Inwiefern tragen misogyne Memes in sozialen Medien zur Radikalisierung Jugendlicher bei und welche präventiven Potenziale hat politische Bildung im digitalen Raum?

von Margaret Pleskach und Lukas Hänel

Memes sind seit dem Zeitalter von sozialen Medien kaum aus der Online-Kommunikation wegzudenken. Sie dienen nicht nur der Unterhaltung, sondern auch der Identitätsbildung im jungen Alter sowie Meinungsäußerung. Durch das virale Potenzial sind Memes auch schnell im Bereich der politischen Kommunikation angekommen. Die leicht verständliche visuelle Form und Reproduzierbarkeit trägt zu einer hohen Reichweite und Anschlussfähigkeit bei. Auf sozialen Medien wird diese Form der Kommunikation von Influencerinnen, Unternehmen, privaten Nutzerinnen bis hin zu Politikerinnen genutzt. Diese nutzen Meme-Templates, um diverse Botschaften auf humorvolle Art zu übermitteln. Doch auch diese Form der Online-Kommunikation bringt Risiken mit sich: getarnt durch Humor werden Memes für die Verbreitung von diskriminierender Hass-Rede genutzt. Besonders auffällig ist dies in rechten Szenen, welche Memes für Frauenfeindlichkeit nutzen. Dabei werden misogyne Narrative mit humorvollen Frames an eine junge Zielgruppe vermittelt und Frauenfeindlichkeit normalisiert. Die hohe Social-Media-Nutzung von Jugendlichen und die Plattformmechanismen führen dazu, dass junge Nutzerinnen sehr schnell mit misogynen Inhalten konfrontiert sind. Dies ist besonders gefährlich in der Phase der Identitätsbildung, da diese Narrative die Entwicklung und Geschlechterrollen prägen. Um dem entgegenzuwirken, gibt es diverse digitale Bildungsformate, die diesbezüglich aufklären.
Ziel dieser Arbeit ist es, die Wirkungshebel von misogynen Memes auf Jugendliche zu untersuchen und einen Leitfaden für präventive Bildungsformate auszuarbeiten. Die Grundlage der Case Study bildet eine Umfrage von Jugendlichen zur Rezeption solcher Inhalte sowie qualitative Inhaltsanalysen von ausgewählten Memes und Bildungsformaten. Die Ergebnisse werden in Kombination mit der Uses-and-Gratifications-Theorie, Framing-Ansätzen, sozialkognitiven Lerntheorien sowie Modellen der Radikalisierungsforschung untersucht und ausgewertet.

2.1. Entwicklungspsychologie 

Um das Radikalisierungspotenzial von Jugendlichen beim Konsum von Inhalten auf sozialen Medien zu analysieren, betrachten wir zunächst aus entwicklungspsychologischer Sicht, welche Faktoren dabei eine Rolle spielen. Damit soll deutlich werden, inwiefern Jugendliche aufgrund der psychischen, sozialen und gesellschaftlichen Faktoren empfänglicher für radikale Narrative und Radikalisierung dadurch sind.  

Die Entwicklungspsychologie befasst sich allgemein mit der Identitätsentwicklung und den Sozialisationsprozessen. Dabei sind die Findung und Übernahme von Geschlechterrollen sowie der Aufbau von Beziehungen essentiell (Havighurst, R. J., 1953). Durch die Digitalisierung sind in der Entwicklung soziale Medien ein starker Faktor, der in der Arbeit stets zu beachten ist.

2.1.1. Identitätsentwicklung und Einfluss von sozialen Medien

Die Identitätsentwicklung beginnt bereits im jungen Alter der Adoleszenz, in der sich Kinder mit der Frage auseinandersetzen, wer sie sind und was sie ausmacht. Diese von Erikson beschriebene Identitätskrise dient als Mittel zur Entwicklung einer stabilen Identität (Erikson, 1992, S. 255ff.). Rollenbilder aus dem Umfeld dienen in dieser Zeit als Orientierung. Sie beeinflussen die Identitätsbildung durch Übernahme des Verhaltens und der Perspektiven (Mead, 1934, S. 262). Dazu zählen auch Geschlechterrollen, da diese weniger als biologische Faktoren angesehen werden, sondern als das Resultat von kulturellen und gesellschaftlichen Lernprozessen in der Kindheit und Jugend. Kinder lernen bereits im frühen Alter durch die Sozialisation des Umfelds internalisierte Geschlechterrollen, darunter was als „typisch männlich“ und „typisch weiblich“ angesehen wird (Hurrelmann, 2018, S. 139; Heinen et. al. 2022, S. 430). Übernommen werden die Rollen von Vorbildern in der Familie, Freund*innen aber auch Personen online (Hale et al, 2022, S. 428). 

Peergruppen spielen in der Entwicklung von Jugendlichen eine zentrale Rolle, da sie ihnen Zugehörigkeit, Orientierung und Bestätigung bieten können (Hurrelmann, 2018, S. 137). Wenn die Anerkennung durch Gleichaltrige fehlt, bildet sich ein Gefühl der Ablehnung und Einsamkeit, welche Jugendliche anfällig für extremistische Narrative macht (Neu, 2023, S. 15). In der Suche nach Anerkennung wenden sich Jugendliche an Subkulturen und alternative Räume, welche sich den Mainstream-Normen entgegensetzen und eigene Werte etablieren (Heitmeyer, 2012, S. 105). Soziale Medien bieten Subkulturen einen Raum, sich unabhängig von Ort zu organisieren, ihre Ideologien zu verbreiten und Jugendliche, die nach Anerkennung und Zugehörigkeit suchen, als neue Gruppenmitglieder anzuwerben (Heitmeyer, 2012, S. 105). Diese angeführten Dynamiken machen die zentrale Rolle von digitalen Medien auf die Identitätsentwicklung deutlich. Digitale Medien sind heutzutage nicht mehr wegzudenken aus dem Alltag, vor allem bei Jugendlichen, die laut dem neuen OECD Bericht von 2025 bis zu 48 Stunden wöchentlich am Bildschirm verbringen. Angesichts der Popularität von Influencer*innen und populären Online-Figuren nehmen Jugendliche, denen im direkten sozialen Umfeld Rollenbilder fehlen, diese als Vorbilder (Suter et. al., 2023, S. 3). Die Auswirkungen dieser Faktoren werden in unserer Case Study mitbetrachtet.

2.2 Radikalisierungsforschung

Als Radikalisierung wird der Prozess des Radikal-Werdens verstanden, also die Entwicklung der Einstellungen und des Verhaltens in eine extremistische Richtung (McCauley et. al., 2008). Dabei betonen Forscher*innen, dass die Radikalisierung ein schleichender Prozess ist und meist auf individueller Ebene beginnt, aber nicht immer in Gewalt endet (Möller 2018, S. 6).  

2.2.1 Modelle von Radikalisierungsprozessen

Um den Prozess der Radikalisierung zu verstehen, gibt es verschiedene Modelle. In der Studie fokussieren wir uns auf die Modelle von Borum und das 3N Modell von Kruglanski, um alle relevanten Dimensionen der Radikalisierung abzudecken.

Bei dem Borum-Modell handelt es sich um ein vierstufiges Modell, welches mit der persönlichen Frustration beginnt, zum Gefühl einer Ungerechtigkeit übergeht, die Verantwortung für die Ungerechtigkeit dann einer Zielgruppe zugeschrieben wird und es letztendlich bei einer Distanzierung vom System und Diskreditierung dieses endet (Borum, 2011, S. 40).

Das 3N-Modell wiederum besteht aus drei Elementen: das Bedürfnis, das Narrativ und Netzwerk (Kruglanski, 2019, S. 21). 

Beide Modelle verdeutlichen, dass Radikalisierung aus einem nicht erfüllten Bedürfnis hervorgeht, das mit negativen Emotionen wie Frustration verknüpft ist. Diese Gefühle führen im Fall der Radikalisierung zur Suche nach einem Schuldigen, der ins Narrativ passt. Anders als im Borum-Modell macht Kruglanski die Bedeutung des Netzwerkes deutlich, im Fall der Case Study sind es soziale Netzwerke, die wir erforschen.

2.2.2 Push & Pull-Faktoren

Bei Push-Faktoren handelt es sich um externe Umstände, die Menschen anfällig für Radikalisierung machen. Zu diesen zählen Ausgrenzung, Probleme in Schule oder Familie und auch Diskriminierung. Die Pull-Faktoren beschreiben wiederum die für die Personen ansprechende Inhalte von radikalen Gruppen. Dazu zählen Zugehörigkeit, Identität und Selbstverwirklichung. Push- und Pull Faktoren treten in Kombination auf und werden von diversen Gruppierungen für die Rekrutierung von neuen Mitglieder*innen genutzt.

Angesichts der aktuellen Lage von Jugendlichen (Maurer, 2024, S. 89) aus entwicklungspsychologischer Sicht sind Jugendliche besonders anfällig für Radikalisierung. Sie sind auf der Suche nach Identität und Zugehörigkeit und erleben nach der Covid-Pandemie vermehrt Einsamkeit, die von einem Großteil mit Zeit auf sozialen Medien kompensiert wird (Neu et. al., 2023, S. 37). 

2.3 Medienwirkungsforschung

Um zu verstehen, wie Inhalte auf sozialen Medien Einstellungen und Verhalten Jugendlicher beeinflussen können, betrachten wir aus medienwirkungs­theoretischer Perspektive zentrale Wirkmechanismen. Damit soll sichtbar werden, inwiefern Modelllernen, Deutungsrahmen, Thematisierungseffekte sowie nutzerseitige Motive und kognitive Verzerrungen in algorithmisch kuratierten Feeds zur Aufnahme und Verfestigung bestimmter Narrative beitragen. Die Medienwirkungsforschung untersucht dabei, wie Reize, Darstellungsformen und Verbreitungslogiken auf Wahrnehmung, Bewertung und Handeln wirken. 

2.3.1 Sozialkognitive Lerntheorie

Die sozialkognitive Lerntheorie nach Albert Bandura (1986) geht davon aus, dass menschliches Verhalten maßgeblich durch Beobachtung, Nachahmung und soziale Verstärkung geprägt wird. Zentral ist dabei das Konzept des Modelllernens. Menschen, insbesondere Kinder und Jugendliche, übernehmen Einstellungen und Handlungen, indem sie das Verhalten von Vorbildern beobachten, bewerten und schließlich selbst reproduzieren (Bandura, 2001). In digitalen Medienumgebungen, in denen Influencer*innen, Content Creator oder selbstironisch inszenierte “Alpha Male”-Figuren große Reichweiten erzielen, fungieren solche Akteure als soziale Modelle, die bestimmte Formen von Geschlechtsidentität, Überlegenheitsanspruch und frauenverachtender Ideologie performen. 

In einer kürzlich erschienen Studie, die sich mit dem Aufstreben misogyner Inhalte durch die Manosphere auseinandersetzt, wurde herausgefunden, dass Jugendliche insbesondere dann empfänglich für solche Vorbilder sind, wenn diese als erfolgreich, authentisch oder “cool“ wahrgenommen werden und gleichzeitig Anschluss an die Lebenswelt der Zielgruppe bieten (Haslop et al., 2024, S. 9). Inhalte, die etwa toxische Männlichkeitsideale inszenieren, wie Dominanzverhalten, Abwertung von Feminismus oder sexualisierte Gewaltfantasien, werden dabei nicht nur konsumiert, sondern zunehmend auch weiterverbreitet und verinnerlicht. Gerade Plattformen wie TikTok oder Instagram, deren algorithmische Empfehlungsstrukturen Inhalte anhand von Engagement belohnen, fördern die Sichtbarkeit solcher Modelle und deren Nachahmung (Regehr et al., 2024, S. 3; Thomas & Bálint, 2022, S. 4).

Bandura betont in diesem Zusammenhang die Rolle von Selbstwirksamkeit. Wenn Jugendliche in ihrem sozialen Umfeld wenig Orientierung oder Anerkennung erfahren, kann die Identifikation mit Online-Vorbildern eine Lücke schließen, allerdings auch in problematischer Richtung, wenn dies mit menschenfeindlichen Ideologien verknüpft ist. Die Kombination aus Identifikationsbereitschaft, algorithmisch verstärktem Vorbildverhalten und einer oft fehlenden kritischen Medienkompetenz birgt damit ein erhebliches Radikalisierungspotenzial.

2.3.2 Framing und Agenda Setting in Memes

Memes sind zentrale Akteure politischer Kommunikation im digitalen Raum geworden. Durch ihre visuelle Kompaktheit, popkulturelle Anschlussfähigkeit und schnelle Reproduzierbarkeit eignen sie sich besonders gut, um politische Deutungsmuster zu transportieren und zu verankern (Huwald et al., 2023, S. 6). In Anlehnung an die Framing-Theorie von Entman (Entman, 1993, S. 52) werden in misogynen Meme-Formaten gezielt bestimmte Aspekte der Realität hervorgehoben, etwa die vermeintliche Gefährlichkeit feministischer Bewegungen oder die Vorstellung einer „verweichlichten“ Gesellschaft, während andere Perspektiven ausgeblendet werden. So entsteht ein Deutungsrahmen, der sexistische Narrative normalisiert, indem sie als humorvoll oder ironisch kodiert werden (NCTV, 2024, S. 6).

Gleichzeitig fungieren Memes im Sinne des Agenda-Setting als Mittel zur Thematisierung und Priorisierung antifeministischer Inhalte. Die weite Verbreitung entsprechender Memes in Social-Media-Feeds sorgt dafür, dass sexistische Botschaften hohe Sichtbarkeit erlangen und durch Humor häufig nicht als explizit politisch wahrgenommen werden. (Dafaure, 2022, S. 2). Dies begünstigt insbesondere bei Jugendlichen eine schleichende Verschiebung dessen, was gesellschaftlich als sagbar oder normal gilt (Knopp et al., 2023, S. 33).

2.3.3. Uses und Gratifications

Die Uses-and-Gratifications-Theorie versteht Mediennutzung als zielgerichtetes Handeln, bei dem Rezipient*innen aktiv jene Angebote auswählen, die spezifische Bedürfnisse (gratifications) stillen (Katz et. al., 1973). Klassische Kategorien wie Information, Unterhaltung, soziale Interaktion, Identitätsmanagement und Selbstwirksamkeit wurden in neueren Studien auf Social Media Szenarien übertragen und erweitert. Unterhaltung, Eskapismus, Identitätsexperimente sowie der Wunsch nach Viralität sind zentrale Nutzungsmotive (Stamenković, 2023; Vaterlaus & Winter, 2021). Misogyne Memes profitieren davon in zweifacher Hinsicht. Erstens bedienen sie das Unterhaltungs- und Zugehörigkeitsbedürfnis durch ironische Inszenierung, zweitens liefern sie in Phasen jugendlicher Unsicherheit scheinbar einfache Erklärungen zu Beziehung, Männlichkeit und Status. Wenn diese Bedürfnisse innerhalb algorithmisch erzeugter Filterblasen befriedigt werden, verschränkt sich gratifikationsorientierter Konsum mit Confirmation Bias und Echo-Chamber-Strukturen, eine Konstellation, die die Aufnahme radikaler Gender-Narrative erleichtert und ihre Kritik erschwert. (Thomas & Bálint, 2022; Haslop et. al., 2024)

2.4. Medienpädagogik und politische Bildung

Aus den theoretisch beschriebenen Wirkmechanismen lassen sich Bewertungs- und Gestaltungsmaßstäbe ableiten, die auf medienpädagogische Ansätze als Mittel zur Förderung von Medien- und Informationskompetenz angewendet werden können. Ziel ist zu skizzieren, wie digitale politische Bildung in plattformspezifischen Formaten ansetzt, welche Chancen und Reichweiten sich daraus ergeben und welche informellen Lernräume auf Social Media hierfür relevant sind.

2.4.1 Digitale politische Bildung

Digitale politische Bildung hat sich in den letzten Jahren in Richtung formatvielfältiger, plattformangepasster Lernangebote entwickelt. Zentrale Leitplanken liefern die Kernprinzipien der Medienkompetenzbildung: Medienbotschaften sind konstruiert, verfolgen Zwecke, transportieren Werte und werden von Rezipient*innen aktiv gedeutet. Medienkompetenzbildung zielt deshalb auf starke, fallübergreifende Kritikfähigkeit und evidenzbasierte Argumentation, nicht auf das Ersetzen von Perspektiven (National Association for Media Literacy Education, 2007, 2023). Lernende werden systematisch befähigt, Fragen an Form, Funktion, Quelle, Intention und Wirkung von Inhalten zu stellen, auch dann, wenn sie den Aussagen zustimmen. 

Laut Digital News Report des Reuters Institute wächst der Anteil von Social- und Videoplattformen für Nachrichten- und Politikbezüge besonders bei 18- bis 24-Jährigen. Die Verlagerung auf Feeds und Creator-Vermittlung verändert sowohl Zugänge als auch Vertrauensurteile (Newman et. al., 2025, S. 10). Für Angebote politischer Bildung heißt das, Sichtbarkeit entsteht nicht primär über Websites, sondern über kurzformatige, creator-nahe und serielle Inhalte, die Such-/ Entdeckungsmechanismen berücksichtigen. Mit Blick auf die deutsche Förderlandschaft zeigen Projekte und Dossiers der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) konkret, wie Lernen mit und über TikTok funktionieren kann. Diese Ressourcen rahmen TikTok didaktisch, ohne die Plattform unkritisch zu pädagogisieren (Bösch, 2023). Zugleich weiten öffentlich-rechtliche und behördliche Akteure ihre Social-Media-Präsenz aus, bis hin zu einem offiziellen TikTok-Kanal der Bundesregierung, wodurch die institutionelle Sichtbarkeit im Jugendumfeld erhöht wird und Anknüpfungspunkte für Bildungskooperationen geschaffen werden (Bundesregierung, 2025).

@bundeskanzler

Take care and we keep in touch. Always if you want. You can call. #Bundeskanzler #FriedrichMerz #Ukraine

♬ Requiem for a Dream – Oleg Kirilkov

2.4.2 Informelle Bildungsräume auf Social Media

Neben schulischen Settings entstehen informelle Lerngelegenheiten in den Feeds sozialer Netzwerke, häufig situativ und peer-gesteuert. Lernwirksam sind diese Räume, wenn sie die Prinzipien der Medienkompetenzbildung implizit stützen, z. B. wenn ein Creator die Quellensuche transparent macht, Stitch/Duett-Funktionen für Metakommentare nutzt oder wenn Online-Communities eigene Fact-Checking-Routinen entwickeln. Peer-Programme wie das Teen Fact-Checking Network der dpa illustrieren, dass von Jugendlichen für Jugendliche produzierte, kurze Faktenchecks (u. a. auf TikTok) Reichweite mit Kompetenzaufbau verbinden, ohne schulische Bindungspflicht, aber mit redaktioneller Rahmung (Kollar, 2023; dpa, 2025).  

Peer-to-Peer-Lernen ist auch jenseits expliziter Faktenchecks relevant, etwa zur Einbindung von Jungen in kontroverse Debatten, z. B. bei Männlichkeits- oder Geschlechterfragen. Die Evidenzlage aus Gesundheits- und Medienkompetenzforschung zeigt, dass peer-basierte Interventionen Wissen und Einstellungen messbar beeinflussen, aber besonders dann wirken, wenn Inhalte zielgruppennah,  identifikationsorientiert und sozial eingebettet sind (Widnall et al., 2024).  Im Kontext digitaler politischer Bildung empfehlen internationale Leitfäden der Organization for Security and Co-operation in Europe (OSCE), Peer-Formate und Medienkompetenzbildung gezielt einzusetzen (OSCE, 2024).

Aus medienpädagogischer Sicht eröffnet TikTok als multimodale Lernumgebung (Video, Text, Sound, Remix) besondere Gelegenheiten. Plattform-Kompetenz umfaßt hier u. a. das Verstehen des For-You-Algorithmus, das Erkennen plattformspezifischer Frames (Trend-Sounds, Templates, Features), die Reflexion von Sichtbarkeitsanreizen und die Nachvollziehbarkeit von Schnitt/Audio-Manipulation. Konkrete Materialien der Bundeszentrale für politische Bildung bieten hierfür direkte Unterrichts- und Praxisimpulse (Bösch, 2023).  

Informelle Räume sind keine Ersatzschule, aber hoch relevante Lernökologien, in denen Medienkompetenzziele über Peer-Governance, Creator-Kooperationen und sichtbare Verifikationspraktiken verankert werden können.

2.4.3 Grenzen und Herausforderungen

Trotz vielfältiger Chancen, die sich durch diese neuen Lernumgebungen ergeben, stehen Pädagog*innen vor massiven Herausforderungen und Grenzen, die von unterschiedlichen Faktoren beeinflusst werden. 

Empfehlungsfeeds priorisieren Aufmerksamkeit, Verweildauer und Interaktionswahrscheinlichkeit. Empirisch zeigt sich, dass Filterblasen nicht monokausal sind, sondern Algorithmus- und Nutzerentscheidungen zusammenwirken. (Bakshy et al., 2015; Guess et al., 2019). Medienkompetenzbildung muss Selbstselektion thematisieren, Quellenvielfalt aktiv trainieren und algorithmische Lesekompetenz stärken. Weiterhin können Netzwerkstrukturen Minderheitspositionen lokal mehrheitsähnlich erscheinen lassen (Filterblasen), was subjektive Normalität und Anschlusskommunikation verstärkt (Lerman et al., 2016). Lernsettings benötigen Metareflexion über Kennzahlen und Gegenbeispiele. Weiterhin zeigt die Forschung langfristige Versuche auf, gaming-nahe Räume (Livestreams, Voice-Chat, Discord) für Ideologie-„Seeding“ zu nutzen, indem konkrete Insider in der Sprache, Humor oder der Ästhetik aufgegriffen werden (Schlegel, 2021). Für politische Bildung erhöht das die Notwendigkeit ästhetik-sensibler Analysen, z.B. von Memes, Wordings, Sound-Trends und Community-basierter Gegengewichte durch Creator-Kooperationen. TikTok vereint Remix-Affordanzen und algorithmische Feeds mit geringer Quellenaufsicht. Eine Analyse der Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt sowohl Potenziale, wie niedrige Einstiegshürden als auch Risiken, z.B. Intransparenz oder personalisierte Realitäten. Für Medienkompetenzbildung spricht das für eine plattformbezogene Wissensvermittlung, Transparenzpraktiken zu Quellen und Begleitmaterial wie Checklisten oder Guidelines (Schmitt, 2023). Doch nicht alle Jugendlichen, und gerade vulnerable Gruppen, werden über offene Feeds erreicht. Der OSCE-Rahmen für Medienkompetenzbildung im Kontext der Prävention von Radikalisierung betont daher Kontextsensibilität, Menschenrechtsorientierung und Kooperation mit Zivilgesellschaft/Plattformen. Er rät zu regional angepassten Formaten, die Offline-Angebote wie Workshops in Jugendzentren mit Online-Öffentlichkeiten verknüpfen (OSCE, 2024). 

3. Forschungsstand

Misogyne Inhalte im Internet sind kein neues Phänomen und konnten stets in diversen Foren auf Plattformen gefunden werden, jedoch wurde in den letzten Jahren von Organisationen und Forscher*innen ein deutlicher Anstieg von frauenfeindlichen Inhalten beobachtet. Dabei handelt es sich nicht nur um altmodische Geschlechterrollen und sexistische Witze, sondern auch um offene Aufrufe zu Gewalt gegen Frauen (Internetmatters.org, 2023). Neben dem Anstieg von misogynen Inhalten online konsumieren auch immer mehr Jugendliche und Kinder diese Inhalte aufgrund der Algorithmen der Plattformen (Regehr et. al., 2024). Die Verbreitung von misogynen Inhalten sowie deren Wirkung auf Jugendliche ist in den letzten Jahren in den Fokus von internationalen Studien gerückt, nicht zuletzt auch wegen der steigenden Gewalt on- und offline gegen Frauen.

Eine kürzlich durchgeführte Studie von Regehr et. al. simulierte TikTok-Nutzungsverläufe anhand von Nutzerdaten, was die Erkenntnis brachte, dass die Empfehlungsrate von misogynen Inhalten nach fünf Tagen von 13 Prozent auf 56 Prozent anstieg (Regehr et. al., 2024, S. 17). Eine weitere Studie der NGO Internetmatters hat beobachtet, dass die Inhalte dabei gezielt auch Themen wie Einsamkeit und mentale Gesundheit nutzten – anfangs bedienten sich die Creator an Themen wie soziale Unterschiede und zeigten Mitgefühl. Mit der zunehmenden Verweildauer stieg das Radikalisierungspotenzial, da die Inhalte zunehmend Gefühle wie Wut und Schuldzuweisungen erzeugen (Internetmatters.org, 2023, S. 2).

Ähnliche Befunde zeigt die Pilotstudie Mapping the GerManosphere von Gülay Çağlar et. al., in der über 350 Akteure identifiziert wurden, die online frauenfeindliches Gedankengut und Gewaltfantasien verbreiten mit einem Fokus auf dem deutschsprachigen Raum. Eine Analyse des deutschen Raumes ist dabei besonders wichtig, da bisher ein Großteil der Forschung im amerikanischen Raum stattfand. Dabei stand der Fokus auf amerikanischen Influencer*innen wie Andrew Tate, den nach einer Umfrage im Jahr 2023 knapp ein Viertel der Befragten Jugendlichen positiv bewertet haben (Internetmatters.org, 2023, S. 2). Influencer*innen spielen aufgrund der Vorbildrolle auch in diesem Fall eine essentielle Rolle.

Die Dringlichkeit der Forschung wird besonders deutlich nach Berichten von Schulpersonal, dass online Inhalte und Rhetorik sich zunehmend in den Schulalltag integrieren – von sexistischen Sprüchen und Witzen bis hin zu Gewalt (Regher et. al., 2024). Begrifflichkeiten und Narrative aus ehemals Subkulturen wie den Incels gelangen in den Mainstream und werden unreflektiert von Kindern übernommen. Auch Fachinterviews zeigen dabei deutlich, dass Inhalte wie Memes die Akzeptanz frauenfeindlicher Inhalte fördern (Temel et. al., 2024). Dadurch werden toxische Männlichkeitsbilder und konservative Geschlechterrollen, die Frauen abwerten, verfestigt (Temel et. al, 2024).

Auf der anderen Seite gibt es diverse Studien, die Ansätze zur Prävention untersuchen. Diese setzen vermehrt auf Bildung, die kritisches Denken fördert mit der Absicht, Geschlechterstereotype und frauenfeindliche Inhalte zu hinterfragen (Washington, 2022). Dabei ist es wichtig, die Medienkompetenz von Jugendlichen zu verbessern, aber auch zu menschenfeindlichen und gewaltvollen Inhalten zu sensibilisieren (Stahel, S. 60). Daraus ergibt sich folgende Forschungsfrage:

Unter welchen Bedingungen unterstützen Aufklärungsclips auf Social Media das Verständnis und die Reflexion sexistischer Deutungsmuster bei Jugendlichen?

Während die Aufmerksamkeit für misogyne Inhalte und die Wirkung in der Forschung steigt, fehlen bisher Studien mit Langzeit-Daten um fundierte Präventionsmaßnahmen und Handlungsempfehlungen auszuarbeiten. Außerdem werden vermeintlich humorvolle Inhalte wie Memes nicht direkt in den Fokus genommen und subtile Witze und Codewörter übersehen, weshalb unsere Case Study sich genau mit dieser Thematik befasst. Ableitend stellt sich die Forschungsfrage: Inwiefern beeinflussen vermeintlich humorvolle Elemente in misogynen Memes das Radikalisierungspotenzial von Jugendlichen und welche Elemente fungieren dabei als Wirkungshebel?

4. Forschungsdesign

Das Forschungsdesign folgt einem dreistufigen, explorativen Mixed-Methods-Ansatz: (1) Zunächst wurde eine Online-Umfrage unter Jugendlichen durchgeführt, um Nutzungspraktiken, Kontakt- und Bewertungsmuster sowie Einstellungen zu Geschlechterrollen und Aufklärungsinhalten zu erfassen. (2) Darauf aufbauend erfolgte eine qualitative Inhaltsanalyse misogyn codierter Memes, die die in der Umfrage sichtbar gewordenen Rezeptionslogiken mit konkreten Darstellungsweisen auf TikTok verknüpft. (3) Abschließend wurde eine Inhaltsanalyse politischer Bildungsinhalte vorgenommen, um didaktische und plattformnative Gestaltungsmerkmale zu identifizieren und mit den Befunden aus Umfrage und Meme-Analyse zu spiegeln. Beide Analysen orientierten sich am Verfahren der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring, um systematisch Kategorien zu entwickeln und zentrale Wirkmechanismen zu erfassen (Mayring, 2019).

4.1 Umfrage

Die Online-Umfrage wurde als anonyme, freiwillige Querschnittsbefragung (Formular) mit einer Auswertungsstichprobe von N = 75 männlichen Jugendlichen (12–15 Jahre) umgesetzt. Erhoben wurden: tägliche Nutzungsdauer (kategorial), genutzte Plattformen (Mehrfachnennungen), Kontakt und Bewertung misogyn codierter Memes, ein Rollenstereotypie-Index, soziale Kontexte sowie Kontakt, Qualitäten und Gesamtbewertung von Aufklärungsinhalten.

Aus mehreren inhaltlich zusammengehörigen Items wurden zusammengesetzte Indizes gebildet und zur Vergleichbarkeit auf 0–1 reskaliert.

Rollenstereotypie-Index (0–1): höhere Werte = traditionellere Rollenannahmen.

Bewertungs-/Akzeptanzindex Aufklärungsinhalte (0–1): höhere Werte = neutralere/positivere Haltung gegenüber Aufklärungscontent.

Dichotome Variablen wurden deskriptiv als Anteile (%) berichtet. Die konkrete Itemzusammensetzung, Codierung und Reskalierung ist im Anhang dokumentiert. Reliabilitäten wurden im Rahmen des explorativen Designs nicht ausgewiesen.

Die Analyse erfolgte deskriptiv sowie über Kreuztabellen zentraler Zusammenhänge. Aufgrund der explorativen, nicht repräsentativen Stichprobe wurden keine Inferenztests berichtet. Ethisch wurde auf Anonymität, Freiwilligkeit und die Vermeidung personenbezogener Daten geachtet. Grenzen liegen u. a. in Selbstbericht, Gelegenheitsstichprobe und der nicht kausal interpretierbaren Querschnittslage.

Die Umfrage dient im Design als Grundlage für die beiden inhaltlichen Analyseschritte: Sie informierte die Stichprobenauswahl und den Kodierfokus der Meme-Analyse und begründete die Gewichtung zentraler didaktischer Merkmale in der Analyse der Bildungsinhalte. So werden Triangulationen zwischen Nutzung/Präferenzen (Umfrage), Wirkhebeln problematischer Inhalte (Meme-Analyse) und Gestaltungsmerkmalen wirksamer Aufklärungsclips (Bildungsanalyse) möglich.

4.2 Inhaltsanalyse Memes 

Für die Inhaltsanalyse der Memes wurden im ersten Schritt zehn Memes randomisiert auf TikTok ausgesucht. Um den Einfluss der eigenen bereits aufgebauten Präferenzen wurden dafür neue Profile erstellt und durch Gefällt mir Angaben bei konservativen Videos der Algorithmus trainiert, um geeignete Video-Memes ausgespielt zu bekommen.

Darauf wurden die Memes anhand von sieben ausgewählten typische Meme-Archetypen codiert: Abwertung durch Humor, männliche Überlegenheit, Opfer-Täter-Umkehr, Pseudo-Dating-Regeln, Body-Shaming, Anti-Feminismus und Pseudowissenschaft. Außerdem wurden die Memes die Wirkungshebel codiert anhand von fünf Punkten: Modellskript (M1), Humor (M2), Frames (M3), Plattform-Affordanzen (M4) und Gratifikation (M5). Diese wurden auf einer Skala von null bis zwei codiert, wobei null bedeutet, dass der Wirkungshebel fehlt und zwei, dass der Wirkungshebel deutlich identifizierbar ist. Aus Basis der Codes wurde ein Meme-Score aus der Summe gebildet, der die Wirksamkeit der Memes angibt: 

Meme-Wirkungs-Score = M1 + M2 + M3 + M4 + M5 

Außerdem wurde die Resonanz der Memes anhand der Angabe von Gefällt-mir-Angaben, Kommentaren und Shares dokumentiert.

4.3 Inhaltsanalyse Bildungsinhalte

Für die Analyse der Aufklärungsclips wurden sechs Kurzvideos auf TikTok ausgewählt, die sich thematisch mit Misogynie im Netz befassen und verschiedene Creator-Typen abdecken (Institution, NGO, unabhängige Creator). Die Auswahl erfolgte zweckorientiert, um zentrale didaktische Ansatzformen sowie plattformspezifische Macharten zu berücksichtigen. Die Resonanz (Likes/Kommentare/Shares) wurden deskriptiv mitdokumentiert, ohne sie als Qualitätsmaß allein zu interpretieren.

Die Clips wurden anschließend anhand didaktischer Wirkhebel codiert: Kürze & Struktur (B1), Verständlichkeit (B2), Lebensweltbezug (B3), Transparenz/Quellen (B4), Call-to-Think (B5), Debunking (B6), Humor (B7), Sprachebene/Peer-Ton (B8), TikTok-Elemente/Affordanzen (B9) sowie Peer-Tonalität (B10). Die Codierung erfolgte auf einer dreistufigen Skala (0–2), wobei 0 = Merkmal fehlt, 1 = teilweise erkennbar und 2 = klar ausgeprägt bedeutet. On-Screen-Quellen (Links/Screenshost) wurden bei B4 höher bewertet als rein verbale Bezüge. 

Zur Einschätzung der Anschlussfähigkeit wurde ein Anschluss-Index berechnet, der die in der Umfrage als wichtig identifizierten Treiber kurz, verständlich, lebensweltlich stärker gewichtet:

Anschluss-Index = 2×(B1+B2+B3) + (B4+B5+B6+B9+B10).

Ergänzend wurden Resonanzdaten (Likes/Kommentare/Shares) erfasst, um Kontext zu geben. Mögliche Verzerrungen durch Account-Größe und Bestands-Audience wurden bei der Interpretation berücksichtigt.

4.4 Gütekriterien und Limitation

​​Um die wissenschaftliche Qualität zu gewährleisten, wurden bei der Case Study etablierte sozialwissenschaftliche Gütekriterien eingehalten. Die anonyme Online-Umfrage erfolgte standardisiert mit einheitlichen Fragen und Antwortoptionen. Die Fragen wurden aus der Theorie abgeleitet, um die Inhaltsvalidität zu garantieren. Die Inhaltsanalyse erfolgte nach einem klar definierten Codebuch, um auch die Reliabilität sicherzustellen. Die Ergebnisse wurden theoriegeleitet ausgewertet.

Da die Stichprobe nur 75 Jungen aus Berlin umfasst, sind die Ergebnisse nur eingeschränkt verallgemeinbar. Die Ergebnisse würden in Regionen außerhalb Berlin womöglich anders aussehen und es wird eine progressivere Einstellung in Berlin vermutet. Außerdem können die Antworten bei der Umfrage verzerrt sein durch soziale Erwünschtheit. Die Auswahl der Memes und Aufklärungsvideos wurde durch den TikTok-Algorithmus beeinflusst. Auch wenn zur Sicherstellung der Objektivität neue Accounts erstellt wurden, gab es nur eine eingeschränkte Kontrolle darüber, wie repräsentativ die Inhalte für Memes sind, die Jugendliche in dem Alter tatsächlich konsumieren.

5. Auswertung

Dieses Kapitel bündelt die empirischen Ergebnisse unserer Case Study und führt sie entlang der Forschungsfragen zusammen: Inwiefern tragen misogyne Memes zur Radikalisierung Jugendlicher bei – und welches Präventionspotenzial hat digitale politische Bildung? Die Auswertung erfolgt in drei Schritten: (1) eine Online-Umfrage unter 12- bis 15-jährigen Schülern, (2) eine Inhaltsanalyse misogyn codierter Memes und (3) eine Inhaltsanalyse ausgewählter Aufklärungsinhalte auf TikTok. Wir berichten vorrangig Prozentwerte, Mittelwerte und Muster, die für die Theoriemodelle relevant sind, und stellen Bezüge zwischen Nutzungsmustern, Meme-Mechaniken und didaktischen Merkmalen her. Die Ergebnisse sind explorativ und nicht repräsentativ, sie liefern jedoch robuste Hinweise darauf, wo Risiko- und Schutzfaktoren im digitalen Alltag Jugendlicher liegen und welche Gestaltungsprinzipien politische Bildungsarbeit im Netz wirksam machen können.

5.1. Umfrage

An der Umfrage haben 75 Schüler von Berliner Schulen im Alter zwischen zwölf und fünfzehn Jahren teilgenommen. Die Altersspanne wurde bewusst ausgesucht, da es aus der entwicklungspsychologischer Sicht die Phase der Identitätsentwicklung ist. Außerdem sind in diesem Alter Peer-Gruppen und Online-Communities besonders bedeutend. Die Bedeutung von Online-Communities wird deutlich durch den täglichen Gebrauch von sozialen Medien. 30 Prozent der Schüler geben an, dass sie über vier Stunden täglich im Internet verbringen. Darüber hinaus geben neunzehn der Schüler an, ihre Zeit hauptsächlich mit Menschen online zu verbringen. Die Recherche und Umfrage deuten an, dass bei vielen Schülern Online-Communities reale Freundesgruppen ersetzen und den Schülern womöglich die Zugehörigkeit und Bestätigung geben, die sie sonst im privaten Umfeld nicht finden (Suter et. al., 2023).

Das zeigt, dass die Peer-Gruppen online auch ein zentraler Sozialisationsraum geworden sind. Mit der Mediennutzungsintensität steigt auch der Kontakt zu misogynen Memes deutlich (≥ 4 Std./Tag: 78,3 %). Das stützt die Annahme, dass gratifikations- und plattformlogische Mechanismen (algorithmische Verstärkung von zuvor interagieren Inhalten) die Sichtbarkeit solcher Memes in Kurzvideo-Feeds erhöhen. Zeitgemäß verbringt der Großteil der Befragten täglich mehrere Stunden auf den Plattformen TikTok, Youtube, Instagram und Twitch. Bei den angegebenen Accounts, dem die Befragten folgen, ist auffällig, dass die meisten Accounts auch von Männern betrieben werden. Viele der Accounts sind aus dem Gaming Bereich, aber auch große amerikanische Influencer wie Mr. Beast. Wie bereits in der Theorie etabliert, sehen Jugendliche mittlerweile auch Influencer als Rollenbilder für sich (Suter et. al., 2023). Dies lässt vermuten, dass die online Rollenbilder der Befragten auch hauptsächlich männlich und aus der Gaming Community sind. 

Um die Wirkung und das Radikalisierungspotenzial von Memes einschätzen zu können, wurden die Schüler bei der Umfrage auch nach ihrem Wohlbefinden befragt. Die Mehrheit antwortet auf die Frage “Wie gehts dir?” mit “Ganz okay” oder “Schwer zu sagen”. Ein Fünftel gibt an, sie fühlen sich “eher gelangweilt” oder “traurig und gestresst”. Die negativen Gefühle hängen bei ihnen zusammen mit “Schulproblemen” oder “Stress zu Hause”. Außerdem geben 18,1 Prozent an, sie fühlen sich oft bis sehr oft alleine. Ableitend von der Theorie stellen Einsamkeit, Unzufriedenheit und fehlendes Zugehörigkeitsgefühl einen Push-Faktor für Radikalisierung dar und können als Einstiegspunkt für Misogynie und weitere problematische Narrative gewertet werden (Maurer et. al., 2024).

Bei der Frage, wie viele der Befragten bereits misogyne Memes online gesehen haben, wird die weite Verbreitung und Normalisierung der Memes deutlich, denn über 60 Prozent geben an, bereits solche Memes gesehen zu haben. Auf die Frage, wie sie solche Inhalte finden, geben 20 Prozent an, sie “lustig” zu finden. Jugendliche mit Discord-Nutzung berichten häufiger Kontakt (79,2 %) und positivere Bewertung solcher Memes (41,7 % „lustig“). Dabei wird deutlich, dass die Grenze zwischen Humor und Abwertung verschwimmt und sexistische Stereotype verharmlost werden. Humor kann hier als Einstieg für die Normalisierung und Verbreitung von misogynen Narrativen dienen. Die Verharmlosung solcher Inhalte kann außerdem zu einer Reduktion von Empathie gegenüber Betroffenen führen. Der Großteil der Befragten gibt an, nicht bewusst über die Inhalte nachzudenken.  Diese fehlende Reflektion deutet auch auf eine schleichende Normalisierung hin.  

Um die Wirkung von Memes auf Geschlechterrollen zu analysieren, wurden die Befragten gebeten, Aussagen zur Rolle von Jungs und Mädchen zu bewerten. Die Aussagen basieren auf traditionellen Geschlechterrollen, die in misogynen Memes reproduziert werden. Der Aussage, dass ein richtiger Junge keine Gefühle zeigt, hat über die Hälfte abgelehnt, allerdings haben ein Viertel dem zugestimmt. 29 Prozent stimmen der Aussage zu, dass ein Junge viele Mädchen beeindrucken sollte und 25 Prozent stimmen zu, dass Jungs den Ton in der Beziehung angeben sollten. Zur Rolle von Mädchen haben 30 Prozent zugestimmt, dass Mädchen sich um andere kümmern sollten, da es in ihrer Natur liegt. Diese traditionellen Rollenbilder finden sich in Subkulturen von toxischer Männlichkeit wieder und stellen Männer als stark dar (Wacker, 2006). Frauen werden hingegen als schwach, fürsorglich, ruhig und zurückhaltend dargestellt (Wacker, 2006). Die Verbreitung und Normalisierung von traditionellen Rollenbildern durch Memes kann dabei die Entwicklung von Jugendlichen prägen und gibt ihnen ein klares Gefühl davon, wie sich Männer und Frauen zu verhalten haben (Washington et. al., 2022). 

Befragte, die misogyne Memes als „lustig“ finden, weisen im Mittel traditionellere Rollenbilder auf (Stereotypie-Index M = 1,38) als Befragte ohne diese Bewertung (M = 0,75). Humor fungiert damit als normalisierender Frame, der anschlussfähige Deutungen von Geschlechterrollen begünstigt. Hier lassen sich auch Pull-Faktoren ableiten: das Gefühl von Stärke als Mann, sowie die Kontrolle und Überlegenheit über Frauen. Dies kann vor allem Jugendliche anziehen, die sich in ihrem Alltag einsam fühlen, negative Erfahrungen oder Abweisung erlebt haben und keine Kontrolle über ihre Entscheidungen haben. Der Konsum von misogynen Memes kann aufgrund des starken Wirkungspotenziales dabei ein Einstiegspunkt für die ideologische Radikalisierung sein. 

Als Ursprungbewegung von misogynen Memes ist die Reichweite von Begriffen und Narrativen aus der Incel-Subkultur besonders interessant. Schon bei der Recherche nach Memes ist aufgefallen, dass Begriffe aus der Subkultur im Mainstream angekommen sind. Bei der Umfrage geben über 80 Prozent an, Begriffe “Sigma Boy” und “Alpha Male” zu kennen. Die Begriffe könnten durch die weite Verbreitung als Einstiegspunkt in weitere toxische Narrative dienen. Besorgniserregend ist die Tatsache, dass fünf Teilnehmer extreme Begriffe aus der Subkultur wie “Roping” und “Femoid” kennen. Während es sich bei dem ersten Begriff um Suizid handelt, welcher von Incels benutzt wird, wenn sie keine Hoffnung mehr für sich sehen aufgrund des Incel-Seins, handelt es sich beim zweiten Begriff um eine starke Abwertung von Frauen (Amadeu Antonio Stiftung, 2021). Der Begriff “Femoid” setzt sich zusammen aus den Worten “female” und “humanoid” zusammen und entmenschlicht dabei Frauen. Der Begriff wird genutzt, um Frauen auf ihre biologische Funktion als gebärfähige Menschen zu reduzieren (Amadeu Antonio Stiftung, 2021). Der Fakt, dass Jugendliche im jungen Alter den Begriff kennen, zeigt, wie weitreichend die extremen und toxischen Narrative aus der Incel-Bewegung sind und unterstreicht das Wirkungspotenzial. 

Ein Großteil der Befragten (67 von 75) gaben an, bereits Aufklärungsinhalte zu den Themen Gefühle, Mobbing oder Gerechtigkeit gesehen zu haben. Diese wurden vor allem über TikTok ( 62,7 %) und YouTube (55,2 %) angeschaut, Instagram liegt bei 29,9 Prozent. Schul-Apps und WhatsApp wurden deutlich seltener genannt. Das spricht für eine primär plattformnative Ansprache über Kurzvideo- und Creator-Formate, wie sie auf TikTok, YouTube und Instagram üblich sind. Am häufigsten heben die Befragten hervor, dass Inhalte „einfach erklärt“ sind (43,3 %) und „kurz und verständlich“ (34,3 %). Ebenfalls relevant ist der Lebensweltbezug („Themen, die mich betreffen“, 19,4 %). Seltener werden „witzig/kreativ“ (7,5 %) genannt, 7,5 % geben an, solche Inhalte nicht zu mögen, 28,4 % sind unsicher oder wissen es nicht. Unter denjenigen, die solche Inhalte gesehen haben, wurden sie überwiegend neutral-positiv bewertet („Okay“ 56,7 %, „Gut“ 32,8 %, „Eher nicht gut“ 9,0 %, „Gar nicht gut“ 1,5 %). Damit sind präventiv-pädagogische Formate grundsätzlich anschlussfähig, sofern sie kurz, verständlich und lebensweltlich bleiben. Befragte mit positiver Bewertung der Aufklärungsinhalte („Gut“) weisen im Mittel einen niedrigeren Rollenstereotypie-Index auf (M = 0,65) als Befragte mit neutraler Haltung („Okay“: M = 0,98) oder eher negativer Bewertung („Eher nicht gut“: M = 1,17). Die kleine Gruppe „Gar nicht gut“ zeigt M = 0,56 (n gering). Das deutet darauf hin, dass akzeptierte Aufklärungsimpulse mit weniger stereotypen Rollenannahmen einhergehen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die zentrale Rolle von Online-Communities und die Normalisierung von misogynen Humor gekoppelt mit psychosozialen Faktoren wie Einsamkeit und fehlendes Zugehörigkeitsgefühl die Anfälligkeit für Radikalisierung stark erhöhen können. Ein großer Teil der Befragten stimmt traditionellen Rollenbildern zu, die Männer als stark und überlegen darstellen. Die Ergebnisse weisen nicht nur auf eine Normalisierung von misogynen Gedankengut auf online Plattformen hin, sondern auch, dass sich dieses Gedankengut auf die Denkweisen der Jugendlichen auswirken kann. Die Inhalte können langfristige Folgen für die Identitätsentwicklung und Werte von Jugendlichen haben. Gleichzeitig werden aufklärerische Inhalte überwiegend neutral bis positiv bewertet, besonders, wenn sie kurz, verständlich und lebensweltlich sind. Dies bietet einen konkreten Anknüpfungspunkt für präventive Bildungsarbeit. Auffällig ist zudem, dass Befragte mit positiver Haltung zu solchen Aufklärungsformaten tendenziell seltener traditionellen Rollenannahmen zustimmen, was auf ein mögliches Schutzpotenzial niedrigschwelliger Aufklärung hinweisen kann.

5.2. Auswertung der Inhaltsanalysen

In diesem Abschnitt werden zentrale Muster aus der Analyse von zehn misogynen TikTok-Memes sowie sechs Bildungsclips dargestellt. Ziel ist es, die Wirkmechanismen beider Formate zu verstehen: Wie tragen Memes zur Normalisierung von Misogynie bei, und welche Faktoren machen Bildungsinhalte anschlussfähig? Grundlage der Auswertung sind theoriegeleitete Codes, die auf plattformspezifische Hebel, Sprache und soziale Effekte fokussieren.

5.2.1. Auswertung ausgewählter Memes

Für die Auswertung der Memes wurden zehn TikTok-Videos analysiert, die typischen misogynen Content repräsentieren. Sie beinhalten Elemente wie Abwertung durch Humor, Täter-Opfer-Umkehr sowie Incel-Sprach. Die Memes wurden anhand der definierten Wirkhebel (M-Codes) codiert, um die Frage zu beantworten, welche Mechanismen die Normalisierung von misogynen Content unterstützt sowie das Radikalisierungspotenzial erhöht.

Insgesamt findet sich eine starke Kombination aus Humor und plattformtypischen Elementen wieder. Typische Affordanzen sind dabei Text-Overlays, virale Sounds und Trends, die genutzt werden, um die misogyne Kernaussagen vereinfacht zu kommunizieren. Somit erweist sich Humor und die Plattformlogiken als zentrale Hebel, die die abwertenden Inhalte als Entertainment und Trends tarnen.

Das Radikalisierungspotenzial wird vor allem durch den Status- und Zugehörigkeitsgewinn verstärkt. Die durch den Content vermittelten einfachen und scheinbar logischen Weltbilder und Stereotype geben den Nutzer*innen ein Gefühl von Überlegenheit und Zugehörigkeit. Die Algorithmen und Plattformlogiken führen außerdem dazu, dass äußere Probleme und Sorgen ausgeblendet werden oder sogar eine Erklärung für diese liefern. Die Kombination aus Humor und Vereinfachung der Inhalte führt zur Normalisierung von gewaltvollen Inhalten und verschiebt dabei die moralischen Grenzen.

Schaut man sich die Meme-Wirksamkeits-Werte an, wird deutlich, dass Inhalte mit Meme-Templates und simplen, abwertenden Aussagen über Frauen eine hohe Anschlussfähigkeit aufweisen. 

Die hohen Interaktionszahlen der Videos zeigen wie beliebt solche Inhalte sind. Vor Allem auf TikTok findet sich eine große Community, die misogyne Inhalte interessant findet.

Insgesamt bestätigt die Inhaltsanalyse der Memes, dass Humor, Plattformlogiken und soziale Gratifikationen die dominanten Hebel sind. Um diese Inhalte und daraus entstehende Gedankengut nachhaltig zu verändern, braucht es eine erfolgreiche Aufklärung. Diese muss mit den drei Haupthebeln der Kürze, Verständlichkeit und Alltagsbezug arbeiten.

5.2.2. Auswertung der Bildungsinhalte

Für die Auswertung der Bildungsinhalte wurden sechs TikTok-Kurzvideos, die sich mit Misogynie im Netz befassen, entlang der zuvor definierten Codes (B-Codes) analysiert. Im Mittelpunkt stand die Frage, welche didaktischen und plattformtypischen Merkmale die Anschlussfähigkeit an die Zielgruppe erhöhen. Die B-Codes wurden theoriegeleitet und anhand der Umfrageergebnisse operationalisiert. Deshalb wurden Kürze & Struktur, Verständlichkeit und Lebensweltbezug (B1–B3) im Anschluss-Index doppelt gewichtet, da sie in der Umfrage als zentrale Motivatoren angegeben wurden.

Insgesamt zeigen die meisten Clips eine peer-nahe Sprechart und eine konsequent visuelle Ausgestaltung. Untertitel und Text-Overlays sind in allen Fällen vorhanden und stützen die Kernaussagen. Kürze und klare Struktur erweisen sich erwartungskonform als zentrale Stärke der anschlussfähigen Beiträge. Formate mit Hook und kompakter TikTok-Dramaturgie (Problem/ Beispiel/ Erklärung/ kurzer Abschluss) schneiden konsistent besser ab als längere Videos. Die Verständlichkeit ist insgesamt hoch, punktuell fehlen bei bestimmten Fachbegriffen aber noch Erklärungen, was auf die Zielgruppe verwirrend wirken kann. Lebensweltbezüge sind vorhanden, indem Vergleiche angebracht werden, der Zuschauende wird allerdings in keinem der Videos konkret dazu angehalten, eine Situation auf das eigene Leben zu übertragen. Transparenz wirkt als klarer Differenzierungsfaktor, Videos mit On-Screen-Quellen (Link, Screenshot) erhöhen die Anschlussfähigkeit gegenüber rein verbalen Bezügen. Reflexionsimpulse und das Aufdecken von Falschinformationen und Manipulationstechniken (Debunking) sind teils vorhanden, allerdings oft indirekt formuliert. Humor taucht, konsistent mit Thema und Umfrage, nicht als Stilmittel auf, wodurch Missverständnisse vermieden werden. Ein auffälliger Reichweitenhebel ist die Nutzung von der Peer-Tonalität und von Plattform-Affordanzen wie Stitches oder typischer Plattform-Dramaturgien, die in vier Fällen sichtbar genutzt werden.

Im Detail erreichen die Videos von “kimphilipsc” (Freizügigkeit ≠ Schuld) und “bulwma” (Männer als „Feinde“ behandeln) die höchsten Anschluss-Werte. Beide Beiträge kombinieren Hook, einfache Sprache, alltagsnahe Beispiele und zum Teil sichtbare Evidenz, indem Links oder Screenshots des Ursprungs im Video gezeigt werden. Der Creator “iconicfelix” (Frauenfeindlichkeit im Netz) und “dpa_factchecking” (Meinung vs. Fakt) liegen im guten Bereich. Bei dem Video der dpa fällt die definitorische Klarheit des Inhalts sowie die Nennung von Quellen positiv auf, es fehlt jedoch ein konkreter Bezug zur Lebenswelt der Zielgruppe. Bei “iconicfelix” stützen Peer-Tonalität und ein Vertrauensvorschuss des Accounts (300k+ Follower) die Resonanz, obwohl das Video länger ist. Die Videos von “die_parallelklasse” (Propaganda in Memes) und “scrollnichtweg” (Incels erklärt) fallen uneinheitlich aus. Erstere ist sehr kurz und interaktiv angelegt, was für eine plattformtypische Gestaltung spricht, verschenkt aber Potential bei Verständlichkeit oder der Verwendung von On-Screen-Quellen. Letzteres ist informativ, jedoch länger und abstrakter, mit geringem Lebensweltbezug und ohne klare Reflexionsfrage – Faktoren, die den Anschlusswert dämpfen.

@bulwma

Einfach mal zu versuchen zuzuhôren wird dir nicht schaden #politik #fyp #dielinke #fckafd #fckafdpolitiker #feminismus #feminism

♬ original sound – bulwma

7. Diskussion

Die Case Study bestätigt durch die Inhaltsanalysen der Memes in Kombination mit der Auswertung der Umfrage, dass misogyne Memes auf sozialen Plattformen wie Tiktok durch den vermeintlich humorvollen Inhalt die Anschlussfähigkeit zu misogynen Narrativen verstärken können. Dies deckt sich mit der Uses-and-Gratification-Theorie, dass Jugendliche online nicht nur nach Unterhaltung, sondern auch nach Zugehörigkeit suchen. Dies bestätigen die Umfrageergebnisse, bei denen die Jugendlichen angeben, mehrere Stunden täglich auf sozialen Medien zu verbringen und diese somit eine zentrale Rolle für die Identitätsbildung spielen. Sowohl das Borum und das 3N-Modell der Radikalisierung sprechen Einsamkeit, Unsicherheit und fehlende Zugehörigkeit als Push-Faktoren an. Diese Gefühle von Einsamkeit wurden auch bei der Umfrage erhoben und bestätigt. Dies bietet eine höhere Anfälligkeit für Radikalisierung durch Pull-Faktoren der Memes wie Überlegenheits- und Zugehörigkeitsgefühl.  Ein bedeutender Aspekt dabei ist die algorithmische Verstärkung, durch die misogyne Inhalte gepaart mit technischen Affordanzen wie Stitches und Trends zu einer höheren Sichtbarkeit führen. Dies bestätigen auch die hohen Interaktionszahlen. 

Die Normalisierung und Verbreitung misogyner Memes bestätigt sich auch durch die Umfrage, bei der über 60 % der Teilnehmer angaben, solchen Content zu kennen und diesen auch lustig zu finden oder nicht weiter darüber nachzudenken. Die durch Humor entpolitisieren frauenfeindlichen Botschaften knüpfen damit an die Framing-Theorie von Entman an. Die humorvollen Frames verbunden mit Pull-Faktoren der Zugehörigkeit und Überlegenheit stellen dabei die größten Hebel für die Radikalisierung dar, die darüber hinaus auch Teil der Alltagskultur außerhalb des Online-Raums wird.

Gleichzeitig zeigt die Analyse der Bildungsinhalte, dass kurze, klar strukturierte und lebensweltlich verankerte Formate die höchste Anschlussfähigkeit erzielen. Beiträge mit guter Hook, peer-naher Sprache und einer konkreten Szenen aus Inhalten, über die gesprochen wird, schneiden konsistent besser ab als längere, erklärlastige Stücke. On-Screen-Quellen (Link/Screenshot) erzeugen eine höhere Glaubwürdigkeit als rein verbale Verweise. Wo Reflexionsimpulse (Call-to-Think) und Debunking explizit gesetzt werden, entsteht eher eine kognitive Auseinandersetzung als bloße Zustimmung. Diese Muster decken sich mit dem theoretischen Rahmen, denn aus der sozialkognitiven Perspektive wirken peer-nahe Rollenmodelle und identifikationsfähige Sprecher*innen als Türöffner. Die Uses & Gratifications Theorie stützt den Befund, dass Kürze, Verständlichkeit und Alltagsnähe Zugangshürden senken und es gleichzeitig notwendig ist, Inhalte plattform-nativ und niedrigschwellig zu gestalten, damit Lernumgebungen situativ im Feed entstehen. Die in den Clips sichtbare Peer-Tonalität und der Verzicht auf belehrende Sprache stützen das Prinzip peernahen Lernens. Jugendliche knüpfen an Rollenmodelle an, diskutieren in Mikro-Öffentlichkeiten (Kommentare, Stitches) und erproben Medienkritik in Echtzeit. Dass Creator-Inhalte tendenziell besser abschneiden als Beiträge von Organisationen, passt zu dieser Logik. Vertraute Personen, ein persönlicher Bezug und plattformnative Affordanzen erzeugen Nähe und Interaktion, während institutionelle Accounts vor allem mit definitorischer Klarheit und korrekter Evidenz punkten, aber Potenzial verschenken, wenn es den Inhalten an einer plattformspezifischen Dramaturgie und dialogischer Anknüpfung (z.B. Stich-Möglichkeit, Frage an die Community) fehlt. Daraus lässt sich ableiten, dass Kombinationen aus institutioneller Glaubwürdigkeit und creator-basierter Vermittlung besonders aussichtsreich sind, z. B. wenn sie in Form von Co-Creations, Creator-Patenschaften oder redaktionell gestützter Peer-Formate daherkommen.

8. Fazit

Abschließend lässt sich sagen, dass misogyne Memes auf sozialen Medien vor allem deshalb wirkmächtig sind, weil sie niedrigschwellige Träger feindseliger Deutungen darstellen. Humor und Ironie kaschieren Abwertung, pseudo-objektive Fakten liefern einfache Schuldzuweisungen, und plattformspezifische Affordanzen beschleunigen Reichweite und Anschlusskommunikation. In der Adoleszenz trifft das auf identitäre Suchprozesse, Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Status, besonders bei Jugendlichen, die sich einsam oder marginalisiert fühlen. Empfehlungslogiken und homophile Netzwerkeffekte verstärken diese Dynamik, erzeugen einen falschen Konsens und verschieben Grenznormen („nur Spaß“) in Richtung legitimer Abwertung. So werden antifeministische Frames normalisiert, Feindbilder stabilisiert und Einstiegstore in breitere extremistische Narrative geöffnet. Radikalisierung passiert nicht als plötzlicher Sprung, sondern als schleichende kumulative Verschiebung von Wahrnehmung, Sprache und Zugehörigkeit.

Demgegenüber zeigt sich das präventive Potenzial politischer Bildung im digitalen Raum dort am größten, wo sie mit den identifizierten Logiken informeller Lernräume arbeitet. Inhalte müssen kurz, klar, lebensweltlich und plattform-nativ sein, um wirksam zu sein. Formate, die einen frühen Hook setzen, zentrale Punkte in peer-naher Sprache erklären, die sichtbare Evidenz bereitstellen und Reflexion statt Moralisierung anstoßen, erreichen die Zielgruppe am effektivsten. Peer-nahe Rollenmodelle und Creator-Formate schaffen Zugehörigkeit ohne Abwertung, institutionelle Partner sichern inhaltliche Qualität – ideal in Co-Creation, die Reichweite mit Evidenz verbindet. Ergänzend braucht es Plattform- und Quellenkompetenz, Debunking mit Beleg, sowie Brücken in informelle Räume wie WhatsApp oder Discord. Dafür sind hybride Bildungsangebote, die Schüler auch offline in ihrer Lebenswelt erreichen, nötig, weil sie digitale Impulse mit Präsenztreffen verbinden, sichere Gesprächsräume schaffen und so den Schritt ins Alltagshandeln und zu passenden Hilfen erleichtern. Wenn Aufklärung so gestaltet ist, kann sie die Normalisierung misogynen Humors durchbrechen, Erkenn- und Einordnungsfähigkeit stärken und Jugendliche in ihrer demokratischen Widerstandsfähigkeit unterstützen.