Georg Meggle

Zu meinem nicht-akademischen Familienhintergrund

Ob die Tatsache, dass ich ein 1st-Generation-Akademiker bin, für mich eine Rolle spielt? Sicher. Aber welche? Was hat meine nicht-akademische Herkunft mit und aus mir gemacht?

„Akademiker“ – wenn mein Vater (Georg Meggle: 1900 – 1963) dieses Wort in meiner Gegenwart sagte, konnte ich stets ein ungewöhnlich hohes Maß an Respekt mitschwingen hören. Und auch heute noch entnehme ich dem damaligen Klang dieses Wortes zweierlei: zum einen das Bedauern eines Menschen, der weiß, dass diese Anerkennung ihm selber unwiederbringlich versagt bleiben wird; und zum anderen den Appell, dass ich mir auch ja stets der mit diesem Wort verbundenen Chance bewusst sein möge.

Die Jugend meines Vaters muss, auch wenn ich ihn über diese nie hatte klagen hören, eine harte gewesen sein. Maria Meggle (1878-1945), seine Mutter, brachte drei Söhne zur Welt – von drei verschiedenen Vätern. Die ersten beiden unehelich. Damit für die beiden jüngeren eine bessere Schulbildung möglich ist, muss der Älteste, mein Vater, von früh an – gleichsam als Ersatz-Versorger – das Brot verdienen. Und was tut mein Vater? Was ihm an Schule fehlt, bringt er sich selber bei. In Abendkursen und als zielstrebiger Autodidakt. Das Geld für diese Kurse verdient er mit Nachhilfestunden für andere. Den Abschluss einer Höheren Schule erreicht er damit freilich nicht. Von 1914 bis 1936 arbeitet er in Kempten als Maschinensetzer im Verlag Kösel & Pustet, dann als einfacher Angestellter im Messungsamt und nach dem Kriegsdienst  bis zu seinem Tod (1963) im Finanzamt.

Sein Lebensinhalt hatte mit seiner Erwerbsarbeit nichts zu tun. Mit Finanzen am allerwenigsten. Dafür hatte er aber etwas, was den meisten Menschen fehlt: Eine Sendung. Sein ganzes Engagement gehörte dem sogenannten Laienapostolat. Die katholische Kirche sollte nicht nur durch den Klerus, vielmehr von allen Gläubigen, also auch den Laien, aktiv mit-bestimmt werden. Diesem Ziel, im übrigen auch ein Programmpunkt des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965), widmet er all seine Kraft.

Vor ihrer Heirat (1939) hatte meine Mutter (Paulina Meggle, geb. Hummel (1902-1983)), die lediglich die „Sonntagsschule“ in dem Kemptener Stadtteil Steufzgen besucht hatte, zunächst als Verkäuferin gearbeitet und dann als Dienstmädchen bei verschiedenen „Herrschaften“. Diese waren von sehr unterschiedlicher Natur. Von guter, aber auch von weniger guter. Mit ihrer letzten ‚Herrschaft‘ verband sie bis an ihr Lebensende eine innige Freundschaft. Die Protestantin Charlotte Bonenberger hat gewiss nie vergessen, dass ihr katholisches Paulchen ihrem Mann, einem bekannten kommunistischen Verleger, als Nazi-Schergen ihn abholen wollten, mit einer Notlüge das Leben gerettet hat.

Papas Akademikerträume für mich blieben von seinen kirchlichen Neigungen nicht unberührt. Sein Megatraum war, dass ich Jesuit – gar einer ihrer Generale – werden würde. Deshalb wurde ich auch auf den Namen Ignatius von Loyola getauft. Von diesem Traum hatte ich als kleiner Junge meinen Vater selber reden gehört. Da in den ersten Nachkriegsjahren in einen Teil unserer Wohnung Flüchtlinge einquartiert waren, stand mein Bett lange im Elternschlafzimmer. Und da bekam ich eines Nachts mit, wie Papa von diesem Traum sprach. Mamas Antwort: „Daraus wird nix.“ Ich weiß nicht, ob das nur als eine Vermutung oder schon als ihr Veto gemeint war. Papas Antwort war wie so oft: „Nun, in Gott’s Namen.“ Aber immerhin: Theologie war, neben Philosophie und Germanistik, eines der Fächer, mit denen ich in München mein Studium begann. Doch das hat mein Vater ja schon nicht mehr erlebt.

Aber der erste Schritt in Richtung Academia war nicht das Studium, sondern das Gymnasium. Und dort hätte das kleine Georgle dem Traum des großen Vater-Georg-Meggle fast schon bei der ersten Gelegenheit ein unrühmliches Ende bereitet. Ich fiel gleich in der ersten Klasse in Latein durch. Woran das lag, das kann ich mir heute selber nicht mehr erklären. Es gab keine Prügel (die gab es zu Hause freilich ohnehin nie, und in der Haubenschloss-Volksschule auch nur von einem mir verhassten Kapuzinerpater im Religionsunterricht); auch kein Geschrei. Meinerseits sicherlich Tränen. Doch was mich am stärksten schmerzte: Ich spüre, wie eine abgrundtiefe Traurigkeit meinem Vater das Atmen schwer macht. Natürlich wollte ich, welche Schande, nicht in die alte Volksschule zurück, verspreche Besserung und Fleiß und weiß Gott noch alles. Mein Vater fragt meine Klassen- und Lateinlehrerin Frau Miller um Rat. Und diese erklärt: Es habe keinen Sinn, mich auf dem Gymnasium zu belassen; bei der nächsten neuen Sprache, dem Altgriechischen in der Quarta, würde ich eh gleich wieder versagen.

Mein Vater belässt mich auf dem Gymnasium. In der Quarta bekomme ich Frau Miller in Griechisch – und mein Geist erwacht: „Pass auf, Dir werd‘ ich’s zeigen!“  Von da an hatte ich in Latein und Griechisch fast nur noch ne 1. Und im Nachhinein bin ich dieser im Grunde recht lieben alten Lehrerin für ihren damaligen „Rat“ sogar dankbar. Ohne  diesen wäre ich wohl im Mittelmaß hängen geblieben. Aber dass mein Vater im Jahr vor meinem Abi auf dem Weg zur Kirche auf einer Eisplatte ausgerutscht und in der darauffolgenden Nacht an den Folgen einer Gehirnblutung gestorben ist, er mit seinem Sterben also nicht bis zu diesem Sieg seines Sohnes hat warten können, dies machte ich ihm damals – so absurd das auch klingen mag – tatsächlich zum Vorwurf.

Auf dem Humanistischen Gymnasium Kempten gab es zu meiner Zeit ein ziemlich klares Zwei-Klassen-System. Die a-Klassen waren für die Stadtschüler reserviert, die b-Klassen für die Schüler vom Land. Die Stadt-Schüler, das waren in der Mehrzahl die Kinder von Ärzten, Rechtsanwälten und anderen Honorationen. Die Land-Schüler waren meist Bauernkinder, die das Schuljahr über großteils im Knabenseminar St. Magnus untergebracht waren, einer von der Kirche finanzierten  Einrichtung zur Förderung von Priesterkandidaten. Für viele Bauernfamilien war das die einzige Chance, auch ihren Buben eine gute Ausbildung und so auch einen sozialen Aufstieg zu ermöglichen. Meine Eltern gehörten nun aber weder zu der Kemptener Oberschicht noch zu der Allgäuer Bauernschaft. Und so wurde ich ein paarmal, wenn eine der beiden Klassen zu wenig Schüler hatte, in eben diese verschoben. Je nach Bedarf. Diese Erfahrung hat mein Klassenbewußtsein erheblich geschärft.

Jetzt ein großer Zeitsprung. Ich bin an der Uni Konstanz. Mich erreicht mein erster Ruf auf eine Professur, auf eine  für Logik und Wissenschaftstheorie am Philosophischen Institut  am Domplatz in Münster. Und schon werde ich von einem Konstanzer Philosophie-Kollegen eingeladen, für den ich bis dahin als bloßer Mitarbeiter an einem DFG-Projekt, ich erinnere mich wohl, quasi nicht existent war. Und als ich in Münster ein paar Jahre später den Ruf auf eine C4-Stelle nach Saarbrücken erhalte, gratuliert mir ein Juristen-Kollege doch echt mit dem Spruch: „Klasse, jetzt bist Du als Ordinarius ja endlich voll satisfaktionsfähig.“ Offenbar war ich schon damals gegen solche Kasten-Rituale hyper-allergisch. Es sind Rituale, die sich als inklusiv ausgeben (jetzt bist Du ja einer von uns) und genau dadurch ihre strukturelle Exklusion (der niedrigen Kasten, zu denen auch ich bis dahin gehörte) maximieren.

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Waren all diese prä- und frühakademischen Empfindlichkeiten meinerseits lediglich Äußerlichkeiten? Durch meine nicht-akademische Herkunft geprägte Entwicklungen, die nur den Stil, nicht so sehr die Thematik meiner philosophischen Einsätze betrafen? Prägt mein nicht-akademisches Elternhaus nur das wie, nicht auch das was meines eigenen akademischen Wirkens? 

Das mag allenfalls für die Zeit meiner rein akademischen Qualifikationsarbeiten gegolten haben. Aber sicher nicht mehr für meine in den 80er Jahren in Münster beginnenden philosophischen Interventionen danach, sprich: nicht für meine Arbeiten zur Logik der Abschreckung und des Terrorismus, zur Theorie des Gerechten Krieges und deren Anwendung auf die so genannten Humanitären Interventionen, und schließlich für meine Positionierung In Sachen Deutschland, Israel, Palästina und meine jahrelangen Bemühungen um eine Klärung des Antisemitismus-Begriffs. Und sicher auch nicht für die mit diesen Themen verknüpften Leipziger Universitätsveranstaltungen, mit denen ich die Grenzen zwischen dem berühmten universitären Elfenbeinturm einerseits und einer kritisch reflektierenden Öffentlichkeit andererseits aufzubrechen versucht hatte.

Wenn ich jetzt (Sommer 2022) auf meine Anfänge zurückblicke, so komme ich nicht um die Feststellung herum, dass von dem idealisierten Academia-Bild, das meinem Vater vorgeschwebt sein muss und auch mich sehr lange geprägt hat, nicht mehr viel übrig ist. Meine äußeren Erfolge sind nur die eine Seite; aber dieser akademische ‚Aufstieg‘ ist seit über 30 Jahren auch mit einer wohl nie mehr endenden Kette von Anfeindungen und Demütigungen verbunden. „Akademiker“ – dieses Wort hat für mich seinen anfänglichen Glanz inzwischen gänzlich verloren. Ebenso geschwunden ist mein Glaube an die Institution, die, wie es früher mal hieß, als Alma Mater uns Akademiker nähren und Kraft geben soll: die Universität.

Ich erinnere mich an meine Sonntagsnachmittags-Runden mit meinem Vater – und drehe, ihn an meiner Seite spürend, noch eine weitere Runde.  Der akademische Traum meines Vaters war ja für mich gedacht, nicht für ihn selbst. Er selber brauchte ihn nicht. Er war auch ohne akademische Weihen ein aufrechter und mutiger Mann.  

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Georg Meggle ist Emeritus an der Universität Leipzig und seit 2010 in den Wintersemestern jeweils Gastdozent an Universitäten in Kairo. Weitere autobiographische Verstehensversuche in den Kapiteln 67 bis 75 des OpenAccess e-Books  https://eplus.unisalzburg.at/obvusboa/content/titleinfo/6202655 .

Klaus Feldmann

Ich bin in Altenberge/Westfalen nahe bei Münster geboren, einzelnen Philosoph*innen ist diese Kleinstadt geläufig, da Hans Blumenberg während seines letzten Lebensabschnitts dort lebte. In der Nähe bin ich in einer sehr ländlichen Gegend im Münsterland als mittleres Kind mit älterem und jüngerem Bruder aufgewachsen und meine Eltern haben während meiner gesamten Kindheit eine Gärtnerei mit mehreren Angestellten betrieben. Neben dem Schulbesuch war der Alltag von der Mithilfe im elterlichen Unternehmen gekennzeichnet, die harte, körperliche Arbeit darstellte, verbunden mit dem Bewusstsein, die materiellen Lebensgrundlagen sichern zu müssen. Für meine Eltern war es während meiner gesamten Kindheit selbstverständlich, dass die gesamte Familie sich in dem Betrieb einbringt, so dass Wochenenden und Schulferien zu einem großen Teil davon bestimmt waren.

Neben dieser von Monotonie durch Massenproduktion gekennzeichneten Arbeit, die das Familienleben stark bestimmte, bin ich in einem mehr oder weniger geschlossenen katholischen Milieu aufgewachsen. Institutionell besuchte ich vom Kindergarten bis zum Abitur ausschließlich katholische Bildungseinrichtungen. Zugleich durchzog das kirchliche und spirituelle Leben normativ autoritär den familiären Alltag: Der Gottesdienstbesuch mindestens an Sonn- und Feiertagen galt als absolute Pflicht, das Gebet vor jeder Mahlzeit als eine Selbstverständlichkeit, die (regelmäßige) Teilnahme an den verschiedenen Sakramenten verbunden mit den entsprechenden moralischen Vorstellungen des Katholizismus war gefordert, die Übernahme von Ämtern in der Kirche wurde erwartet.

Es lässt sich nicht leugnen, dass auch die Lektüre von Büchern durchaus eine Rolle in meiner Familie spielte, ebenfalls ermöglichten mir meine Eltern das Erlernen von Instrumenten. Bei aller Unterstützung, für die ich auch bis heute dankbar bin, wurde diesen kulturellen Tätigkeiten allerdings nur marginale Bedeutung im alltäglichen Lebensvollzug zugesprochen, ganz zu schweigen davon, sie als eine ernsthafte berufliche Perspektive anzusehen. Bereichernd wirkte sich mein Besuch der weiterführenden Schule auf die Entwicklung meiner geistigen Welt aus. Begünstigt wurde dies durch ein funktionierendes Gesamtschulkonzept. Als eine der ersten Gesamtschulen in der Bundesrepublik mit der Besonderheit der katholischen Trägerschaft war sie – in den Grenzen ihrer Möglichkeiten – geprägt von einer schichtenübergreifenden Schüler*innenschaft. Auch wenn der konfessionelle Rahmen gegeben war, so fehlte doch der gymnasiale Elitismus, das gemeinsame Lernen und Arbeiten mit Schülerinnen und Schülern aller sozialen Klassen und Leistungsniveaus hat meine Sicht auf den Bildungsbegriff nachhaltig geprägt.

Die Wahl meiner Studienfächer, meiner Abschlüsse und letztlich auch die meiner konkreten Studieninhalte ist von diesen biographischen Erfahrungen stark beeinflusst: Neben Philosophie habe ich katholische Theologie mit dem Ziel Staatsexamen und Lehramt studiert. Ich verspürte angesichts meiner Erfahrungen mit körperlicher Arbeit in meiner Kindheit einen Drang nach Geisteswissenschaften, einem zweckfreien Nachdenken über die Welt, mit dem Studium der Theologie wollte ich erkunden, was es letztlich Bedeutsames mit der Religion und dem Glauben auf sich hat. Das akademische Leben mit Forschung und Lehre, mit dem meine Herkunfsfamilie so gut wie keinen Kontakt hatte, eröffnete mir im Verlauf meines Studiums eine neue Welt und die Bildungsidee wurde für mich immer mehr zu einem zentralen Wert von orientierender und befreiender Größe. Inhaltlich arbeitete ich mich in meinen Studienfächern an der rationalen Durchdringung meiner Glaubensbiographie ab, philosophisch interessierten mich zunächst ethische Konzepte, um mich rational mit den starken normativen Gehalten meiner Erziehung auseinanderzusetzen.

Nach meinem Studium schlug ich zunächst aufgrund meiner positiven Schulerfahrungen und meines Bildungsidealismus die Möglichkeit einer Promotion zugunsten des Lehramtes aus. Nach über zehn Jahren Lehrtätigkeit am Gymnasium kehrte ich an die Universität zurück, promovierte in Bildungsphilosophie bzw. Philosophiedidaktik und lehre in diesem Bereich inzwischen genauso lange. Insgesamt sind meine biographischen Erfahrungen leitend für meine Haltung zur Frage der Bildung. Sie stellte für mich die Möglichkeit der Befreiung aus einem Leben dar, welches ich mir nicht selbst gewählt habe, in das ich aber mehr oder weniger hineingeboren wurde. Leitend für meine philosophische Arbeit ist daher die Konzeption eines unverkürzten Begriffs (philosophischer) Bildung und seine Weitergabe an Schüler*innen und angehende Lehrer*innen.

Klaus Feldmann ist Akademischer Rat am Philosophischen Seminar der Bergischen Universität Wuppertal. 

Thomas Meyer

(1) Wie würdest Du Deinen sozialen Hintergrund beschreiben?

Mir wurde recht früh klar „I came from a broken home” (Gil Scott-Heron). Meine Mutter (Jahrgang 1957) war gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann, mein Vater (Jahrgang 1942) gelernter Elektriker. Geboren und aufgewachsen bin ich im Bergischen Land nahe Köln in NRW, wo auch mein Vater herkam. Meine Mutter ist als erste in der BRD in Köln geboren, ihre Eltern, die aus Sachsen kamen, haben in den frühen 1950er Jahren rübergemacht. Nie verheiratet haben sich meine Eltern (beide wie schon ihre Eltern konfessionslos) kurz nach meiner Geburt getrennt, so dass ich bei meiner alleinerziehenden Mutter gemeinsam mit meinem älteren Bruder (der einen anderen Vater hat) aufwuchs. Bis zu meiner Volljährigkeit war meine Mutter weitestgehend alleinerziehend. Wenn Männer im Haushalt waren, dann hat das oft zu Konflikten geführt, in die häusliche Gewalt, Alkoholmissbrauch und emotionaler Missbrauch involviert waren.

Mein einziges Glück war, dass meine Mutter viel Wert darauf legte, dass ich eine gute Schullaufbahn hinlegen und im Anschluss studieren würde („Dann hast Du es später leichter als ich.“). Ich habe den größten Respekt vor dieser so starken Frau, die nicht nur all den Widrigkeiten und der Gewalt getrotzt hat, die sich nicht nur nebenher noch in Ortsvereinen wie etwa der AWO engagierte, sondern vor allem ganz alleine ihre zwei Söhne erzogen hat, dafür sorgte, dass sie Anstand und Manieren, einen Schulabschluss, einen Führerschein und wenigstens eine Ausbildung gemacht haben.

Sie selbst hatte es nicht so leicht und ist von ihrem Vater nach dem Realschulabschluss rausgeworfen worden mit dem Argument, sie könne ja jetzt ihr eigenes Geld verdienen. Aber leichter gesagt als getan, hatte sie mit mir dann mit einem störrischen Pubertierenden zu tun, der lieber auf die Hauptschule gegangen wäre, auf der all seine Freunde waren. Dennoch ging ich nach viel heftigem Streit und rohen Zwiebeln zunächst aufs Gymnasium, wiederholte die 8. Klasse, hätte diese nochmal wiederholen müssen, wäre ich dann nicht zunächst auf die Realschule gegangen. Dort fing ich mich, machte den Abschluss mit Qualifikation für das Gymnasium und erlangte dann im Anschluss mein Abitur – als erster und einziger meiner Generation in meiner Familie, soweit sie mir bekannt war. Ganz so einfach ist es nämlich dann doch nicht. Mein Onkel mütterlicherseits hätte nach dem Abitur studieren können, hätte er sich nicht so aufmüpfig gegenüber den DDR-Autoritäten verhalten. Und wie ich viel später erfuhr, haben aus der Familie meines Vaters, die 10 Kinder gewesen sind, ebenfalls einige meiner Cousins und Cousinen Abitur gemacht und sogar studiert. Allerdings waren diese für mein eigenes Leben nicht existent.

(2) Was waren für Dich besondere Schwierigkeiten, die mit Deinem Hintergrund zu tun hatten oder haben, und gibt es ein Beispiel für eine Erfahrung oder Anekdote, die diese gut veranschaulicht?

Manche der Schwierigkeiten werden mir erst jetzt, als Postdoc, wirklich bewusst. Insofern hat auch mich sicherlich eine Naivität davor bewahrt, es gar nicht erst zu versuchen. Auf dem Gymnasium stand mir im Weg das ständige Gefühl, da nicht hinzugehören – zwischen Mitschülern, die mit mehr Sicherheit auftraten, deren Eltern Ärzte und was wusste ich damals schon waren. Mitschüler, die wohlbehütet in Einfamilienhäusern wohnten, anstatt in Genossenschaftswohnungen, die vielleicht mit Freunden Wissensspiele spielten, anstatt mit den Nachbarskindern im Fluss Eimer zu rauchen, die vielleicht Klavier übten, anstatt Wände zu bemalen, die Schach lernten anstatt Mofas zu knacken. Die Schwierigkeiten fangen, denke ich, bereits damit an, dass man es gar nicht erst auch nur als eine Möglichkeit in Erwägung zieht, einen höheren Bildungsweg einzuschlagen. Macht man dies (durch ganz viel Glück), dann gehen die Schwierigkeiten weiter: mein ganzes Studium über habe ich nebenher arbeiten gehen müssen, um es finanzieren zu können. Von einem „Stipendium“ hatte ich nie etwas gehört. Sicherlich hat es irgendwo auch mal Hinweise auf Stipendien gegeben, aber da geht das Problem eben weiter. Man achtet auf so etwas nicht, weil man es nicht versteht, nie davon gehört hat und es kein Teil der grundsätzlich in Erwägung gezogenen Optionen ist. Und wenn niemand aus Familie, Freundeskreis oder etwa unterstützenden Lehrern einen darauf hinweist oder sogar ermutigt, es zu versuchen, dann gibt es diese Möglichkeit schlicht nicht. Schließlich war und ist auch die Angst ein Hindernis, die eigene Herkunft überhaupt preiszugeben. Die Angst davor, sich bloß zu stellen, oder dazustehen als jemand, der Vorteile erlangen will, Angst davor, nicht für Verdienst, sondern aus Mitleid anerkannt zu werden.

(3) Was hat Dir dabei besonders geholfen, diese oder andere Schwierigkeiten zu überwinden, und gibt es auch hier ein Beispiel für eine Erfahrung oder Anekdote, die dies gut veranschaulicht?

Ich denke eine sehr wichtige Entscheidung war, nach 6 Semestern das Lateinstudium zu beginnen (nachdem ich das Latinum nachgeholt hatte), wobei auch hier vor allem das Glück vorherrschte, da ich einfach Spaß an Latein hatte. Die Wichtigkeit dieser Entscheidung wurde mir erst klar, als ich lernte, dass Latein ein klassisches Aufsteigerfach ist. Man kann gut werden rein durch Fleiß und zugleich lernt man viele wichtige Kompetenzen ebenso wie viele zentrale Bildungsinhalte über Geschichte, Kunst, Literatur und auch Philosophie kennen. Es ist schon ironisch, dass gerade Latein das Schulfach gewesen war, das mich durch ein „ungenügend“ auf dem Zeugnis neben mehreren „mangelhaft“ sitzenbleiben ließ.

Weiter hat mir geholfen die Haltung „Da musst du halt durch!“. Kraft dafür habe ich in entmutigenden Situationen gezogen und ziehe ich immer noch aus – Rapmusik. Auch wenn die Rap- und Hip Hop-Kultur selbst intern problematische Formen der Diskriminierung wie Sexismus perpetuiert und sich unbedingt weiter entwickeln muss (siehe aber etwa: Ebow, Josi, Liz, Juju, Nura), so ist sie doch auch eine starke Quelle des Empowerment.

Insofern die Schwierigkeiten des Aufstiegs in dem Unwissen über die Welt der Gebildeten bestand, haben mir einige Freundschaften mit Kommilitoninnen und Kommilitonen aus dem sogenannten „Bildungsbürgertum“ geholfen, sowie der Eintritt in den Universitätsmusikchor. Hier habe ich mich auch lange Zeit versucht, nach oben hin zu assimilieren voller Begeisterung für die Welt der Kunst, Musik, Literatur und Bildung. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft, wie ich zum ersten Mal das Familienhaus eines guten Freundes betrat: die Wände waren mit Kunst seines Vaters gesäumt, Regale voll mit Klassikern der Literatur in Edelausgaben – und dann dieser Flügel im Wohnzimmer. Es ist eine schöne Erinnerung, auch wenn mir diese Erfahrung zugleich eine Schicht dessen aufdeckte, was ich nicht genossen hatte. Mit dieser Begeisterung ging nun aber eine starke Abgrenzung gegenüber meinem Herkunftsmilieu einher, die lange anhielt und natürlich auch zu vielen Konflikten führte. Hier hat mir die Lektüre der Rückkehr nach Reims sehr geholfen, das mir wiederum von einer Bekannten empfohlen wurde, als ich bereits promoviert war. Das war einige Jahre nach der Veröffentlichung der deutschen Fassung, die damals in allen Feuilletons besprochen und sicherlich von der gesamten deutschen Bildungsbürgerschicht bereits gelesen worden war. Eine weitere Lektüre die mir erst kürzlich weiter Klarheit verschafft hat ist die Hillbilly Elegy. Insbesondere das Kennenlernen der adverse childhood experience (ACE) und den damit einhergehenden Problemen, die natürlich auch einen Bildungsaufstieg weiter erschweren, hatte für mich wichtigen aufklärenden Charakter.

(4) Gibt es besondere Einsichten oder Perspektiven, die Du Deinem Hintergrund verdankst und die für Deine philosophische Forschung oder Lehre von besonderem Wert sind?

Zunächst ist man gezwungen, viel mehr Dinge nicht als selbstverständlich hinzunehmen und darüber nachzudenken. Ich konnte mich in Widerständigkeit üben. Außerdem hatte ich nichts zu verlieren, weshalb ich vielleicht oft auch risikoaffiner an Dinge herangegangen bin. Philosophiespezifische Vorteile sehe ich gar nicht so sehr, zumindest nicht für die Forschung. In der Lehre glaube ich, einen Blick zu haben für Studierende, die vielleicht aus ähnlichem Milieu kommen, bzw. ganz allgemein einen Blick zu haben für systemisch benachteiligte Gruppen.

Thomas Meyer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin.