Schlagwort-Archiv: Party

Ballern in Berlin: Durch die Clubs ziehen oder im Club ziehen?

Pulsierende Nächte. Kaum irgendwo atmet man so sehr die Berliner Partyluft wie auf dem RAW-Gelände an der Warschauer Straße. Die Luft ist durchdrungen von Zigarettenrauch, Abgasen und Erwartungen. Es ist der Herzschlag Friedrichshains. Dabei offenbaren sich nicht nur schöne Seiten: Studien zufolge steigt der Drogenkonsum bei Feiernden in der Hauptstadt stark an. Es kommt immer wieder zu Abstürzen oder Drogenexzessen. Ich will wissen, wie normalisiert der Konsum von Drogen für Feiernde wirklich ist und stürze mich in eine Berliner Partynacht.

Ein Beitrag von Raya Frick

Wer aus der U-3 steigt, muss sich an einem Strom von Menschen vorbeischieben. Die Warschauer Brücke ist niemals einsam. Gruppen von jungen Menschen in zerrissenen Hosen und hohen Stiefeln. Ihre Stimmen ergeben ein lautes Wirrwarr von Gesprächsfetzen. Englisch, Deutsch alles gemischt. Sie sind schön und aufgeregt. Stoppen kann sie gerade nichts.

Dazwischen Menschen mit Aktentaschen oder Rücksäcken. Leicht abgekämpfte Gesichter, ihre Schritte schieben sich hektisch durch das Gewühl. Die blinkende Kulisse der Stadt zieht Aufmerksamkeit auf sich. Immer wieder bleiben Menschen stehen, lassen sich nicht beirren von den Remplern, die sie links und rechts abgekommen und richten ihre Smartphones auf die rot blinkende Silhouette des Fernsehturms, der sich über den Gleisen im Osten erhebt.

Der Eingang des Clubs scheint unscheinbar. Ein schwarzes Schild mit weißen Buchstaben. Zwei junge Frauen mit Pelzmützen und langen Mänteln quetschen sich kichernd in die Fotokabine neben dem Eingang. Ihr lautes Lachen mischt sich mit dem Rauschen der vorbeifahrenden Autos und den Gesprächen der Menschen ringsum. Ein Obdachloser hat seine Kunstwerke ausgebreitet. „We all want sex“ oder „For Weed“ steht auf den Bildern, die aus wilden Strichen und Farben geschaffen wurden. Hier geht alles Hand in Hand.

„Es war nie so gehyped wie jetzt“

Bereits jetzt hat sich eine Schlange gebildet. Es ist 23 Uhr. Über 100 Meter stehen die Menschen bis auf die Brücke. Die Stimmung ist gut. Paco und Marvin kommen aus Berlin. Die beiden Jungs gehen fast jedes Wochenende feiern. „Gute Laune, gute Leute“ gehört für die Berliner dazu. Drogen stehen nicht auf der Liste. Motto: „Man kann auch ohne Drogen Spaß haben“. Dennoch bemerken sie, dass die Berliner Feierszene stark von Drogen beeinflusst wird. „Viele machen das, weil sie denken dann gehören sie dazu“. Gerade die Technoszene erlebt ein großes Comeback „Es war nie so gehyped wie jetzt und für viele gehört das durch TikTok dazu“. Auch im Freundeskreis sind viele dabei, die Drogen beim Feiern nehmen. „Koks, Mephe alles“ sagt Paco und zuckt dabei mit den Schultern. Da in den Clubs auch unter der Hand Drogen angeboten werden haben die beiden ihre eigenen Regeln „Rede mit niemandem auf Toilette (der dir was anbieten will)“. Dennoch haben sie kein Problem, wenn andere beim Feiern konsumieren. „Das ist deren Ding, muss jeder selber wissen“.

Schlange stehen. Foto: Raya Frick

Für andere gehören Drogen beim Feiern einfach dazu. Leander beschreibt es so: „ein gewisses Element von Rausch und Ekstase muss dabei sein“.  Das kommt für ihn entweder über die Musik oder die Standard-Partydrogen. Welche das sind, will ich von ihm wissen? „Koks, Keta, Teile, Speed“ listet er auf. Der hochgewachsene junge Mann mit den wuscheligen Haaren sieht nicht so aus als würde er seine Zukunft demnächst unter der Brücke verbringen. Die Frauen an seiner Seite sind schick gekleidet in Pelzjacken und hohen Stiefeln. In seinem Freundeskreis gibt es einige Menschen, die mit der einfachen Verfügbarkeit an Drogen nicht so gut klarkommen: „Die sind dann schonmal so drei Tage wach und am Montag geht’s zur Arbeit“.

Drogenkonsum steigt stark an

Der Drogenkonsum steigt in Berlin stark an. Neben Kokain liegen MDMA, Ketamin und Speed weiter im Trend. Alkohol und Zigaretten sind dabei oft selbstverständlich. In einer Studie zum Drogenkonsum in Berliner Clubs von 2018 haben fast 88 Prozent beim Feiern Alkohol getrunken und mehr als 73 Prozent geraucht. Die Hälfte nahm Amphetamine. Die Einnahme von Ketamin und Kokain lag bei rund einem Drittel (36 Prozent) (Substanzkonsum und Erwartungen an Präventionsangebote in der Berliner Partyszene, 2018).

Wenn ich die Leute danach befrage, was für sie beim Feiern wichtig ist, dann kommt häufig an erster Stelle der Wunsch nach guter Stimmung und netten Leuten. Drogen werden gar nicht oder erst im zweiten Satz erwähnt. Auch bei Malte und Mala braucht die Antwort einen Augenblick. „Gute Laune“, sagt Malte nach einer kleinen Pause. Von Mala kommt ein Lachen, sie grinst ihn schelmisch an. „Bier sagen die beiden dann noch“. „Drogen gehören schon dazu“. Ihnen wurde schon öfter Drogen im Club angeboten. Belästigt fühlen sie sich davon nicht. „Ich kann meine Grenzen gut setzen“. Generell halten sie aber Awareness-Teams für sinnvoll. „Da fühlt man sich einfach sicherer“.

In Club selber steht die Luft. Zigaretten-Rauch und Nebelmaschine verdichten sich zu einer Masse, die das Atmen erschwert. Auf dem dunklen Floor bewegt sich eine Masse an Menschen, um das DJ-Pult, das wie eine Insel von einem Meer aus Gestrandeten umgeben wird. Schnelle Technobeats. Bei einem guten Übergang jubelt die Menge. Alle bewegen sich nah beieinander. Es geht nicht anders. Der Raum platzt beinahe und die Schlange draußen ist noch lang.

Der Club ist klein. Bei über Tausend interessierten Gästen gibt es nur wenige Klokabinen für alle drinnen. Klokabinen sind oft ein gefragter Ort zum Drogen konsumieren. Ich sehe wie sich fünf Personen lachend in eine sogenannte „Ballerkabine“ drängen. „Ballern“ wird in der Szene oft als ein Synonym zum Drogen nehmen verwendet. Nach wenigen Minuten schwingt die Tür wieder auf und die Menschen wieder raus. Das Handy ist sauber gekratzt, es wird sich schnell über die Nase gerieben. Ein junger Mann rotzt auf den Boden und dann verschwindet die Gruppe im Club. Vor den Kabinen ist fast so eine lange Schlange wie draußen. Die Masse an Menschen wartet brav wie an der Bushaltestelle, bis sie dran sind. Mira (Name geändert) erklärt mir eindringlich, dass sie auch ohne Drogen feiern könnte: „Ich mach das nur manchmal aber dann fühle ich die Musik einfach viel krasser“.

Der Weg nach draußen. Foto: Raya Frick

Das Ganze läuft so entspannt ab, dass man sich nicht zu wundern braucht, wie normalisiert der Konsum in der Partyszene geworden ist. Auf dem Weg raus sehe ich aber auch noch jemanden, für den diese Nacht nicht so gut zu verlaufen scheint. Ein Mädchen sitzt zusammengesunken in der Ecke, ihre Freundin daneben versucht sie zu beruhigen. Nach kurzer Zeit stehen aber auch die beiden auf und es geht weiter. Ich verlasse den Club, laufe die Treppe hoch, auf der sich vor einigen Stunden noch die Menschen drängten. Es ist grade mal vier, der Club ist immer noch brechend voll. Viele werden wohl noch bis zum Morgengrauen wach sein. Und wie ich gelernt habe: Nur die wenigsten von ihnen nüchtern.

Raya Frick studiert im 5. Semester Kommunikations- und Politikwissenschaften an der FU Berlin. Sie interessiert sich für Politik und internationale Beziehungen. In ihrer Freizeit liest sie gerne Klassiker und Fantasy-Romane.