{"id":760,"date":"2010-08-23T12:39:58","date_gmt":"2010-08-23T11:39:58","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/?page_id=760"},"modified":"2010-08-23T12:39:58","modified_gmt":"2010-08-23T11:39:58","slug":"israeli-mit-vielen-identitaten","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/?page_id=760","title":{"rendered":"Israeli mit vielen Identit\u00e4ten"},"content":{"rendered":"<h2 style=\"text-align: justify\">Obdachloser Yogalehrer gibt sich als Australier aus<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify\">von <strong>Becky Bratu<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Am Nachmittag vor dem Halbfinale der Fu\u00dfballweltmeisterschaft war das Caf\u00e9 \u201eTaqueria Florian\u201c auf der Oranienstra\u00dfe in Kreuzberg fast leer. Spanische Musik klang &#8211; wahrscheinlich ahnungsvoll &#8211; laut in der Lautsprecherbox. Ein paar Leute lasen Zeitung im sanften Licht und die unbesch\u00e4ftigte Kellnerin schien gelangweilt zu sein. Drau\u00dfen vor dem Caf\u00e9 drehte ein Film-Crew eine Szene. Die Stille des Nachmittags war traumhaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Pl\u00f6tzlich kam ein b\u00e4rtiger Mann herein und mit ihm auch die Ausrede f\u00fcr seine Versp\u00e4tung: \u201eDer Bus f\u00e4hrt immer so langsam, es tut mir leid\u201c, sagte er. \u201eDieses Caf\u00e9 war letzten Winter fast mein Zuhause.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Doron Noyman, Yogalehrer und Philosoph, ist ziemlich gro\u00df, hat lange Haare und ist zurzeit obdachlos. Er sucht eine neue Wohnung, ist aber mittlerweile mit seinem nomadischen Leben zufrieden. Er sagt, er wohne jetzt bei Freunden, m\u00fcsse aber oft zwischen verschiedenen Freunden wechseln. Das wanderlustige Leben sei ihm in Fleisch und Blut \u00fcbergegangen. Noyman bestellte auf Englisch einen Eiskaffee und sprach \u00fcber die Illusion der Sesshaftigkeit. \u201eNichts und niemand bleibt der Gleiche\u201c, sagte er. Nach einer langen Zeit im selben Land werde er immer kribbelig, so Noyman. Er habe schon in Japan, Israel, England, Spanien und Indien gewohnt. Letztes Jahr im Oktober ist er nach Berlin gezogen. Am Anfang wollte Noyman nur drei Monate bleiben. Er sei aber l\u00e4nger geblieben, weil Berlin ihm so frei scheine.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eAufstrebende K\u00fcnstler k\u00f6nnen in Berlin \u00fcberleben. Gerade wenn man kein Geld hat, kann man sich integriert f\u00fchlen,\u201c so Noyman. Er sagt, er habe sein eigenes Yoga-Studio in der Stadt, aber zur Zeit sei er im Urlaub. Man kann ihn am Sonntag auf dem Flohmarkt am Mauerpark sehen, wo er Schmuck verkauft. Aber er mag es nicht, immer sehr besch\u00e4ftigt zu sein. In Berlin sei ein sch\u00f6nes Leben m\u00f6glich, ohne schwere Arbeit, so Noyman. \u201eAber Berlin ist trotzdem nicht meine letzte Station\u201d, sagte er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Yoga Lehrer wurde im Tel Aviv geboren. Sein Gewissen wurde seit seiner Jugend stark von der Vergangenheit gepr\u00e4gt. Jetzt, da Noyman in Berlin ist, fielen ihm diese Erinnerungen unerwartet ein: \u201eMeine Erziehung, die Geschichten meiner Familie, die Bilder und meine Ausbildung in Israel &#8211; es ist komisch, wie alles zur\u00fcck kommt\u201c, sagte er. Trotzdem f\u00fchlt er sich in Berlin voll akzeptiert und habe viele deutsche Freunde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eIch f\u00fchle mich ein bisschen zu viel akzeptiert, nur weil ich Israeli bin\u201c, sagte Noyman. \u201eIch muss nicht unbedingt akzeptiert werden, nur wegen meiner Herkunft.\u201c Aus diesem Grund erw\u00e4hnt Noyman gegen\u00fcber den Leuten nicht mehr, dass er Israeli sei. Er kreiert einfach neue Identit\u00e4ten f\u00fcr sich und stellt sich etwa als Australier vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Noyman spricht kein Deutsch und f\u00fchlt sich auch nicht dem unter Druck, die Sprache zu lernen. \u201eZur Zeit genie\u00dfe ich es, nur Zuschauer zu sein\u201c, sagte Noyman. \u201eManchmal gef\u00e4llt es mir, die Leute und die Situationen nicht genau zu verstehen. Das macht meine Erfahrung echt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<h2 style=\"text-align: justify\">\n<p>Die Autorin<\/p>\n<\/h2>\n<address><a href=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/becky-portr\u00e4t.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-761\" title=\"becky portr\u00e4t\" src=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/becky-portr\u00e4t.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"132\" srcset=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/becky-portr\u00e4t.jpg 500w, https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/becky-portr\u00e4t-300x199.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 85vw, 200px\" \/><\/a>Becky Bratu\u00a0 ist in Arad, Rum\u00e4nien geboren und aufgewachsen, ihr Bachelor-Studium hat sie in Amerika gemacht. Bratu hat Journalismus und Deutsch an der Washington and Lee University in Lexington, Virginia studiert. F\u00fcr ein Jahr hat sie als Vertriebsdirektorin f\u00fcr eine Software-Firma gearbeitet. Nach diesem Programm wird Bratu ihre Master-Arbeit in Digital Medien an der Columbia University in New York City machen.<\/address>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Obdachloser Yogalehrer gibt sich als Australier aus von Becky Bratu Am Nachmittag vor dem Halbfinale der Fu\u00dfballweltmeisterschaft war das Caf\u00e9 \u201eTaqueria Florian\u201c auf der Oranienstra\u00dfe in Kreuzberg fast leer. Spanische Musik klang &#8211; wahrscheinlich ahnungsvoll &#8211; laut in der Lautsprecherbox. 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