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Ballern in Berlin: Durch die Clubs ziehen oder im Club ziehen?

Pulsierende Nächte. Kaum irgendwo atmet man so sehr die Berliner Partyluft wie auf dem RAW-Gelände an der Warschauer Straße. Die Luft ist durchdrungen von Zigarettenrauch, Abgasen und Erwartungen. Es ist der Herzschlag Friedrichshains. Dabei offenbaren sich nicht nur schöne Seiten: Studien zufolge steigt der Drogenkonsum bei Feiernden in der Hauptstadt stark an. Es kommt immer wieder zu Abstürzen oder Drogenexzessen. Ich will wissen, wie normalisiert der Konsum von Drogen für Feiernde wirklich ist und stürze mich in eine Berliner Partynacht.

Ein Beitrag von Raya Frick

Wer aus der U-3 steigt, muss sich an einem Strom von Menschen vorbeischieben. Die Warschauer Brücke ist niemals einsam. Gruppen von jungen Menschen in zerrissenen Hosen und hohen Stiefeln. Ihre Stimmen ergeben ein lautes Wirrwarr von Gesprächsfetzen. Englisch, Deutsch alles gemischt. Sie sind schön und aufgeregt. Stoppen kann sie gerade nichts.

Dazwischen Menschen mit Aktentaschen oder Rücksäcken. Leicht abgekämpfte Gesichter, ihre Schritte schieben sich hektisch durch das Gewühl. Die blinkende Kulisse der Stadt zieht Aufmerksamkeit auf sich. Immer wieder bleiben Menschen stehen, lassen sich nicht beirren von den Remplern, die sie links und rechts abgekommen und richten ihre Smartphones auf die rot blinkende Silhouette des Fernsehturms, der sich über den Gleisen im Osten erhebt.

Der Eingang des Clubs scheint unscheinbar. Ein schwarzes Schild mit weißen Buchstaben. Zwei junge Frauen mit Pelzmützen und langen Mänteln quetschen sich kichernd in die Fotokabine neben dem Eingang. Ihr lautes Lachen mischt sich mit dem Rauschen der vorbeifahrenden Autos und den Gesprächen der Menschen ringsum. Ein Obdachloser hat seine Kunstwerke ausgebreitet. „We all want sex“ oder „For Weed“ steht auf den Bildern, die aus wilden Strichen und Farben geschaffen wurden. Hier geht alles Hand in Hand.

„Es war nie so gehyped wie jetzt“

Bereits jetzt hat sich eine Schlange gebildet. Es ist 23 Uhr. Über 100 Meter stehen die Menschen bis auf die Brücke. Die Stimmung ist gut. Paco und Marvin kommen aus Berlin. Die beiden Jungs gehen fast jedes Wochenende feiern. „Gute Laune, gute Leute“ gehört für die Berliner dazu. Drogen stehen nicht auf der Liste. Motto: „Man kann auch ohne Drogen Spaß haben“. Dennoch bemerken sie, dass die Berliner Feierszene stark von Drogen beeinflusst wird. „Viele machen das, weil sie denken dann gehören sie dazu“. Gerade die Technoszene erlebt ein großes Comeback „Es war nie so gehyped wie jetzt und für viele gehört das durch TikTok dazu“. Auch im Freundeskreis sind viele dabei, die Drogen beim Feiern nehmen. „Koks, Mephe alles“ sagt Paco und zuckt dabei mit den Schultern. Da in den Clubs auch unter der Hand Drogen angeboten werden haben die beiden ihre eigenen Regeln „Rede mit niemandem auf Toilette (der dir was anbieten will)“. Dennoch haben sie kein Problem, wenn andere beim Feiern konsumieren. „Das ist deren Ding, muss jeder selber wissen“.

Schlange stehen. Foto: Raya Frick

Für andere gehören Drogen beim Feiern einfach dazu. Leander beschreibt es so: „ein gewisses Element von Rausch und Ekstase muss dabei sein“.  Das kommt für ihn entweder über die Musik oder die Standard-Partydrogen. Welche das sind, will ich von ihm wissen? „Koks, Keta, Teile, Speed“ listet er auf. Der hochgewachsene junge Mann mit den wuscheligen Haaren sieht nicht so aus als würde er seine Zukunft demnächst unter der Brücke verbringen. Die Frauen an seiner Seite sind schick gekleidet in Pelzjacken und hohen Stiefeln. In seinem Freundeskreis gibt es einige Menschen, die mit der einfachen Verfügbarkeit an Drogen nicht so gut klarkommen: „Die sind dann schonmal so drei Tage wach und am Montag geht’s zur Arbeit“.

Drogenkonsum steigt stark an

Der Drogenkonsum steigt in Berlin stark an. Neben Kokain liegen MDMA, Ketamin und Speed weiter im Trend. Alkohol und Zigaretten sind dabei oft selbstverständlich. In einer Studie zum Drogenkonsum in Berliner Clubs von 2018 haben fast 88 Prozent beim Feiern Alkohol getrunken und mehr als 73 Prozent geraucht. Die Hälfte nahm Amphetamine. Die Einnahme von Ketamin und Kokain lag bei rund einem Drittel (36 Prozent) (Substanzkonsum und Erwartungen an Präventionsangebote in der Berliner Partyszene, 2018).

Wenn ich die Leute danach befrage, was für sie beim Feiern wichtig ist, dann kommt häufig an erster Stelle der Wunsch nach guter Stimmung und netten Leuten. Drogen werden gar nicht oder erst im zweiten Satz erwähnt. Auch bei Malte und Mala braucht die Antwort einen Augenblick. „Gute Laune“, sagt Malte nach einer kleinen Pause. Von Mala kommt ein Lachen, sie grinst ihn schelmisch an. „Bier sagen die beiden dann noch“. „Drogen gehören schon dazu“. Ihnen wurde schon öfter Drogen im Club angeboten. Belästigt fühlen sie sich davon nicht. „Ich kann meine Grenzen gut setzen“. Generell halten sie aber Awareness-Teams für sinnvoll. „Da fühlt man sich einfach sicherer“.

In Club selber steht die Luft. Zigaretten-Rauch und Nebelmaschine verdichten sich zu einer Masse, die das Atmen erschwert. Auf dem dunklen Floor bewegt sich eine Masse an Menschen, um das DJ-Pult, das wie eine Insel von einem Meer aus Gestrandeten umgeben wird. Schnelle Technobeats. Bei einem guten Übergang jubelt die Menge. Alle bewegen sich nah beieinander. Es geht nicht anders. Der Raum platzt beinahe und die Schlange draußen ist noch lang.

Der Club ist klein. Bei über Tausend interessierten Gästen gibt es nur wenige Klokabinen für alle drinnen. Klokabinen sind oft ein gefragter Ort zum Drogen konsumieren. Ich sehe wie sich fünf Personen lachend in eine sogenannte „Ballerkabine“ drängen. „Ballern“ wird in der Szene oft als ein Synonym zum Drogen nehmen verwendet. Nach wenigen Minuten schwingt die Tür wieder auf und die Menschen wieder raus. Das Handy ist sauber gekratzt, es wird sich schnell über die Nase gerieben. Ein junger Mann rotzt auf den Boden und dann verschwindet die Gruppe im Club. Vor den Kabinen ist fast so eine lange Schlange wie draußen. Die Masse an Menschen wartet brav wie an der Bushaltestelle, bis sie dran sind. Mira (Name geändert) erklärt mir eindringlich, dass sie auch ohne Drogen feiern könnte: „Ich mach das nur manchmal aber dann fühle ich die Musik einfach viel krasser“.

Der Weg nach draußen. Foto: Raya Frick

Das Ganze läuft so entspannt ab, dass man sich nicht zu wundern braucht, wie normalisiert der Konsum in der Partyszene geworden ist. Auf dem Weg raus sehe ich aber auch noch jemanden, für den diese Nacht nicht so gut zu verlaufen scheint. Ein Mädchen sitzt zusammengesunken in der Ecke, ihre Freundin daneben versucht sie zu beruhigen. Nach kurzer Zeit stehen aber auch die beiden auf und es geht weiter. Ich verlasse den Club, laufe die Treppe hoch, auf der sich vor einigen Stunden noch die Menschen drängten. Es ist grade mal vier, der Club ist immer noch brechend voll. Viele werden wohl noch bis zum Morgengrauen wach sein. Und wie ich gelernt habe: Nur die wenigsten von ihnen nüchtern.

Raya Frick studiert im 5. Semester Kommunikations- und Politikwissenschaften an der FU Berlin. Sie interessiert sich für Politik und internationale Beziehungen. In ihrer Freizeit liest sie gerne Klassiker und Fantasy-Romane.

Wenn der Schlaf zur falschen Zeit kommt

Porträt eines jungen Mannes mit der seltenen Schlafkrankheit Narkolepsie

Wir nennen ihn hier Amir, um seine Privatsphäre zu schützen. Das Foto entsteht in einer Nacht, in der Schlaf keine Selbstverständlichkeit ist. Amir sitzt wach am Feuer, kocht Tee und bleibt allein, während die Stadt zur Ruhe kommt.

Ein Beitrag von Mohammed Alsheikh

Es war ein grauer Nachmittag im Berliner Stadtteil Neukölln, als ich ihn zum ersten Mal traf. Draußen hinterließ der Regen blasse Spuren auf den Fensterscheiben, drinnen herrschte im kleinen Falafel-Laden ein gedämpftes Stimmengewirr, begleitet vom Klirren der Teller, und zwischen Falafel, Foul und Hummus saß Amir mir gegenüber.

Er lehnte sich leicht nach vorne, als müsse er seinen Körper stützen, um nicht zu kippen. Seine Augen wirkten zugleich wach und ausgelöscht, eine Müdigkeit, die nichts mit einer kurzen Nacht zu tun hatte, sondern mit den Wiederholungen der Jahre. Wenn er von seiner Vergangenheit sprach, hob sich seine Stimme leicht, Wärme und ein leiser Stolz schwappten mit. Doch beim Thema Zukunft wurde seine Stimme ruhiger, als würde er vorsichtig über unsicheren Boden gehen.

Amirs Weg

Amir ist Mitte zwanzig. Er kam als Jugendlicher nach Deutschland, geflohen aus einem von Belagerung und Bomben zerrissenen Land. Er brachte kein deutsches Wort mit, doch in wenigen Jahren lernte er die Sprache, legte das Abitur ab, als wäre der Krieg nur eine Randnotiz seiner Biografie. Er las viel, schrieb manchmal auf Arabisch und Deutsch und beherrschte Englisch nahezu mühelos. Er trieb regelmäßig Sport, sein Körper war schlank, sein Geist wach, seine Ambitionen klar: eine Zukunft bauen, die nichts mit der Vergangenheit zu tun hatte.

Er schrieb sich an einer Berliner Universität ein und bewältigte die ersten Semester ohne große Mühe. Dann, im Mai oder Juni 2023, kam die Kurve, die sein Leben neu ordnen. Es war kein abruptes Zerbrechen, sondern ein langsames Abgleiten: Der Schlaf begann, sich seiner Kontrolle zu entziehen.

Die Krankheit, die das Leben veränderte

Während unseres ersten Treffens sprach er eher mit seinem Körper als mit Worten über diese Veränderung. Er sah auf den Tisch und sagte: „Wenn ich mich nicht konzentrieren kann, beginnt alles zusammenzufallen. Manchmal sitze ich da, will einen Text für die Uni schreiben, denke kurz nach… und plötzlich schlafe ich ein, ohne es zu merken.“ Er versuchte, weiter zu studieren wie alle anderen, doch der Schlaf griff ihn dort an, wo man es am wenigsten erwartet in der Bibliothek.

Er erzählte: „Ich ging in die Bibliothek. Saß eine Stunde oder eine halbe, und dann rutschte ich plötzlich in einen Tiefschlaf und kippte halb vom Stuhl.“ Und weil die akademische Welt voller Beobachtung ist, wurde er beobachtet: Einige Studierende lachten leise, andere blickten irritiert, wieder andere hielten ihn für unmotiviert oder faul. Er selbst fühlte wie er redete : „Scham und Verlegenheit. Mein Gesicht wurde rot. Ich versuchte, etwas zu erklären, das man nicht erklären kann.“ Doch es blieb nicht bei der Bibliothek. Sein Körper war nicht mehr diszipliniert. Beim Gespräch mit einem Gast, später mit seiner Frau, konnte der Schlaf ihn mitten im Satz überfallen. Es war kein sanftes Hinübergleiten, sondern ein abruptes Fallen in ein dunkles Loch ohne Vorwarnung und ohne Kontext.

Am gefährlichsten wurde es hinter dem Steuer. Zunächst glaubte er, alles unter Kontrolle zu haben. Doch der Schlaf zog ihn während der Fahrt in die Tiefe, das Auto driftete, einmal kollidierte es ohne Verletzte. Er erwähnte schlicht: „Am Ende habe ich aufgehört zu fahren. Es war nicht nur für mich gefährlich, sondern auch für andere.“

Was ist Narkolepsie?

Amir leidet an einer Erkrankung namens Narkolepsie, eine seltene neurologische Störung, die das Zentrum für Schlaf-Wach-Regulation im Gehirn betrifft. Es ist weder einfache Müdigkeit noch Erschöpfung und lässt sich nicht mit Kaffee oder Willenskraft überwinden. Medizinisch ist die Krankheit gekennzeichnet durch u.a.:

• starke Tagesschläfrigkeit
• plötzliche Schlafattacken ohne Warnung
• stark gestörten Nachtschlaf
• extrem raschen Eintritt in die REM-Phase
• in manchen Fällen plötzlicher Verlust des Muskeltonus (Kataplexie) bei vollem Bewusstsein

Studien zeigen, dass viele Betroffene extrem niedrige Werte des Neurotransmitters Hypocretin (Orexin) aufweisen – eine Substanz, die Wachheit stabilisiert und verhindert, dass das Gehirn unvermittelt in Tiefschlaf kippt. Eine kompakte und medizinisch fundierte Übersicht über Narkolepsie – inklusive Symptome, Diagnostik und Ursachen – bietet das MSD-Manual der Diagnostik und Therapie.

Die Krankheit bleibt für Außenstehende unsichtbar: Keine Schienen, keine Verbände, keine Rollstühle. Sie greift stattdessen das an, was die moderne Welt am meisten verlangt: die Fähigkeit, wach zu bleiben. In der Vorlesung. Auf dem Weg zur Arbeit. Im Gespräch. Beim Autofahren. In der Bibliothek. Der Tag wird zu einer Kette von Momenten, die jederzeit abreißen können. Bei Amir verwischten die Grenzen zwischen Tag und Nacht.

Im Wohnzimmer beginnt das Gespräch

Einige Tage nach unserem ersten Treffen besuche ich Amir bei ihm zu Hause. Er lebt weit außerhalb des Zentrums, dort, wo Berlin bereits beginnt sich aufzulösen. Die Fassaden weniger glänzend, die Straßen leiser. Ich kam um zehn Uhr abends an, eine späte Stunde für Berlin, aber eine natürliche Stunde für Amirs verlängerten Tag. Er öffnete die Tür mit einem Lächeln, wie jemand, der einen Freund empfängt, nicht einen Journalisten. In der Küche warteten bereits weiße Bohnen in roter Sauce, Bulgur und ein Glas Ayran. Wir aßen, redeten und tranken Tee.

Ein gemeinsames Abendessen bei Amir, gekocht in seiner Wohnung. Foto: privat

Er erklärte, was es bedeutet, wenn Konzentration zur zentralen Ressource des Lebens wird. „Mein Problem sitzt im Kopf“, sagte er. „Wenn ich mich nicht konzentrieren kann, bricht alles.“ Er schwieg kurz und fuhr fort: „Ich sitze, will schreiben, denke… und plötzlich bin ich weg. Ich wache auf und sehe: nichts geschrieben.“ Für Studierende ist Konzentration das Grundkapital. Für Menschen mit Narkolepsie ist sie eine Währung, die verschwindet, bevor man sie einsetzen kann. Ich fragte ihn, ob die Krankheit seine Beziehungen oder sein Selbstbewusstsein beeinflusst habe. Er sah auf die Tischplatte und sagte: „Manchmal rede ich mit jemandem eine halbe Stunde, und dann höre ich ein Wort und verpasse das nächste. Es wirkt, als wäre ich nicht interessiert oder nicht anwesend. Das ist peinlich.“ Er sagte nicht, dass sein Selbstbewusstsein zerstört sei. „Ich bin mir ständig bewusst, dass ich diese Krankheit habe.“ Dieses Bewusstsein kann schwerer wiegen als die Krankheit.

Das Leben wird neu sortiert

An der Universität wurde die Lage schwieriger. „Die Uni braucht keine Muskeln und kein Laufen“, sagte er. „Sie braucht einen wachen Kopf.“ Und genau diesen nimmt die Krankheit zuerst. „Mein Traum ist es, fünf oder sechs Stunden am Stück zu schlafen“, sagte er mit leiser Bitterkeit. Stattdessen wachte er alle zwei Stunden auf oder früher. Am Tag holte sich der Körper den fehlenden Schlaf zurück. Und dennoch war Amir nicht nur ein Leidender. Er war jemand, der seine Beziehung zum Leben neu sortierte.

Als ich ihn nach dem Positiven fragte, sagte er etwas Unerwartetes: „Ich fühle mich stärker. Spirituell und psychisch. Die Krankheit hat mir Dinge gezeigt, die ich vorher nur im Kopf kannte, nicht im Herzen.“ Er sprach über den Glauben nicht als Floskel, sondern als existenzielle Praxis. „Ich habe den wahren Sinn des Vertrauens auf Gott gelernt. Früher kannte ich das theoretisch. Jetzt lebe ich es.“

Er unterschied zwischen Wissen als Information und Wissen als Erfahrung. Diese Unterscheidung lehrt kein Hörsaal, sondern das Leben. Er sagte: „Früher störten mich viele Dinge: eine nicht bestandene Prüfung, ein kleiner Konflikt, ein Moment. Heute sind diese Dinge kleiner. Wenn etwas deine Gesundheit bedroht oder deinen Körper verändert, schrumpft der Rest.“ Das war kein Leugnen der Realität, sondern ein Verschieben ihrer Maßstäbe. Dann sagte er einen Satz, der den Kern seiner Erfahrung trifft: „Wenn das Leben aus deinem Blick fällt, werden seine Probleme kleiner.“ Er meinte nicht Depression, sondern ein neues Maß für das Wesentliche.

Ich fragte nach fünf Jahren. Er redet nicht in Plänen. Er sagte: „Ich möchte eine bessere Version von mir sein: materiell, kulturell, spirituell, gesundheitlich.“ Ich fragte nach dem Ort. Ob er sich in Berlin sehe. Er sagte: „Wahrscheinlich hier. Vielleicht habe ich mein Studium abgeschlossen, vielleicht arbeite ich in einer guten Firma. Vielleicht habe ich etwas Eigenes ein Projekt oder eine Arbeit.“

Der Körper fragt nicht, ob der Zeitpunkt passt

Dann kehrte er zur Sprache zurück, zum Schreiben. Es ist bei ihm weder Flucht noch Beruf. Es ist Atmen. „Ich schreibe, um das Innere zu entlasten. Um meinen Kopf zu beruhigen. Manchmal werden Dinge, die ich schreibe, später wahr. Und das gibt Hoffnung.“

Ein Buch und eine Tasse Kaffee in der Nacht. Amir liest „Alles Idioten?!“ von Thomas Erikson. Foto: privat

Als ich Amirs Wohnung in dieser Nacht verließ, war es nach Mitternacht. Draußen war die Stadt ungewöhnlich still, als würde sie dem Nachklang unserer Gespräche Raum lassen. Ich dachte darüber nach, dass Schlaf für die meisten Menschen selbstverständlich ist. Er kommt ohne Bitte, ohne Bedingungen, ohne Angst. Für Amir hingegen ist der Schlaf ein unsicherer Ort: Er kann in der Uni kommen, im Auto, am Tisch und ausbleiben, wenn man ihn braucht. Zwischen beiden Begegnungen verstand ich etwas: Narkolepsie ist nicht nur eine Krankheit. Sie ist eine Störung des Timings. Der Körper fragt die Welt nicht, ob der Zeitpunkt passt. Er wartet nicht auf soziale Abläufe, nicht auf Arbeit oder Gespräche oder Straßenverkehr. Er macht einfach das Licht aus. Und trotzdem blieb bei Amir nicht die Kapitulation, sondern der Versuch, den Rhythmus einzuholen statt ihm zu entkommen.

Die seltsame Ironie der Krankheit ist, dass sie die Welt aussortiert: Einige Freunde blieben, andere verschwanden. Manche Pläne lösten sich auf, andere wurden realistischer. Und der Glaube verwandelte sich von einer Idee in eine Übung. Amir war kein Filmheld. Und keine Figur, die Mitleid erwartet. Er war einfach ein Mensch, der eine lange Krise durchlebt, ohne den Glauben an ein Ende zu verlieren.

Kurz bevor ich ging, sagte er einen Satz, der alles zusammenfasste: „Ich möchte einfach nur zur selben Zeit aufwachen wie die Welt.“ Vielleicht ist das die Definition von Normalität. Und vielleicht ist es auch die Definition von Heilung.

Mohammed Jasem Alsheikh studiert im 3. Semester Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der FU Berlin. Informatik und Deutsche Philologie sind seine Nebenfächer. Sein besonderes Interesse gilt sozialen und gesundheitlichen Themen. Dieses Porträt entstand nach Gesprächen mit einem betroffenen Freund.

Die Kurfürstenstraße nach Einbruch der Nacht: Zwischen Ausbeutung und Ausstieg

Wenn die Sonne untergeht, verändert sich die Kurfürstenstraße. Frauen stehen an den Straßenecken, wartend und aufmerksam. Autos ziehen langsam vorbei. Für Anwohner wie Paul ist der Abend geprägt von Unsicherheit und lauten Konflikten. Zugleich arbeiten Initiativen wie Sisters daran, den Frauen Schutz und neue Perspektiven zu bieten. Die Straße spiegelt die Widersprüche des Viertels: Armut, Prostitution und soziale Arbeit treffen hier aufeinander.

Ein Beitrag von Immanuella Leo

Es ist Donnerstag, 22:00 Uhr in der Kurfürstenstraße. Das Neonlicht eines Spätkaufs flackert über den Asphalt, irgendwo klirrt eine Flasche. Autos schieben sich Stoßstange an Stoßstange durch die Straße. Einige rollen auffällig langsam, drehen eine zweite Runde. An den Hausecken stehen Menschen, reglos wie Wartende an einem Bahnhof ohne Fahrplan. Gespräche sind nur Fetzen, Blicke bleiben kurz, prüfend. Immer wieder rollen große, teure SUVs mit dunklen Scheiben langsam vorbei oder halten am Rand. Luxusfahrzeuge in einer Straße, in der Frauenkörper zur Ware gemacht werden. Die Nacht legt sich über die Straße und mit ihr ein Geschäft, das hier seit Jahrzehnten dazugehört. Während Berlin zur Ruhe kommt, beginnt hier für viele Frauen ein Arbeitstag in einem System, das von Menschenverachtung lebt. Eine Autotür schlägt zu. Kurz darauf Stille. Dann wieder Motorengeräusch.

„Frauen sind keine Ware.“ sagt Saskia Nitschmann mit ruhiger Entschiedenheit, als wir über Prostitution und Ausstiegsarbeit sprechen. Für sie ist das nicht nur ein Slogan, sondern Leitmotiv ihrer Arbeit bei Sisters, einem ehrenamtlichen Netzwerk, das Frauen in und nach der Prostitution begleitet.

Ein Mikrokosmos aus Gewalt und Armut

Die Kurfürstenstraße ist am späten Abend ein Mikrokosmos, in dem Gewalt, Armut und alltäglicher Sexismus aufeinandertreffen. Vor einem Hauseingang wird leise telefoniert, auf einer anderen Straßenseite wartet jemand mit verschränkten Armen. Niemand bleibt lange stehen, ohne Grund. Nitschmann beschreibt das Bild: Frauen,
die bei jedem Wetter auf der Straße stehen, oft unterernährt, vielfach mit Drogenproblemen und häufig kontrolliert durch Zuhälter. Preise, die Außenstehende sich kaum vorstellen, „manchmal liegt das bei dreißig Euro“, und Freier, die die Straße wie einen Zoo behandeln. Manche bleiben im Auto sitzen und beobachten minutenlang durch die Windschutzscheibe. Andere kurbeln das Fenster nur einen Spalt herunter. Entscheidungen fallen oft in Sekunden. Auch ich merke beim Vorbeigehen, wie schnell sich Blicke ändern, wenn ein Auto langsamer wird. Viele Frauen sind nicht deutsch. Herkunftsländer verschieben sich. Neben Bulgarien und Rumänien gibt es hier seit dem Ukraine-Krieg mehr Frauen aus der Ukraine und zunehmend aus afrikanischen Staaten. Ich gehe diese Straße oft selbst entlang. Nachts, auf dem Heimweg von Freunden oder von Feiern. Mehr als einmal haben Autos am Rand gehalten, noch bevor ich vorbeigelaufen bin. Die Scheibe fährt herunter, ein Blick sucht meinen. Ich schüttle den Kopf, gehe weiter. Kurz darauf fahren die Männer weiter.

Der Weg raus beginnt leise

Der erste Schritt ist für Nitschmann immer derselbe: Die Frau kontaktiert Sisters per Telefon, E-Mail oder über Karten, die bei aufsuchender Arbeit verteilt werden. Anfragen laufen zentral nach Stuttgart und werden an lokale Teams weitergegeben. Ein persönliches Treffen ist essentiell. Oft wird bei diesem Erstkontakt schon finanzielle Soforthilfe geleistet. Die Erinnerung, die Nitschmann nie vergisst, ist eine Frau, die nach mehreren vergeblichen Anläufen an anderen Stellen fast nichts erwartete und beim Angebot von hundert Euro fast in Tränen ausbrach. Solche Momente bestärken die Ehrenamtlichen: „Wir machen tatsächlich was.“ Draußen läuft das Geschäft in derselben Zeit weiter.

Die Berliner Kurfürstenstraße. Foto: Imanuella Leo

Was Ausstieg wirklich bedeutet

Ein stabiler, abschließbarer Rückzugsort ist laut Nitschmann die Grundlage jedes Ausstiegs. Danach folgen Schritte wie die Klärung behördlicher Angelegenheiten, ein Entzug bei Drogenabhängigkeit oder die Vermittlung in Arbeit und Therapie. Finanzielle Hilfen können kurzfristig Armut und Schulden lindern. Langfristig muss eine wirtschaftliche Perspektive geschaffen werden. Die Dauer eines nachhaltigen Ausstiegs variiert: Ideal sind einige Monate, oft dauern Fälle aber ein Jahr oder länger. Drei Monate gelten als eine Zeitspanne, in der Sisters ohne größere Rechtfertigungen finanzielle Unterstützung übernehmen können. Der Wind trägt Gesprächsfetzen über den Gehweg. Eine Plastiktüte weht über die Fahrbahn, bleibt an einem Bordstein hängen. Die Nacht wirkt gleichzeitig belebt und erschöpft.

Ein System, das Frauen allein lässt

Sexuelle, verbale und physische Gewalt prägen den Alltag vieler Frauen. Dazu kommen Sprachbarrieren, fehlende Rechte, Angst vor Polizei wegen illegaler Aufenthaltsverhältnisse und die Erfahrung, dass Behörden oft nicht oder zu langsam helfen. Nitschmann kritisiert das politische Narrativ: „Man hat sich eingeredet, wir haben’s legalisiert, also ist alles in Ordnung.“ Es sei aber genau das Gegenteil: Es fehlen hauptamtliche Stellen, juristische Beratung, Sozialarbeiterinnen und bezahlte Ausstiegsangebote. Sisters arbeiten ehrenamtlich und sind zeitlich und finanziell begrenzt.

Was dringend passieren muss

Wenn Nitschmann eine sofortige Änderung durchsetzen könnte, wäre es das Nordische Modell und auf kürzere Sicht bezahlte Ausstiegsarbeit. Wichtig sei außerdem, Ausgestiegenen zuzuhören und ihre Lebensrealität sichtbar zu machen: Nicht die glamourösen Stimmen von wenigen Escort-Frauen sollten das Bild dominieren, sondern die Mehrheit – arm, nicht-deutschsprachig, oft nicht frei in ihrer Entscheidung. „Frauen sind keine Ware“, wiederholt sie als Kernbotschaft. In einer Gesellschaft, in der Männer Frauenkörper kaufen können, kann es keine Gleichberechtigung geben.

Leben mit der Straße

Auch Anwohner der Kurfürstenstraße berichten von ihrer Perspektive. Ich verabrede ein Gespräch mit Paul. Er lebt seit zehn Jahren hier und wünscht, dass sein Name für den Beitrag geändert wird. Wir treffen uns in einem Späti direkt in der Kurfürstenstraße. Er beschreibt die Straße nachts als eine komplett eigene Welt. Überall Licht, Stimmen, Autos, irgendwie immer lebendig, aber auch aggressiv. „Ich beobachte genau, wer da ist und ärgere mich über die Freier, die die Frauen bedrängen oder ausnutzen. Die Frauen selbst tun niemandem etwas, trotzdem spürt man die Spannung in jeder Ecke.“ Aus einem geöffneten Fenster über uns fällt warmes Licht auf den Gehweg. Unten läuft das Geschäft weiter. Über die Auswirkungen sagt er: „Es macht das Zusammenleben viel unruhiger, weil Lärm, Aggressionen und rücksichtslose Männer spürbar sind. Ich sehe Nachbarn, die genervt oder verunsichert sind. Die Frauen sind nicht das Problem, aber die Männer, die hier alles missbrauchen, setzen uns alle unter Druck.“ Zu Initiativen im Quartier erklärt Paul: „Das Café Neustart ist ein Lichtblick. Einfach ein Ort, der wirklich schützt und unterstützt. Ich würde mir wünschen, dass Polizei und Sozialarbeit die Freier stärker in den Blick nehmen, statt die Frauen zu verdrängen. Wir brauchen mehr Sicherheit und echte Perspektiven, damit die Frauen geschützt sind und wir alle wieder durchatmen können.“

Die Räume des Café Neustart in der Kurfürstenstraße. Foto: Imanuella Leo

Ein Appell an die Öffentlichkeit

Nitschmann wünscht sich mehr Empathie und weniger Voyeurismus. Statt im Bus über die Frauen der Kurfürstenstraße zu lachen, fordert sie ein Umdenken: Anerkennung, dass Prostitution oft aus Zwang, Armut oder Täuschung entsteht und politische Unterstützung für dauerhafte Ausstiegsangebote. Für viele Frauen ist ein Job nicht nur Einkommen, sondern der Zugang zu einem neuen sozialen Netzwerk. Ein erster Schritt weg von Gewalt und Abhängigkeit. Auf der Straße laufen noch immer Motoren. Eine Frau tritt von einem Fuß auf den anderen, um sich warm zu halten. Ein Auto hält, kurz öffnet sich die Beifahrertür. Nitschmanns Worte klingen nach: „Frauen können nicht gleichberechtigt sein in einer Gesellschaft, in der Männer Frauenkörper kaufen können“. Es ist eine Aufforderung, hinzuhören und zu handeln.

Eine Interviewanfrage an das Ordnungsamt wurde für diese Reportage leider abgelehnt.

Immanuella Leo studiert Nordamerikastudien und Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Sie interessiert sich besonders für soziale Ungleichheit und deren mediale Repräsentation. Beruflich strebt sie eine Tätigkeit im investigativen oder sozialpolitischen Journalismus an.

„Nachts wäre ich gern‘ ein Mann“

Wenn Angst Frauen durch die Nacht begleitet

Frauen haben nachts ein erhöhtes Unsicherheitsempfinden in öffentlichen Räumen. Eine Berlinerin berichtet von ihren eigenen Erfahrungen und Einschränkungen auf dem nächtlichen Heimweg. Angebote wie das Heimwegtelefon bieten einen möglichen Lösungsansatz für ein gesellschaftliches Problem, das mehr Aufmerksamkeit bedarf.

Ein Beitrag von Sophie Klein

Schnee liegt auf den Straßen Berlins. Die Nacht ist kalt, Frost sammelt sich an den Fensterscheiben. Auf dem Weg aus der U-Bahn nach Hause kramt Marie B. (*Name auf Wunsch geändert) in ihrer Tasche. Sie sucht ihren Schlüssel. Sie möchte gewappnet sein für ihren Weg durch die schlecht beleuchteten Straßen ihres Kiezes. „Damit ich es schnell zur Haustür und hineinschaffe, sollte mich jemand verfolgen“, erzählt sie.

Die Gegend ist still und menschenleer. Allgemein sei ihre Umgebung belebt und auch zu späteren Uhrzeiten noch Menschen auf der Hauptstraße unterwegs. Gruselig würde es in den Nebenstraßen. „Außer der Hauptstraße ist eigentlich nichts beleuchtet“, erwähnt sie und deutet auf die Straßenlaternen.

Meist versucht Marie B. sich keine Gedanken bezüglich möglicher Szenarien zu machen, die ihr auf dem Heimweg passieren könnten. Immer ließe sich dieses Unsicherheitsgefühl jedoch nicht abschütteln. „Es ist entscheidend, wie viele Leute drumherum sind und welches Gefühl die mir geben.“ Als Frau fühlt sie sich überwiegend unwohl in der Gegenwart von größeren Männergruppen. 

Der Politologe Marcus Kober von der Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention sieht dabei kein grundsätzliches Sicherheitsproblem in der Nacht. Hingegen gäbe es bestimmte Gruppen, die Ängste verstärken können. „Das sind ganz regelmäßig junge Männer, am besten noch alkoholisiert. Die lösen in Bevölkerungskreisen ein relatives Unsicherheitsgefühl aus“, verdeutlicht Kober. 

„Man fühlt sich einfach schwächer“, sagt Marie und zuckt die Achseln. Was jedoch immer gleich entscheidend sei für ihre Angst ist die Dunkelheit. Die fehlende Sicht, nicht zu wissen, wer um die nächste Ecke kommen könnte oder wer sich hinter einer Reihe Autos verbirgt. Auch hierzu gibt es nach Kober eine Erklärung: „In sehr hohem Maße beeinflusst Dunkelheit [unsere Wahrnehmung]. Ein stückweit ist es einfach eine anthropologische Grundkonstante, dass wir in der Nacht mehr Angst haben.“

„Zivilcourage aus dem Homeoffice nennen wir das auch manchmal.“

Zur gleichen Zeit macht Melina sich bereit für ihre abendliche Schicht. Vor ihrer Arbeit nimmt sie sich viel Ruhe, um sich auf die kommenden Konversationen vorzubereiten. Dann setzt sie sich eingewickelt in eine flauschige Decke an den Schreibtisch.

An Melinas Arbeitsplatz sind Mikro und Karte bereit für ihre abendliche Schicht beim Heimwegtelefon. Foto: Heimwegtelefon.

Melina arbeitet ehrenamtlich für das Heimwegtelefon, ein in Berlin gegründeter gemeinnütziger Verein. Das Heimwegtelefon bietet verunsicherten Personen die Möglichkeit auf ihrem nächtlichen Nachhauseweg ihre Angst einzudämmen. „Wir sagen immer, wenn die beste Freundin, der beste Freund gerade nicht erreichbar sind, dann wollen wir da einspringen und für den Abend am Telefon die beste Freundin sein“, umschreibt sie ihre Arbeit. 

Melina ist eine von 100 Telefonist:innen, die deutschlandweit, aus Österreich und weiteren Ländern für den Heimweg zur Verfügung stehen. Unter der Woche ist das Angebot zwischen 21 und 24 Uhr zu erreichen, an Freitagen und Samstagen sogar bis drei Uhr. Das Anrufaufkommen variiert je nach Jahreszeit und Wochentag.

Trotz erhöhter Dunkelheit gibt es im Winter weniger Anrufe als im Sommer, erklärt Melina. Dies läge an lauen Sommernächten, in welchen mehr Menschen zu später Stunde unterwegs seien. Im Durchschnitt erhalte das Heimwegtelefon etwa 100 Anrufe pro Woche. 2025 riefen circa 5000 Personen an, was einer Gesprächszeit von 63.122 Minuten entspricht, oder etwa 44 Tagen. „Zivilcourage aus dem Homeoffice nennen wir das auch manchmal“, antwortet Melina lächelnd. 

Auf der Website des Heimwegtelefons, wird hervorgehoben, dass sie insbesondere Frauen kein Angstgefühl aufzwingen wollen: „Wir wollen keine unnötige Angst schüren oder Dinge dramatisieren.“ Stattdessen streben sie danach, ein individuelles Sicherheitsgefühl für jeden zu schaffen. 

„Die Ängste unserer Anrufenden sind so unterschiedlich und individuell wie die Menschen selbst“, reflektiert Melina. „Wiederkehrende Themen sind auf jeden Fall Dunkelheit und alkoholisierte Menschengruppen.“

Marcus Kober sieht den Vorteil eines Service wie des Heimwegtelefons besonders in der Anwesenheit von potenziell hilfsbereiten Außenstehenden. Täter liefen Gefahr beobachtet und möglicherweise gefasst zu werden. Kober beschreibt dies als informelle Sozialkontrolle, die erhöht werden könne. „Das ist ein ähnlicher Mechanismus, wenn man jemanden am Ohr hat und das Gefühl hat, ich bin hier nicht allein, sondern wenn mir etwas bedrohlich erscheint, kann ich jemanden verständigen“, bestätigt Kober.

Er betont jedoch die Notwendigkeit von weiterer Forschung und Diskurs. Auch mögliche negative Auswirkungen seien denkbar: „Was ich kritisch sehen könnte [ist], dass man sich dadurch in einem falschen Gefühl der Sicherheit währen könnte, weil die objektiv [nicht] gegeben ist.“

Macht das Geschlecht einen Unterschied? 

Nach einer Erhebung des Bundeskriminalamts zur Sicherheit und Kriminalität in Deutschland 2020 ist das grundsätzliche Sicherheitsempfinden in Deutschland hoch. Tatsächlich ist die Erwartung, Opfer einer Straftat im öffentlichen Raum und nachts zu werden, jedoch verbreitet, insbesondere bei Frauen. Das zeigen sowohl die Ergebnisse Marcus Kobers eigener Forschung, als auch die des BKA. Die meisten der 2024 erfassten Straftaten im öffentlichen Raum geschehen jedoch zwischen Männern und im engeren Umfeld.

Abweichungen zeigen sich in bestimmten Alltagssituationen, wie beispielsweise im öffentlichen Personennahverkehr. Über die Hälfte an Frauen verzichtet darauf letzteren in Deutschland bei Nacht zu nutzen. Die Nutzer:innen des Heimwegtelefons sind ebenfalls zu 87 % Frauen. 

Bei Frauenfeindlichkeit als Tatmotiv sei in Deutschland ein Anstieg von 73,3 Prozent festgestellt worden. Auch die Polizeiliche Kriminalstatistik 2024 für Berlin stellt tageszeitunabhängig einen Anstieg der Zahl der Gewaltdelikte und sexueller Übergriffe an Frauen in Berliner öffentlichen Räumen fest. Frauen sind dreimal so häufig betroffen wie Männer von Sexualdelikten. Opfer von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, wie Übergriffe oder Belästigung, waren zu 79 Prozent Frauen. Dabei verzeichnete das BKA 2024 einen Anstieg jeglicher Form von Sexualdelikten. Die Studie „Sicherheit und Kriminalität in Deutschland, SKiD, verdeutlicht, dass Sexualdelikte besonders selten zur Anzeige gebracht werden. Die Dunkelziffer, das heißt die Zahl an den Behörden unbekannten begangenen Delikten, ist hoch.

Melina ist es wichtig zu erwähnen, dass das Heimwegtelefon für alle zur Verfügung steht. Sie selbst mache es traurig Unsicherheiten zu hören, ob Männer diesen Service auch nutzen könnten, zusätzlich zu dem situativen Unwohlsein auf dem Heimweg. Daher betont sie: „Wir sind für Menschen da.“

Auch für Marie B. gibt es innerhalb Berlins bestimmte Orte, die sie zu später Stunde meidet, wie der Alexanderplatz.  

Am Alexanderplatz tummeln sich die Leute trotz der winterlichen Temperaturen. Hier werden abendliche Einkäufe erledigt, umgeben von boomendem Tourismus. Eine Klassenfahrt ringt sich um die Weltzeituhr. Auf der anderen Seite des Platzes, getrennt durch die Tramlinie, sitzt eine kleine Polizeistation. Eine ständige Präsenz. Über all dem thront der Berliner Fernsehturm, die Lichter reflektieren auf seiner silbrigen Oberfläche. Unter den Füßen der Massen erstrecken sich die U-Bahn-Tunnel, die Marie B., so gut es geht, zu vermeiden versucht. Sowohl tagsüber als auch nachts hat sie hier Erfahrungen mit sexueller Belästigung, Catcalling und Beleidigung gemacht.

Catcalling ist eine Form von Übergriffigkeit, primär gegenüber Frauen, die z.B. aus Ausrufen oder Pfiffen bestehen, um so Aufmerksamkeit zu erlangen.

Der Alexanderplatz ist auch zu nächtlicher Stunde und kalter Jahreszeit belebt. Foto: Sophie Klein

Marie B. glaubt, dass das Sicherheitsempfinden eindeutig vom Geschlecht beeinflusst ist, sowohl bei sich selbst, als auch von außen. „Wenn man mit männlichen Freunden unterwegs ist, die machen sich gar nicht die Gedanken darüber“, erinnert sich Marie B. Oft würden die Sorgen von ihren Freunden nicht ernst genommen.

Dabei seien Frauen grundsätzlich nicht häufiger betroffen. Ein Faktor seien eher alltägliche Erfahrungen, die speziell bei Frauen das Sicherheitsgefühl mindern. Kober erläutert, diese würden selbst nicht per se als Straftat klassifiziert, wie beispielsweise Catcalling oder geschlechtsspezifische Beleidigungen.

Über diese Verhaltensweisen müsse verstärkt ein gesellschaftlicher Diskurs entstehen. „Mehr Rücksicht aufeinander zu nehmen und eben diese Wahrnehmung anderer Menschen mit einzupreisen oder zu berücksichtigen. Da Empathie und Verständnis an den Tag zu legen und sich im eigenen Verhalten danach auszurichten“, das wünscht sich Kober.

Marie B. erzählt von ihren eigenen Vermeidungsstrategien. Ist sie spät Abends noch unterwegs, analysiert sie genau ihre Umgebung. Ein ausreichend geladener Handy-Akku oder ein prüfender Blick in den U-Bahn-Wagon sind dabei eine erste Sicherheitsinstanz.

In ihrer alten Wohngegend in Moabit hatte sie abends durch einen beinahe unbeleuchteten Park gemusst. Kaum eine der Laternen brennt. Einzig der Schnee auf den Blättern, Ästen der kahlen Bäume und einigen Parkbänken reflektiert das Licht. Eingezäunt von der Natur glaubte Marie B. Bewegungen aus dem Augenwinkel zu erkennen, wenn sie alleine durch den Park ging. Stattdessen umrundete sie ihn lieber, was ihren Heimweg deutlich verlängerte. „Wenn es auch nicht als große Einschränkung erscheinen mag, ist es doch eine Einschränkung“, sagt Marie. 

Den Schlüssel schon in der Hand witzelt sie: „Nachts wäre ich gern‘ ein Mann.“

Eigene Schutzmaßnahmen ergreifen

Die Grenzen von Angeboten wie des Heimwegtelefons liegen in ihren Reaktionsmöglichkeiten in akuten Gefahrensituationen. Denn ein direktes Eingreifen ist für die Telefonist:innen nicht möglich. „Wir wollen nicht wie irgendwelche Hilfssheriffs auftreten. Wir sind für den Teil zuständig, wo es ’nur ein Gefühl‘ ist, aber keine konkrete Gefahrenlage vorliegt“, erläutert die Telefonistin. Befänden sich Anrufer:innen in konkreten Notlagen, gäbe es für die Telefonist:innen die Möglichkeit zur direkten Weiterleitung an Rettungs- und Notdienste. 

Dunkle Straßen und Parks erhöhen für Frauen wie Marie B. das Unsicherheitsgefühl. Foto: Sophie Klein

Melina betont die Skepsis des Heimwegtelefons gegenüber eigenständigen Verteidigungsmaßnahmen wie Pfefferspray oder anderen Waffen. Diese könnten schnell abgenommen und gegen einen selbst verwendet werden.

Die Schlüssel zwischen den Fingern, bereit im Notfall auszuholen, ist das ein für Marie B. denkbares Szenario? Sie sagt nein, sie wisse um das mögliche Verletzungsrisiko. Auch weitere Verteidigungswerkzeuge trägt sie nicht bei sich. 

Dem Thema fehlt es an Sichtbarkeit

Trotz kommunaler und regionaler Zusammenarbeit brauche es laut Melina mehr Sichtbarkeit. „Das Thema Sicherheit bzw. Sicherheitsempfinden ist eine so große Thematik, die oft nicht besprochen oder nur sehr einseitig beleuchtet wird“, appelliert sie. Mit Berlin, der Heimatstadt des Vereins, gibt es keine Kooperation.

„Das Heimwegtelefon möchte in dieser ganzen Problematik nur ein Puzzleteil der Lösung sein. Aber es gibt noch so viele Aspekte, aus denen man das betrachten kann“, beschreibt Melina die Rolle des Vereins. Weitere kriminalpräventorische Maßnahmen müssten beispielsweise verstärkt aus der Stadtplanung kommen. Die Beleuchtung der Dunkelheit wird hier erneut zum Thema. Dabei sei die gesteigerte Unsicherheit kein neues Phänomen. Melina erzählt von Menschen aller Altersgruppen, die ihr Leben lang von ähnlichen Situationen berichte.

Marie B. kritisiert die allgemeine Herangehensweise bezüglich Opfern in öffentlichen Räumen. Oft müssten Opfer selbst aktiv werden oder auf Zivilcourage vertrauen. Dabei habe sie wenig Vertrauen, dass ihr tatsächlich geholfen wird. Marie B. könne von verschiedenen Unsicherheitssituationen berichten, in denen sie keine Hilfe erhalten hat. 

Auch Marcus Kober hält es für notwendig, dass ein gesellschaftlicher Wandel im Diskurs mit Themen wie geschlechtsspezifischen Unsicherheiten stattfindet. „[Frauen] können sich nicht frei verhalten und das ist ein gesellschaftliches Problem, mit dem man sich auseinandersetzen sollte“, kritisiert der Politologe.

Melina findet abschließende Worte über den notwendigen Diskurs zum Thema geschlechtsspezifischer Angst in der Dunkelheit: „Es ist wichtig, im Austausch darüberzustehen und neugierig und offen gegenüber den Perspektiven anderer zu sein.“

Marie B. winkt zum Abschied, den Schlüssel noch immer in der Hand. Heute hatte sie keine Angst. Was bleibt, ist die Unsicherheit über morgen. 

Sophie Klein studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sowie Politikwissenschaft in Berlin. In ihrer Freizeit liest sie gerne Bücher und schreibt kreativ. Ihr Interesse für Politik und Feminismus will sie in ihre zukünftige Arbeit als Journalistin integrieren.