{"id":708,"date":"2010-08-23T11:19:36","date_gmt":"2010-08-23T10:19:36","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/?page_id=708"},"modified":"2010-09-11T19:45:23","modified_gmt":"2010-09-11T18:45:23","slug":"ich-bin-deutsch-und-judisch-judisch-und-deutsch","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/?page_id=708","title":{"rendered":"\u00bbIch bin deutsch und j\u00fcdisch, j\u00fcdisch und deutsch\u00ab"},"content":{"rendered":"<h2>Mutter und Sohn erfahren unterschiedliche Migrationen zum selben Ziel<\/h2>\n<p>Von <strong>Anna Mageras<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ursula Beyrodt, heute 78, kann die zwei M\u00e4nner noch vor sich sehen, die an einem Abend im November 1938 in die Wohnung ihrer Eltern traten und sich im Wohnzimmer breit machten. \u201eMutti, die M\u00e4nner sehen so d\u00fcster aus\u201c, soll sie damals gesagt haben, konnte jedoch als F\u00fcnfj\u00e4hrige nicht ahnen, dass diese M\u00e4nner von der Gestapo gekommen waren, um ihren Vater zur Deportation ins Konzentrationslager Sachsenhausen zu f\u00fchren. Frau Beyrodt kann sich auch noch daran erinnern, wie ihr Vater kurz vor Weihnachten desselben Jahres mit kahl geschorenem Haupt nach Hause zur\u00fcckkehrte, und von ihrer Mutter in die Arme geschlossen wurde.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify\"><a href=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/anna-mageras-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-710\" title=\"anna mageras 1\" src=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/anna-mageras-1.jpg\" alt=\"\" width=\"420\" height=\"315\" srcset=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/anna-mageras-1.jpg 1024w, https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/anna-mageras-1-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 420px) 85vw, 420px\" \/><\/a><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Familie war es trotz seiner R\u00fcckkehr klar, dass die Gefahr noch lange nicht vor\u00fcber war. So entschlossen sich die Eltern, ihre zwei T\u00f6chter mit dem Kindertransport nach England in Sicherheit zu bringen. Die M\u00e4dchen kamen 1939 an der Nordwestk\u00fcste Englands an und wurden mit anderen Fl\u00fcchtlingskindern in einem Heim untergebracht, das von der dortigen j\u00fcdischen Gemeinde geleitet und finanziert wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Als der Krieg endlich endete, befand sich das Heim pl\u00f6tzlich in Aufl\u00f6sung. \u201eAlle anderen M\u00e4dchen im Heim hatten ihre Eltern in den KZs verloren\u201c, erinnerte sich Ursula Beyrodt, deren Vater zwei KZ-Inhaftierungen \u00fcberlebt hatte. \u201eUnd viele von ihnen sagten, nach Nazi-Deutschland w\u00fcrden sie nie zur\u00fcckgehen.\u201c Einige blieben in England, wo sie sich verlobt oder verheiratet hatten, andere wanderten zu Verwandten in die USA oder nach Pal\u00e4stina aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Emigration hatte Beyrodts Eltern auch kurz vorgeschwebt. Sie hatten zu dem Zweck schon vor Kriegsbeginn ihre Wohnung in Berlin aufgegeben und waren nach Hannover gezogen, wo sie einer j\u00fcdischen Gartenbauschule beitraten. Dort wollten sie einen praktischen Beruf lernen, mit dem sie im Ausland ihren Unterhalt h\u00e4tten verdienen k\u00f6nnen. Mit dem Kriegsausbruch wurden jedoch alle Hoffnungen auf eine Flucht zerst\u00f6rt.<br \/>\n1945 erfuhr die Familie noch mal einen Schock, als der Vater zum zweiten Mal von den Nazis festgenommen und diesmal ins Konzentrationslager Theresienstadt gebracht wurde. Er entkam der Deportation nach Auschwitz gerade noch, weil die Rote Armee das Lager rechtzeitig befreien konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Trotz ihrer Erlebnisse schien mit der deutschen Niederlage 1945 der Wunsch nach Auswanderung zu verschwinden und Vater und Mutter stellten sich auf die Fortsetzung ihres Familienlebens in Deutschland ein. \u201eMeine Eltern haben immer, selbst in den schlimmsten Zeiten, an das bessere Deutschland geglaubt. Sie haben wirklich unterschieden zwischen den Deutschen und den Nazis\u201c, erkl\u00e4rte Beyrodt. Vor allem die Zivilcourage einzelner nichtj\u00fcdischer Deutscher erm\u00f6glichte es ihnen. w\u00e4hrend der NS-Zeit auf dieser Einstellung zu verharren. Sie erinnert sich zum Beispiel an den Hausmeister eines Krankenhauses, der das Ehepaar w\u00e4hrend Bombenangriffen in den Keller des Hospitals lie\u00df. \u201eDas war ein alter Sozialdemokrat aus altem Schrot und Korn\u201c, sagte Ursula Beyrodt. \u201eUnd der hat auch was riskiert.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Statt nach Israel auszuwandern und dort wom\u00f6glich arbeitslos mit dem ihm unbekannten Hebr\u00e4isch zu k\u00e4mpfen, wollte der Vater also lieber als Richter am Wiederaufbau eines demokratischen Deutschlands mitarbeiten. Er habe nach 1945 dem deutschen Rechtsstaate vertraut. Ihre Mutter hat ihrerseits bei der Demokratisierung geholfen, indem sie b\u00fcrokratisch die moralische Belastung deutscher B\u00fcrger ausgewertet und dadurch den Entnazifizierungsprozess vorangebracht hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Von dieser \u00dcberzeugung ihrer Eltern ausgehend, kehrten Ursula Beyrodt und ihre Schwester 1947 nach Deutschland zur\u00fcck. Dort erwartete sie das dem Bildungsb\u00fcrgertum heilige Studium, welches zu einer juristischen Laufbahn f\u00fchren sollte, und vor allem nat\u00fcrlich eine Familie. Doch die musste nach so langer Trennung erstmal wieder zusammenwachsen, und sich fast von neuem kennen lernen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die damals vierzehnj\u00e4hrige Ursula hatte die deutsche Muttersprache fast ganz vergessen und die Worte, die ihr wieder einfielen, kamen aus dem Sprachschatz einer Sechsj\u00e4hrigen. Sie f\u00fchlte sich durchaus noch als Engl\u00e4nderin. Dennoch verhalfen ihr unter anderem die Einf\u00fchlsamkeit ihrer Mutter, die enge Freundschaft mit einer Mitsch\u00fclerin und die nette Aufnahme durch ihre Klassenkameradinnen (von denen einige noch kurz vorher BdM-F\u00fchrerinnen gewesen waren) zu einer allm\u00e4hlichen Eingew\u00f6hnung. Das Gef\u00fchl, absolut Deutsche zu sein, wuchs langsam nach.<br \/>\n\u201eVor allem hatte ich dieses Gef\u00fchl, ein richtiges Zuhause zu haben und nicht mehr ein Heimkind zu sein\u201c, sagte Beyrodt. \u201eIch war pl\u00f6tzlich jemand.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Und zu diesem Jemand geh\u00f6rte auch weiterhin im Nachkriegsdeutschland das Judentum. Im englischen Heim hatte der j\u00fcdische Religionsunterricht eine gro\u00dfe Rolle gespielt. Die stundenlangen Schabbatgottesdienste hatten Ursula Beyrodt zwar gelangweilt, daf\u00fcr hatte sie die Bedeutsamkeit des Kiddusch, der Freitagszeremonie, verinnerlicht und f\u00fchrte sie in ihrer Familie ein. \u201eHeute bin ich dankbar daf\u00fcr, dass ich damals so viel gelernt habe, denn in unserer liberalj\u00fcdischen Gemeinde bin ich unter den wenigen, die die Gebete beherrschen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Allerdings wurde der Glaube f\u00fcr die Familie immer mehr zur Privatangelegenheit, da es nach dem Krieg nur orthodoxe Synagogen gab und das liberale Judentum gr\u00f6\u00dftenteils ausgewandert war. \u201eEs ist ja immer so: Nach Verfolgungszeiten ist meistens eine R\u00fcckkehr zum Strenggl\u00e4ubigen da\u201c, meinte Beyrodt dazu.<br \/>\nDiese Entwicklung passte jedoch insbesondere ihrem Vater nicht: \u201eImmer wenn Feiertage waren sagte meine Mutter: \u201aFritz, wir m\u00fcssen in die Synagoge gehen.\u2019 Und dann sagte mein Vater, \u201aIch w\u00fcrde ja gerne, aber die ganze Nazizeit \u00fcber, au\u00dfer in der KZ-Zeit, sind wir zusammen gewesen. Aber in der Synagoge sitze ich unten und du musst oben sitzen.\u2019 Das hat ihn immer gest\u00f6rt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die graduelle Abwendung von der orthodoxen Gemeinde, sowie mangelnder Kontakt zu anderen liberalen Juden f\u00fchrte schlie\u00dflich dazu, dass Ursula einen Protestanten in einer Kirche heiratete. Obwohl sie eine Zeit lang noch gemeinsam freitags den Schabbat feierten, sahen sich Ursula und ihr Mann gen\u00f6tigt, ihre Kinder christlich aufzuziehen. Sie bef\u00fcrchteten, ihre beiden S\u00f6hne w\u00fcrden sonst sp\u00e4ter vor den gleichen Problemen stehen und in einer nicht-j\u00fcdischen Umgebung ohne wirkliche Gemeinschaft leben und wom\u00f6glich auch deshalb Schwierigkeiten bei der Partnersuche haben. Religion als solche war ihr dennoch wichtig und so wurden beide Kinder getauft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ihre vereint j\u00fcdisch-deutsche Identit\u00e4t pflegte sie zwar innerlich, aber es dauerte einige Jahrzehnte bis Ursula Beyrodt diese Facette ihrer Person endlich \u00f6ffentlich und gemeinschaftlich ausleben konnte. Erst 1995, als ihr Mann schon verstorben war, wurde sie erneut zu einem aktiven Mitglied einer j\u00fcdischen Gemeinde, der ersten liberalj\u00fcdischen Gemeinde Hannovers. In diesem religi\u00f6sen Milieu, wo beide Geschlechter gleichberechtigt sind, konnte sie sich geistlich wieder richtig entfalten: \u201eIch war die erste Frau, die in der neuen Gemeinde dazu aufgerufen wurde, aus der Tora zu lesen. Erst als ich das erste Mal vor der aufgeschlagenen Tora stand, merkte ich, dass ich vorher immer nur Zuschauerin gewesen war.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Erst nach dem Wiedererwachen liberalj\u00fcdischen Lebens im Deutschland der Neunziger Jahre begann sich auch Ursulas Sohn Gerald, jetzt 42, erstmals dem Judentum auf pers\u00f6nlicher Ebene anzun\u00e4hern. \u201eAls Kind, als Jugendlicher, hab ich das Judentum eher als etwas Belastendes erlebt und die positiven, lebensbejahenden Seiten, die es hat, gar nicht mitbekommen. Ich habe erst sp\u00e4ter angefangen mir alles anzugucken und finde es jetzt sehr sch\u00f6n\u201c, sagte Gerald Beyrodt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Geralds Weg zum Glauben Moses entwickelte sich jedoch nicht direkt aus seiner Abkehr vom Christentum. Er erinnerte sich: \u201eIch war recht intensiv mit der Kirche befasst, aber ich habe wohl mit zwanzig gemerkt, dass der christliche Opfergedanke nicht so f\u00fcr mich ist. Dann hatte ich viele Jahre nichts mit Religion zu tun. In den letzten zehn Jahren bin ich ins Judentum wieder rein gewachsen.\u201c Er meinte, seine Zuwendung habe sicherlich viel sowohl mit der erneuten Mitgliedschaft seiner Mutter in der liberalj\u00fcdischen Gemeinde zu tun, wie auch mit Erfahrungen, die er durch seine Arbeit als freier Journalist j\u00fcdischer Themen gemacht habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Gerald und seine Mutter sind auf verschiedene Art und Weise zu ihrer gemeinsamen Religion gekommen und gehen ihre Aus\u00fcbung dementsprechend auch unterschiedlich an. \u201eNicht, dass der Glaube mir wichtiger ist\u201c, \u00fcberlegte Gerald. \u201eEr spielt nat\u00fcrlich eine andere Rolle f\u00fcr mich. Ich denke, meine Mutter hat eine geradezu w\u00fctende Abneigung gegen das Rituelle am Judentum. Aber ich glaube, die Rolle der Rituale ist schon manchmal sehr wichtig.\u201c Gerald isst so koscher wie m\u00f6glich. Am Schabbat sucht er weitgehend Ruhe von Arbeit und Alltag, obwohl er ans Telefon geht und auch S-Bahn f\u00e4hrt, wenn es sein muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Er findet jedoch, dass Tradition und Glauben im Gleichgewicht stehen m\u00fcssten. Er erkl\u00e4rte: \u201eWir sprechen viele Gebete und fast alle davon gehen los mit \u201aBaruch atah Adonai,\u2019 also \u201aGelobt seiest Du Ewiger.\u2019 Wenn ich das spreche, muss es schon irgendeine Form von Realit\u00e4t f\u00fcr mich haben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Anders als im Christentum wird im eher intellektuellen Judentum vor allem ein reflektierter Glauben betont. Dies traf auch ziemlich genau Geralds Anspr\u00fcche: \u201eIch habe mich j\u00fcdisch Jakov genannt, also Jakob. Es gibt diese Geschichte, in der Jakob mit Gott ringt. Sie hat mich besonders interessiert. Ich war in meinem Leben sicher schon Atheist oder hatte meine atheistischen Momente und finde, dass Zweifeln dazu geh\u00f6rt und es genauso wichtig ist, wie die gl\u00e4ubigen Momente und genauso positiv.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Egal, ob es um solche komplexen Glaubensfragen oder um einfache Traditionen geht, stellt das Judentum f\u00fcr viele Deutsche immer noch das Andere und Unbekannte dar. \u201eEs gibt bei vielen Menschen einfach enorm viel Unkenntnis\u201c, sagte Ursula Beyrodth.. \u201eDa existieren zum Teil ganz abenteuerliche Vorstellungen.\u201c Gerald pflichtet ihr bei, dass viele Deutsche immer noch Juden mit archaischen Klischees verb\u00e4nden, etwa mit schwarzen H\u00fcten und langen B\u00e4rten. Alles m\u00fcsse man umst\u00e4ndlich erkl\u00e4ren. Andererseits sehen Mutter und Sohn das Interesse an ihrer Religion auch als eine positive Entwicklung in der deutschen Gesellschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Obwohl deutsche Schulen scheinbar noch einiges f\u00fcr die Aufkl\u00e4rung \u00fcber die j\u00fcdische Religion tun m\u00fcssen, sind sich Ursula und Gerald einig, dass sie seit 1968 meisterhaft die deutsche Vergangenheit behandeln. \u201eIch glaube, es gibt kaum ein anderes Volk, das seine Vergangenheit so aufgearbeitet hat, wie das deutsche\u201c, sagte Ursula.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Aus ihren Worten wird ersichtlich, dass die Komplikationen im Umgang mit der Geschichte eben dadurch entstehen, dass einerseits kein Schlussstrich zu dem Thema gezogen werden kann, aber andererseits dadurch das Gef\u00fchl entsteht, Juden seien etwas Besonderes, und die Deutschen seien ihnen ewig etwas schuldig. Letzteres wollen Gerald und Ursula nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zentral in diesen \u00dcberlegungen sei nat\u00fcrlich der Begriff der Normalit\u00e4t, von dem man Geralds Meinung nach in Deutschland diesbez\u00fcglich nicht sprechen k\u00f6nne. \u201eAber was hei\u00dft Normalit\u00e4t?\u201c, \u00fcberlegte er laut. \u201eWenn es einen V\u00f6lkermord gegeben hat, einen Genozid, dann ist nichts wirklich normal.\u201c Seine Mutter \u00e4u\u00dferte sich dazu etwas optimistischer: \u201eInsgesamt w\u00fcrde ich schon sagen, dass ein Normalisierungsprozess im Gange ist, der aber l\u00e4ngst noch nicht abgeschlossen ist. Das ist nat\u00fcrlich ein weiter Weg, aber das ist es, was ich und die meisten von uns anstreben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Auf der anderen Seite des Normalit\u00e4tsproblems steht nat\u00fcrlich immer noch zu einem gewissen Grade der Antisemitismus. Ganz abgesehen von den eher selteneren gewaltt\u00e4tigen Angriffen auf einzelne Juden oder Gemeinden, reichen viel \u00f6fter kleine, in den Kaffeeklatsch eingeflochtene Kommentare, um einen versteckten Antisemitismus blo\u00dfzulegen. Ursula hat zum Beispiel auf einer Geburtstagsfeier erlebt, wie eine Frau, die nicht wusste, dass sie J\u00fcdin ist, sagte: \u201eAlso Juden sind mir lieber als Zigeuner.\u201c Eine andere habe gemeint: \u201eDie sollen doch nach Israel gehen. Das ist doch ihre Heimat!\u201c Allerdings sei die Judenfeindlichkeit keineswegs nur oder selbst vorrangig ein deutsches Problem. \u201eDas ist in ganz Europa eine Gefahr\u201c, versicherte Gerald.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Er selber lasse sich nicht von der Angst beeinflussen. \u201eIch wei\u00df, dass es bestimmte Gefahren gibt und tue gewisse Dinge nicht. Ich w\u00fcrde zum Beispiel mit der Kippa ni<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">cht durch Marzahn laufen (ein dem Ruf nach neonazistisches Viertel Berlins). Aber ich bin eine andere Generation als die, die hier direkt nach dem Krieg aufgewachsen ist\u201c, erkl\u00e4rte er. Zum Teil h\u00e4tten Juden seiner Elterngeneration sogar noch nach 1945 aus<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sorge ihre Nachnamen verdeutscht. Er fuhr fort: \u201eIch untersch\u00e4tze die Gefahren nicht, aber wenn man j\u00fcdisch leben will, muss man es selbstbewusst tun.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Passend zur Historie des Judentums ist auch der Weg zu diesem neuen Selbstbewusstsein und Selbstverst\u00e4ndnis deutscher Juden eine lange Geschichte der Wanderungen und Umwege. \u201eLange Zeit dachte man, dass alle die Zelte abbrechen und nach Israel oder in die USA gehen. Das hat aber nicht gestimmt\u201c, sagte Gerald Beyrodt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Heute sind die Wirkungen eines \u00d6ffnungsprozesses deutlich sichtbar. Die Gemeinden richten sich immer mehr an die Au\u00dfenwelt und w\u00fcrden immer mehr auch ihre gr\u00f6\u00dfere soziale Verantwortung erkennen. Selbst Holocaust\u00fcberlebende wie Ursula Beyrodt haben bis heute eine gewisse Hemmschwelle \u00fcberwunden und gehen \u00f6ffentlicher mit ihrer j\u00fcdisch-deutschen Identit\u00e4t um. So kann sie heute klar und aufgeschlossen sagen, \u201eIch bin deutsche Staatsb\u00fcrgerin j\u00fcdischen Glaubens.\u201c<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify\">Die Autorin<\/h2>\n<p><!--[if gte mso 9]&gt;  Normal 0   false false false        MicrosoftInternetExplorer4  &lt;![endif]--><!--[if gte mso 9]&gt;   &lt;![endif]--> <!--[if gte mso 10]&gt;-->  <!--[endif]--><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify\"><span lang=\"DE\"><a href=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/anna-mageras_portr\u00e4t.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-709\" title=\"anna mageras_portr\u00e4t\" src=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/anna-mageras_portr\u00e4t.jpg\" alt=\"\" width=\"108\" height=\"193\" srcset=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/anna-mageras_portr\u00e4t.jpg 253w, https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/anna-mageras_portr\u00e4t-168x300.jpg 168w\" sizes=\"auto, (max-width: 108px) 85vw, 108px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify\">\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify\">\n<address> <\/address>\n<address> <\/address>\n<address> <\/address>\n<address> <\/address>\n<address> <\/address>\n<address><span lang=\"DE\">Anna Mageras wurde 1987 in M\u00fcnchen geboren, wuchs aber au\u00dferhalb von New York auf. Dort besuchte sie eine deutsche Schule und machte ihr Abitur. Sie hat dieses Jahr ihren Bachelor in Geschichte an der Wesleyan University in Connecticut abgeschlossen. <\/span><\/address>\n<div id=\"_mcePaste\" style=\"width: 1px;height: 1px;overflow: hidden\">\n<p><!--[if gte mso 9]&gt;  Normal 0   false false false        MicrosoftInternetExplorer4  &lt;![endif]--><!--[if gte mso 9]&gt;   &lt;![endif]--><!--  \/* Style Definitions *\/  p.MsoNormal, li.MsoNormal, div.MsoNormal \t{mso-style-parent:\"\"; \tmargin:0in; \tmargin-bottom:.0001pt; \tmso-pagination:widow-orphan; \tfont-size:12.0pt; \tfont-family:\"Times New Roman\"; \tmso-fareast-font-family:\"Times New Roman\";} @page Section1 \t{size:8.5in 11.0in; \tmargin:1.0in 1.25in 1.0in 1.25in; \tmso-header-margin:.5in; \tmso-footer-margin:.5in; \tmso-paper-source:0;} div.Section1 \t{page:Section1;} --><!--[if gte mso 10]&gt; &lt;!   \/* Style Definitions *\/  table.MsoNormalTable \t{mso-style-name:&quot;Table Normal&quot;; \tmso-tstyle-rowband-size:0; \tmso-tstyle-colband-size:0; \tmso-style-noshow:yes; \tmso-style-parent:&quot;&quot;; \tmso-padding-alt:0in 5.4pt 0in 5.4pt; \tmso-para-margin:0in; \tmso-para-margin-bottom:.0001pt; \tmso-pagination:widow-orphan; \tfont-size:10.0pt; \tfont-family:&quot;Times New Roman&quot;; \tmso-ansi-language:#0400; \tmso-fareast-language:#0400; \tmso-bidi-language:#0400;} --> <!--[endif]--><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">\u201eIch bin deutsch und j\u00fcdisch, j\u00fcdisch und deutsch.\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">Mutter und Sohn erfahren unterschiedliche Migrationen zum selben Ziel<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">Anna Mageras<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">Ursula Beyrodt, heute 78, kann die zwei M\u00e4nner noch vor sich sehen, die an einem Abend im November 1938 in die Wohnung ihrer Eltern traten und sich im Wohnzimmer breit machten. \u201eMutti, die M\u00e4nner sehen so d\u00fcster aus\u201c, soll sie damals gesagt haben, konnte jedoch als F\u00fcnfj\u00e4hrige nicht ahnen, dass diese M\u00e4nner von der Gestapo gekommen waren, um ihren Vater zur Deportation ins Konzentrationslager Sachsenhausen zu f\u00fchren. Frau Beyrodt kann sich auch noch daran erinnern, wie ihr Vater kurz vor Weihnachten desselben Jahres mit kahl geschorenem Haupt nach Hause zur\u00fcckkehrte, und von ihrer Mutter in die Arme geschlossen wurde. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">Der Familie war es trotz seiner R\u00fcckkehr klar, dass die Gefahr noch lange nicht vor\u00fcber war. So entschlossen sich die Eltern, ihre zwei T\u00f6chter mit dem Kindertransport nach England in Sicherheit zu bringen. Die M\u00e4dchen kamen 1939 an der Nordwestk\u00fcste Englands an und wurden mit anderen Fl\u00fcchtlingskindern in einem Heim untergebracht, das von der dortigen j\u00fcdischen Gemeinde geleitet und finanziert wurde. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">Als der Krieg endlich endete, befand sich das Heim pl\u00f6tzlich in Aufl\u00f6sung. \u201eAlle anderen M\u00e4dchen im Heim hatten ihre Eltern in den KZs verloren\u201c, erinnerte sich Ursula Beyrodt, deren Vater zwei KZ-Inhaftierungen \u00fcberlebt hatte. \u201eUnd viele von ihnen sagten, nach Nazi-Deutschland w\u00fcrden sie nie zur\u00fcckgehen.\u201c Einige blieben in England, wo sie sich verlobt oder verheiratet hatten, andere wanderten zu Verwandten in die USA oder nach Pal\u00e4stina aus. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">Die Emigration hatte Beyrodts Eltern auch kurz vorgeschwebt. Sie hatten zu dem Zweck schon vor Kriegsbeginn ihre Wohnung in Berlin aufgegeben und waren nach Hannover gezogen, wo sie einer j\u00fcdischen Gartenbauschule beitraten. Dort wollten sie einen praktischen Beruf lernen, mit dem sie im Ausland ihren Unterhalt h\u00e4tten verdienen k\u00f6nnen. Mit dem Kriegsausbruch wurden jedoch alle Hoffnungen auf eine Flucht zerst\u00f6rt. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">1945 erfuhr die Familie noch mal einen Schock, als der Vater zum zweiten Mal von den Nazis festgenommen und diesmal ins Konzentrationslager Theresienstadt gebracht wurde. Er entkam der Deportation nach Auschwitz gerade noch, weil die Rote Armee das Lager rechtzeitig befreien konnte.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">Trotz ihrer Erlebnisse schien mit der deutschen Niederlage 1945 der Wunsch nach Auswanderung zu verschwinden und Vater und Mutter stellten sich auf die Fortsetzung ihres Familienlebens in Deutschland ein. \u201eMeine Eltern haben immer, selbst in den schlimmsten Zeiten, an das bessere Deutschland geglaubt. Sie haben wirklich unterschieden zwischen den Deutschen und den Nazis\u201c, erkl\u00e4rte Beyrodt. Vor allem die Zivilcourage einzelner nichtj\u00fcdischer Deutscher erm\u00f6glichte es ihnen. w\u00e4hrend der NS-Zeit auf dieser Einstellung zu verharren. Sie erinnert sich zum Beispiel an den Hausmeister eines Krankenhauses, der das Ehepaar w\u00e4hrend Bombenangriffen in den Keller des Hospitals lie\u00df. \u201eDas war ein alter Sozialdemokrat aus altem Schrot und Korn\u201c, sagte Ursula Beyrodt. \u201eUnd der hat auch was riskiert.\u201c <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">Statt nach Israel auszuwandern und dort wom\u00f6glich arbeitslos mit dem ihm unbekannten Hebr\u00e4isch zu k\u00e4mpfen, wollte der Vater also lieber als Richter am Wiederaufbau eines demokratischen Deutschlands mitarbeiten. Er habe nach 1945 dem deutschen Rechtsstaate vertraut. Ihre Mutter hat ihrerseits bei der Demokratisierung geholfen, indem sie b\u00fcrokratisch die moralische Belastung deutscher B\u00fcrger ausgewertet und dadurch den Entnazifizierungsprozess vorangebracht hat.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">Von dieser \u00dcberzeugung ihrer Eltern ausgehend, kehrten Ursula Beyrodt und ihre Schwester 1947 nach Deutschland zur\u00fcck. Dort erwartete sie das dem Bildungsb\u00fcrgertum heilige Studium, welches zu einer juristischen Laufbahn f\u00fchren sollte, und vor allem nat\u00fcrlich eine Familie. Doch die musste nach so langer Trennung erstmal wieder zusammenwachsen, und sich fast von neuem kennen lernen. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">Die damals vierzehnj\u00e4hrige Ursula hatte die deutsche Muttersprache fast ganz vergessen und die Worte, die ihr wieder einfielen, kamen aus dem Sprachschatz einer Sechsj\u00e4hrigen. Sie f\u00fchlte sich durchaus noch als Engl\u00e4nderin. Dennoch verhalfen ihr unter anderem die Einf\u00fchlsamkeit ihrer Mutter, die enge Freundschaft mit einer Mitsch\u00fclerin und die nette Aufnahme durch ihre Klassenkameradinnen (von denen einige noch kurz vorher BdM-F\u00fchrerinnen gewesen waren) zu einer allm\u00e4hlichen Eingew\u00f6hnung. Das Gef\u00fchl, absolut Deutsche zu sein, wuchs langsam nach.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">\u201eVor allem hatte ich dieses Gef\u00fchl, ein richtiges Zuhause zu haben und nicht mehr ein Heimkind zu sein\u201c, sagte Beyrodt. \u201eIch war pl\u00f6tzlich jemand.\u201c <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">Und zu diesem Jemand geh\u00f6rte auch weiterhin im Nachkriegsdeutschland das Judentum. Im englischen Heim hatte der j\u00fcdische Religionsunterricht eine gro\u00dfe Rolle gespielt. Die stundenlangen Schabbatgottesdienste hatten Ursula Beyrodt zwar gelangweilt, daf\u00fcr hatte sie die Bedeutsamkeit des Kiddusch, der Freitagszeremonie, verinnerlicht und f\u00fchrte sie in ihrer Familie ein. \u201eHeute bin ich dankbar daf\u00fcr, dass ich damals so viel gelernt habe, denn in unserer liberalj\u00fcdischen Gemeinde bin ich unter den wenigen, die die Gebete beherrschen.\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">Allerdings wurde der Glaube f\u00fcr die Familie immer mehr zur Privatangelegenheit, da es nach dem Krieg nur orthodoxe Synagogen gab und das liberale Judentum gr\u00f6\u00dftenteils ausgewandert war. \u201eEs ist ja immer so: Nach Verfolgungszeiten ist meistens eine R\u00fcckkehr zum Strenggl\u00e4ubigen da\u201c, meinte Beyrodt dazu. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">Diese Entwicklung passte jedoch insbesondere ihrem Vater nicht: \u201eImmer wenn Feiertage waren sagte meine Mutter: \u201aFritz, wir m\u00fcssen in die Synagoge gehen.\u2019 Und dann sagte mein Vater, \u201aIch w\u00fcrde ja gerne, aber die ganze Nazizeit \u00fcber, au\u00dfer in der KZ-Zeit, sind wir zusammen gewesen. Aber in der Synagoge sitze ich unten und du musst oben sitzen.\u2019 Das hat ihn immer gest\u00f6rt.\u201c <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">Die graduelle Abwendung von der orthodoxen Gemeinde, sowie mangelnder Kontakt zu anderen liberalen Juden f\u00fchrte schlie\u00dflich dazu, dass Ursula einen Protestanten in einer Kirche heiratete. Obwohl sie eine Zeit lang noch gemeinsam freitags den Schabbat feierten, sahen sich Ursula und ihr Mann gen\u00f6tigt, ihre Kinder christlich aufzuziehen. Sie bef\u00fcrchteten, ihre beiden S\u00f6hne w\u00fcrden sonst sp\u00e4ter vor den gleichen Problemen stehen und in einer nicht-j\u00fcdischen Umgebung ohne wirkliche Gemeinschaft leben und wom\u00f6glich auch deshalb Schwierigkeiten bei der Partnersuche haben. Religion als solche war ihr dennoch wichtig und so wurden beide Kinder getauft.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">Ihre vereint j\u00fcdisch-deutsche Identit\u00e4t pflegte sie zwar innerlich, aber es dauerte einige Jahrzehnte bis Ursula Beyrodt diese Facette ihrer Person endlich \u00f6ffentlich und gemeinschaftlich ausleben konnte. Erst 1995, als ihr Mann schon verstorben war, wurde sie erneut zu einem aktiven Mitglied einer j\u00fcdischen Gemeinde, der ersten liberalj\u00fcdischen Gemeinde Hannovers. In diesem religi\u00f6sen Milieu, wo beide Geschlechter gleichberechtigt sind, konnte sie sich geistlich wieder richtig entfalten: \u201eIch war die erste Frau, die in der neuen Gemeinde dazu aufgerufen wurde, aus der Tora zu lesen. Erst als ich das erste Mal vor der aufgeschlagenen Tora stand, merkte ich, dass ich vorher immer nur Zuschauerin gewesen war.\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">Erst nach dem Wiedererwachen liberalj\u00fcdischen Lebens im Deutschland der Neunziger Jahre begann sich auch Ursulas Sohn Gerald, jetzt 42, erstmals dem Judentum auf pers\u00f6nlicher Ebene anzun\u00e4hern. \u201eAls Kind, als Jugendlicher, hab ich das Judentum eher als etwas Belastendes erlebt und die positiven, lebensbejahenden Seiten, die es hat, gar nicht mitbekommen. Ich habe erst sp\u00e4ter angefangen mir alles anzugucken und finde es jetzt sehr sch\u00f6n\u201c, sagte Gerald Beyrodt.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">Geralds Weg zum Glauben Moses entwickelte sich jedoch nicht direkt aus seiner Abkehr vom Christentum. Er erinnerte sich: \u201eIch war recht intensiv mit der Kirche befasst, aber ich habe wohl mit zwanzig gemerkt, dass der christliche Opfergedanke nicht so f\u00fcr mich ist. Dann hatte ich viele Jahre nichts mit Religion zu tun. In den letzten zehn Jahren bin ich ins Judentum wieder rein gewachsen.\u201c Er meinte, seine Zuwendung habe sicherlich viel sowohl mit der erneuten Mitgliedschaft seiner Mutter in der liberalj\u00fcdischen Gemeinde zu tun, wie auch mit Erfahrungen, die er durch seine Arbeit als freier Journalist j\u00fcdischer Themen gemacht habe. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">Gerald und seine Mutter sind auf verschiedene Art und Weise zu ihrer gemeinsamen Religion gekommen und gehen ihre Aus\u00fcbung dementsprechend auch unterschiedlich an. \u201eNicht, dass der Glaube mir wichtiger ist\u201c, \u00fcberlegte Gerald. \u201eEr spielt nat\u00fcrlich eine andere Rolle f\u00fcr mich. Ich denke, meine Mutter hat eine geradezu w\u00fctende Abneigung gegen das Rituelle am Judentum. Aber ich glaube, die Rolle der Rituale ist schon manchmal sehr wichtig.\u201c Gerald isst so koscher wie m\u00f6glich. Am Schabbat sucht er weitgehend Ruhe von Arbeit und Alltag, obwohl er ans Telefon geht und auch S-Bahn f\u00e4hrt, wenn es sein muss. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">Er findet jedoch, dass Tradition und Glauben im Gleichgewicht stehen m\u00fcssten. Er erkl\u00e4rte: \u201eWir sprechen viele Gebete und fast alle davon gehen los mit \u201aBaruch atah Adonai,\u2019 also \u201aGelobt seiest Du Ewiger.\u2019 Wenn ich das spreche, muss es schon irgendeine Form von Realit\u00e4t f\u00fcr mich haben.\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">Anders als im Christentum wird im eher intellektuellen Judentum vor allem ein reflektierter Glauben betont. Dies traf auch ziemlich genau Geralds Anspr\u00fcche: \u201eIch habe mich j\u00fcdisch Jakov genannt, also Jakob. Es gibt diese Geschichte, in der Jakob mit Gott ringt. Sie hat mich besonders interessiert. Ich war in meinem Leben sicher schon Atheist oder hatte meine atheistischen Momente und finde, dass Zweifeln dazu geh\u00f6rt und es genauso wichtig ist, wie die gl\u00e4ubigen Momente und genauso positiv.\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">Egal, ob es um solche komplexen Glaubensfragen oder um einfache Traditionen geht, stellt das Judentum f\u00fcr viele Deutsche immer noch das Andere und Unbekannte dar. \u201eEs gibt bei vielen Menschen einfach enorm viel Unkenntnis\u201c, sagte Ursula Beyrodth.. \u201eDa existieren zum Teil ganz abenteuerliche Vorstellungen.\u201c Gerald pflichtet ihr bei, dass viele Deutsche immer noch Juden mit archaischen Klischees verb\u00e4nden, etwa mit schwarzen H\u00fcten und langen B\u00e4rten. Alles m\u00fcsse man umst\u00e4ndlich erkl\u00e4ren. Andererseits sehen Mutter und Sohn das Interesse an ihrer Religion auch als eine positive Entwicklung in der deutschen Gesellschaft. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">Obwohl deutsche Schulen scheinbar noch einiges f\u00fcr die Aufkl\u00e4rung \u00fcber die j\u00fcdische Religion tun m\u00fcssen, sind sich Ursula und Gerald einig, dass sie seit 1968 meisterhaft die deutsche Vergangenheit behandeln. \u201eIch glaube, es gibt kaum ein anderes Volk, das seine Vergangenheit so aufgearbeitet hat, wie das deutsche\u201c, sagte Ursula. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">Aus ihren Worten wird ersichtlich, dass die Komplikationen im Umgang mit der Geschichte eben dadurch entstehen, dass einerseits kein Schlussstrich zu dem Thema gezogen werden kann, aber andererseits dadurch das Gef\u00fchl entsteht, Juden seien etwas Besonderes, und die Deutschen seien ihnen ewig etwas schuldig. Letzteres wollen Gerald und Ursula nicht. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">Zentral in diesen \u00dcberlegungen sei nat\u00fcrlich der Begriff der Normalit\u00e4t, von dem man Geralds Meinung nach in Deutschland diesbez\u00fcglich nicht sprechen k\u00f6nne. \u201eAber was hei\u00dft Normalit\u00e4t?\u201c, \u00fcberlegte er laut. \u201eWenn es einen V\u00f6lkermord gegeben hat, einen Genozid, dann ist nichts wirklich normal.\u201c Seine Mutter \u00e4u\u00dferte sich dazu etwas optimistischer: \u201eInsgesamt w\u00fcrde ich schon sagen, dass ein Normalisierungsprozess im Gange ist, der aber l\u00e4ngst noch nicht abgeschlossen ist. Das ist nat\u00fcrlich ein weiter Weg, aber das ist es, was ich und die meisten von uns anstreben.\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">Auf der anderen Seite des Normalit\u00e4tsproblems steht nat\u00fcrlich immer noch zu einem gewissen Grade der Antisemitismus. Ganz abgesehen von den eher selteneren gewaltt\u00e4tigen Angriffen auf einzelne Juden oder Gemeinden, reichen viel \u00f6fter kleine, in den Kaffeeklatsch eingeflochtene Kommentare, um einen versteckten Antisemitismus blo\u00dfzulegen. Ursula hat zum Beispiel auf einer Geburtstagsfeier erlebt, wie eine Frau, die nicht wusste, dass sie J\u00fcdin ist, sagte: \u201eAlso Juden sind mir lieber als Zigeuner.\u201c Eine andere habe gemeint: \u201eDie sollen doch nach Israel gehen. Das ist doch ihre Heimat!\u201c Allerdings sei die Judenfeindlichkeit keineswegs nur oder selbst vorrangig ein deutsches Problem. \u201eDas ist in ganz Europa eine Gefahr\u201c, versicherte Gerald.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">Er selber lasse sich nicht von der Angst beeinflussen. \u201eIch wei\u00df, dass es bestimmte Gefahren gibt und tue gewisse Dinge nicht. Ich w\u00fcrde zum Beispiel mit der Kippa nicht durch Marzahn laufen (ein dem Ruf nach neonazistisches Viertel Berlins). Aber ich bin eine andere Generation als die, die hier direkt nach dem Krieg aufgewachsen ist\u201c, erkl\u00e4rte er. Zum Teil h\u00e4tten Juden seiner Elterngeneration sogar noch nach 1945 aus Sorge ihre Nachnamen verdeutscht. Er fuhr fort: \u201eIch untersch\u00e4tze die Gefahren nicht, aber wenn man j\u00fcdisch leben will, muss man es selbstbewusst tun.\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">Passend zur Historie des Judentums ist auch der Weg zu diesem neuen Selbstbewusstsein und Selbstverst\u00e4ndnis deutscher Juden eine lange Geschichte der Wanderungen und Umwege. \u201eLange Zeit dachte man, dass alle die Zelte abbrechen und nach Israel oder in die USA gehen. Das hat aber nicht gestimmt\u201c, sagte Gerald Beyrodt. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\" lang=\"DE\">Heute sind die Wirkungen eines \u00d6ffnungsprozesses deutlich sichtbar. Die Gemeinden richten sich immer mehr an die Au\u00dfenwelt und w\u00fcrden immer mehr auch ihre gr\u00f6\u00dfere soziale Verantwortung erkennen. Selbst Holocaust\u00fcberlebende wie Ursula Beyrodt haben bis heute eine gewisse Hemmschwelle \u00fcberwunden und gehen \u00f6ffentlicher mit ihrer j\u00fcdisch-deutschen Identit\u00e4t um. So kann sie heute klar und aufgeschlossen sagen, \u201eIch bin deutsche Staatsb\u00fcrgerin j\u00fcdischen Glaubens.\u201c<\/span><span lang=\"DE\"> <\/span><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mutter und Sohn erfahren unterschiedliche Migrationen zum selben Ziel Von Anna Mageras Ursula Beyrodt, heute 78, kann die zwei M\u00e4nner noch vor sich sehen, die an einem Abend im November 1938 in die Wohnung ihrer Eltern traten und sich im Wohnzimmer breit machten. \u201eMutti, die M\u00e4nner sehen so d\u00fcster aus\u201c, soll sie damals gesagt haben, &hellip; <a href=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/?page_id=708\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e\u00bbIch bin deutsch und j\u00fcdisch, j\u00fcdisch und deutsch\u00ab\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":755,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-708","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/708","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/755"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=708"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/708\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":937,"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/708\/revisions\/937"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=708"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}