2006 bis heute arbeitet sie als Redakteurin in der st\u00e4dtischen Wochenzeitung \u00abDie Tomsker Nachrichten\u00bb.<\/address>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Xenia Saljukowa In einem kleinen Klub im Keller eines Kreuzberger Wohnhauses dr\u00e4ngen sich so viele Leute, dass ein Durchkommen kaum m\u00f6glich ist. Die niedrigen R\u00e4ume erinnern mehr an eine Sauna, als an eine Diskothek. 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