Line Lange und Alicia Reusche

- Einleitung
Am 1. November 2024 stürzte das Vordach des erst kürzlich renovierten Bahnhofs in Novi Sad, Serbien, ein. Dabei kamen 16 Menschen ums Leben, darunter auch Kinder und Jugendliche. Während offizielle Stellen den Vorfall als tragischen Unfall einordnen, äußern Teile der Bevölkerung Kritik am Umgang der Regierung mit dem Ereignis und werfen ihr mangelnde Transparenz und Korruption vor.
In der Folge kam es zu landesweiten Protesten, die sich insbesondere gegen den Präsidenten Aleksandar Vučić richten und unter anderem eine Aufklärung des Vorfalls forderten. Im Januar 2025 führten die Proteste zum Rücktritt des Premierministers und zum Sturz der Regierung. Dennoch behält Präsident Vučić die Kontrolle, nachdem er das Land bereits 13 Jahre lang regiert und seinen Einfluss auf die Medien kontinuierlich gestärkt hat.
Dieses Jahr belegt Serbien im Index von Reporter ohne Grenzen den 96. Platz von 180 Ländern, somit der niedrigste Wert seit 23 Jahren. Die Organisation kritisiert primär die Angriffe auf Journalist*innen, die Nutzung von SLAPP-Klagen gegen unabhängige Medien sowie das Ausbleiben jeglicher Fortschritte in Bezug auf die Meinungsfreiheit im Vorjahr (Newman et al. 2025: 104).
Diese qualitative Studie basiert auf leitfadengestützten Interviews mit serbischen Bürger*innen im In- und Ausland sowie Bürger*innen mit einem starken Bezug zu Serbien. Darunter zählen unter anderem Journalist*innen, Studierende mit serbischem Migrationshintergrund und deutsche Bürger*innen mit starkem Interesse an der serbischen Gesellschaft und Politik. Ziel der Studie ist es, die Wahrnehmung der medialen Berichterstattung über die Proteste im In- und Ausland zu untersuchen. Im Mittelpunkt steht dabei der Vergleich zwischen serbischen und internationalen Medien in Bezug auf ihre Darstellungsweisen und Schwerpunktsetzungen sowie die Rolle sozialer Medien als Instrument des Journalismus.
Es wird angenommen, dass die Berichterstattung über die Proteste sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene erhebliche Defizite aufweist und die Perspektiven der serbischen Bevölkerung nur unzureichend widerspiegelt. Insbesondere in nationalen Medien ist von einer stark staatlich kontrollierten und propagandistisch gefärbten Darstellung auszugehen. Gleichzeitig verfolgen auch internationale Medien primär eigene geopolitische Interessen, was sich in der Auswahl und Gewichtung der berichteten Inhalte niederschlägt. Die Analyse dieser medialen Dynamiken erscheint nicht nur im Hinblick auf die Proteste in Serbien relevant, sondern kann auch Aufschluss über strukturelle Muster in der internationalen Berichterstattung über politische Krisen geben.
Aus eben genannten Anlass stellt sich folgende Forschungsfrage:
Wie nehmen serbische Bürger*innen die mediale Berichterstattung über die Proteste wahr?
Zur Beantwortung der Forschungsfrage wird zunächst auf das Propagandamodell von Herman und Chomsky eingegangen, das im Jahr 1988 entwickelt wurde. Anschließend erfolgt eine kurze Darstellung der serbischen Geschichte sowie ein Überblick über die Struktur und Besonderheiten des serbischen Mediensystems. Angesichts der hohen Aktualität des Themas wurde zudem eine Timeline erstellt, die die zentralen Entwicklungen der Protestbewegungen von November 2024 bis August 2025 nachzeichnet. Daran anschließend folgt der empirische Teil der Arbeit, in dem sieben qualitative Interviews mit Hilfe einer qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet wurden.
2. Theoretischer Rahmen und Hintergrund
Für die vorliegende Forschungsarbeit wird Bezug auf das Propagandamodell von Herman und Chomsky genommen. In den 1980er Jahren haben die Autoren das Modell entwickelt – ein Analysewerkzeug, mit dem erklärt werden kann, wie US-Medien im Interesse mächtiger gesellschaftlicher Gruppen arbeiten (Krüger/Pötzsch/Zollmann 2023: 2). Anschließend erfolgt ein prägnanter Überblick über die Geschichte Serbiens, das serbische Mediensystem und die Ereignisse in Serbien seit November 2024.
2.1 Das Propagandamodell nach Herman und Chomsky
Der Grundgedanke hinter dem Propagandamodell von Herman und Chomsky ist, dass das Mediensystem in den USA von der freien Marktwirtschaft abhängig ist und daher auch nicht vollkommen unabhängig berichten kann. Zum Beispiel entsteht eine Verzerrung bei der Auswahl an Nachrichten oder auch bei der Auswahl der Journalist*innen, die die Nachrichten verbreiten. Viele Journalist*innen gehen davon aus, dass sie durch professionelle Nachrichtenfaktoren objektiv berichten. Die Autoren Herman und Chomsky nehmen jedoch an, dass daher auch eine Selbstzensur im System eine Rolle spielt, die den Journalist*innen nicht bewusst ist. In ihrem Buch “Manufacturing Consent. The Political Economy of the Mass Media” fassen die Autoren zusammen, dass der Propaganda-Ansatz davon ausgeht, dass Nachrichten je nach Nutzen für zentrale inländische Machtinteressen systematisch und politisch gefärbt unterschiedlich dargestellt werden – je nachdem, ob sie in den Interessen mächtiger Gruppen im eigenen Land helfen oder nicht (Mauch 2019: 255). Laut Herman und Chomsky beeinflussen auf einem kommerziellen Medienmarkt mit stark konzentriertem Eigentum fünf zentrale Filter die Auswahl von Nachrichten. Durch diese Mechanismen können wirtschaftliche und politische Machtstrukturen gezielt bestimmen, welche Informationen als berichtenswert gelten und welche nicht (Krüger/Pötzsch/Zollmann 2023: 3). Im Folgenden werden die Filter prägnant dargestellt:
Der erste Filter “Ownership” bezieht sich auf die Interessen der Eigentümer der Medienunternehmen. Dabei befinden sich häufig große Teile der Unternehmen im Besitz einzelner wohlhabender Familien, manchmal jedoch auch im Besitz vieler verschiedener Investoren.
Der zweite Filter “Advertising“ beschreibt den Einfluss der Werbung auf die Medienlandschaft. In einer Marktwirtschaft konkurrieren Zeitungen, Fernsehsender und andere Medien um Aufmerksamkeit. Medien, die sich neben dem Verkauf ihrer Produkte auch über Werbeeinnahmen finanzieren, können ihre Angebote günstiger machen und dadurch ein größeres Publikum erreichen (Mauch 2019: 256).
Der dritte Filter “Sourcing“ bezieht sich auf die Herkunft der Informationen in der Berichterstattung. Da tägliche Nachrichten in einer großer Menge benötigt werden und eigene Recherchen viel Zeit und Geld kosten, greifen Journalist*innen oft auf Material von Nachrichtenagenturen sowie auf die Pressearbeit finanzstarker Institutionen zurück. Ein Großteil dieser Inhalte stammt von Regierungsstellen oder Unternehmen. Dabei sind solche Akteur*innen häufig sogar die einzige Quelle, an die sich Medienschaffende wenden können (Mauch 2019: 256-257).
Der vierte Filter, den Herman und Chomsky “Flak“ nennen, bezeichnet die Reaktionen von Staat und Unternehmen auf für sie unangenehme Informationen oder Meinungen. Diese Rückmeldungen setzen Medienunternehmen unter Druck, da sie zusätzlichen Aufwand und Kosten verursachen. Verschiedene Akteur*innen, die “Flak“ erzeugen, verstärken sich dabei gegenseitig in ihrer Kritik an der Berichterstattung (Mauch 2019: 257). Hier könnte “Flak“ sinngemäß etwa als gezielte Kritik oder Gegenreaktion verstanden werden.
Der fünfte Filter wird als “Antikommunismus als Kontrollmechanismus“ bezeichnet. Diese Ideologie dient dazu, die Bevölkerung gegen einen gemeinsamen Feind zu vereinen. Da der Begriff “Kommunismus“ allerdings nicht genau definiert ist, kann er auf jede Person angewendet werden, die Eigentumsinteressen gefährdet oder als sympathisierend mit Regierungsgegnern gilt. Dieser Filter führt dazu, dass Themen oft in einer klaren Gegensätzlichkeit dargestellt werden, bei der die Welt in Freund*innen und Feind*innen aufgeteilt wird (Mauch 2019: 257).
Der theoretische Ansatz von Herman und Chomsky lässt sich auf die Medienlandschaft in Serbien übertragen. Nach der Analyse der Interviews soll unter anderem ausgewertet werden, inwiefern serbische Medien im Interesse mächtiger Gruppen arbeiten. Besonders der fünfte Filter nach Herman und Chomsky soll dabei beachtet werden: Zunächst wird davon ausgegangen, dass Gruppen in der serbischen Gesellschaft gegeneinander ausgespielt werden. Hierbei handelt es sich um Protestierende gegen die Regierung und deren Anhänger*innen.
Laut Herman und Chomsky sorgen die Filter dafür, dass Inhalte im Sinne von Konzernen und Regierungen vorab ausgewählt werden. Zwar werden professionelle Standards wie Objektivität und Unparteilichkeit formal gewahrt, doch eine wirkliche Kontrolle und Kritik an den Mächtigen findet praktisch nicht statt. Diese propagandistische Wirkung entsteht dabei meist nicht durch direkte Eingriffe von Führungskräften, sondern eher subtil durch die Auswahl des Personals und die Übernahme der vom Eigentümer vorgegebenen redaktionellen Ausrichtung (Krüger/Pötzsch/Zollmann 2023: 3).
2.2 Kurze Einführung in die Serbische Geschichte
Milošević wurde 1989 Präsident Serbiens. Die 1990er Jahre waren geprägt von den Jugoslawienkriegen, internationalen Sanktionen, innenpolitischer Repression und wirtschaftlicher Isolation. Im Kosovo-Konflikt 1999 griff die NATO serbisches Territorium an, nachdem serbische Truppen mit Gewalt gegen die kosovarische Bevölkerung vorgegangen waren. Unter dem Druck massiver Proteste und internationalen Drucks trat Milošević im Jahr 2000 zurück (BBC News 2022).
Die anschließende Übergangsphase war von Reformbestrebungen und einer schrittweisen Annäherung an die Europäische Union geprägt. Zoran Đinđić, der erste demokratisch gewählte Premierminister nach dem Sturz Miloševićs, setzte auf einen prowestlichen Kurs und unterstützte die Auslieferung von Kriegsverbrechern an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Seine Ermordung 2003 war ein schwerer Rückschlag für die politische Stabilität und markierte einen Wendepunkt im Demokratisierungsprozess. Nach Darstellung der Ermittler war der Mord politisch motiviert: Die Täter wollten seine Reformen und den Kampf gegen organisierte Kriminalität stoppen (BBC News 2022; Encyclopaedia Britannica, Inc. 2023; Reuters Staff 2007).
Parallel dazu begann Serbien, ehemalige Staatsbetriebe zu privatisieren. Bis 2014 wechselten rund 3.000 Unternehmen den Besitzer. Dies führte in vielen Fällen zu einer neuen Form wirtschaftlicher Machtkonzentration, da große Unternehmen an politisch verbundene Oligarchen gingen, was neue Korruptionsskandale auslöste (United Nations Office on Drugs and Crime 2013; Radeljić/Đorđević 2020; Milosavljević 2025).
Ein zentraler politischer Akteur der darauffolgenden Jahre ist Aleksandar Vučić. Unter Milošević war er Informationsminister. Seit 2012 ist seine Serbische Fortschrittspartei (SNS) die dominierende Kraft in der serbischen Politik. Vučić wurde 2014 Premierminister und 2017 Präsident. Obwohl seine Regierung formell eine Annäherung an die EU verfolgt, betonen politische Analysen eine zunehmende Zentralisierung von Macht und die Schwächung unabhängiger Institutionen. Seit 2015 lässt sich eine wachsende Kontrolle über Justiz und Medien feststellen (Encyclopaedia Britannica, Inc. 2023; Vesna Pešić 2007).
Einer der größten gesellschaftlichen Konflikte der letzten Jahre entstand rund um das geplante Lithiumabbauprojekt des britisch-australischen Konzerns Rio Tinto in der Region Jadar. Unter dem Motto „Ne damo Jadar“ („Wir geben Jadar nicht her“) gingen ab 2021 landesweit Menschen auf die Straße, aus Sorge vor Umweltzerstörung, Intransparenz und drohenden Enteignungen. Zwar setzte die Regierung das Projekt 2022 offiziell aus, doch Recherchen von Umweltorganisationen zeigten, dass Genehmigungsverfahren im Hintergrund weiterliefen. Eine Umfrage von Vreme verdeutlichte die breite Ablehnung: Fast 60 % der serbischen Bürger*innen sprachen sich gegen den Lithiumabbau aus (Džon Piplfoks, 2025). Dass die politischen Prozesse dennoch weitergeführt wurden, werteten viele Gegner*innen als Beweis dafür, dass Entscheidungen nicht im Interesse der Bevölkerung getroffen werden. Auch das Verhältnis zur EU litt: Bereits 2020 hatte die Europäische Kommission Lithium als strategisch wichtig für den Green Deal eingestuft und Serbien aufgefordert, den Abbau zu ermöglichen. Dass 2023 hochrangige EU-Vertreter Rohstoffgespräche in Belgrad führten, ohne betroffene Gemeinden einzubeziehen, verstärkte bei vielen den Eindruck doppelter Standards: Rohstoffe schienen wichtiger als Menschenrechte (Dzihic/Heinrich Böll Stiftung 2024; Kinell 2025; Müller 2024).
Zentrale Konfliktlinien bestehen weiterhin im Verhältnis zu Kosovo, zur Europäischen Union und zu Russland. Während auf diplomatischer Ebene Fortschritte bei der EU-Annäherung erzielt wurden, etwa durch das Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen (2008) und den Beginn der Beitrittsverhandlungen (2014), bleibt die Anerkennung der Unabhängigkeit Kosovos ein hochsensibles Thema im serbischen Diskurs. Gleichzeitig bestehen enge Verbindungen zu Russland, die als Gegengewicht zur EU-Integration gelten (BBC News 2022; Encyclopaedia Britannica, Inc. 2023).
Vor diesem Hintergrund sind die aktuellen Proteste zu sehen. Sie richten sich gegen Vučić und die mögliche Wiederaufnahme des Jadar-Projekts. Die EU reagierte bislang zurückhaltend. Menschenrechtsorganisationen kritisieren ein stabilitätsorientiertes Vorgehen der EU. Zwar forderten EU-Kommissare eine “rasche Aufklärung und unabhängige Justiz“, doch konkrete politische Konsequenzen blieben bisher aus (Reuters Staff 2024a).
2.3 Das Serbische Mediensystem
Um zu verstehen, wie die mediale Berichterstattung über die Proteste in Serbien wahrgenommen wird, lohnt sich ein Blick auf Strukturen und Nutzungsgewohnheiten im serbischen Mediensystem.
Serbien belegt im Pressefreiheitsranking von Reporter ohne Grenzen Platz 96 von 180, was auf strukturelle Defizite bei der Medienfreiheit hinweist (Reporters without Borders 2025). Auch der Freedom House Report (2025) beschreibt die journalistische Arbeit als stark eingeschränkt: Journalist*innen sind Einschüchterungen, politischem Druck, wirtschaftlicher Abhängigkeit und Überwachung ausgesetzt. Zwar garantiert die Verfassung Meinungs- und Pressefreiheit, doch in der Praxis kommt es regelmäßig zu Angriffen und struktureller Einflussnahme.
2024 wurden 166 Angriffe auf Journalist*innen registriert, darunter Übergriffe, Drohungen, Sachbeschädigungen und missbräuchliche Klagen (Freedom House 2025). Reporter ohne Grenzen hebt hervor, dass politisch motivierte Angriffe regelmäßig von nationalen TV-Sendern wie Pink oder Happy verstärkt werden, ohne Eingreifen der staatlichen Medienaufsichtsbehörde REM (Reporters without Borders 2025). REM agiert parteiisch: Nationale Frequenzen gehen bevorzugt an regierungsnahe Sender, was die begrenzte Medienpluralität weiter einschränkt. Auch wirtschaftliche Abhängigkeit spielt eine Rolle, da Medienunternehmen von intransparenten Subventionen und staatlich gelenkter Werbung profitieren (Reporters without Borders 2025; Kleut et al. 2022).
Die Auswirkungen auf Wahrnehmung und Meinungsbildung zeigt der Bericht „Public Opinion in Serbia and Media“ von BIRODI (2022). Viele Bürger*innen sehen Medien als Informationsquellen, nicht als kritische Instanzen. Das Vertrauen hängt stark von der politischen Ausrichtung ab. Die Medienlandschaft ist polarisiert: RTS, Pink, Prva und Happy berichten regierungsfreundlich, N1 und Nova S gelten als oppositionell (BIRODI 2022; Newman et al. 2025). Dies spiegelt sich in Wahlpräferenzen wider: 84,7 % der Pink-Zuschauer*innen würden die regierende SNS wählen, 37,9 % der Nova-S-Zuschauer*innen die Opposition. Auch internationale Konflikte wie die russische Invasion in der Ukraine werden entlang dieser Medienlinien bewertet (BIRODI 2022).
Für kritisch eingestellte Bürger*innen wird das Ausweichen auf alternative Kanäle zum politischen Akt. Soziale Netzwerke wie Facebook, YouTube oder diasporische Angebote spielen eine zentrale Rolle. Laut Reuters Digital News Report (Newman et al. 2025) nutzen 38 % Facebook, 29 % YouTube und 18 % Instagram wöchentlich für Nachrichten; TikTok erreicht 13 %, vor allem Jüngere. Trotzdem bleibt Fernsehen die wichtigste Nachrichtenquelle (Newman et al. 2025).
Das Vertrauen in Medien ist niedrig: Nur 27 % der Serb*innen vertrauen den meisten Nachrichten, einer der niedrigsten Werte in Europa (Newman et al. 2025). Gleichzeitig weist Serbien mit 46 % eine der höchsten Raten selektiver Nachrichtenvermeidung auf, meist aus emotionaler Belastung und Ohnmachtsgefühlen (Newman et al. 2025). BIRODI-Daten deuten zudem auf ein größeres Muster hin: Autorität wird gesellschaftlich akzeptiert, politische Ohnmacht ist verbreitet. Das schwache Bedürfnis nach Medienkritik verstärkt die strukturelle Schwäche der vierten Gewalt.
Die Medienlandschaft Serbiens ist somit von politischer Einflussnahme, ökonomischer Abhängigkeit, rechtlicher Schwäche und Polarisierung geprägt. Unabhängige Berichterstattung existiert, ist aber strukturell benachteiligt und unter erheblichem Druck.
2.4 Chronologie der Proteste
Am 1. November 2024 ereignete sich in Novi Sad ein schweres Unglück: Um 11:52 Uhr kollabierte die Betonüberdachung des Bahnhofs, wobei 14 Personen sofort getötet und drei schwer verletzt wurden; eine weitere Verletzte verstarb später, sodass sich die Zahl der Todesopfer auf 15 belief. Unmittelbar nach dem Einsturz wurden erste Gedenkaktionen abgehalten und Forderungen nach Aufklärung der Ursachen, insbesondere zu Korruption und Baumängeln, erhoben.
2.-5. November 2024
Drei Tage Staatstrauer wurden landesweit begangen. Es kam zu landesweiten Gedenakten: in Novi Sad, Belgrad und weiteren Städten legten Bürger*innen Blumen nieder und entzündeten Kerzen.
4. November 2024
Der zuständige Bauminister Goran Vesić kündigte seinen Rücktritt an, lehnte jedoch jegliche persönliche Verantwortung ab. Einen Tag später trat er schließlich zurück; zeitgleich begannen in Novi Sad Proteste mit mehreren Tausend Teilnehmenden, die vor dem Rathaus demonstrierten.
11. November 2024
In Belgrad versammelten sich etwa 10.000 Menschen, um mit dem Symbol von roten Handabdrücken und dem Slogan „A crime, not a tragedy“ gegen tödliche Korruption zu protestieren.
Ab 15. November 2024
Fortlaufend blockierten Demonstrierende jeden Freitag um 11:52 Uhr für 15 Minuten den Straßenverkehr als stumme Mahnwache zur Unglückszeit.
21. November 2024
Es wurden elf Personen, darunter Minister Vesić und die Direktorin der serbischen Eisenbahnen, Jelena Tanasković, unter dem Verdacht Verbrechen gegen die öffentliche Sicherheit begangen zu haben, festgenommen. Das Statement beinhaltete lediglich die Initialen der Festgenommen.
22. November 2024
Als die Spannungen zunahmen, versammelten sich am 22. November Studierende der Fakultät für Dramaturgischen Künste (FDU) in Belgrad, um der Opfer zu gedenken, sie wurden jedoch von einer organisierten Gruppe angegriffen.
25. November 2024
Als Reaktion auf den Angriff begann die erste Fakultätsblockade an der Dramaturgischen Kunstschule in Belgrad. Die Studierenden äußerten klare Forderungen: Verhaftung der Personen, die Studierende und Professor*innen angegriffen haben, Transparenz der Regierung bezüglich der Bauprojekte, Fallenlassen der Anklagen gegen die festgenommenen Demonstrierenden, Strafverfolgung der Verantwortlichen für den Einsturz des Vordaches.
Aus Solidarität mit den angegriffenen Studierenden schlossen sich bis Ende des Monats über 85 Fakultäten, 55 Gymnasien sowie Protestgruppen in 138 von 145 Gemeinden an.
27. November 2024
Der Bauminister Vesić wurde aus Untersuchungshaft entlassen, zehn weitere Beschuldigte verblieben in Haft oder unter Hausarrest.
12. Dezember 2024
Die Regierung veröffentlichte erstmals die Renovierungsunterlagen des Bahnhofs.
22. Dezember 2024
Eine Großdemo mit etwa 100.000 Personen fand auf dem Slavija-Platz in Belgrad statt. Auffällig war, dass sich die Proteste aus der Mitte der Gesellschaft speisten: Lehrer*innen, Studierende, Ärzt*innen, Kulturschaffende und viele weitere Berufsgruppen beteiligten sich. Besonders aktiv waren Studierende, die Besetzungen vor Regierungsgebäuden und vor dem öffentlich-rechtlichen Sender RTS organisierten. Dort forderten sie eine differenzierte, unabhängige Berichterstattung über die Ereignisse. Kritisiert wurden die staatlichen Medien für ihre passive oder regierungsfreundliche Rahmung der Proteste, die vielfach als unpolitische oder gar ausländisch gesteuerte Provokationen dargestellt wurden (The Guardian, 2025; DW, 2025).
24. Januar 2025
Ein Generalstreik führte zu Schul- und Geschäftsschließungen. Es kam zu erneuten Verkehrsblockaden.
27. Januar 2025
Über soziale Medien mobilisierten Studierende Tausende zu direkten Aktionen. Am 27. Januar blockierten sie den stark befahrenen Belgrader Verkehrsknoten Autokomanda für 24 Stunden. In Novi Sad wurden Aktivist*innen beim Anbringen von Proteststickern mit Baseballschlägern angegriffen. Dieses Ereignis und die Empörung darüber führten zum Rücktritt von Premier Miloš Vučević und Novi-Sad-Bürgermeister Milan Đurić.
1. Februar 2025
Zehntausende blockierten alle Hauptbrücken Novi Sads, Studierende aus Belgrad wanderten 100 km bis Novi Sad aus Solidarität.
15. März 2025
Bis zu 325.000 Menschen protestieren in Belgrad, die größte Demo in Serbien seit 2000.
Bis Mitte März hatten Proteste über 400 Orte erreicht, mit landesweiten Aktionen von der gesamten Gesellschaft.
1. Juni 2025
Sieben Monate nach dem Unglück gingen erneut Tausende in rund 30 Städten auf die Straße. Hauptforderungen blieben Rücktritte, Neuwahlen und die Rechenschaftspflicht der politischen und baulichen Akteure.
Juli-August 2025
Es kommt zu verstärkten Repression gegen zivile Proteste. Amnesty International berichtet von zahlreichen Festnahmen. Gewalt eskaliert und es kommt zu dutzenden Verletzten. Die Proteste erreichen eine neue Intensität.
Bis September 2025 ist keine endgültige Verurteilung erfolgt.
(Al Jazeera, 2025; AP News, 2025; Euronews with AP, 2025; Kljajic, 2025; Reuters Staff, 2024a; Reuters Staff, 2024b; Reuters Staff, 2024c; Reuters Staff, 2025; Sexton, 2025).
3. Methodisches Vorgehen
Für diese Arbeit wurden insgesamt sieben Leitfadeninterviews durchgeführt, davon zwei in schriftlicher Form. Aufgrund von Sprachbarrieren sowie begrenzter zeitlicher Verfügbarkeit einer serbischen Journalistin entschieden wir uns, diese beiden Interviews schriftlich zu führen.
Die meisten Leitfadeninterviews werden in der Forschung persönlich geführt. Von schriftlichen Leitfadeninterviews wird eher abgeraten, da dieses Vorgehen viele der zentralen Vorteile der Methode einschränkt. Zu den Vorteilen zählen unter anderem die Möglichkeit des Nachfragens auf beiden Seiten oder die flexible Gesprächsführung (Loosen 2016: 145).
Obwohl schriftliche Antworten im Vergleich zu persönlich geführten Interviews methodische Einschränkungen mit sich bringen, wurden sie in die Auswertung einbezogen. Den Interviewpartner*innen wurde im Vorfeld mitgeteilt, dass ausführliche Antworten ausdrücklich erwünscht sind und jederzeit die Möglichkeit zum weiteren Austausch besteht. In der Folge entwickelte sich oftmals kein einmaliges schriftliches Interview, sondern ein über mehrere Wochen fortgesetzter E-Mail-Kontakt. Dadurch konnten die Nachteile der schriftlichen Interviews teilweise reduziert und der Gefahr einer geringeren inhaltlichen Tiefe im Vergleich zu persönlichen Gesprächen etwas entgegengewirkt werden. Trotzdem können schriftliche Antworten den persönlichen Austausch nicht vollständig ersetzen. Im Vergleich zu persönlich oder mündlich geführten Interviews ist eine gewisse geringere inhaltliche Tiefe erkennbar.
Die Auswahl der Interviewpartner*innen erfolgte anhand zuvor festgelegter Kriterien. Ursprünglich sollten alle Befragten entweder serbische Staatsbürger*innen sein oder einen serbischen Migrationshintergrund haben. Da sich jedoch herausstellte, dass es kurzfristig schwierig war, genügend Personen zu finden, die diese Anforderungen erfüllen, wurden die Kriterien leicht erweitert: Die Interviewpartner*innen mussten schlussendlich einen starken Bezug zu Serbien haben.
Das Leitfadeninterview wird als eine Form des Interviews verstanden, wobei der Leitfaden als Instrument der Erhebung von verbalen Daten eine zentrale Rolle spielt (Loosen 2016: 141). Ein Interview erhält erst dann den Charakter einer wissenschaftlichen Methode, wenn es sich an die mit dem Forschungsprozess verknüpften wissenschaftlichen und methodischen Vorgaben hält. Ziel ist es, durch eine regulierte, einseitig regelgeleitete Kommunikation reliable sowie valide Informationen über den Untersuchungsgegenstand zu gewinnen.
Qualitative Leitfadeninterviews sollen einer Gesprächssituation, die wir auch in unserem Alltag erleben, möglichst ähnlich sein, ohne jedoch den Fokus auf das Thema der Forschung zu verlieren (Loosen 2016: 142). Das Interview wird mehr oder weniger stark strukturiert, denn der Leitfaden legt die zentralen Themenbereiche sowie die dazugehörigen Fragen für das zu führende Interview im Vorhinein fest. Die Fragen lassen sich bereits in eine logische und sinnvolle Reihenfolge bringen, auch wenn das Interview nicht unbedingt diesem Ablauf folgen muss. Die Auswahl der Themen und Fragen orientiert sich an der Forschungsfrage und kann zusätzlich durch theoretische Überlegungen beeinflusst werden. Ziel ist es, relevante Informationen oder Selbstauskünfte der Befragten zu gewinnen, die zur Beantwortung der Forschungsfragen beitragen. Im Unterschied zum narrativen Interview werden die Gesprächsinhalte somit im Vorfeld weitgehend bestimmt (Loosen 2016: 144). Durch einen Leitfaden soll auch sichergestellt werden, dass die unterschiedlichen Interviews miteinander verglichen werden können (Loosen 2016: 144-145).
Auch die Auswertung der Interviews wird erleichtert, wenn das Interview mithilfe eines Leitfadens durchgeführt wurde. Häufig wird für die Auswertung die Methode der qualitativen Inhaltsanalyse verwendet (Loosen 2016: 145). Dafür werden im Nachhinein Themenschwerpunkte, zentrale Fragen, Kategorien und Dimensionen abgeleitet und festgelegt. Leitfadeninterviews lassen sich sowohl in rein monomethodischen Forschungsprojekten als eigenständige Methoden nutzen, als auch in Mehrmethodendesigns (Loosen 2016: 146). In diesem Fall haben wir uns für die Auswertung mit Hilfe einer qualitativen Inhaltsanalyse entschieden.
Die am meisten zitierte und ausgearbeitete qualitative Inhaltsanalyse ist wohl die von Philipp Mayring (Christmann 2006: 277). Dabei liegt der Fokus auf einer Fallauswahl, und nicht auf der Repräsentativität (Wagner/Schönhagen 2020: 320).
Bei dieser Methode werden auch interpretative Schritte beinhaltet; deshalb ist es notwendig, zusätzliche Informationen über den Text zu sammeln, wie zum Beispiel den Themenbereich, die Autor*innen, den soziokulturellen Hintergrund, die Zielgruppe und die Leser*innen (Wagner/Schönhagen 2020: 496). Der Text wird also immer in seinem gesamten Kontext betrachtet und das Material kann auch auf seine Entstehung und Wirkung hin untersucht werden (Mayring 2015: 50).
Bei der Inhaltsanalyse allgemein ist der Begriff Kategoriegeleitetheit zentral. Das bedeutet, dass mit Kategorien oder einem Kategoriensystem gearbeitet wird. Diese Kategorien thematisieren unterschiedliche Aspekte, Themen, Eigenschaften oder auch Bereiche, die im Text untersucht werden sollen. Die qualitative Inhaltsanalyse arbeitet oftmals mit einer Kombination aus deduktiven und induktiven Kriterien (Wagner/Schönhagen 2020: 319).
Auch in dieser Arbeit wurden die Kategorien induktiv sowie deduktiv gebildet. Insgesamt handelt es sich um fünf Hauptkategorien mit jeweils ein bis zwei Unterkategorien. Unter anderem bildet das Vertrauen in die Medien eine zentrale Analysekategorie der qualitativen Inhaltsanalyse. Dabei wird untersucht, welche Medien als glaubwürdig wahrgenommen werden und inwiefern eine politische Ausrichtung vermutet wird. Diese Kategorie wurde basierend auf der Arbeit von Kohring und Matthes (2007) abgeleitet. Sie wird für die Analyse herangezogen, da Vertrauen ein zentraler Aspekt der Wahrnehmung und Bewertung von Medieninhalten ist. Die Skala von Kohring und Matthes (2007) identifiziert vier zentrale Dimensionen: Themenauswahl, Faktengenauigkeit, Darstellungsgenauigkeit und journalistische Bewertung, die es ermöglichen, das Vertrauen differenziert zu erfassen. Damit stellt sie ein fundiertes theoretisches Fundament für die Analyse dar.
Ebenso wichtig ist die Kategorie der Protestdarstellung: Hier stellt sich die Frage, ob die Berichterstattung objektiv und ausgewogen erfolgt oder ob sie Verzerrungen aufweist. Diese Kategorie wurde deduktiv auf Grundlage der Studie „Effects of Mass Media Framing of Protest Movements“ abgeleitet. Die Analyse untersucht, wie Massenmedien Protestbewegungen darstellen und welche Wirkung dieses Framing auf die Wahrnehmung von Protesten hat. Sie zeigt, dass Medienberichte einen signifikanten Einfluss darauf ausüben, wie Proteste wahrgenommen werden (Teresa 2022).
Eine weitere relevante Dimension betrifft das Medienformat. Untersucht wird, welche Unterschiede zwischen Fernseh- und Social-Media-Berichterstattung hinsichtlich Glaubwürdigkeit, Wirkung und Zugänglichkeit bestehen. Diese Kategorie wurde deduktiv abgeleitet: Im Reuters Institute Digital News Report aus dem Jahr 2025 wird nicht nur deutlich, dass Serbien die höchste Nutzung sozialer Medien für Nachrichten in Europa hat, sondern auch, dass sie aktuell sehr bedeutend dafür ist, unzensierte Nachrichten zu publizieren und Protestbewegungen zu organisieren. Dennoch wird ersichtlich, dass die serbischen Mainstream-Fernsehsender Vučićs Agenda unterstützen und verbreiten (Newman et al. 2025: 104).
Des Weiteren fokussiert sich die Analyse auf den Vergleich der nationalen und internationalen Berichterstattung. Dabei soll unter anderem herausgefunden werden, ob ausländische Medien glaubwürdiger wahrgenommen werden. Abschließend soll die Arbeitsweise und die Zukunft des Journalismus untersucht werden. Schon während der Interviews zeigte sich, dass die Grenzen zwischen Journalismus und Aktivismus in der Berichterstattung über die Proteste in Serbien teilweise verschwimmen. Darüber hinaus soll analysiert werden, wie sich der Journalismus zukünftig entwickeln könnte und welche Verbesserungen in diesem Berufsfeld möglich wären.
4. Ergebnisse
Im folgenden Abschnitt werden die Ergebnisse der einzelnen Leitfadeninterviews für jede*n Interviewpartner*in dargestellt. Abschließend erfolgt eine zusammenfassende Auflistung der zentralen Ergebnisse.
Konstantin Hadži-Vuković:
Konstantin war bis 2020 serbischer Staatsbürger, danach bekam er einen deutschen Pass. Als Journalist schreibt er über Themen, die Serbien betreffen.
Medienlandschaft
Im Interview beschreibt Konstantin die serbische Medienlandschaft als stark polarisiert. Als glaubwürdig empfindet er vor allem den Fernsehsender N1, den er als “die letzte Bastion der Medienfreiheit“ bezeichnet. Ohne diesen Sender gäbe es ihm zufolge „eine komplette Dunkelheit“ in Serbien. Zudem gäbe es einige unabhängige Zeitungen wie Nedeljnik, Vreme oder Danas.
Die Wahrnehmung der serbischen Studierendenproteste ist Konstantin zufolge stark durch die Polarisierung der Medienlandschaft geprägt. Während regierungsnahe Sender wie RTS oder Pink eine propagandistische Sichtweise verbreiten, in der “Studenten als ausländische Agenten, als deutsche Agenten, als US-Agenten, als Landesverräter bezeichnet“ werden, übernehmen oppositionelle Medien die Funktion einer kritischen Gegenöffentlichkeit. Allerdings kritisiert Konstantin, dass auch oppositionelle Portale teilweise in “Clickbaiting“ verfallen und sich zu eindeutig mit den Protestierenden solidarisieren, anstatt journalistisch neutral zu berichten.
Im Interview verweist Konstantin auf die gezielte Vergabe von Sendefrequenzen durch die Regulierungsbehörde REM: “Die Regierung benutzt das immer sehr gut als Druckmittel. Zum Beispiel dieser Fernsehsender N1 hat keine nationale Frequenz“. Auch die Arbeit in den Redaktionen der regierungsnahen Sendern beschreibt er als subtil gelenkt: “Es gibt keine offene Zensur […], sondern jeder macht einen kleinen Teil, und am Ende wird das von den zwei, drei Redaktionschefs zusammengebaut. Und deswegen ist das dann komplett verzerrt“. In diesen Redaktionen sollen viele Journalist*innen lediglich des Geldes wegen arbeiten: “Etwa 60-70 % der Leute haben absolut entweder keine politische Meinung oder eine komplett andere politische Meinung. Und […] sie sagen: ich muss Geld machen, ich brauche einen Job“.
Medienformate
Konstantin erhält seine Informationen häufig durch Social Media. Er erzählt, wie er und seine Mutter sich regelmäßig Links zu Instagram-Posts schicken, um über Proteste auf dem Laufenden zu bleiben. Während er Fernsehen als stark regierungsnah und wenig glaubwürdig erlebt, sind soziale Medien für ihn eine Art Gegenöffentlichkeit. Dabei betont er allerdings den Altersunterschied im Medienkonsum: Ältere Menschen seien stark durch das Fernsehen geprägt und konsumierten meist ausschließlich regierungsfreundliche Sender. Dies führe zu einer “Abkapselung vom Realen“. Über einen Besuch bei seinen Großeltern sagt er ironisch: “Ich mache den Fernseher an, da ist der Präsident, ich mache den Kühlschrank auf, da ist der Präsident.“
Nationale vs. internationale Medien
Ein weiteres Problem sieht er in der geringen internationalen Sichtbarkeit der Proteste. Während diese innerhalb Serbiens zumindest in oppositionellen Medien präsent sind, tauchen sie in europäischen Leitmedien nur vereinzelt auf. Er berichtet, dass er sich zwar über Beiträge der Tagesschau oder des ZDF gefreut habe, dass aber große Zeitungen wie die Süddeutsche Zeitung gar nicht berichtet hätten. Seiner Einschätzung nach hängt dies nicht mit gezieltem Schweigen und geopolitischen Interessen zusammen, sondern vielmehr mit Serbiens “Randstellung“ im internationalen Kontext. Ausländische Medien wirken für ihn grundsätzlich glaubwürdiger, doch die Aufmerksamkeit für Serbien sei im Vergleich zu anderen Ländern wie Polen oder Georgien deutlich geringer gewesen.
Zukunft des Journalismus
Für die Zukunft sieht er zwei zentrale Herausforderungen: Zum einen brauche es mehr Unabhängigkeit, was unter der aktuellen Regierung jedoch schwer realisierbar sei: “Zu sagen, es gibt mehr freie Medien, ich meine, it’s not going to happen, mit der jetzigen Regierung“. Zum anderen betont er die Rolle der Europäischen Union, die bislang eine ambivalente Position einnehme. Eine klare Unterstützung für die Protestbewegung könne aus seiner Sicht eine wichtige Signalwirkung entfalten.
Matthias Schellenberg:
Matthias war an der ARTE-Reportage “Aufstand gegen die Regierung in Serbien” beteiligt. Dafür reiste er nach Serbien.
Proteste in Serbien
Matthias beschreibt die Proteste vor allem als breite gesellschaftliche Bewegung, die weit über die Studierenden hinausgeht. Besonders beeindruckt hat ihn die Solidarität verschiedener Gruppen: “…dass die Bauern quasi ihre Traktoren vor die Unis gestellt haben, damit die nicht gestürmt werden können“ und “… zehn Kilometer langen Stau von Taxis, die in diese Stadt gefahren sind, um die Studenten abzuholen“. Für ihn war das ein starkes Gegenbild zu der in Deutschland viel diskutierten “Spaltung der Gesellschaft“. In Serbien habe er vielmehr erlebt, wie unterschiedliche Schichten zusammenkommen, um die Studierenden zu unterstützen.
Medienformate
Bei der Berichterstattung betont Matthias die große Rolle von Social Media. Viele Informationen habe er zunächst über Freund*innen und deren Instagram-Stories erhalten. Besonders hebt er die Professionalität der unterschiedlichen Fakultät-Instagram Accounts hervor, mit der Studierende ihre eigene Berichterstattung aufgebaut haben: “Die haben ihre Berichterstattung wirklich super professionell gemacht… mit eigenem Studio, Kameras, Interviews und dann gleich auf Social Media gestellt.” Für ihn wird Social Media dadurch zur Gegenöffentlichkeit, die die Proteste sichtbar macht, noch bevor etablierte Medien reagieren.
Nationale vs. internationale Medien
Beim Vergleich nationaler und internationaler Medien sieht er deutliche Unterschiede. Während in Serbien oppositionelle Kanäle wie N1 ausführlich berichten, kritisiert er, dass die deutsche Presse erst Monate später reagiert habe: “…die ersten Berichterstattungen, die es dann gab, die waren dann vielleicht so Ende Februar, Anfang März. In der deutschen Presse hat es zu lange gedauert.” Für ihn liegt das daran, dass Serbien für deutsche Medien weniger Relevanz hat und Themen wie Ukraine oder Israel/Palästina Vorrang bekommen. Für die serbischen Studierenden bedeutet internationale Aufmerksamkeit viel, da sie sich “gewundert haben, dass es so wenig Berichterstattung gibt“ und sich umso mehr freuten, wenn Teams wie Matthias mit ARTE vor Ort waren.
Matthias geht nicht von direkter Manipulation internationaler Medien aus: “Ich glaube jetzt nicht, dass das irgendjemand manipuliert […]. Vielleicht passiert es dann von alleine, weil manche Sachen sich einfach gut verkaufen, manche nicht so gut.“ Medien berichten dort, wo Aufmerksamkeit garantiert ist. Friedliche und “positive Geschichten“ wie die Studierendenproteste lassen sich seiner Meinung nach schlechter verkaufen. Dadurch würden kleinere, aber gesellschaftlich relevante Bewegungen wie die serbischen Proteste untergehen. Obwohl sie Matthias zufolge sehr lehrreich für die internationale Öffentlichkeit sein könnten.
Außerdem äußert sich Matthias auch über die geopolitischen Interessen. Anscheinend habe Vučić Deals mit allen großen internationalen Playern abgeschlossen, die sich deshalb aus Eigeninteresse nun nicht gegen ihn stellen werden. Innerhalb der EU bringt er dies mit dem Lithiumdeal in Verbindung: “…dass sie zu wenig Unterstützung von außen bekommen durch eben diesen Lithiumdeal mit der EU“. Für ihn stehen die Studierenden dadurch trotz breitem Rückhalt innerhalb der serbischen Gesellschaft “auf verlorenem Posten“.
Zukunft des Journalismus
Abschließend fordert Matthias im Journalismus mehr Raum für positive Geschichten und Protestbewegungen, die nicht durch Gewalt oder Krieg geprägt sind. Gleichzeitig solle der internationale Journalismus geopolitische Zusammenhänge stärker einbeziehen.
Ivan:
Ivan wurde in Belgrad geboren und arbeitet als Psychologe. Seit 2009 lebt er in Berlin.
Vertrauen in Medien
Ivan zeichnet ein sehr kritisches Bild der serbischen Medien. Er sagt klar: “Die Medien sind schrecklich. Es gibt so viele Lügen. Sie unterstützen die Regierung, obwohl sie nicht dem Staat gehören. Sie tun es aus eigenem privatem Vorteil”. Damit zeigt er, dass Medien auch ohne direktes Staatseigentum eng mit den Mächtigen verflochten sind. Als glaubwürdig nennt er N1, die Zeitung Danas und das Magazin Vreme. Auch Satireformate, die Politik kritisch aufbereiten, spielen für ihn eine wichtige Rolle. Allerdings betont er, dass selbst N1 nicht völlig objektiv sei.
Die regierungsnahen Medien stellen die Studierenden laut Ivan als “Spione“ dar: “Sie präsentieren die Studenten als Leute, die verzweifelt Macht wollen […]. Sie sagen, sie seien vom Ausland finanziert, also im Grunde Spione, die bezahlt werden, um das Land zu zerstören“. Er bezeichnet dies als „total twist of the whole story“. Oppositionelle Medien wie N1 berichten positiver, verschweigen aber manchmal auch problematische Aspekte auf Seiten der Protestierenden. Objektivität ist daher für ihn auf keiner Seite vollständig gewährleistet.
Nationale vs. internationale Medien
Ivan kritisiert zudem die geringe Aufmerksamkeit internationaler Medien. Erst bei Großdemonstrationen mit über 150.000 Teilnehmenden sei berichtet worden: “Für viele Monate hat niemand darüber gesprochen“. Ivan äußert Enttäuschung über die geringe internationale Aufmerksamkeit, sieht darin aber weniger Manipulation als mangelndes Interesse: “Es gibt keine Lügen, sie sind nur nicht interessiert“. Für ihn erklärt sich dieses Schweigen allerdings nicht nur aus der Logik westlicher Nachrichten, die “lieber über Kriege und Kinder, die verhungern“ berichten, sondern auch aus ökonomischen Interessen Europas. Besonders verweist er auf den geplanten Lithiumabbau in Serbien, der für die EU von zentraler Bedeutung sei: “Europa ist glücklich über das, was Vučić tut […]. Sie wollen nichts ändern in Serbien, weil sie froh sind, dass Vučić ihnen gibt, was sie wollen.“
Medienformate
Für Ivan spielt die Unterscheidung zwischen klassischen Medien und Social Media eine zentrale Rolle. Fernsehen wirke dabei vor allem bei älteren Menschen, die anfällig für Propaganda seien, durch Wiederholung einfacher Botschaften: “Der Vater meiner Frau ist über 80. […] Auf jedem Kanal wird dieselbe Geschichte wiederholt, und das prägt sich in sein Gehirn ein.” Jüngere Generationen dagegen informierten sich fast ausschließlich über Social Media, insbesondere Instagram. Für die Proteste sei dies entscheidend. Neben studentischen Accounts nennt er auch WhatsApp-Gruppen, über die Proteste in Serbien und der Diaspora organisiert würden. Social Media bildet für ihn somit die zentrale Gegenöffentlichkeit, die staatlich dominierte Narrative durchbricht.
Zukunft des Journalismus
Zusammenfassend beschreibt Ivan eine unzureichende Medienlandschaft: staatstreue Sender produzieren Lügen und Propaganda, oppositionelle Medien übertreiben oder verschweigen gelegentlich kritische Punkte. Internationale Medien berichten, wenn überhaupt, nur verspätet. Verbesserungsbedarf sieht er vor allem in einer stärkeren internationalen Berichterstattung, die auch geopolitische Interessen wie Lithiumabbau oder prekäre Arbeitsverhältnisse in ausländischen Fabriken in Serbien berücksichtigt.
Anđela Andrijević:
Anđela Andrijević studierte Journalismus im Bachelor und Kommunikationswissenschaft im Master. Seit elf Jahren lebt sie in Novi Sad und arbeitet unter anderem als Journalistin für das Portal Omladinske novine.
Medienlandschaft/Vertrauen in Medien
Anđela betont, dass lediglich ein kleiner Teil der serbischen Medien die notwendige journalistische Sorgfalt tatsächlich einhält. Zwar bemühen sich einige Redaktionen, täglich neue Inhalte zu produzieren und dabei gewissenhaft vorzugehen. Demgegenüber stehe jedoch ein erheblicher Teil der Medien, der auf sensationelle und unethische Berichterstattung setze. Ihrer Meinung nach verstoßen Boulevard- und regierungsnahe Medien gegen die festgelegten journalistischen Leitlinien in Serbien. Diese Grundsätze schreiben eigentlich vor, dass Journalist*innen objektiv und wahrheitsgemäß über Themen von öffentlichem Interesse berichten sollen.
Sie betont, dass RTS, ein serbischer öffentlich-rechtlicher Sender, grundlegende journalistische Standards verloren habe und außerhalb eines ethischen Rahmens agiere.
Besonders die Studierendenproteste fänden in der Berichterstattung kaum Beachtung. PINK bezeichnet sie ausdrücklich nicht als Journalismus: “In both cases, selective reporting and promotion of narratives that suit the interests of the ruling elite is clearly present, while the real picture from the ground is deliberately ignored.” Sie verweist zudem auf den serbischen Pressekodex („Kodeks novinara“), der Sorgfaltspflicht und Verantwortung festschreibt, macht jedoch deutlich, dass sich nur ein kleiner Teil der Journalist*innen daran hält.
Wie bereits erwähnt, hebt Anđela in ihrer schriftlichen Antwort hervor, dass sich nur ein kleiner Teil der serbischen Medien an die journalistische Sorgfaltspflicht hält. Vor allem Boulevard- und regierungsnahe Medien verstoßen gegen zentrale journalistische Leitlinien.
Dies knüpft an das von Herman und Chomsky entwickelte Propaganda-Modell an, das zu Beginn dieser Arbeit vorgestellt wurde. Darin wird betont, dass Nachrichten je nach Nutzen für zentrale Machtinteressen systematisch und politisch gefärbt dargestellt werden. Auch in Anđelas Aussagen zeigt sich, dass regierungsnahe Medien überwiegend im Sinne der Regierung berichten.
Medienformate
Sie bezeichnet Social Media-Accounts als ihre wichtigste Informationsquelle und verweist dabei besonders auf den studentischen Account Blokada info, der neben Berichterstattung von vor Ort auch relevante Analysen bietet. Insgesamt zeigt sich, dass soziale Medien nicht nur als Ergänzung zur linearen Berichterstattung dienen, sondern aktiv als eigenständige Quelle unabhängiger Informationen genutzt werden.
Nationale vs. internationale Medien
Sie hebt hervor, dass internationale Medien zeitnah, gründlich sowie auf Wahrheit und Objektivität ausgerichtet berichten und damit einen deutlichen Kontrast zur inländischen Berichterstattung darstellen. Diese sei ihrer Ansicht nach häufig verzerrt, während internationale Medien durch besondere Sorgfalt auffallen. Als Beispiele für professionellen Journalismus nennt sie BBC, Deutsche Welle und Al Jazeera. Besonders betont sie die Berichterstattung von BBC in den sozialen Medien. Diese Medien zeichnen sich ihrer Meinung nach durch einen innovativen und modernen Ansatz in der Berichterstattung aus.
Zukunft des Journalismus
Anđela betont, dass Journalist*innen verpflichtet sind, die Würde, Privatsphäre und Integrität der Menschen zu respektieren und Manipulation, Lügen sowie Parteilichkeit entschieden entgegenzuwirken. Sie macht deutlich, dass nur verantwortungsvoller Journalismus einen positiven Beitrag zur Gesellschaft leisten kann.
Goran Torlo:
Goran ist in Belgrad geboren und in Novi Sad aufgewachsen. Jetzt lebt und studiert er in Deutschland und hat letztes Jahr eine Organisation gegründet, um junge Menschen für Politik zu begeistern.
Medienformate
Goran betont, dass Universitäten und Fakultäten jeweils eigene Instagram-Accounts betreiben, über die sie über Geschehnisse wie Proteste oder Verhaftungen informieren.
Die Finanzierung der Accounts erfolgt ausschließlich über Spenden. Für Goran und seine Freund*innen ist Instagram die wichtigste Informationsquelle, vor allem unter jüngeren Menschen, während ältere eher weniger darauf zurückgreifen. Für sie gibt es kaum weitere Möglichkeiten, an andere Informationen zu gelangen.
Seine Freund*innen beziehen ihre Informationen jedoch ebenfalls direkt von vor Ort, da sie selbst Teil der Studierendenbewegung sind und die Ereignisse teilweise persönlich erfahren oder sogar verhaftet werden.
Nationale vs. internationale Medien
Goran erklärt im Interview, dass zu Beginn der Proteste kaum ein deutsches Medium darüber berichtete; er spricht von einer “totalen Stille”. Mit zunehmender Intensität der Proteste nahm die Berichterstattung in Deutschland zwar zu, blieb jedoch sehr nüchtern. Mittlerweile nimmt er wahr, dass internationale Medien generell über die Situation und die Proteste berichten, was ihm Hoffnung gibt. In der deutschen Berichterstattung könnten laut Goran jedoch bestimmte Narrative stecken. Unter anderem spricht er vom Abkommen mit dem Lithiumabbau, was Deutschland unterstützt.
Joschka Hoffmann:
Joschka lebt in Berlin und studiert Osteuropastudien. Er hat unter anderem in Kosovo, Bosnien und Serbien gelebt. Er kennt sich dort gut mit der politischen Lage aus und ist viel mit Menschen von vor Ort in Kontakt.
Medienlandschaft/Vertrauen in Medien
Im Interview erklärt Joschka, dass in den serbischen Staatsmedien die Proteste entweder kaum erwähnt oder gezielt negativ dargestellt werden, etwa als antiserbisch oder antidemokratisch. Das Regime um Präsident Vučić wird dagegen als demokratisch inszeniert. Zudem dominieren Berichte über Vučić das Programm, während die Studierendenproteste nur sehr kurz behandelt werden, sodass die Bevölkerung mehr über ihn als über die Opposition erfährt.
Er betont, dass die serbische Regierung fast alle großen Medien kontrolliert und diese als Propagandainstrument nutzt. Unabhängige Informationen stammen meist nur aus dem Ausland (wie zum Beispiel CNN). Er erklärt, dass viele Menschen die Medieninhalte unkritisch übernehmen. Fernsehen und andere Kanäle werden dabei als verlässliche Quelle wahrgenommen, ohne sie zu hinterfragen. Diese Haltung führt seiner Meinung nach zu einem “blinden Vertrauen“, bei dem alles, was gesendet wird, automatisch als richtig gilt. Damit wird deutlich, wie stark Medienkonsum zur Meinungsbildung beiträgt und wie leicht er – besonders in staatlich kontrollierten Strukturen – zu einem Instrument der Beeinflussung werden kann.
Medienformate
Joschka informiert sich über unabhängige Medien, teils über soziale Netzwerke, teils über Freund*innen vor Ort, die ihre Erlebnisse teilen. Diese berichten auch über verschiedene Kanäle und veröffentlichen Beiträge, die ein differenziertes Bild der Situation vermitteln. Wenn er selbst vor Ort ist, verschafft er sich zusätzlich einen persönlichen Eindruck und erfährt direkt von den Menschen vor Ort, was geschieht.
Er betont die studentischen Medien, die unabhängig arbeiten und sich ausschließlich über Spenden finanzieren. Joschka geht davon aus, dass jüngere Menschen überwiegend Fernsehen meiden, während ältere oder weniger gebildete Bevölkerungsgruppen eher Staatsmedien konsumieren.
Nationale vs. internationale Medien
Joschka kritisiert, dass die Berichterstattung über die Studierendenproteste in Deutschland schnell verschwindet. Meist wird nur kurzzeitig über Serbien berichtet und nur in wenigen Artikeln. Er vermutet, dass die Chefredaktionen wenig Interesse zeigen. Spezialisierte internationale Stiftungen oder Medien, die Serbien besonders im Blick haben, gibt es kaum. Daher komme die wesentliche Berichterstattung hauptsächlich von großen Medien wie Tagesschau, SZ oder ZEIT, oft aus persönlichem Interesse einzelner Journalist*innen.
Wichtig wäre mehr Weitsicht, etwa durch Follow-Up-Artikel oder langfristige Berichterstattung, sowie Vernetzung zwischen Medien, um Austausch und Zusammenarbeit auf europäischer Ebene zu fördern.
Die westliche Berichterstattung berichtet über Serbien seiner Meinung nach meist sehr spät, unvollständig und ist mittlerweile kaum noch vorhanden. Proteste werden selten umfassend dargestellt, obwohl es dort fast jedes Jahr neue Protestwellen aus unterschiedlichen Gründen gibt.
Er vermutet zwei Gründe für die geringe Berichterstattung über Serbien: Einerseits die Medienlogik, sich auf Themen mit mehr Aufmerksamkeit und Klicks wie Ukraine, USA oder Migration zu konzentrieren. Andererseits möglicherweise ein antislawisches Desinteresse an Ereignissen im Osten Europas, während ähnliche Proteste in westeuropäischen Ländern wie Frankreich deutlich mehr Aufmerksamkeit erhielten, obwohl Serbien geografisch nicht viel weiter entfernt ist.
Zukunft des Journalismus
Joschka betont, dass deutsche Medien bei Protestberichten oft gut arbeiten, insbesondere durch Interviews vor Ort. Wichtig sei aber, auch die Meinungen der Gesellschaft zu Themen wie Lithiumabbau zu berücksichtigen und die Perspektiven angrenzender Länder wie Bosnien oder Kosovo einzubeziehen.
Marko Gomboš:
Marko kommt aus Stepanovićevo, einer Stadt in der Nähe von Novi Sad. Er ist Student und Teil der Studierendenbewegungen. Am Tag, als das Bahnhofsvordach eingestürzt ist, war er zufällig vor Ort, nur ein paar Minuten, nachdem das Dach eingestürzt ist.
Medienlandschaft/Vertrauen in Medien
Marko macht deutlich, dass die Proteste in der serbischen Berichterstattung manipulativ dargestellt werden. Der Präsident hat erheblichen Einfluss auf die Medien: Entweder werden die Proteste gar nicht erwähnt oder so verkleinert dargestellt, dass sie unbedeutend wirken: “As I mentioned, Vučić has built a tentacle-like control over every part of society, including the media. All national TV stations are under his control: RTS (our national broadcaster, now a disgrace), Pink, B92, Prva, Informer… Student actions are either not covered at all or distorted. For example, when large student protests happen, those channels either don’t report on them or show outdated footage with small crowds.”
Er beschreibt, dass Serbien objektive Medien braucht, die nicht von der Politik kontrolliert werden. Das wirkt auf ihn jedoch auswirkslos: “But even the agency that regulates electronic media (REM) is occupied, so no one holds the media accountable for spreading lies.”
Medienformate
In seiner schriftlichen Antwort auf unsere Interviewfragen betont Marko, dass er vor allem TikTok und Instagram als Hauptinformationsquelle verwendet. Neben Social Media informiert er sich zudem über die Sender N1 und Nova S. Er erklärt “There aren’t many sources for people to get information from – mostly just social media, because those can’t be controlled.”
Marko betont einen großen Generationsunterschied: Vor allem ältere Menschen seien durch Manipulation im serbischen Fernsehen betroffen, da sie sich nicht über die sozialen Medien informieren.
5. Fazit
In Hinblick auf die Forschungsfrage wird deutlich, dass die serbische Medienlandschaft von allen Interviewpartner*innen als stark polarisiert beschrieben wird. Regierungsnahe Sender wie RTS und PINK stehen unter deutlichem Einfluss der Regierung, berichten selektiv und verbreiten propagandistische Narrative, während oppositionelle Medien wie N1, Danas oder Vreme eine kritische Gegenöffentlichkeit bilden. Dennoch sind auch diese nicht vollständig neutral: Sie neigen gelegentlich zu einseitiger Berichterstattung oder “Clickbaiting“.
Dies lässt sich im Sinne des von Herman und Chomsky zu Beginn der Arbeit erläuterten Propaganda-Modells einordnen. Demnach agieren regierungsnahe Medien wie RTS oder PINK im Interesse mächtiger Gruppen.
Laut Herman und Chomsky wird zwar formal ein Anspruch auf Objektivität und Unparteilichkeit aufrechterhalten, eine kritische Kontrolle dieser Gruppen findet jedoch nicht statt. Das Interview mit der serbischen Journalistin Anđela Andrijević verdeutlicht, dass es in der serbischen journalistischen Praxis noch drastischer ist: Sie weist darauf hin, dass lediglich ein sehr kleiner Teil der Medien nach grundlegenden journalistischen Standards arbeitet, während ein erheblicher Teil auf sensationelle und unethische Berichterstattung setzt. Ihrer Einschätzung nach verstoßen insbesondere regierungsnahe Medien wie RTS und PINK gegen die in Serbien geltenden journalistischen Leitlinien.
Ein weiterer Punkt ist die ökonomische Motivation vieler Journalist*innen, die teilweise unabhängig von politischer Überzeugung arbeiten, aber der Redaktion verpflichtet sind.
Social Media spielt für jüngere Generationen eine zentrale Rolle als Informationsquelle und Gegenöffentlichkeit. Plattformen wie Instagram oder TikTok ermöglichen direkte Berichterstattung von Protesten, oft über studentische Accounts, die professionell mit eigenen Studios, Kameras und Interviews arbeiten. Ältere Generationen konsumieren dagegen überwiegend regierungsnahe Fernsehsender, was zu einer Abkapselung von unabhängigen Informationen führt.
National berichten oppositionelle Medien ausführlich über Proteste, während regierungsnahe Sender verzerrt oder gar keine Berichte liefern. Internationale Medien zeigen ein verzögertes und selektives Interesse. Deutsche oder europäische Leitmedien wie Tagesschau, ZDF oder SZ berichten meist verspätet, während kleinere, aber gesellschaftlich relevante Bewegungen wie die serbischen Studierendenproteste wenig Beachtung finden. Internationale Berichterstattung wird von den Interviewpartner*innen als glaubwürdiger wahrgenommen, ist jedoch oft begrenzt durch geringe Relevanz, ökonomische Interessen (z. B. Lithiumabbau) oder geopolitische Zusammenhänge.
Die Proteste werden als breite gesellschaftliche Bewegung erlebt, unterstützt von verschiedenen sozialen Gruppen. Die mediale Darstellung innerhalb Serbiens ist stark polarisiert: Regierungsnahe Medien präsentieren die Studierenden als “Spione“ oder Landesverräter, während oppositionelle Medien positive Aspekte betonen. Social Media ermöglicht eine unmittelbare Sichtbarkeit und Organisation der Bewegung, was entscheidend für ihre Wahrnehmung ist.
Zentrale Herausforderungen sind mangelnde Unabhängigkeit der Medien und eingeschränkte internationale Aufmerksamkeit. Es besteht ein großer Bedarf an objektiver Berichterstattung, die sowohl nationale als auch internationale Zusammenhänge berücksichtigt. Einige Interviewpartner*innen betonen die Rolle der EU, deren offene Unterstützung eine positive Signalwirkung entfalten könnte. Verantwortlicher Journalismus soll Manipulation, Lügen und Sensationsberichte vermeiden und sich an ethische Leitlinien halten, um einen konstruktiven Beitrag zur Gesellschaft zu leisten.
Abschließend lässt sich feststellen, dass die serbische Medienlandschaft von politischer Einflussnahme und Polarisierung geprägt ist. Social Media fungiert als zentrale Gegenöffentlichkeit vor allem für jüngere Generationen, während internationale Medien eine ergänzende, jedoch oft verspätete Rolle spielen. Der Journalismus steht vor der Aufgabe, Unabhängigkeit, Objektivität und ethische Standards zu stärken, um gesellschaftlich relevante Bewegungen sichtbar und nachvollziehbar zu machen.
Während der Durchführung unserer Forschungsarbeit sind uns folgende Aspekte aufgefallen, die wir in Zukunft anders machen würden: Im Nachhinein wäre es besser gewesen, alle Interviews entweder remote oder persönlich durchzuführen. Bei den schriftlichen Interviews zeigt sich, dass einige Themen nur oberflächlich behandelt wurden, ohne dass tiefergehende Nachfragen gestellt wurden. Es wäre sinnvoll gewesen, gezielt auf bestimmte Punkte einzugehen und nachzuhaken. Unter den gegebenen Umständen – unter anderem knapper Zeit und Sprachbarrieren – haben wir uns dennoch für diesen Ansatz entschieden.
Zudem wird deutlich, dass wir gelegentlich den Fokus unserer Studie aus den Augen verloren haben. Einige Einstiegsfragen in den Interviews hätten deutlich kürzer gefasst oder ganz ausgelassen werden können, insbesondere solche zum politischen Geschehen. Zwar ist es interessant, die Perspektiven von Personen zu hören, die nah am Geschehen sind, jedoch liegt der Schwerpunkt unserer Forschung eigentlich auf der Medienberichterstattung. Der Fokus hätte stärker darauf gerichtet werden sollen, wie die Interviewpartner*innen die Berichterstattung wahrnehmen.
Zukünftige Studien zur Berichterstattung über die Proteste in Serbien könnten den Fokus stärker auf die Analyse der Berichterstattung selbst legen. Mittels qualitativer Inhaltsanalysen ließe sich beispielsweise vergleichen, wie Social Media-Beiträge im Verhältnis zu Fernsehbeiträgen die Proteste darstellen. Dabei könnte einerseits die mediale Kommunikation der Studierendenbewegungen und andererseits die Berichterstattung regierungsnaher Fernsehsender untersucht werden. Diese Analyse würde noch tiefere Einblicke in die medialen Darstellungsweisen der Proteste ermöglichen. Da die vorliegende Untersuchung jedoch primär die Wahrnehmung der Berichterstattung in den Blick genommen hat, wurde dieser Aspekt nur am Rande berücksichtigt.