Zwischen Konflikt und Verständigung: Eine Analyse der deutschen Berichterstattung über das kolumbianische Friedensreferendum 2016. 

von Lotta Köhler und Vera Laechner

Einleitung

Medien nehmen in der gesellschaftlichen Wahrnehmung internationaler Konflikte eine zentrale Rolle ein. Sie sind nicht bloß neutrale Vermittler von Fakten, sondern agieren als aktive Deutungsinstanzen, die Konflikte rahmen, interpretieren und damit öffentliche Meinungen sowie politische Entscheidungsprozesse maßgeblich mitgestalten. Insbesondere im internationalen Kontext prägen westliche Medien – allen voran US-amerikanische – das Bild fremder Länder häufig in Übereinstimmung mit politischen Interessen und hegemonialen Diskursen (vgl. Saleem 2007). Daraus resultieren mediale Repräsentationsmuster, die Konfliktursachen vereinfachen, Akteure dichotomisieren und komplexe Entwicklungen auf strategische Narrative reduzieren – oftmals mit weitreichenden politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen.

Die Brisanz dieser Problematik zeigt sich etwa in der Darstellung des Jemen-Kriegs in deutschen Medien. Hier dominiert bis heute das reduktionistische Narrativ eines „Stellvertreterkriegs“ zwischen Saudi-Arabien und dem Iran, das zentrale historische, religiöse und strukturelle Ursachen weitgehend ausblendet (vgl. Schrader 2019). Diese Form der Berichterstattung verfehlt nicht nur eine realitätsnahe Konfliktbeschreibung, sondern trägt zur Legitimation externer Interventionen bei und kann selbst zur Verschärfung der Lage beitragen, etwa durch die Reproduktion vereinfachter Feindbilder und Machtlogiken.

Ein weiteres, bisher weniger systematisch erforschtes Beispiel stellt die internationale Berichterstattung über das gescheiterte kolumbianische Friedensreferendum mit der Guerillabewegung FARC im Jahr 2016 dar. Trotz der historischen Tragweite des Abkommens wurde die mediale Darstellung vielfach von emotionalisierten Feindbildern, vereinfachenden Zuschreibungen und kriegsjournalistischen Narrativen dominiert (vgl. García-Perdomo 2024). Während internationale Medien das Nein-Votum oft als „verpasste historische Chance“ interpretierten, griffen viele kolumbianische Medien verstärkt die Argumente der Gegner auf und rahmten die Ablehnung als Ausdruck eines legitimen Sicherheits- und Gerechtigkeitsbedürfnisses. Diese mediale Rahmung beeinflusste maßgeblich die öffentliche Wahrnehmung des Abkommens und prägte die politische Debatte in den Folgemonaten (vgl. García-Perdomo 2024; Harlow & Brown 2022).

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob und in welchem Maße ein sogenannter konfliktsensibler Journalismus – theoretisch fundiert im Konzept des Friedensjournalismus von Johan Galtung (1998) – in der internationalen Berichterstattung Anwendung findet. Friedensjournalismus strebt eine deeskalierende, multiperspektivische und lösungsorientierte Darstellung an, während Kriegsjournalismus Konflikte als dramatische Konfrontation zwischen unversöhnlichen Lagern inszeniert. Die Entscheidung für eines dieser Muster beeinflusst nicht nur das Konfliktverständnis der Rezipient:innen, sondern potenziell auch den Verlauf des Konflikts selbst (vgl. De Vreese 2005).

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es daher, die deutsche Berichterstattung über das gescheiterte kolumbianische Friedensreferendum im Jahr 2016 unter dem Gesichtspunkt des konfliktsensiblen Journalismus zu untersuchen. Die zentrale Forschungsfrage lautet: Inwieweit folgte die deutsche Berichterstattung zum gescheiterten kolumbianischen Friedensreferendum 2016 den Prinzipien eines konfliktsensiblen Journalismus? Um dieser Frage nachzugehen, wird zunächst der theoretische Rahmen von Friedens- und Kriegsjournalismus erläutert. Auf dieser Grundlage werden Codierleitfragen für eine qualitative Inhaltsanalyse ausgewählter Medienberichte entwickelt. Ziel ist es, mediale Erzählmuster sichtbar zu machen, die entweder zur Versachlichung und Deeskalation beigetragen haben – oder aber zur Reproduktion konfliktverschärfender Narrative. Die Untersuchung bietet wichtige Erkenntnisse für die journalistische Praxis im Umgang mit politischen Konflikten. In einer globalen Medienlandschaft, die zunehmend von Polarisierung und Informationskriegen geprägt ist, stellt sich die Frage nach verantwortungsvoller Konfliktberichterstattung mit neuer Dringlichkeit – nicht zuletzt im Hinblick auf die demokratische Meinungsbildung, die gesellschaftliche Friedensfähigkeit und die internationale öffentliche Diplomatie.

Wie Journalismus Konflikte rahmt – Ein Spannungsfeld

In der global vernetzten und weitestgehend mediatisierten Welt spielt Auslandsberichterstattung eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, wie Konflikte und Kriege wahrgenommen werden. Durch den Einsatz von Auswahl, Betonung, Ausschluss und Ausarbeitung werden Nachrichteninhalte kontextualisiert und Kriege und Konflikte werden auf die eine oder andere Weise dargestellt (vgl. Tankard et al. 1991). Empirische Untersuchungen kamen zu den Ergebnissen, dass Konfliktberichterstattung häufig unter Sensationslust, Identifikation mit nur einer Seite und einer Überbetonung von materiellen Schäden und menschlichen Verlusten geprägt ist (vgl. Allen und Seaton, 1999). Diese Art der Berichterstattung wird als Kriegsjournalismus bezeichnet, bei dem Journalisten eine Sprache des militärischen Triumphs und eine Handlungsorientierung verwenden, die zu Gewalt als Mittel zur Lösung drängt, was sogar zu einer Ausweitung des Konflikt führen kann (vgl. Lee und Maslog, 2005). Für die Analyse werden im folgenden konkrete Merkmale der Berichterstattung erarbeitet und einander gegenübergestellt.

Merkmale der Konfliktberichterstattung

Gewaltsame Konflikte sind relevante und negative Ereignisse, die die Existenz von Menschen unmittelbar bedrohen. Kriege und Konflikte verfügen über einen hohen Nachrichtenwert und sind dadurch zentrale Themen für die internationale Massenpresse. Die Bedingungen, unter denen Kriegs- und Konfliktberichterstattung entstehen, sind häufig prekär. Reporter:innen sind im Konfliktgebiet eingeschränkt, müssen sich auf offizielle Quellen verlassen oder arbeiten im Rahmen von „embedded journalism“, was zu selektiven, propagandistisch gefärbten Darstellungen führen kann (vgl. Jungblut 2022, S. 315). Gleichzeitig erschweren ökonomische Zwänge – etwa durch schrumpfende Budgets oder der Einsatz von „parachute journalists“ – eine fundierte, kontinuierliche Berichterstattung (ebd.). 
Empirischen Studien zufolge verfügt Kriegs- und Konfliktberichterstattung über einige, leicht variierende, aber immer wiederkehrende Merkmale. Zum einen tendieren Medien dazu, besonders gewaltvolle, drastische und emotional aufgeladene Aspekte eines Konflikt zu betonen. „Following general journalistic routines to foreground dramatic, threatening and conflictual information, violence often takes the centre stage in the news, even for events that are not originally about violent conflict“ (Baden und Tenenboim- Weinblatt 2018, S. 29). Zusätzlich kommt es zu einer Fokussierung auf Opfer- und Todeszahlen. Daraus folgt oft, dass gewaltsame Handlungen die Berichterstattung dominieren, während die Ursachen oder Bemühungen um Friedensverhandlungen in den Hintergrund rücken (vgl. ebd). Ein weiteres Merkmal ist die fehlende Ausgewogenheit der Berichterstattung. Es zeigt sich, dass Konflikte vermehrt einseitig und aus einer ethnozentristischen Ingroup-Perspektive betrachtet und beschrieben werden. Dabei werden eigene Akteure legitimiert, während der Gegner dämonisiert oder delegitimiert wird (Kempf 2001, S. 134–137; vgl. Wolfsfeld et al. 2008). Handlungen und Ziele der „Outgroup“ werden als irrational oder unmoralisch dargestellt, während eigene Fehler relativiert werden. Dies führt zur moralischen Legitimierung eigener Gewalt und Delegitimierung des Gegners (ebd.). Jungblut (2022) schließt daraus, dass es einige Kontextfaktoren im Verhältnis von Politik und Medien gibt, die eine einseitige Berichterstattung begünstigen. Journalist*innen scheinen besonders bei Konflikten, die das eigene Land betreffen, ihre kritische Distanz zu verlieren und übernehmen zunehmend die politischen Argumente einer Regierung. Abweichende Meinungen werden dadurch aus dem öffentlichen Diskurs ausgeschlossen (ebd). Daraus folgt auch eine Moralisierung der Konfliktparteien in “Freund-Feind” und “Gut-Böse” – Logiken. Diese Polarisierung erschwert differenzierte Konfliktanalysen und fördert die Eskalation (Kempf 2001, S. 134f.).

Friedensjournalismus und alternative Begriffe

Friedensjournalismus ist ein journalistisches Konzept, das unter anderem auf die Arbeiten von Johan Galtung (1998) zurückgeht und sich in Abgrenzung zur Gewalt zentrierten Berichterstattung des Kriegsjournalismus entwickelt hat. Galtung definiert Friedensjournalismus als eine Form der Berichterstattung, die sich auf Konflikttransformation, Perspektivenvielfalt und Ursachenanalyse konzentriert und dadurch einen Beitrag zur Deeskalation leisten soll. Er unterscheidet grundlegend zwischen einem violence-oriented war journalism und einem peace-oriented conflict journalism (vgl. Galtung 1998). Während Kriegsjournalismus Konflikte als Kampf zwischen „Gut“ und „Böse“ darstellt, fokussiert Friedensjournalismus auf die zugrunde liegenden Konfliktgegenstände, die Interessen aller beteiligten Parteien und mögliche kooperative Lösungsansätze. Journalist*innen werden hier nicht als neutrale Chronisten verstanden, sondern als aktive Mitgestalter gesellschaftlicher Diskurse, die durch die Auswahl und Rahmung von Informationen zur öffentlichen Konfliktwahrnehmung beitragen (Kempf 2004, S. 440–443).

Friedensjournalistische Ansätze verfolgen die ausführliche Darstellung und Kontextualisierung von politischen, sozialen und historischen Konfliktursachen, statt den Fokus auf gewaltsame Ereignisse und Todeszahlen zu legen. Dafür sei es wichtig, alle Konfliktparteien zu Wort kommen zu lassen. Außerdem sollten Polarisierung und moralisierende Schuldzuweisungen vermieden werden, um Konflikte zu deeskalieren (Kempf 2001, S. 134-136). Die Rolle der Journalist*innen beinhaltet das Reflektieren der eigenen Position im Diskurs sowie die Gefahren selektiver Informationsverarbeitung. Der Fokus der Berichterstattung sollte außerdem auch auf alternative und friedliche Lösungsansätze gelenkt werden, wie zum Beispiel Mediation, diplomatische Initiativen und zivile Friedensakteure. Kempf schlägt hierfür ein „Zwei-Stufen-Modell“ vor: Zuerst soll ein journalistischer Mindeststandard („deeskalationsorientierte Berichterstattung“) gewährleistet werden, der durch Neutralität, Perspektivenvielfalt und Kontextualisierung geprägt ist. In einem zweiten Schritt kann die Berichterstattung aktiv zur Förderung konstruktiver Konfliktlösungen beitragen.

Konfliktsensibler Journalismus

Trotz seines normativen Potenzials steht das Konzept des Friedensjournalismus in der Praxis vor erheblichen Umsetzungsproblemen. Es erfordert nicht nur umfassende Kontextkenntnisse, sondern auch die bewusste Entscheidung gegen konventionelle Nachrichtenlogik – etwa gegen Sensationalismus, Einseitigkeit oder nationalen Bias. Zudem ist der Begriff „Friedensjournalismus“ semantisch aufgeladen und wird mitunter als zu idealistisch, moralisierend oder weltfremd kritisiert (vgl. Bilke 2006). Für einen praxisnahen und zeitgemäßeren Ansatz eignet sich das Modell des Konfliktsensiblen Journalismus nach Ross Howard. Howard (2004) entwickelte das Konzept auf Grundlage praktischer Erfahrungen in Sri Lanka, Ruanda, Sierra Leone, dem Nahen Osten und weiteren Konfliktregionen. Ziel war es, Journalist*innen in Konfliktregionen Instrumente an die Hand zu geben, mit denen sie ihre eigene Wirkung auf Konfliktdynamiken besser reflektieren können und dies ganz praktisch anhand einer “Checklist” überprüfen können. Howard definiert das Konzept folgendermaßen: “Conflict-sensitive journalism is journalism that contributes to peaceful resolution of conflict by avoiding stereotypes, providing context, presenting multiple perspectives and analyzing the causes of conflict – all while still adhering to the core journalistic values of accuracy, fairness and responsibility.” (Howard 2004, S. 6).

Die Grundannahmen sind dem Modell des Friedensjournalismus ähnlich. Howard fordert jedoch einige weitere Fähigkeiten von Reportern, um ihrer Rolle in Konflikten gerecht zu werden. Er geht davon aus, dass Journalist*innen in von Gewalt geprägten Gesellschaften eine besondere Verantwortung tragen – nicht im Sinne politischer Parteinahme, sondern durch die bewusste Reflexion über die Wirkung ihrer Berichterstattung auf bestehende Spannungen. Er legt Wert auf das tiefgehende Verständnis von Konfliktursachen, vor allem im Bezug auf strukturelle und kulturelle Gewalt, die oft die eigentliche Ursache direkter physischer Gewalt sind. Außerdem fordert er die Identifizierung zugrunde liegender Interessen – guter Journalismus fragt nach den wahren Interessen der Konfliktparteien, auch jenseits der Anführer. Laut Howard dienen Medien durchaus als Emotionales Ventil. Sie können ein wichtiges Ventil für das Ausdrücken von Beschwerden oder Wut bieten, wodurch Konflikte in den Medien ausgetragen werden können, statt auf der Straße. Ein wichtiger Bestandteil konfliktsensibler Berichterstattung ist zudem das Potenzial zur Lösungsfindung, indem man von den Streitparteien konkrete Lösungsvorschläge einfordert, anstatt nur deren Rhetorik zu wiederholen. Howard stellt zusätzlich zu diesem Prämissen eine Art Checkliste auf, an der sich Journalist*innen orientieren können und die ebenfalls in unsere Analyse einfließt: 

  • Vermeidung einseitiger Darstellungsweisen.
  • Zitate jenseits der Eliten einholen.
  • Vermeidung emotionaler und unpräziser Wörter; nur zitieren, wenn andere diese verwenden.
  • Vermeidung von Wörtern wie „Terrorist“, „Extremist“ oder „Fanatiker“, da diese parteiisch sind und Verhandlungen erschweren; stattdessen Menschen so nennen, wie sie sich selbst nennen.
  • Friedensideen untersuchen, egal woher sie kommen, und Führungspersönlichkeiten mit diesen Ideen konfrontieren 

Für die folgende Analyse ist das Konzept des konfliktsensiblen Journalismus geeigneter als die traditionellen Modelle des Friedensjournalismus. Zum einen, weil es einen praxisnahen und methodischen Ansatz verfolgt. Zum anderen, weil die erarbeiteten Merkmale den Anspruch haben, umfassend auf sensible Sprache, Selbstreflexion im Umgang mit stereotypischen Darstellungen und Schutz von Minderheiten zu achten. Anstatt Reporter*innen eine idealistische und Peace-Building-Rolle zuzuschreiben, der sie in den meisten Fällen nicht gerecht werden könne, wird im Rahmen der konfliktsensiblen Berichterstattung an ihre Verantwortung als Medienakteure im Konfliktfeld appelliert (vgl. Howard 2004). Dadurch ist das Modell deutlich anschlussfähiger und eignet sich für Forschungen, die auch die Frage nach der Medienethik stellen wollen.

Rückblick in bisherige Forschungen

Bei empirischen Untersuchungen zu Konfliktberichterstattung handelt es sich meistens um Inhaltsanalytische Frame Analysen. Ein Frame nach Robert Entman ist ein Deutungsrahmen, der bestimmte Aspekte einer Realität auswählt, betont, erklärt oder bewertet, um ein Thema in einem bestimmten Licht erscheinen zu lassen. Framing strukturiert damit die Wahrnehmung und Interpretation von Ereignissen, indem es z. B. Probleme definiert, Ursachen zuschreibt, moralische Bewertungen liefert und Handlungsempfehlungen impliziert (Entmann 1993). Berichterstattung wird demnach versucht entweder in den Frame der Friedens- oder der Kriegsberichterstattung einzuordnen. Mehrere empirische Studien zum Modell des Friedensjournalismus haben dessen dichotomische Natur kritisiert, da es die typischen Merkmale journalistischer Arbeit außer Acht lässt (vgl. Tenenboim-Weinblatt et al., 2015; Hussain, 2020a und Hussain, 2020b). Kritiker*innen argumentieren, dass die meisten Medieninhalte irgendwo zwischen den beiden extremen Kategorien Friedens- und Kriegsberichterstattung liegen, und haben alternativ differenzierte Modelle entwickelt, um die Haupttendenzen in Bezug auf Kriegs- und Friedensrahmen zu erfassen.  Dazu gehört unter anderem das Modell der konstruktiven Berichterstattung nach Kempf (u. a. 2003, 2018, 2021), Bilkes konfliktsensitiver Journalismus (2008) oder die im vorherigen Abschnitt vorgestellten konfliktsensiblen journalistischen Richtlinien nach Howard (2004). Diese Modelle sind die Grundlage für empirische Forschung der letzten Jahre auf dem Gebiet der konfliktsensiblen Berichterstattung.

Saleem (2007) stellt fest, dass insbesondere im internationalen Kontext westliche Medien – allen voran US-amerikanische – das Bild fremder Länder häufig in Übereinstimmung mit politischen Interessen und hegemonialen Diskursen prägen. Das deckt sich mit den Befunden, dass sich Medien in den meisten Fällen auf die Seite der Macht stellen, da eine Annäherung an mächtige Akteure finanzielle oder politische Vorteile mit sich bringt (vgl. Hawkins, 2011; Şahin und Karayianni, 2020; Shinar, 2009). Außerdem scheint es eine signifikante Beziehung zwischen der Einordnung von Kriegs-/Friedensjournalismus und Sprache zu geben, wobei englischsprachige Nachrichtenberichte eher als Kriegsjournalismus, denn als Friedensjournalismus eingestuft werden (vgl. Lee 2010). Lee (2010) stellt zudem fest, dass es in intensiven Konfliktphasen vermehrt zur Verwendung von Kriegsjournalismus-Frames kommt. Bei weniger intensiven Konflikten und während Verhandlungsphasen kommt es zu einer stärkeren Verwendung von konfliktsensiblen Journalismus. 

Eine Analyse der türkischen Presse zeigte, dass Journalist*innen in der Berichterstattung über den Konflikt mit Syrien häufig eine aufgeladene Sprache verwendeten, ein „Wir-gegen-sie“-Narrativ bedienten und die Schuld jeweils der anderen Seite zuschrieben (vgl. Ersoy 2016). Eine Inhaltsanalyse der Berichterstattung der New York Times und der Washington Post über den Kaschmir-Konflikt kam zu dem Schluss, dass geopolitische Implikationen ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Darstellung von Geschichten in Bezug auf Krieg und Frieden spielten, da diese US-Zeitungen Pakistan oft als Feind darstellen (vgl. Siraj 2008).

Eine weitere Folge, die mit Kriegsjournalistischer Berichterstattung einhergeht, ist Komplexitätsverlust. Diesbezüglich kommt Ismail (2008) zu dem Schluss, dass die Medienberichterstattung wichtige Komplexitäten ignorierte, die „die Möglichkeit eines echten Verständnisses der Konfliktdynamik weitgehend ausschlossen, anstatt sie zu erleichtern.” (Ismail 2008, S. 196) Wolfsfeld (2003) konstatiert diesbezüglich, dass sich die Nachrichten, selbst während der Berichterstattung über einen Friedensprozess, auf den anhaltenden Konflikt zwischen den beiden Seiten konzentrieren, was auf das ständige Bedürfnis der Medien nach Dramatik zurückzuführen ist. 

Die mediale Darstellung des kolumbianischen Konflikts, sowohl auf lokaler als auch nationaler Ebene, mit besonderem Fokus auf die Zeit der Friedensverhandlungen zeigt dabei ein ambivalentes Bild: denn selbst während der Berichterstattung über den Friedensprozess dominierten häufig kriegsorientierte Narrative in den kolumbianischen Leitmedien (vgl. García-Perdomo et al. 2024).

Der Vergleich internationaler und nationaler Berichterstattung legt zentrale Unterschiede offen: Während in Kolumbien vermehrt Kriegs-Frames verwendet wurden, dominierten in internationalen Medien – insbesondere aus Europa und Nordamerika – Friedens-Frames. Diese Diskrepanz könnte erklären, warum das Nein zum Friedensreferendum im Ausland vielfach überraschend wahrgenommen wurde (García-Perdomo et al. 2024, S.1006). Es macht also einen Unterschied, ob über „eigene“ Konflikte oder „externe“ Konflikte berichtet wird in die man nicht aktiv verwickelt ist. Die internationale Berichterstattung vermittelte möglicherweise ein Bild von kollektiver Friedensbereitschaft, das der innerkolumbianischen Realität – geprägt von Misstrauen, Skepsis und kriegserprobten Deutungsmustern – nicht entsprach. Dieses negative Framing des kolumbianischen Friedensprozesses sahen die Bürger, möglicherweise beeinflussten so die Medien die Entscheidung das Referendum abzulehnen (vgl. Rodriguez 2011).

Historisch betrachtet dienen Friedensreferenden oft der Legitimation von Abkommen zur Beendigung gewaltsamer Konflikte in der Gesellschaft. Sie können jedoch scheitern, und damit den Friedensprozess blockieren oder dessen Grundlage schwächen – mit möglichen Risiken für erneute Gewalt. Wie Medien auf ein scheiterndes Referendum reagieren, kann dabei entscheidend sein. Dieser Frage wollen wir im  Folgenden anhand der deutschen Medienberichterstattung nach dem gescheiterten Friedensreferendum 2016 in Kolumbien nachgehen.

Der Kolumbianische Bürgerkrieg und die Herausforderungen des Friedensprozesses

Der Konflikt in Kolumbien, der seit den 1960er-Jahren andauert, ist einer der längsten und komplexesten bewaffneten Auseinandersetzungen weltweit. Die Ursprünge des Konflikts liegen in sozialen Ungleichheiten, Landkonflikten und politischer Ausgrenzung, die sich im Laufe der Jahrzehnte mit ideologischen, wirtschaftlichen und kriminellen Motiven, insbesondere dem Drogenhandel, vermischten. Zu den Hauptakteuren gehören die Kolumbianische Regierung, Linke Guerillagruppen (FARC und ELN) und Rechte Paramilitärs (bis 2006 AUC, danach BACRIM und GAO). Hinzu kam die Drogenmafia als Akteur mit eigenen Interessen, die mit den Guerilla- und Paramilitärsgruppen verflochten war. Die Konfliktdynamik hat sich über die Jahre mehrfach gewandelt. Die 1980er und 1990er Jahre waren geprägt vom Kampf gegen den Drogenhandel und der Demobilisierung kleinerer Guerillagruppen. Zwischen 2000 und 2012, prägte der „Plan Colombia“ die Auseinandersetzung, eine massive, von den USA unterstützte Militäroffensive gegen Guerilla und Drogenkartelle (vgl. Perez 2025). Ein entscheidender Wendepunkt wurde 2012 eingeleitet, als die kolumbianische Regierung unter Präsident Juan Manuel Santos Friedensverhandlungen mit der FARC aufnahm. Diese führten am 26. September 2016 zur Unterzeichnung eines historischen Friedensvertrags. Im Zuge dessen legten mehr als 13.000 FARC-Kämpfer ihre Waffen nieder. Nachdem der Friedensvertrag unterzeichnet war, wurde die kolumbianische Bevölkerung in einem Referendum dazu aufgerufen, über die Annahme dieses Vertrags abzustimmen. Die Frage lautete im Wesentlichen, ob die Wähler das Friedensabkommen befürworten oder ablehnen. Bei diesem Referendum stimmte eine knappe Mehrheit von 50,2% der Wähler gegen das Abkommen ( ebd).

Nach dem überraschenden Ausgang des Referendums kündigte Präsident Juan Manuel Santos an, den Friedensprozess dennoch fortzuführen und betonte, der Waffenstillstand bleibe in Kraft. Bereits am 12. November wurde ein überarbeiteter Vertragstext vorgestellt, der auf die Kritikpunkte der Gegner einging – insbesondere bei Fragen zur Übergangsjustiz und zur parlamentarischen Integration der FARC. Nur wenige Tage später, am 30. November 2016, billigte der Kongress die Vereinbarung einstimmig – die öffentliche Volksabstimmung wurde damit umgangen (vgl. Maihold 2016).

Trotz des formalen Erfolg verbesserte sich die Sicherheitssituation in vielen ehemaligen Konfliktgebieten nur langsam. Staatliche Präsenz blieb lückenhaft, und in den entstehenden Machtvakuen agierten bewaffnete Gruppen, darunter paramilitärische Strukturen, kriminelle Banden und dissidente FARC-Mitglieder. Gründe dafür werden unter anderem im öffentlichen Umgang und der Berichterstattung gesehen. In der nationalen und internationalen Berichterstattung zeigte sich eine deutliche Polarisierung: Während internationale Medien das Nein-Votum oft als „verpasste historische Chance“ interpretierten, griffen viele kolumbianische Medien verstärkt die Argumente der Gegner auf und rahmten die Ablehnung als Ausdruck eines legitimen Sicherheits- und Gerechtigkeitsbedürfnisses. Diese mediale Rahmung beeinflusste maßgeblich die öffentliche Wahrnehmung des Abkommens und prägte die politische Debatte in den Folgemonaten (vgl. García-Perdomo 2024, Harlow & Brown 2022).

Methodisches Vorgehen

Für die Analyse der deutschen Berichterstattung zum kolumbianischen Friedensreferendum von 2016 wurde die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring (2015) angewendet. Diese Methode eignet sich insbesondere zur systematischen Untersuchung kommunikativer Inhalte, bei denen weniger die Quantität als vielmehr die Bedeutungsstruktur und Kontextualisierung im Vordergrund steht. Die strukturierende Inhaltsanalyse, bei der ein Kategorien geleitetes Vorgehen mit induktiven und deduktiven Elementen kombiniert wird, steht dabei im Zentrum. Das Kategoriensystem wurde anhand der Empfehlungen von Howard (2004) zusammengestellt. Die Kategorien wurden zunächst aus der Literatur abgeleitet (deduktiv) und anschließend im Analyseprozess induktiv ergänzt, um möglichst nah am Material zu sein. Ziel war es, Textmerkmale und Muster zu identifizieren, die entweder Konflikt verschärfende oder deeskalierende Merkmale aufweisen.Zur Umsetzung der Analyse wurde die webbasierte Plattform QCAmap (www.qcamap.org) verwendet, ein Tool, das speziell für qualitative Inhaltsanalysen nach Mayring entwickelt wurde. QCAmap ermöglicht die strukturierte Kodierung, die transparente Dokumentation des Kategoriensystems sowie eine systematische Reflexion der Codier-Entscheidungen. Die Auswertung erfolgte manuell auf Basis der codierten Textsegmente, wobei einzelne Medienbeiträge als Analyseeinheit dienten. Die qualitative Inhaltsanalyse erlaubt damit nicht nur eine analytische Auswertung der Berichterstattung, sondern trägt auch zur theoriegeleiteten Interpretation journalistischer Praktiken im Umgang mit scheiternden (Friedens-)Referenden bei.

Entwicklung der Codierleitfragen und Operationalisierung

Für die inhaltsanalytische Erhebung und zur Bestimmung von Kriegs- versus Konfliktsensibler Berichterstattung im kolumbianischen Friedenskontext, wurde theorie- und empiriegeleitet ein Codierleitfaden bestehend aus acht Codierleitfragen entwickelt. Die theoretisch begründeten Codierleitfragen orientieren sich an der Checkliste für konfliktsensitiven Journalismus von Howard (2004) wurden jedoch inhaltlich an den Fall und das zu codierende Material angepasst. Anschließend wurden themenspezifische Kategorien formulierte die entweder der konfliktsensitiven oder der kriegsjournalistischen Berichterstattung zugewiesen werden können.  Durch die Orientierung an bereits bestehender Literatur kann davon ausgegangen werden, dass die Kategorien trennscharf definiert sind, sich die einzelnen Ausprägungen wechselseitig ausschließen und alle Ausprägungen sich auf das gleiche Merkmal beziehen (vgl. Brosius et al. 2016). Im Folgenden werden die acht Codierleitfragen (RQ) mit ihren Kategorien kurz aufgeführt, das ausführliche Codierschema befindet sich zur intersubjektiven Nachvollziehbarkeit in Anhang dieses Beitrags.

RQ 01: Welches ist das Hauptthema des Beitrags?

Codiert wird induktiv das Hauptthema des Artikels (z. B. abgelehnter Friedensvertrag, Friedensverhandlungen, Kriegs- Entwicklung). Das Hauptthema ist jenes Thema des Artikels, das räumlich den meisten Platz einnimmt. Oft ist das Hauptthema bereits in der Überschrift bzw. im Vorspann des Artikels angekündigt. Sollte der Artikel mehrere Themen aufweisen, denen gleichwertig Aufmerksamkeit geschenkt wird, ist das zuerst erwähnte Thema als Hauptthema einzutragen.

RQ 02: Welche weiteren Themen werden im Beitrag aufgegriffen?

Codiert werden Themengebiete, denen im Beitrag Beachtung geschenkt wird. Die Themen wurden als Kategorien vor der Analyse deduktiv anhand bereits bestehender Literatur ausgewählt, z.B. Politik, Wirtschaft, Medien und Desinformation, Gesellschaft.

RQ 03: Wie wird das abgelehnte Friedensabkommen dargestellt?

Diese Frage soll den ersten Eindruck festhalten, wie die Situation nach dem gescheiterten Referendum dargestellt wird. Vier mögliche Darstellungsformen wurden identifiziert und können somit codiert werden: 

  1. Binäre Darstellung zwischen den Befürworter und den Gegnern des Friedensabkommens
  2. Eine Situation die als vielschichtiger Aushandlungsprozess begriffen wird, in der alle am gleichen Strang ziehen müssen
  3. Als eine unlösbare und aussichtslose Situation
  4. Als ein Problem, das nur zwischen der Regierung, der FARC und der Opposition gelöst werden kann, ohne jegliche zivilgesellschaftliche Beteiligung.

RQ 04: Welche Ursachen werden als Grund für das Scheitern des Abkommens genannt?

Hier wird codiert, ob in dem Artikel z.B. historische, politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche Hintergründe der sich im Konflikt befindenden Parteien aufgezeigt werden, die dem tieferen Verständnis des aktuellen Geschehens dienen.

RQ 05: Wird im Beitrag tendenziöse Sprache verwendet?

Alle im Artikel tendenziösen Bezeichnungen werden festgehalten. Es wird dokumentiert, ob in der Berichterstattung emotionalisierende, dramatisierende, moralisierende Sprache verwendet wird, z.B. dichotome Metaphern, stigmatisierende Begriffe und wertende Sprache. Neutrale Sprachverwendung wird nicht codiert.

RQ 06: Wem wird in den Beiträgen die Schuld am Scheitern des Friedensreferendum zugewiesen?

Diese Codierleitfrage dokumentiert, ob klare Schuldzuweisung an einzelne Akteure gemacht wird. Wird zum Beispiel der kolumbianischen Bevölkerung die Schuld am gescheiterten Referendum gegeben, da sie es abgelehnt hat oder wird dem Nein-Lager klar die Schuld am Scheitern gegeben. Bei Artikeln ohne Schuldzuweisung wird Sach-basierte Problematisierung codiert.

RQ 07: Welche Akteur*innen kommen im Beitrag zu Wort?

Codiert werden die verschiedenen Akteur*innen, die im Beitrag zu Wort kommen: Vertreter der Regierung (z.B. Präsident Santos), Oppositions Politiker, Expert*innen, Einzelpersonen/ Familien, Journalist*innen etc.

RQ 08: Werden Wege aufgezeigt, wie mit dem Ergebnis des Referendums umgegangen werden sollte?

Hier werden die im Artikel geforderten oder abgelehnten Maßnahmen zur Lösung bzw. zur Verbesserung der aktuellen Situation kurz und prägnant in Stichworten notiert und eingeordnet in unter anderem folgende Kategorien: politisch, juristisch, militärisch, den Vertrag überarbeiten

Die Berichterstattung über den kolumbianischen Bürgerkrieg in Deutschland

Für die Analyse wurden insgesamt 20 journalistische Beiträge aus überregionalen deutschen Medien (u. a. Focus, Zeit, taz, Deutsche Welle, Deutschlandfunk) ausgewählt. Der Untersuchungszeitraum umfasst den 02. bis 13. Oktober 2016, also knapp zwei Wochen nach dem gescheiterten kolumbianischen Friedensreferendum. Dieser Zeitraum wurde gewählt, da die unmittelbare Phase nach dem Referendum besonders geprägt war von Reaktionen, Einordnungen und ersten internationalen Bewertungen, die für die Forschungsfrage nach Konfliktsensibilität im Journalismus besonders aufschlussreich sind.

Die Auswahl der Artikel erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern verfolgt das Ziel, ein analytisch handhabbares Korpus zu schaffen, das zugleich eine breite Spannweite deutscher Auslandsberichterstattung abdeckt. Zentral ist, dass es sich ausschließlich um deutsche Berichterstattung überregionaler Medien handelt. Damit steht nicht die Spezifikation einzelner Redaktionen im Fokus, sondern die Darstellungsweise deutscher Medienöffentlichkeit insgesamt. Es handelt sich folglich nicht um eine Medienanalyse im engeren Sinne – das konkrete Medium ist für die Auswertung zweitrangig. Entscheidend ist vielmehr, welche Muster der internationalen Konfliktberichterstattung im deutschen Kontext erkennbar werden.

Im Folgenden werden die Ergebnisse der Analyse mit Qcamap strukturiert dargestellt und in die theoretischen Überlegungen eingeordnet und interpretiert. Zur präziseren Übersicht und Eingrenzung werden nicht alle Beispiele und Kategorien ausführlich behandelt.  Die genaue Dokumentation der formalen Kategorien sowie die vollständigen Tabellen mit Kategorien und Ankerbeispielen der Codierleitfragen befinden sich auf der Seite der Quellen.

Die Medienlogik nach dem Referendum

Zu den Hauptthemen (RQ 01), die im Spektrum der Materialauswahl im Fokus stehen, gehören zum einen die Betonung des abgelehnten Friedensvertrages und der damit gescheiterten Friedensverhandlungen. Beispiele dafür sind Sätze wie “Kolumbien stehen gefährliche Wochen bevor: Der Friedensvertrag mit den Farc-Rebellen ist von der Bevölkerung überraschend abgelehnt worden. Der Ausgang der Volksabstimmung wirft das südamerikanische Land um Jahre zurück.” (Spiegel, 03.10.2016) oder “Die Kolumbianer haben dem Friedensvertrag zwischen Regierung und FARC eine Absage erteilt. Die Befürworter sind entsetzt, die Gegner feiern ihren Triumph. Wie es weitergeht ist unklar.” (DW, 03.10.2016). Deutlich nebensächlicher und weniger erwähnt sind Themen wie eine Neuverhandlung des Referendums sowie neue Gespräche mit den Guerilla-Gruppen über Frieden. 

Diese Ergebnislage deutet klar auf eine dominante kriegsjournalistische Rahmung hin, da der Schwerpunkt auf dem Scheitern des Friedensprozesses und den damit verbundenen negativen Zukunftsprognosen liegt, während konstruktive Perspektiven – etwa Neuverhandlungen – in den Hintergrund treten. Es wird vor allem der dramatische und bedrohliche Aspekt betont, sowie emotionalisiert, was die Deeskalationspotenziale des konfliktsensiblen Journalismus ungenutzt lässt (vgl. Howard 2004). 

Zu den dominanten Unterthemen (RQ 02) der Berichterstattung gehören Politik, Gesellschaft und die Kategorie Kampf/Militär/Gewalt. In manchen Beispielen wird die starke politische und gesellschaftliche Polarisierung betont (“Maßgeblich für das ablehnende Votum dürften weniger die nur begrenzt diskutierten Inhalte des Abkommens als die massive politische Polarisierung des Landes sein” (ZEIT, 06.10.2016), in anderen Emotionen, Schock und Gewalt (“Ein Sieg der Emotionen über Argumente. Es wird mehr als eine Generation brauchen, bis die Mehrheit der Kolumbianer bereit sind zu vergeben, zu verstehen und sich zu versöhnen. Entführung, Ermordung, Vertreibung – zu schwer waren die Verbrechen, die die Rebellen im Namen eines angeblichen gerechten Kampfes für eine bessere Gesellschaft begangen haben.”(Spiegel, 04.10.2016), “Der Krieg geht weiter. Er produziert seine Toten und frisst seine Gegner.” (DW, 03.10.2016)

Insbesondere die drastische Sprache („Der Krieg geht weiter“, „frisst seine Gegner“) und die Auflistung schwerer Verbrechen entsprechen der beschriebenen Gewaltzentrierung sowie der moralischen Delegitimierung einer Konfliktpartei (Kempf 2001, S. 134–137). Gleichzeitig wird die gesellschaftliche Spaltung betont, ohne diese in einen breiteren Kontext struktureller oder historischer Ursachen einzubetten – ein zentrales Element konfliktsensibler Berichterstattung. 

Was die Art und Weise der Konfliktdarstellung (RQ 03) angeht, lässt sich überwiegend Schwarz-Weiß-Logik erkennen (“Es gibt praktisch keine Familie in Kolumbien, die nicht in irgendeiner Weise von linker oder rechter Gewalt betroffen war. Genau da setzte Uribe an, der nun die Kampagne gegen den Friedensvertrag anführte.”(SZ, 03.10.2016), “ Eine sehr knappe Mehrheit hat das Friedensabkommen mit den Farc-Rebellen abgelehnt. Die einen können es nicht fassen, die anderen jubeln.”(taz, 03.10.2016), “‘Von heute an liegt jede Minute, jeder Tote dieses Konfliktes in ihrer Verantwortung.’”(DW, 03.10.2016)). Gleichzeitig wird betont, dass nun ein vielschichtiger Aushandlungsprozess beginnt, der selten mit einem Hauch Zuversicht geframed wird sondern eher als mühselig und langwierig beschrieben wird. Die hier identifizierte Schwarz-Weiß-Logik entspricht den beschriebenen Polarisierungs- und „Gut-Böse“-Rahmungen des Kriegsjournalismus, die zu einer moralischen Legitimierung der eigenen Seite und Delegitimierung des Gegners führen. Auch die personifizierte Zuschreibung von Verantwortung („jede Minute, jeder Tote… liegt in ihrer Verantwortung“) verstärkt die Schuldzuweisung und emotionalisiert den Konflikt weiter. Konstruktive Narrative klingen zwar punktuell an, werden jedoch klar von kriegsjournalistischen Darstellungslogiken überlagert. 

Als Gründe für das Scheitern des Referendums (RQ 04) werden überwiegend soziale Strukturen, politische Begebenheiten und juristische Faktoren genannt. Auch hier wird die tiefe Spaltung des Landes betont und die fehlende Bereitschaft für Versöhnung (Bsp.: “Das heißt: Es war gar nicht unbedingt immer der persönliche Leidensdruck, der den Ausschlag gab, sondern auch die kollektive Ablehnung eines alternativen Projekts und der Hass auf die Rebellen.”(Spiegel, 04.10.2016). Bei den juristischen Gründen dominieren die im Abkommen festgemachten  Strafnachlässe für die Guerilla-Kämpfer (“88 Prozent der Bevölkerung will die Rebellen hinter Gittern sehen.”(ebd.)). Anstatt Möglichkeiten für restorative oder Versöhnungs-orientierte Justiz zu beleuchten – ein Kernelement konfliktsensibler Ansätze – wird der Fokus auf Vergeltung und Hass gelegt. Damit bestätigen die Ergebnisse die theoretische Annahme, dass unter anderem juristische Kontroversen häufig als konfliktverschärfende Narrative in den Vordergrund rücken, anstatt konstruktive Lösungsoptionen zu betonen. 

Die Suche nach sprachlichen Auffälligkeiten (RQ 05) war nicht sonderlich ergiebig bzw. fiel es schwer, die Formulierungen klar einzuordnen. Interessant waren jedoch die unterschiedlichen Übersetzungen von Zitaten aus dem Spanischen ins Deutsche. So ließen sich von ein und demselben Zitat vier verschiedene Wortlaute in der Übersetzung finden (06_Zeit – Er hat versprochen, bis zum Ende seiner Amtszeit für Frieden zu kämpfen; 16_DW – „Bis zur letzten Minute meiner Amtszeit werde ich den Frieden suchen.“; 04_Zeit „Ich gebe nicht auf. Ich werde mich bis zum letzten Tag meiner Amtszeit um den Frieden bemühen“; 14_Welt – Er kündigte an, bis zur letzten Minute seiner Amtszeit um den Frieden zu kämpfen.). 

Hier unterscheiden sich nicht nur direktes und indirektes Zitat, sondern auch Begriffe wie “kämpfen”, “bemühen”, “suchen”. Direkte Zitate („Ich gebe nicht auf…“) transportieren eine stärkere Authentizität und Nähe zur Quelle. Dadurch wird Santos’ Haltung als handlungsleitend inszeniert, und Rezipient*innen können selbst entscheiden, wie sie die Aussage bewerten. Indirekte Rede („Er kündigte an…“) filtert stärker durch die journalistische Perspektive. Das entspricht dem beschriebenen Einfluss journalistischer Selektions- und Rahmungsentscheidungen auf die Konfliktdarstellung (vgl. Baden & Tenenboim-Weinblatt 2018). Was die Wahl der Worte betrifft lassen sich hier sowohl kriegsjournalistische als auch konfliktsensible Tendenzen erkennen. Begriffe wie „kämpfen“ transportieren ein Bild von Konflikt, Auseinandersetzung und Durchsetzung – sie verstärken eine kämpferische, konfrontative Semantik. Übersetzungen wie „den Frieden suchen“ oder „sich um den Frieden bemühen“ sind deutlich weicher und lösungsorientierter. 

Im Großteil der analysierten Beiträge befinden sich Passagen, in denen Schuldzuweisungen (RQ 06) vorgenommen werden. Die starke Präsenz der Schuldfrage allein unterstreicht die bisher spürbare Übermacht kriegsjournalistischer Merkmale. Am stärksten heben sich dabein die Schuldzuweisungen gegenüber dem Nein-Lager der Abstimmung hervor. Auch wird der allgemeinen Bevölkerung die Schuld gegeben, wie man an folgenden Sätzen ausmachen kann: “Die Kolumbianer hatten die Chance, in die Geschichte einzugehen, […] aber sie entschieden sich dagegen.” (Spiegel, 04.10.2016), “Die Bevölkerung hat das Friedensabkommen in einem Referendum durchfallen lassen.” (dlfkultur, 03.10.2016). Auch die FARC wird als Verantwortungsträger gesehen (“All dies hat viel mit Kolumbiens politischer Kultur zutun, die geprägt ist von der Einschüchterung durch unberechenbare und entfesselte Gewalt seitens der Guerilla und der Drogenkartelle.” (ZEIT, 06.10.2016).

Die vereinfachte Art der Schuldzuweisung in Kombination mit der Schwarz-Weiß-Logik reduziert komplexe politische Entscheidungen auf moralische Fehltritte, anstatt sie in strukturelle oder historische Zusammenhänge einzubetten. Auch die Schuldzuweisung an die FARC in Verbindung mit kriminellen Akteuren folgt dem Muster der Delegitimierung der „Outgroup“, wie es für kriegsjournalistische Berichterstattung typisch ist. Aus konfliktsensibler Perspektive nach Howard (2004) ist diese Fokussierung besonders problematisch, da sie die notwendige Basis für Versöhnung untergräbt: Schuldnarrative verfestigen kollektive Feindbilder, erschweren den Dialog und nähren eine retributive Logik, die eher auf Strafe als auf Verständigung abzielt. 

Zu den am häufigsten erwähnten Akteur*innen (RQ 07) gehören erwartbarer Weise das Ja-Lager unter Präsident Santos und das Nein-Lager unter Ex-Präsident Uribe. Auch die FARC als ein Hauptakteur wird in ähnlichem Umfang erwähnt. Zivilgesellschaft, Medien und andere Expert*innen finden hingegen nur ungefähr halb so viel Aufmerksamkeit in den Artikeln. Die Verteilung der Aufmerksamkeit spiegelt eine klare Fokussierung auf die politischen Hauptkontrahenten wider. Dem gegenüber steht jedoch die ebenfalls häufigen Erwähnungen von Einzelpersonen, deren Meinung zitiert wird, wie zum Beispiel hier: ““Es haben Wut und Rachsucht gesiegt“, sagte ein Anhänger des „Si“ in der Stadt Popayán im südwestlichen Departement Cauca, einer der vom Bürgerkrieg am härtesten getroffenen Regionen. „Wir sind nicht bereit, uns zu vergeben und nach vorne zu schauen.“ Eine Menschenrechtsaktivistin ergänzte unter Tränen: „Die Hälfte von uns will lieber Krieg als Frieden.“ León Valencia, Direktor der Stiftung Paz y Reconciliación (Frieden und Versöhnung), sagte SPIEGEL ONLINE: „Uns stehen gefährliche und völlig unsichere Wochen bevor.“”, “Friedensexperte Valencia ist skeptisch, dass die Farc große Konzessionen akzeptieren. Er hält es für möglich, dass die Guerilla sich mit der kleineren Gruppierung ELN verbündet und beide gemeinsam weiterkämpfen.” (Spiegel, 03.10.2016)

Die nahezu gleichwertige Präsenz von Santos, Uribe und der FARC entspricht der Tendenz, Akteure mit direkter Macht- oder Gewaltrolle ins Zentrum zu stellen, während zivilgesellschaftliche Stimmen, die potenziell deeskalierende oder lösungsorientierte Perspektiven einbringen könnten, unterrepräsentiert sind. Eine vielfältige Akteursdarstellung – inklusive lokaler Friedensinitiativen, Opferverbände oder unabhängiger Expert*innen – wesentlich zur Kontextualisierung und zu einer konstruktiveren Konfliktwahrnehmung beitragen können. Die Ergebnisse dieser Kategorie sind demnach nicht eindeutig in ihrer Tendenz und würden eine tiefergehende Untersuchung erfordern. 

Als letzte Kategorie schauen wir uns die Vorschläge zur Konfliktlösung (RQ 08) an. Es werden überwiegend diplomatische Lösungen betont und die Möglichkeit den Vertrag zu überarbeiten (“Als Teil einer verfassungsgebenden Versammlung, eines nationalen politischen Dialogs oder auch im bisherigen Format von bilateralen Verhandlungen muss die Farc in die nationale öffentliche Debatte einbezogen werden, nicht nur in die Verhandlungen im fernen Havanna.” (ZEIT, 06.10.2016), “Santos muss nun versuchen, den Pakt neu zu verhandeln.” (ZEIT, 11.10.2016), “Um das Abkommen zu retten, muss nun nachverhandelt werden.” (SZ, 05.10.2016), “Zugleich öffnet er zwischen den Zeilen die Möglichkeiten eines Dialogs, wenn es Korrekturen am Vertrag gebe.” (DW, 03.10.2016)). Worte wie “Dialog” und der Wunsch nach Einbeziehung aller Akteure geben der Situation einen gewissen Optimismus und Zusammenhalt. Es wird der Anschein erweckt, dass man nicht aufgeben will. Die Betonung von Verhandlungen, nationalem Dialog und Vertragsüberarbeitungen steht im klaren Gegensatz zur im Theorieteil beschriebenen Eskalationslogik des Kriegsjournalismus, der häufig auf Konfrontation und Endgültigkeit setzt. Gleichzeitig schaffen diese Formulierungen eine narrative Öffnung, die den Eindruck vermeidet, der Konflikt sei unlösbar – ein zentrales Element, um Versöhnungsprozesse anzustoßen und das Potenzial einer multiperspektivischen und lösungsorientierten Berichterstattung zu realisieren. Damit zeigt sich, dass selbst in überwiegend kriegsjournalistisch geprägten Beiträgen punktuell deeskalierende und konstruktive Frames Raum finden.

Mediale Verantwortung im Konflikt: Ein Ausblick

Die vorliegende Untersuchung zielte darauf ab, die deutsche Berichterstattung über das gescheiterte kolumbianische Friedensreferendum von 2016 unter dem Gesichtspunkt des konfliktsensiblen Journalismus zu analysieren. Im Zentrum stand die Frage, inwieweit journalistische Darstellungsweisen nach einem gescheiterten Friedesreferndum den Prinzipien eines konfliktsensiblen Journalismus entsprechen oder kriegsjournalistische Merkmale reproduzieren. Insgesamt folgt die Berichterstattung nur in begrenztem Maße den Prinzipien konfliktsensiblen Journalismus. Zwar sind punktuell Merkmale wie lösungsorientierte Ansätze und der Aufruf zu Dialog erkennbar, die dominanten Narrative und Darstellungsweisen sind jedoch stärker kriegsjournalistisch geprägt – mit Fokus auf Dramatik und Angst, Polarisierung und Schuldzuweisung. Die Tendenz, strukturelle und historische Ursachen nur am Rande zu beleuchten, verstärkt den Eindruck eines festgefahrenen und hochgradig emotionalisierten Konflikts. 

Man muss an dieser Stelle erneut anmerken, dass es sich bei den herangezogenen Analyseeinheiten nur um einen Ausschnitt des gesamten Spektrums der Berichterstattung handelt. Hinzu kommt, dass manche der Unterfragen durch teilweise wenige Ergebnisse nicht ergiebig genug beantwortet werden konnten und so oft eher eine Tendenz und keine Evidenz zu erkennen ist. Es wäre durchaus wichtig, weitere Fallbeispiele zu untersuchen, um allgemeingültige Schlüsse ziehen zu können. Auch könnte untersucht werden, ob Schulungen zu konfliktsensibler Berichterstattung in Redaktionen messbare Effekte erzielen. Darüber hinaus wäre ein Vergleich zwischen nationaler und internationaler Berichterstattung in Echtzeit-Prozessen aufschlussreich, um besser zu verstehen, wie kulturelle und politische Nähe oder Distanz die journalistische Rahmung beeinflussen. 

Die bis heute anhaltenden und immer wieder aufflammenden Spannungen und Gewaltakte in Kolumbien zeigen, dass nachhaltiger Frieden deutlich mehr benötigt, als einen unterzeichneten Vertrag. Medien spielen in diesem Prozess eine entscheidende Rolle – sowohl als Verstärker bestehender Spannungen als auch als mögliche Plattform für Verständigung und Versöhnung. Vor dem Hintergrund global zunehmender Polarisierung und einer Medienlandschaft, die oft von Sensationslogik und ökonomischem Druck geprägt ist, gewinnt die Frage nach einer ethisch verantwortungsvollen Konfliktberichterstattung an Dringlichkeit. Der konfliktsensible Journalismus bietet hier eine praxisnahe Orientierung, um journalistische Arbeit nicht nur an Nachrichtenwerten, sondern auch an ihrer gesellschaftlichen Wirkung zu messen. Die Schlussfolgerung daraus ist, dass ein normativer Rahmen für Journalismus und Informationsvermittlung in Konflikt- und Krisensituation für einen medienethischen Anspruch unumgänglich ist. Gerade in fragilen politischen Prozessen wie dem kolumbianischen Friedensabkommen ist es von zentraler Bedeutung, dass Medien nicht nur die lautesten Stimmen oder die dramatischsten Ereignisse abbilden, sondern auch differenzierte Analysen, historische Kontexte und vielfältige Akteursperspektiven einbeziehen. Dies bedeutet nicht, Konflikte zu beschönigen oder auf kritische Berichterstattung zu verzichten, sondern eine bewusste Balance zwischen der Darstellung der Realität und der Vermeidung von unnötiger Eskalation zu finden. Die konsequentere Anwendung konfliktsensibler Prinzipien könnte nicht nur die Qualität der Berichterstattung verbessern, sondern auch einen wichtigen Beitrag zu konstruktiven öffentlichen Debatten leisten und zu nachhaltigen Friedensprozessen beitragen. 

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