{"id":753,"date":"2010-08-23T12:32:03","date_gmt":"2010-08-23T11:32:03","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/?page_id=753"},"modified":"2010-08-23T12:32:03","modified_gmt":"2010-08-23T11:32:03","slug":"mit-handen-und-fusen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/?page_id=753","title":{"rendered":"Mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><strong>Die Russlanddeutsche Kim Nagel lernte Deutschland im Aussiedlerheim kennen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">von <strong>Mary Lane<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Kim Nagel, jetzt eine dreiunddrei\u00dfigj\u00e4hrige Buchhalterin in Friedrichshain, war siebzehn Jahre alt, als sie mit einem Teil ihrer Familie aus Russland nach Deutschland kam. Damals, im Jahr 1994, kurz nach dem Ende des Kalten Krieges, war Russland ein Staat mit zerbr\u00f6ckelnder Infrastruktur und politischer Instabilit\u00e4t. Die Russin Kim Nagel hatte gerade angefangen ihr erwachsenes Leben zu entwickeln und wurde mit einem Land im Wandel, mit einem gebrochenen Ausbildungs-, Arbeits- und Sozialsystem konfrontiert. Nagels Gro\u00dfmutter Ekatherina, damals 56, wollte etwas Anderes f\u00fcr ihre Familie und ihre Enkeltochter: ein neues Leben in der wiedervereinigten Bundesrepublik. \u201eMeine Oma dachte, dass die Zukunft f\u00fcr Kinder in Europa viel besser sei. Sie hatte nur an die Zukunft f\u00fcr uns Kinder gedacht.\u201c sagt Kim.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nagel ist eine fitte dunkelblonde Frau, die flie\u00dfend Deutsch mit erkennbarem russischen Akzent spricht, und sich jetzt in Deutschland wohl f\u00fchlt. Trotzdem war es nicht immer so. W\u00e4hrend eines Interviews, nahe ihrer Wohnung im Prenzlauer Berg, sprach Nagel \u00fcber ihren langen, pers\u00f6nlichen Weg zur Integration. Im Vergleich zu den meisten Russen hatte die Familie Nagel die Gelegenheit in Europa ein neues Leben aufzubauen. Sie geh\u00f6ren zu der Minderheit von Russlanddeutschen, Arbeitern und Bauern, die im 18. Jahrhundert nach Russland wegen ihres guten Rufes als ausl\u00e4ndische Facharbeiter immigrierten: \u201eUnsere Familie waren sogenannte Volksdeutsche\u201d, erz\u00e4hlt Nagel. \u201eWir sind 1726 aus Schwaben, Deutschland, nach Russland gefahren. Die Zarin Katharina II. hatte die Deutschen gerufen, um Russland aufzubauen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nach mehr als zweihundert Jahren in Russland war die Familie Nagel rein technisch gesehen immer noch deutsch, und sie bewarb sich um neue Reisep\u00e4sse, damit sie wieder in Deutschland wohnen konnten. Nach einem dreij\u00e4hrigen b\u00fcrokratischen Prozess von Bewerbungen beim Staatsarchiv bekam die Familie Flugtickets von der deutschen Regierung und eine Einladung, wieder in Deutschland zu leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Bis dahin war Nagel nie au\u00dferhalb der Sowjetunion gewesen. Sie sei aufgeregt aber ahnungslos gewesen: \u201eIch habe mich ehrlich gefreut. Ich wusste gar nicht, was mich erwartet. Ich wusste nicht, wie Deutschland eigentlich ist.\u201c Sie habe die emotionale und sprachliche Herausforderungen von ihrem neuen Leben in Deutschland untersch\u00e4tzt. Am Anfang konnte sie kein Deutsch sprechen, und ihre Mutter musste in Russland bleiben, weil sie von Nagels Vater getrennt und selbst keine Russlanddeutsche war. \u201eIch habe geh\u00f6rt, das Leben ist hier besser\u201c, sagte Kim. \u201eIch habe aber nicht daran gedacht, wie schlimm es wird ohne Freunde, ohne Mama. Du denkst erstmal nicht daran als eine 17-J\u00e4hrige.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Als die Familie Nagel nach Deutschland zog, wohnte sie zuerst f\u00fcr ein Jahr in einem Aussiedlerheim in Berlin, in Marienfelde. Sie lebten zusammen mit anderen Ausl\u00e4ndern und nahmen an einem Integrationssprachkurs teil. Der Kurs sei sehr intensiv gewesen &#8211; ungef\u00e4hr vierzig Stunde pro Woche &#8211; und die Lehrerin k\u00fcmmerte sich nicht um die Probleme der Integration der \u00dcbersiedler. Kim empfand Marienfelde als einen isolierten Teil der Hauptstadt, ohne Deutsche in der N\u00e4he: \u201eDie erste drei Jahre hatte ich gar keine deutschen Freunde. Ich hatte nur mit Russen Kontakt weil das ganze Heim kam aus Russland\u201c, sagt Nagel. \u201eMan hat sich nur allein gef\u00fchlt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Weg zur Integration war lang und schrittweise. 1996 ging sie auf eine Berufsschule. Dort lernte sie mehr Deutsche kennen aber sie hatte nur mit zwei Kontakt gehabt. Die anderen hatten keine Lust, ihrem langsamen und manchmal stockenden Deutsch zuzuh\u00f6ren, und haben Nagel ignoriert. \u201eSie haben nicht gesprochen, gar nichts\u201c, sagt sie. \u201eAls ob du gar nicht da warst. Obwohl du manchmal etwas gefragt hast. Keinen hat interessiert von wo du kommst. Es war ihnen total egal.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nagel wurde langsam selbstsicherer und traute sich endlich, sich mit Deutschen zu unterhalten, durch mehr Kontakt mit anderen Ausl\u00e4ndern, die Deutsch sprechen konnten. 1997 begann sie bei einem asiatischen Imbiss in der Kastanienallee zu arbeiten, wo alle Mitarbeiter kein Deutsch als Muttersprache sprachen. \u201eWir haben viel gelacht, wir haben mit H\u00e4nden und F\u00fcssen gesprochen, weil die mich nicht so richtig verstehen konnten\u201c, sagt Nagel. \u201eMit Ausl\u00e4ndern war es viel einfacher. Sie haben dir zugeh\u00f6rt, sie waren nett, sie haben probiert, zu helfen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nach f\u00fcnfzehn Jahren in Deutschland sei es Nagel behaglich in Berlin geworden, aber Russland gilt noch als \u201aHeimat\u2019 f\u00fcr sie. Integriert sei sie bestimmt, aber sie erkenne ihre Erfahrungen als Kind und M\u00e4del in Russland als die Wurzeln ihrer nationalen Identit\u00e4t an: \u201eIch f\u00fchle mich hier wohl in Berlin und bin zufrieden mit dem, was ich habe. Aber zu sagen das ich Deutsche bin? Das w\u00fcrde sich bl\u00f6d anh\u00f6ren.\u201c<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify\"><\/h2>\n<h2 style=\"text-align: justify\">Die Autorin<\/h2>\n<address><a href=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/ml_port.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-754\" title=\"ml_port\" src=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/ml_port.jpg\" alt=\"\" width=\"124\" height=\"219\" srcset=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/ml_port.jpg 221w, https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/ml_port-170x300.jpg 170w\" sizes=\"auto, (max-width: 124px) 85vw, 124px\" \/><\/a>Mary Lane studierte Germanistik und Chinesisch am Middlebury College. W\u00e4hrend eines Austauschjahres an der Freien Universit\u00e4t in 2009\/10 machte sie ein Jahr lang ein Praktikum bei der Associated Press. Ab September ist sie ein Fulbright Fellow der Associated Press und The Wall Street Journal.<\/address>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Russlanddeutsche Kim Nagel lernte Deutschland im Aussiedlerheim kennen von Mary Lane Kim Nagel, jetzt eine dreiunddrei\u00dfigj\u00e4hrige Buchhalterin in Friedrichshain, war siebzehn Jahre alt, als sie mit einem Teil ihrer Familie aus Russland nach Deutschland kam. 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