Grabpegel

Aus dem Traum gesprochen

Ich bin nicht hier, und noch nicht bin ich dort.
Die Blumen, ach die Blumen, ferne Zeit!
Wir hausen so, an einem Zwischenort.
Es starb so viel. Der Bettler singt. Es schneit.

Ich sitze schon im Zug. Kein Schmetterling
verfliegt sich bis hierher. O Abendstern,
o herbstversunkener Garten! Eben ging
die Frau vorbei. Für immer. Schön und fern,

und immer weiter von dem Anbeginn.
Zwei Uhren schlagen lautlos. Einer lacht.
Zu brechen Brot, zu teilen, sei der Sinn,
sagt eine Stimme. Wär es doch vollbracht!

Ist dies schon Traum, dies Kindesangesicht?
O Mutter, weißt du noch? Es war einmal.
Der Nachbar fragt. Wie spät? Ich weiß nicht.
Ich liege schon. Ich habe keine Wahl.

Es wird schon spät sein. Ja, es ist wohl spät.
Die Götter gingen schlafen, müd wie du.
Die Blumen, ach die Blumen! Einer steht
als Engel vor dem Gartentor. Wozu?

Du darfst nicht klagen. Für die Ewigkeit
bist du gemalt. Sei still, die Stirne fehlt.
Die Hand im Bild ist klein und zart. Es schneit
auch nicht mehr. Dieses Gold ist ungezählt.

Gehört dem Bettler. Sind wir schon am Ziel?
So bin ich wieder, wo ich immer war.
Nun steht er nicht mehr dort? Mir starb so viel.
Die Blumen, ach! – Wie ist es wunderbar..

(JW)

Poetik

„Nur das Kunstwerk, der direkt von der Angst hervorgebrachte Text, könnte paradoxerweise für alle Zeiten der Leere, die auch sie zur Welt gebracht hat, entgehen. Während die alltägliche Welt in jedem Augenblick vor mir einstürzt, konstruiert das Schreiben des Imaginären aus dem (als Struktur aufgefassten) Nichts selbst eine Antiwelt, der die fundamentale Angst nie mehr etwas anhaben kann, denn es ist genau diese Angst – und im Gegensatz zu dem, was der gesunde Menschenverstand glaubt, nicht die Wörter oder die Syntax -, die den Stoff bildet, aus dem diese Antiwelt erbaut wird.“

ARG