{"id":774,"date":"2010-08-23T13:09:26","date_gmt":"2010-08-23T12:09:26","guid":{"rendered":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/?page_id=774"},"modified":"2010-08-23T13:09:26","modified_gmt":"2010-08-23T12:09:26","slug":"jenseits-von-afrika","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/?page_id=774","title":{"rendered":"Jenseits von Afrika"},"content":{"rendered":"<h2>Ein Kenianer und eine S\u00fcdafrikanerin treffen sich in Berlin<\/h2>\n<p>von <strong>Romy Fuchs<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/rf2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-777\" title=\"rf2\" src=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/rf2.jpg\" alt=\"\" width=\"420\" height=\"291\" srcset=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/rf2.jpg 420w, https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/rf2-300x207.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 420px) 85vw, 420px\" \/><\/a>Der Klang der Vuvuzela ist un\u00fcberh\u00f6rbar. Die Leute jubilieren, gratulieren einander, spielen Fu\u00dfball und die Welt schaut auf Afrika, S\u00fcdafrika. Das WM-Fieber wirft ein Schlaglicht auf den Kontinent wie nie zuvor und der nationale Stolz, dass ich selbst eine S\u00fcdafrikanerin bin, die all das von Berlin aus beobachtet, wirkt sich auf meine journalistische Neigung aus. Die immer gr\u00f6\u00dfer werdende afrikanische Bev\u00f6lkerung unterstreicht Berlin als Stadt der Multi-Kultur und als Ort der Migration.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Einwanderung der Leute l\u00e4sst mich nach der Idee von Heimat fragen. Aus welchem Grund verlassen Afrikaner ihr Heimatland, ihren Geburtsort und ihre Wurzeln? Vielleicht ist das Verlassen kurzfristig, eine Frage der Zeit, bevor man zur\u00fcckkehrt, aber f\u00fcr andere ist es f\u00fcr immer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Als frisch angekommene Studentin aus Kapstadt war ich \u00fcberrascht, dass mein Nachbar im Studentenheim aus Kenia kommt. Wir beide, weit entfernt von unserer Heimat, redeten in diesem Moment \u00fcber unser Afrika und die Idee der Migration. \u201eDie Sonne scheint nie so wie in Afrika\u201c, betonte Hillary Sang. Dazu konnte ich mich an den traumhaft sch\u00f6nen Sonneuntergang und das D\u00e4mmerlicht erinnern. Nirgendwo ist der Himmel so klar und blau wie in Afrika. \u201eIch konnte den Winter nicht aushalten. Als ich erstmals einen echten europ\u00e4ischen Winter erlebte habe, habe ich auch unter der sogenannten Winterdepression (SAD) gelitten, eine Auswirkung des Mangels an Sonnenlicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Anstatt die \u00fcber 4000 Kilometer Entfernung zu empfinden, die zwischen unseren Heimatst\u00e4dten Nairobi und Kapstadt liegen, waren wir uns in der Anerkennung und dem weiteren Verst\u00e4ndnis \u00fcber unseren gemeinsamen Heimatkontinent sofort einig. Der Ausdruck \u201eUbuntu\u201c, ein Begriff der durch Erzbischof Desmond Tutu ber\u00fchmt geworden ist, erkl\u00e4rt es vielleicht in soziologischem Sinne. Es ist der Glaube an etwas Universelles, das die gesamte Menschheit verbindet: \u201eI am because we are.\u201c Dieses Gleichheitsgef\u00fchl, das Afrikaner in einer einzigartigen Art zusammenbringt, ist nicht vergleichbar mit einer gemeinsamen europ\u00e4ischen Staatsb\u00fcrgerschaft. Es sind Freude und Gl\u00fcck der Menschen, trotz aller unserer Dritte-Welt-Probleme, die Lebenslust, die nirgendwo anders st\u00e4rker sein kann. Den Leuten hier in Deutschland geht es unheimlich besser, aber sie klagen dennoch und es gibt kein \u00f6ffentliches Jubilieren des Alltags. In Afrika rechtfertigen die Gesundheitslage und der Mangel an Ressourcen so manche Klage, aber Unzufriedenheit gibt es nicht. Die Achtung vor dem Wert jedes Tages beherrscht den Geist des Kontinents. Das enge Verh\u00e4ltnis zwischen Leben, Leiden und Tot macht es zu einem einzigartigen Lebensgenuss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eIch habe viel \u00fcberlegt, aber ich w\u00fcrde Kenia nie f\u00fcr immer verlassen. Das kann ich nicht\u201c, betonte Hillary Sang. Der Masterstudent der Linguistik studiert an der Freien Universit\u00e4t und seine Sprach- und Linguistik-Programme sind der Grund f\u00fcr seinen kurzfristigen Aufenthalt in Berlin. \u201eIn Kenia gibt es sehr wenige Stipendien, die M\u00f6glichkeiten sind geringer und der Wettbewerb um Ausbildung und Arbeit verst\u00e4rkt sich.\u201c Aber Kenia sei seine Heimat, wo er sich trotz aller sozialer Probleme und Kriminalit\u00e4t am wohlsten f\u00fchle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/rf1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-776\" title=\"rf1\" src=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/rf1.jpg\" alt=\"\" width=\"420\" height=\"281\" srcset=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/rf1.jpg 420w, https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/rf1-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 420px) 85vw, 420px\" \/><\/a>\u201eVielleicht sollen wir auch S\u00fcdafrika verlassen\u201c, klagte meine Mutter, als meine Schwester Opfer von Autodieben wurde. Die Kriminalit\u00e4t, die soziale Ungerechtigkeit der Klassen, die Gesundheitslage und die politische Instabilit\u00e4t, die Teile des afrikanischen Lebens einbeziehen, w\u00fcrden Grund genug sein. Aber die Sch\u00f6nheit Afrikas, die Sch\u00f6nheit Kapstadts mit dessen Bergen, Weinbergen, Seen, Ozeanen, der Sonne und dem zuvor genannten Geist Afrikas sowie Freunde und Wurzeln, die wir hier so lange schon gepflegt haben, lassen diesen Gedanken verfliegen. Leidenschaft und Leiden des Kontinentes, Armut, AIDS und die lange und komplizierte Geschichte der Kolonisation und der Rassenprobleme bringen die Menschen Afrikas auf unglaubliche Weise zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Auch Hillary dachte an Flucht im politischen Konflikt w\u00e4hrend des kenianischen Wahlkampfes 2007 und 2008. Aber f\u00fcr ihn ist Einwanderung nach Deutschland keine Frage. Das Leben sei viel mehr als eine hoch gepriesene Arbeitstelle oder mehr Geld, sondern es ginge um die Wurzeln und die Beziehungen zwischen den Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eJeder kann reisen, die Welt anschauen. Aber f\u00fcr jeden gibt es einen einzigartigen Ort, wo man sich total wohl f\u00fchlt. Das ist Heimat.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Als S\u00fcdafrikanerin finde ich die Arbeitsm\u00f6glichkeiten, die Ausbildung und die Hochkultur Europas anziehend. Aber in Afrika geht es um die Leute. \u201eIch finde es wahnsinnig, dass man einen Termin braucht, um einen Kumpel zu treffen\u201c, sagte Hillary. \u201eDie hoch gepriesene P\u00fcnktlichkeit ist auch eine neue Sache f\u00fcr mich.\u201c In Afrika haben wir den Begriff \u201eon African time\u201c, was hei\u00dft, das Versp\u00e4tung ein normales Ereignis ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die deutschen Klischees \u00fcber Ausl\u00e4nder kennen wir beide. Als schwarzer Mann in Berlin war ich neugierig, ob Hillary irgendwelche Probleme gehabt hat. \u201e\u00dcberhaupt keine!\u201c, betonte er. Die Akzeptanz Berlins und die Freiheit und Vielf\u00e4ltigkeit der Multikulti-Stadt seien zu lieben und zu ehren. Aber meine Treffen mit dem Verk\u00e4ufer hinterm D\u00f6ner-Stand enden immer mit der Frage nach meiner Herkunft. Die Reaktion ist immer voller Verwunderung: \u201eDas kann nicht sein! Aber ethnisch sind Sie keine S\u00fcdafrikanerin, oder?\u201c. \u201eNa, es gibt auch wei\u00dfe Leute in S\u00fcdafrika\u201c, lache ich zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<h2 style=\"text-align: justify\">\n<p>Die Autorin<\/p>\n<\/h2>\n<address><a href=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/romyfuchs-portr\u00e4t.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-775\" title=\"romyfuchs portr\u00e4t\" src=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/romyfuchs-portr\u00e4t.jpg\" alt=\"\" width=\"140\" height=\"199\" srcset=\"https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/romyfuchs-portr\u00e4t.jpg 315w, https:\/\/userblogs.fu-berlin.de\/migrationen\/files\/2010\/08\/romyfuchs-portr\u00e4t-210x300.jpg 210w\" sizes=\"auto, (max-width: 140px) 85vw, 140px\" \/><\/a>Romy Fuchs ist in der Schweiz geboren und in Kapstadt, S\u00fcd-Afrika aufgewachsen. Sie hat ihr Bachelor Studium in BWL (Wirtschaft und Marketing) an der Wharton School of Business an der Universit\u00e4t von Pennsylvania in Philadelphia im Mai 2010 abgeschlossen und m\u00f6chte weiter in Berlin arbeiten und studieren. Sie fotografierte und schrieb f\u00fcr ihre Uni-Literatur Zeitschrift, First Call Magazine, war Veranstalterin des Greater Philadelphia Student Film Festivals und WQHS\u00a0 Sudent Radiomoderatorin. Sie macht gerade ein Praktikum bei RS2 in Berlin.<\/address>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Kenianer und eine S\u00fcdafrikanerin treffen sich in Berlin von Romy Fuchs Der Klang der Vuvuzela ist un\u00fcberh\u00f6rbar. Die Leute jubilieren, gratulieren einander, spielen Fu\u00dfball und die Welt schaut auf Afrika, S\u00fcdafrika. 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